Mein Herze geht in Sprüngen

Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud und Singen, sieht lauter Sonnenschein.

Klaus Güntzschel

 

 

„Was nun folgen sollte, war an Grausamkeit kaum zu überbieten. Die von der langen Belagerung ausgezehrten und abgestumpften Söldner zogen im Blutrausch durch die Straßen und plünderten alles was nicht Niet und Nagelfest war. Das Vorgehen der durch den Erfolg angeheizten Soldaten war so unbeschreiblich brutal, dass selbst innerhalb der kaiserlichen Armee zahlreiche Leute darüber entsetzt waren. Frauen und Mädchen wurden vergewaltigt, Säuglinge aufgespießt durch die Stadt getragen, die von Leichen übersäten Straßen färbten sich rot – Die Einzelheiten dieses Tages sind auch heute keine leichte Kost.“(zitiert von HIER)

Soweit ein Ausschnitt der Beschreibung der sogenannten Magdeburger Hochzeit am 20. Mai 1631. Sie war eine der vielen traurigen Höhepunkte des Dreißigjährigen Krieges und dezimierte die Bevölkerungszahl von Magdeburg in diesen Tagen von 35.000 auf 450 Menschen.

Unvorstellbare Grausamkeiten begleitet von dem Elend und der Not, die durch Seuchen und Pest versursacht wurde. In dieser Zeit entstanden Zeilen wie die folgenden, die zum Tenor das ganzen Krieges wurden:

Wir sind doch nunmehr ganz, ja mehr denn ganz verheeret!
Der frechen Völker Schar, die rasende Posaun
Das vom Blut fette Schwert, die donnernde Kartaun,
Hat aller Schweiß und Fleiß und Vorrat aufgezehret.

Nur oder gerade vor diesem schwarzen Hintergrund ist das Wirken eines Gottesmannes zu verstehen und zu würdigen, dessen Lieder wir heute in warmen Gemeindesälen und gemütlichen Wohnzimmern singen – Paul Gerhardt.

„Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein“ – war er schizophren, hatte er sich in einem Hilton-Hotel eingeschlossen oder war er in dieser Zeit auf einer 30-jährigen Hurtigruten-Kreuzfahrt? Nichts von alledem. Paul Gerhardt erlebte die Grauen dieses Krieges auf den verschiedenen Stationen seines Lebens hautnah. Und trotzdem schreibt er Lieder, die von einem Urvertrauen reden, und die über 400 Jahre das Herz treffen und die Seele wärmen.

Ein besonders kraftvolles Lied möchte ich uns durch diesen kurzen Beitrag in Erinnerung rufen. Es findet sich u.a. im Liederbuch Glaubenslieder unter der Nummer 231.

Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich;
So oft ich ruf` und bete, weicht alles hinter sich.
Hab` ich das Haupt zum Freunde und bin geliebt bei Gott,
was kann mir tun der Feinde und Widersacher Rott?

Gott war für Paul Gerhardt keine theoretische Größe, sondern Gott war sein Leben, sein Haupt, sein Freund. Er war nicht wirklichkeitsfremd sondern kannte sehr wohl Feinde und Widersacher. Aber sein Glaube setzte diese furchtbaren Feinde in Relation zu seinem Gott und genau das führte zu einer strahlenden Zuversicht und zu diesem herrlichen Gedicht. Durch seinen gelebten Glauben war er eben wirklichkeitsnah. Er wusste um die unsichtbare Wirklichkeit und überwand und ertrug so das sichtbare Grauen.

Nun weiß und glaub` ich feste, ich rühm´s auch ohne Scheu;
Dass Gott, der Höchst` und Beste, mein Freund und Vater sei,
und dass in allen Fällen er mir zur Rechten steh`
und dämpfe Sturm und Wellen und was mir bringet Weh.

Sprach er bisher vom Haupt und Freund, redet er nun von seinem Vater, dem dieses Urvertrauen gilt. Ein Vater, der das Beste für ihn sucht und der der Beste ist. Hat er dabei an Psalm 119,68 gedacht: „Du bist gut und tust Gutes“? Die letzte Zeile zeigt, dass er ganz und gar nicht wirklichkeitsfremd war. Er wusste um Sturm und Wellen und realisierte auch, dass Gott sie nicht einfach wegnimmt. Aber er empfand Linderung, Dämpfung für sein Weh. Er erfuhr Gott als geistlichen Stoßdämpfer.

Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und Sein Blut:
Das machet, das ich finde das ew´ge, wahre Gut.
An mir und meinem Leben ist nichts auf dieser Erd;
was Christus mir gegeben, das ist der Liebe wert.

Hier spricht der Fundamentalist Gerhardt. Dieses „schreckliche“ Wort, das auch wir Christen oft wie eine Tretmine umgehen oder vermeiden. Aber können wir wirklich ohne Fundament leben? Reden wir doch wieder freudig von unserem Felsen! Paul Gerhardt hatte keine Scheu – „Der Grund, da ich mich gründe, ist Christus und sein Blut“. Darauf stand er, darauf vertraute er – das gab seinem Leben Festigkeit und seinen Worten Gewicht. Darüber hinaus wusste er um seine eigene Vergänglichkeit. War er unbedeutend, so war Christus umso bedeutender. Können wir heute nicht ungemein viel von diesem Dichter lernen?

Mein Jesus hat gelöschet, was mit sich führt den Tod;
Er ist´s der mich rein wäschet, macht schneeweiß, was ist rot.
In Ihm kann ich mich freuen, hab´ einen Heldenmut,
darf kein Gerichte scheuen, wie sonst ein Sünder tut.

In diesem Vers erwähnt der Dichter zum ersten Mal Freude. „Mein Jesus“ – so redet nur jemand, der etwas völlig Umwälzenes in seinem Leben erfahren hat – die Vergebung seiner Schuld. „Sein Jesus“ hat ihn reingewaschen und nun freut er sich. Er klebt förmlich an Christus (wie er es in einer weiteren Strophe dieses Liedes beschreibt), oder wie David es in Psalm 63 ausdrückt: „Meine Seele hängt an dir“. Ja, Paul Gerhardt redet von Freude. Gerade hatte er in Wittenberg für die unzähligen Pesttoten separate Sterbebücher angelegt. Gerade hatte er den Verlust seines Bruders Christian in diesem Pestjahr erlitten. – Aber als er beginnt über „seinen Jesus“ reden, da bricht doch tatsächlich die Freude aus ihm heraus. „Hab einen Heldenmut“ – die Mutigen, das sind nicht die, die für eine kurze Zeit vergängliche Denkmäler zieren, sondern das sind die, die wie Gideon den letzten Weizen ausdreschen, das sind die Gerhardts, die den Pestkranken noch einen Becher Wasser reichen. Dafür braucht es Heldenmut.

Mein Herze geht in Sprüngen und kann nicht traurig sein,
ist voller Freud´ und Singen, sieht lauter Sonnenschein.
Die Sonne, die mir lachet, ist mein Herr Jesus Christ;
Das, was mich singen machet, ist, was im Himmel ist.

Paulus schreibt in 2. Korinther 6: „Als Traurige, aber allezeit uns freuend“. Das ist eine gute Überschrift über diesen Vers. Paul Gerhardt ist so voll mit dem, was seinen Jesus betrifft, sein Haupt, seinen Freund, seinen Vater und schließlich mit dem, was im Himmel ist. Er redet von der Gegenwart, nicht von der Zukunft. Für ihn werden nicht irgendwann diese Dinge im Himmel sein, nein, er singt von dem, „was im Himmel ist“.

Wir nachchristlichen europäischen Warmduscherchristen können uns angesichts eines solchen Gedichts nur schämen. Wie wenig haben wir von Christus verstanden und verinnerlicht, da unser Klagegeschrei doch über das Land hallt? Wie sehr pflegen wir unseren schon sprichwörtlichen geistlichen Männerschnupfen?

Lasst uns von Zeit zu Zeit dieses Lied singen, am besten auswendig lernen (Vorsicht: Es hat in der Originalversion 15 Strophen) und dann immer ein paar Herzpillen bei uns tragen. Denn die eine oder andere geistliche Herzrythmusstörung könnte sich einstellen. „Mein Herze geht in Sprüngen …“

© Klaus Güntzschel, Lychen, 2017

 

Siehe auch:

Leid, Schmerz, Tod – und Freude

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Über Jesaja 66:2

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