Vorübergehend geschlossen? (1.Teil)

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Ein aktuelles aber auch heikles Thema im gegenwärtigen, teilweise schon als „neue Normalität“ bezeichneten Corona-Ausnahmezustand ist die Einschränkung des Gemeindelebens. Da gibt es viele unterschiedliche und leider nicht selten zu Konflikten führende Haltungen.

Friedemann Wunderlich, Missionsleiter der MSOE (Mission für Süd-Ost-Europa) hatte unlängst dieses Thema mit Blick auf die bisherige Missionsarbeit der MSOE, ebenso aber mit Blick auf Auftrag und Verantwortung der Gläubigen und der Gemeinde Jesu Christi betrachtet.  Heute und morgen können uns seine Ausführungen helfen, mit unseren eigenen Gedanken dazu vor den Herrn zu kommen.

Helmut Mehringer


„Diese gegenwärtige Zeit ist nur ein Testlauf für andere Zeiten, die auf uns zukommen werden.“

Friedemann Wunderlich*

Jesus Christus hat seinen ersten Nachfolgern unmissverständlich gesagt: „Aber ihr werdet Kraft empfangen, wenn der Heilige Geist auf euch gekommen ist; und ihr werdet meine Zeugen sein, sowohl in Jerusalem als auch in ganz Judäa und Samaria und bis an das Ende der Erde.“ (Apostelgeschichte 1,8)

Das ist ein eindeutiger Befehl und eine großartige Verheißung. Bereits am Osterabend befiehlt Jesus seinen furchtsamen Nachfolgern: „Wie der Vater mich ausgesandt hat, sende ich auch euch!“ (Johannes 20,21). Gott, der HERR, ist der Sendende. Jesus Christus kam als der Gesandte des Himmels, er sendet die Apostel, die selbst wieder andere Nachfolger Jesu der nächsten Generation beauftragen sollen zu gehen und das Evangelium von Jesus in aller Welt zu verkündigen (2. Timotheus 2,2). Es ist Gottes Plan, dass Christen persönlich als Zeugen und Gesandte Jesu in alle Welt gehen und das Evangelium leben und lehren, bis Jesus Christus wiederkommt.

Allein Gott, der HERR, bestimmt über Anfang und Ende der Sendung (lat. Mission). Keine Macht der Welt, keine Regierung, kein Mensch und keine Gemeinde haben das Recht, die Sendung der Christen einzuschränken oder zu verbieten. Wir sind wahrscheinlich die erste Generation Christen in der zweitausendjährigen Geschichte der Christenheit, die praktisch weltumspannend diese Sendung des HERRN einschränkt oder ganz eingestellt hat, so wie wir es seit einigen Monaten tun.

1. „Vorübergehend geschlossen“ in der ersten Generation

Als der Heilige Geist in die Gemeinde kommt, führt er die Christen zum Zeugnis. Und bereits in den ersten Tagen ihrer Mission beginnt der Widerstand. Ihnen wird verboten, öffentlich von Jesus zu reden.

Und sie geboten ihnen, überhaupt nicht mehr in dem Namen Jesus zu reden noch zu lehren. Aber Petrus und Johannes antworteten ihnen und sprachen: Entscheidet ihr selbst, ob es vor Gott recht ist, euch mehr zu gehorchen als Gott! Denn es ist uns unmöglich, nicht von dem zu reden, was wir gesehen und gehört haben!“ (aus Apg 4,18-20).

Als die beiden Missionare zurückkommen, tritt die Gemeinde gemeinsam vor den HERRN und betet eindrücklich:

Und nun, Herr, sieh an ihre Drohungen und gib deinen Sklaven, dein Wort mit aller Freimütigkeit zu reden!“ (Apg 4,29).

Jesus hat sie gesandt und sie reden, weil sie sich als Sklaven Jesu nicht eigenmächtig seinen Befehlen entziehen können. Die Gemeinde wächst, obwohl der öffentliche Druck gegen sie immer mehr zunimmt. Die Apostel werden gefangen genommen, bedroht, eingeschüchtert und aufgefordert, ihre Mission zu beenden:

Haben wir euch nicht streng verboten, in diesem Namen zu lehren? Aber Petrus und die Apostel antworteten und sprachen: Man muss Gott mehr gehorchen als den Menschen!“ (aus Apg 5,28-29).

Gott, der HERR, stellt sich zu diesem Weg des zivilen Ungehorsams (Apg 6,7). Kurze Zeit später bricht eine Verfolgung über die junge Gemeinde herein. Einer der Leiter wird wegen seines Zeugnisses gesteinigt – und die Mission weitet sich aus (Apg 8,3.4). Keine Spur von einer Unterbrechung der Mission; keine Abhängigkeit der Gemeindemitglieder von den Aposteln. Der Heilige Geist überwindet alle Zweifel, Diskussionen und Bedenken. Er handelt in der Verkündigung und die Gemeinde wächst. Ja, der größte Verfolger der Christen wird durch Gottes Gnade zu einem unermüdlichen und unerschrockenen Gesandten Jesu (Apg 9ff.). Einige Jahre später schreibt Paulus über seine Mission:

Wenn ich das Evangelium verkündige, so habe ich keinen Ruhm, denn ein Zwang liegt auf mir. Denn wehe mir, wenn ich das Evangelium nicht verkündigte!“ (1. Kor 9,16).

Die Sendung der Christen in die Welt geht von Gott, dem HERRN, selbst aus.

Nur er allein kann seine Diener berufen und abberufen. Nachfolger des Herrn Jesus können ihren Zeugendienst nicht eigenmächtig unterbrechen oder aufgeben.

Zu allen Zeiten hat Gott, der HERR, seine Boten zur Verantwortung gezogen, wenn sie seinen Auftrag nicht treu ausgeführt haben (siehe Hesekiel 3,17-19 und Jesaja 56,10-12).

2. „Vorübergehend geschlossen“ in der Arbeit der MSOE

Was ist mit uns heutigen Christen passiert? Wenn ich auf unsere 117-jährige Geschichte in der MSOE schaue, bin ich traurig über unsere heutige Lauheit und Lässigkeit im Umgang mit dem Wort Gottes.

Wie schnell sind wir heute bereit, die aktive Missionsarbeit zu unterbrechen! Die Gründung der MSOE am 01.10.1903 holte Christen aus ihrem frommen Schlaf an sicheren Orten heraus. Die Christen sehnten sich nach einer tieferen Beziehung zu Jesus und besonderen geistlichen Erfahrungen mit dem Heiligen Geist. Aber Jesus Christus wollte, dass sie bereit waren, Weltmission zu betreiben. Gott, der Vater, und der Sohn haben uns den Heiligen Geist nicht gesandt, damit wir jetzt schon am Thron Gottes stehen, sondern er treibt uns Christen hinein in unsere kaputte Welt.

Mitten hinein in die Aufbrüche und in die Sendung zu den mit dem Evangelium unerreichten Völkern brach 1914 der grausame Erste Weltkrieg aus und zerstörte viele geplante Missionsprojekte. Aber mitten im Krieg und im Leiden ging die Mission weiter. Die größten Erweckungen brachen in Gefangenenlagern aus! 1918-1922 brach der Russische Bürgerkrieg los mit mehr als acht Millionen zivilen Toten. Unsere Missionare in Russland erlebten fürchterliches Leiden. Aber niemand unterbrach die Missionsarbeit! Die Christen flüchteten nicht in sicheres Gebiet. Einige unserer Missionare verloren ihre Kinder, ihren Ehepartner und letztlich ihr eigenes Leben. Aber bis zuletzt verkündigten sie das Evangelium von Jesus. In Deutschland brachten die goldenen 1920er-Jahre viele Versuchungen für die Gemeinden, ihr Leben der Unterhaltung hinzugeben. Wohlstand hat Christen in der Geschichte nie gutgetan. In unserer Missionszeitschrift aus dieser Zeit finden sich Artikel, die das Ausleben der vielen Hobbys und die Vernachlässigung der Weltmission thematisierten. In der Zeit des Nationalsozialismus wurde die Missionsarbeit massiv bekämpft, aber die Mission hielt an dem Auftrag fest. Sie stellte sich gegen die Gesetze der Politik, wo diese dem Wort Gottes widersprachen. Im Missionshaus im Glatzer Bergland wurden verfolgte Juden aufgenommen und man widersetzte sich dem falschen Geist. Viele Missionare kamen in Bedrängnis, einige starben auch im KZ. Aber der Gehorsam gegenüber dem Wort Gottes stand fest! Auch der fürchterliche Zweite Weltkrieg konnte die Mission nicht stoppen; Verluste, Vertreibungen und Tod konnten die Verkündigung des Evangeliums nicht aufhalten. Mitten in schwierigsten Zeiten schenkte der HERR u.a. eine wunderbare Erweckung in der Westukraine.

Wie viele Krisen in der Welt gab es in den vergangenen Jahrzehnten, aber niemals wurde die Mission „vorübergehend“ eingestellt. Als 2016 in Russland ein Gesetz verabschiedet wurde, das Mission außerhalb der registrierten Gemeinderäume unter Strafe stellt, haben sich viele Gemeinden nicht daran gestört.

Wenn der Staat das so anordnet, dann kann man doch die Mission vorübergehend einstellen“,

so wurde von vielen argumentiert. Aber wir waren uns mit allen Mitarbeitern einig, dass der Dienst der Missionare durch die Kraft des Heiligen Geistes weitergehen muss, egal was es koste. Als einer unserer Missionare in Sibirien wegen der Weitergabe von Bibeln öffentlich vor Gericht zu einer Geldstrafe verurteilt wurde, ging er aus dem Gerichtsgebäude hinaus und begann direkt vor dem Gebäude den Menschen das Evangelium zu bezeugen. Ich will mir nicht vorstellen, welche Diskussionen es in unseren Gemeinden in einer solchen Situation gegeben hätte. Noch viele Beispiele könnten wir erzählen.

Und heute im Jahr 2020? Jetzt hat ein einziges Virus zu einer weltweiten Krise in der Mission geführt: „Vorübergehend geschlossen“.

Mich macht es mehr und mehr nachdenklich und unruhig. Was wird morgen auf uns zukommen?

Und was zeigt unser Verhalten über unseren Glauben?

[…Fortsetzung HIER!]


©  Friedemann Wunderlich, Mission für Süd-Ost-Europa (MSOE) e.V

Erstmals veröffentlicht im Newsletter „Gottes Wort den Völkern“ Juli-August 2020

Über Jesaja 66:2

Kelompok Kristen Berbahasa Jerman di Indonesia dan di tempat-tempat yang lain
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