Geistliche Hungersnot in schwerer Zeit (1/2)

Gemeinde oder Distanzgemeinschaft?

© Friedemann Wunderlich

Siehe, Tage kommen, spricht der Herr, HERR, da werde ich einen Hunger in das Land senden, nicht einen Hunger nach Brot und nicht einen Durst nach Wasser, sondern die Worte des HERRN zu hören.
Und sie werden umherschweifen von Meer zu Meer und vom Norden bis zum Osten; sie werden umherlaufen, um das Wort des HERRN zu suchen, und werden es nicht finden.  (Amos 8:11-12)

Friedemann Wunderlich (MSOE)

in meiner Hand halte ich das Neue Testament, durch das Gott, der HERR, meinen Vater Adolf Wunderlich (1911-1998) über viele Jahre im Krieg und in der Gefangenschaft geistlich versorgt hat.
Weil er sich 1945 auf der Antifaschistischen Schule in Moskau zu Jesus Christus bekannte und seinen Herrn nicht verleugnete, wurde er in ein Straf- und Todeslager nach Sibirien geschickt. Durch viele Wunder bewahrte der HERR ihm dieses Testament durch alle Kontrollen hindurch.
Es gab Zeiten, in denen die Gefangenen trotz körperlich schwerster Arbeit tagelang nichts zu essen bekamen. Bei den Bewachern konnte man Papier – woraus diese sich dann Zigaretten drehten – gegen Brot eintauschen. Kein Blatt seines Neuen Testamentes hat mein Vater weggegeben, selbst als er vor Hunger nicht mehr wusste, wie sein Name war.

Das Wort Gottes gab meinem Vater und vielen anderen Gefangenen immer wieder Kraft und Trost. Wann immer es möglich war, trafen sie sich unter diesem Wort und erlebten die Gegenwart Gottes.
Viele haben Gottes Wort gesucht und Trost gefunden. Wenn ich dieses zerlesene Buch in meiner Hand halte, bin ich dem HERRN dankbar für das Vorbild, das ich durch meinen Vater und seine Haltung in meinem eigenen Glauben erleben durfte. Durch sein uneingeschränktes Vertrauen in die Bibel und die Bedeutung der Gemeinschaft der Christen unter dem Wort Gottes, durfte mein Vater für viele ein motivierendes Zeugnis sein.

Wenn Gott schweigt

Es ist eine der schlimmsten Ankündigungen Gottes gegenüber seinem Volk: „Ihr werdet mich suchen und nicht mehr finden!“ Was ist passiert, dass Menschen Gottes Stimme hören wollen und nur noch das Schweigen Gottes erleben? Wie kann es dazu kommen, dass Kirchen und Gemeinden großartige Gottesdienste feiern und Jesus Christus nicht mehr anwesend ist? Es scheint so, als ob in unserer Zeit viele Christen geistlich hungern.

Wie empfangen wir Gottes Wort?

Zu allen Zeiten geht es um die Frage: „Was ist das Wort Gottes?“ und „Wie kann das Volk Gottes das Wort Gottes empfangen?“ Das Buch Amos zeigt uns eindrücklich, dass wir mit Gott und seinem Wort nicht spielen sollten. Wir sollten Gottes Geduld nicht durch unser Verhalten überstrapazieren und ihn dadurch versuchen.

Die Botschaft des Propheten Amos im 8. Jahrhundert vor Christus ist hochaktuell für unsere Zeit. Amos war ein Hirte und ein Züchter von Feigenbäumen. Er wurde in einer Zeit des Wohlstandes und Friedens von Gott berufen, dem Volk Gottes das Wort Gottes zu bringen. Käme Amos heute nach Westeuropa, würde er sich bei uns gut zurechtfinden, weil sich die Herzen der Menschen nicht geändert haben. Die Menschen im Volk Gottes leben sorglos und genießen den immer größer werdenden Wohlstand. Das hat Christen in der Welt geistlich selten gutgetan. Der Individualismus, die Suche nach dem persönlichen Glück und das genussvolle Leben sind dabei eng verbunden mit dem religiösen Leben. Der Glaube steht nicht im Mittelpunkt, aber er ist so präsent, dass er jeden im Volk Gottes beruhigt.

Amos hält dem Volk Gottes den Spiegel des Wortes Gottes vor. Ist Gott mit ihnen und mit uns zufrieden? Was denkt Gott, der HERR, über unser Leben, die vergangenen Monate in unseren Gemeinden, in der Mission und in unserem persönlichen Glauben? Viel zu oft leben wir ohne Gottesfurcht und ohne Sündenerkenntnis und -bekenntnis.

„Hört dieses Wort!“

Dreimal erinnert Gott sein Volk, dass er nicht ein Teil ihres Programms und Redens ist (Amos 3,1;4,1;5,1). Christsein ist kein Programm, an dem wir teilnehmen. Gott, der HERR, ist kein Redner, den wir an- und ausschalten können. Gott ist der HERR! Er redet, wann und wo er reden will. Er schweigt, wann und wo er schweigen will. Gott plappert nicht. Er redet nicht, wenn wir ihn hören wollen. Er kommt nicht, wenn wir ihn bei uns haben wollen. Und er geht auch nicht nach Hause, wenn unser Programm vorbei ist.

Dieser dramatische Zusammenhang wird deutlich in der Krise, in die Gott sein Volk hineinführt. Eines Tages spüren sie ihren Mangel, sie schwanken umher. Sie sind auf der Suche nach Gottes Reden, aber Gott schweigt.

Keine technische Frage

Äußerlich betrachtet gab es Gottesdienste. Die Thora lag in Reichweite. In den Händen der Anbetungsleiter lagen die Psalmen. Woher kam der ungestillte Hunger? Die Bibel im Regal und unser Programm in den Gemeinden nützen uns nichts, wenn Gott schweigt. Gottes Reden und Wirken haben einen vorgegebenen Ort und eine bestimmte Zeit. Gottes Wort muss von uns aufgenommen werden, damit es wirksam sein kann.

Es gab und gibt in diesen Monaten viele Diskussionen, wie Christen sich technisch noch besser vernetzen können und das Internet scheint zum wichtigsten Instrument der Gemeinden geworden zu sein. Es gibt immer mehr Christen, die stolz sind, dass sie durch die Technik digitale Gemeinden eingerichtet haben. Aber es war noch nie eine Frage der Technik, ob wir Menschen Kontakt mit Gott, dem HERRN, bekommen können oder nicht. Die Hoffnungen sind groß, die Enttäuschungen in den Herzen vieler Gläubigen noch größer.

Mich überzeugen bis heute die Argumente für digitale Gemeinden nicht. Ich weiß um die Verheißung in Gottes Wort, dass Gott zu uns reden will, wenn wir uns in seinem Namen demütig und gottesfürchtig unter seinem Wort versammeln. Gott hat zwei Orte geschaffen, an denen er gegenwärtig und wirksam sein will: die Versammlung seiner Gemeinde an einem lokalen Ort und das Zusammenkommen seiner Gemeinde beim Abendmahl. Weil es diese klaren Anweisungen des physischen Zusammenkommens gibt, haben sich Christen zu allen Zeiten diese Gemeinschaft nicht verbieten lassen. Kein Krieg, keine Pest und keine Verfolgung konnten das Zusammenkommen der Gemeinde verhindern.

„Distanzgemeinschaft“

[. . . der Abschluß des Artikels folgt morgen –  Siehe HIER]


© Friedemann Wunderlich, Missionsleiter der Mission für Süd Ost Europa (MSOE)
erstmals veröffentlicht in  „Gottes Wort den Völkern“, März-April 2021

 

Über Jesaja 66:2

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