Die BIBELNOT (3 & 4) – Segen ist da, wo die Bibel ist

Das Wort Gottes führt in das Herz Gottes

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Gemäß der Lehre der Bibel ist nur eine Sache von Wichtigkeit,und das ist die Wahrheit. Der Heilige Geist wird nichts anderes ehren als die Wahrheit, und zwar seine Wahrheit.1

Martyn Lloyd-Jones

Georg Walter

Segen ist da, wo die Bibel ist

Der evangelische Theologe Adolf Schlatter (1852-1938) warf einmal die Frage auf, wo der Segen der Bibel sich zeige, wo ein gesundes Gottesverhältnis und wahre Anbetung erfahrbar sei und wo sich Gottesgemeinschaft im Amt und Dienst an der Gemeinde Jesu in der Auferbauung des Leibes Christi äußere. Seine Antwort lautete: „Da wo die Bibel ist.“13 Und weiter kommt Schlatter zu dem Schluss: „Ohne sie wird aus dem evangelischen Pfarrer ein Schwätzer und aus dem katholischen Priester ein Zauberer.“14 Wenn die Bibel aus der Mitte der Gemeinschaft der Gläubigen gerückt wird, bleibt nichts als toter Religionsbetrieb. Dies gilt im Übrigen nicht nur für die Volkskirchen, sondern auch für die Freikirchen, die keineswegs immun sind, sich nicht auch an dieser Krankheit des frommen Ichmenschen anzustecken.

Wenngleich Schlatters Theologie an dem einen oder anderen Punkt Korrektur bedarf, muss man vielen seiner Aussagen beipflichten. Den christlichen Religionsbetrieb, eine Bibel ohne den Geist, ohne das innere Aneignen der biblischen Wahrheit im Herzen der Gläubigen, bezeichnete Schlatter als Bibelnot. Diese Bibelnot, die daraus entsteht, dass solche, die sich Christen nennen, nur die Schrift haben, aber nicht den Geist, wird erst dann beseitigt, wenn die Decke frommer Eigensucht von den Herzen genommen wird. „Diese Decke zieht nur jene Hand weg, die uns von innen her erfassen und bewegen kann“, so Schlatter.15 Wir wissen, es ist die Hand Gottes, oder treffender ausgedrückt, die Hand des Heiligen Geistes.

Die Geschichte der Gemeinde Jesu zeigt deutlich, dass ein freikirchliches Gemeindemodell nicht Schutz vor Erstarrung, Institutionalisierung oder totem Traditionalismus gewährt. Gemeinde sollte stets nach neutestamentlichem Vorbild gebaut werden, mit all den Freiheiten in Christus, indes auch mit all den Grenzen, die ein solches Modell von der Schrift her eröffnet. Zweifelsohne stehen viele Freikirchen damit dem biblischen Modell von Gemeinde Gottes näher. Doch bleibt die Struktur einer freikirchlichen Gemeinde nur äußere Schale, dann vermag der Geist Gottes nicht mehr zu wirken. Wenn der Tod einmal im freikirchlichen Topf ist (2Kö 4,38-41), dann kann Gott auch geisterfüllte Pfarrer und Verkündiger der Volkskirche als Werkzeuge benutzen, um andere durch sein lebendiges Wort zu segnen.

Dreh- und Angelpunkt ist und bleibt die große Frage, ob es einer Gemeinschaft gelingt, sich gänzlich unter das Wort vom Kreuz zu beugen. Leben oder Tod, Wahrheit oder Unwahrheit, Vergeistlichung oder Säkularisierung, Gottes Geist oder Zeitgeist – das sind die beiden Pole, das Spannungsfeld, in dem der Jünger Jesu steht. „Denn das Fleisch gelüstet gegen den Geist und der Geist gegen das Fleisch; und diese widerstreben einander, so dass ihr nicht das tut, was ihr wollt“ (Gal 5,17). Es ist ein geistliches Gesetz, das Jesus formulierte, als er seinen Jüngern sagte: „Denn wer hat, dem wird gegeben werden, damit er Überfluss hat; von dem aber, der nicht hat, wird auch das genommen werden, was er hat“ (Mt 25,29). Im geistlichen Leben gibt es keinen Stillstand. Entweder wirkt Gottes Gnade geistliches Wachstum, oder eine äußere Form von Gottesfurcht ohne wahre geistliche Kraft leitet den geistlichen Niedergang ein. Ein Ausruhen auf dem, was der Jünger Jesu erlangt hat, um selig auf den Himmel zu warten, gibt es nicht. Dieser Kampf zwischen Geist und Fleisch wird bis zum letzten Atemzug ausgefochten.

Der Apostel Paulus schrieb an die Korinther, dass alle „Dinge aber, die den Israeliten widerfuhren, Vorbilder sind und zur Warnung für uns aufgeschrieben wurden, auf die das Ende der Weltzeiten gekommen ist“ (1Kor 10,11). Dem alttestamentlichen Gottesvolk waren die Aussprüche Gottes anvertraut (Rö 3,2). Und dennoch, obgleich die Verheißungen und Bündnisse (Rö 9,4) Israel geschenkt waren, neigte das Herz des Volkes zum Götzendienst. Gott sandte seine Propheten und rief sein Volk zur Umkehr. Schließlich nutzte der Bundesgott die Zuchtrute der Babylonischen Gefangenschaft und erzog sein Volk in der Fremde. Gottes Pädagogik war erfolgreich gewesen. Nachdem Israel aus der Babylonischen Gefangenschaft zurückkehrte, gab es, jedenfalls im großen Stil, nie wieder einen Rückfall des Volkes in heidnischen Götzendienst.

Doch war das Herz der Israeliten endgültig geheilt? Vermochte Gottes Wort, von nun an auf fruchtbaren Herzensboden zu fallen? Wir kennen die Antwort der Bibel. Nach der Babylonischen Gefangenschaft entwickelte sich das pharisäische Schriftgelehrtentum. Unzählige Vorschriften, „Überlieferungen der Menschen“ (Mk 7,8), wie Jesus sie später nennen sollte, führten dazu, dass Israel Gottes Gebot verließ. Das menschliche Herz war vom Götzendienst gereinigt worden, aber von der frommen Ichhaftigkeit war es nicht erlöst worden. Mit anderen Worten: Statt dass Gottes lebendige Aussprüche das Herz erreichen und verändern konnten, statt dass das fromme Ichwesen sich unter Gottes Gebot beugte, erhob sich religiöse Selbstgerechtigkeit und Eigendünkel.

Die Israeliten hofften auf ihren Messias. Dieser sollte nach ihren Vorstellungen kommen, um sie aus dem Joch römischer Herrschaft zu befreien und als auserwähltes Gottesvolk endlich in die Stellung über alle Heiden zu erhöhen. Und der Messias erschien. Doch der Gottessohn kam nicht als politischer Befreier, sondern er kam als leidender Gottesknecht, um die Israeliten und alle Menschen aus der höchsten Form von Tyrannei, nicht die der Römer oder anderer Menschen, sondern die der Versklavung des menschlichen Herzens in der Sünde zu befreien. Israel erkannte seinen Messias nicht, weil ihr Herz in Eigensucht und Hochmut verharrte – auch sie waren Gefangene ihres vor Gott nichtigen Religionsbetriebes.

„Darum, wer meint, er stehe, der sehe zu, dass er nicht falle!“ (1Kor 10,12) ist ewiges Gotteswort, das auch an uns heute gerichtet bleibt. Keine christliche Gemeinschaft ist vor dieser Gefahr und Not verschont. Für Stolz und frommem Hochmut ist jedes Herz empfänglich, bis es endgültig beim Herrn sein wird. Nur wenn Gottes Wort, das Wort vom Kreuz, das menschliche Herz zu reinigen vermag, dann wird Gemeinde Jesu voller Leben und Kraft von oben sein. Das Wort des Herrn muss den Weg ins Herz finden, um dort glaubend und gehorsam angenommen zu werden, damit sich die erlösende und verändernde Kraft im christlichen Wandel frei entfalte. „Diese Gesinnung sei in euch, die auch in Jesus Christus war“ (Phil 2,5). „Richtet vielmehr euer Urteil darauf, dem Bruder nicht Anstoß oder Ärgernis zu geben“ (Rö 14,13). „Und wandelt in Liebe, wie auch der Christus euch geliebt und sich selbst für uns hingegeben hat“ (Eph 5,2). Diese Gebote sollten über aller Gemeinschaft der Gläubigen als lebendiges Zeugnis aufleuchten. Die Liebe, die alles „erträgt, alles glaubt, alles hofft, alles erduldet“ (1Kor 13,7) wird die Wahrheit stets in Liebe weitertragen.

Und so bleibt biblische Lehre und Wahrheit ohne Kraft, wenn sie nicht durch Gottes Geist das Herz des Gläubigen verändern kann. Dort ins Herz hinein will Gottes Wort, damit das Fleisch unter dem Kreuz willig sterbe und der neue Mensch, in Christus Jesus geschaffen, hervorleuchtet. Es ist eine alte Weisheit: Das Fleisch wird lieber fromm, ehe es stirbt. Israel in seiner Gesetzesfrömmigkeit und seiner pharisäischen Gelehrsamkeit ist ein nur zu treffliches Beispiel hierfür. Wie viel Streit unter Bibeltreuen wäre vermeidbar, wenn doch die wahre Lehre auch zu wahrer Heiligung und Christusähnlichkeit führte! Wie viele Spaltungen wären unterlassen worden, wenn das biblische Wort das menschliche Herz in der Tiefe berührt und verwandelt hätte!

„Seid eifrig bemüht, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3). Wie oft wurde die Einheit des Geistes und das Band des Friedens zertrennt, weil Gläubige oder ganze Denominationen – davon gibt es heute 40000 – Gottes Wort zu selbstsüchtig für ihre Zwecke missbrauchten. Nicht dass die tausendfache Aufsplitterung in Denominationen letzten Endes vor Gott verwerflich ist, denn diese könnte man als ein Zeichen der mannigfaltigen Gnade Gottes betrachten. Was tadelnswert ist und bleibt, ist jener geistige Hochmut, der im Namen der Bibel dazu führt, dass sich Bruder von Bruder trennt, weil man den Kampf für die Wahrheit mit Besserwisserei und Rechthaberei verwechselt. Dies ist die Bibelnot – die Not, an der so viele leiden und an der ganze Denominationen wieder zugrunde gehen.

Das Wort Gottes führt in das Herz Gottes

Heute stehen viele Denominationen vor einem geistlichen Niedergang. Dieser hat bereits Jahre oder gar Jahrzehnte zuvor im Herzen der Glieder eingesetzt. Um Stagnation und Mitgliederschwund aufzuhalten, werden ständig neue Programme, Methoden und Aktivitäten geboren. Religionssoziologen sprechen gar von einer „Eventisierung“ unter Christen. Alles muss zu einem Event, zu einer besonderen Veranstaltung, gemacht werden, um Christen zu unterhalten oder für die Gemeinde zu begeistern. Und selbstverständlich richtet man sich längst nicht mehr nach dem, was die Menschen wirklich hören sollen, sondern die eifrigen „Macher“ des modernen Gemeindepragmatismus fragen, was die frommen Schäfchen hören wollen. Adolf Schlatter diagnostizierte vor fast 100 Jahren treffend die Ursachen „aufgeregter Religiosität“: „… es ist ein sicheres Kennzeichen dafür: die Schrift fehlt, man steht nicht in innerer Gemeinschaft mit der Schrift, man denkt nicht schriftmäßig. Sowie die Schrift sich im Menschen heimisch macht, entsteht eine innerlich gefestigte Ruhe.“16

Und noch eine Einsicht Schlatters über eine verweltlichte Christenheit, die sich so an der sensationellen Endzeitlehren mit all ihren Spekulationen ergötzt, dass ein Eingehen in die wahre Ruhe Gottes geradezu verhindert wird, sei an dieser Stelle angeführt: „Eifrige Verliebtheit in prophetische Worte und gleichzeitig sehr kräftige Diesseitigkeit haben sich häufig zusammengefunden.“17 Das wahre prophetische Wort ergießt sich nicht in Annahmen und Hypothesen, welches Weltereignis welcher Schriftstelle zuzuordnen ist. Das Wesen wahrer Prophetie führt in das Herz Gottes, es zeigt dem Schüler der Schrift, wie Gott denkt, was er will und wie sehr er sich nach heiliger Gemeinschaft mit den Erlösten durch sein Wort sehnt.

„Und so halten wir nun fest an dem völlig gewissen prophetischen Wort, und ihr tut gut daran, darauf zu achten als auf ein Licht, das an einem dunklen Ort scheint, bis der Tag anbricht und der Morgenstern aufgeht in euren Herzen“ (2Pet 1,19). Petrus führt es uns vor Augen: Das prophetische Wort ist ein Licht, das in der Finsternis dieser Welt scheint, bis der Morgenstern in unseren Herzen aufgeht. Das prophetische Wort will die Herzen erleuchten und gänzlich auf den Morgenstern, auf Jesus Christus, unseren Herrn, ausrichten. Wo Christus in unseren Herzen regiert, ist alle Bibelnot hinweggetan.


(1.)  Martyn Lloyd-Jones, Heresies. URL: http://www.the-highway.com/heresies_Lloyd-Jones.html. Aufgerufen am 13.2.2017.

(14-17)  Adolf Schlatter, Hülfe in Bibelnot – Neues und Altes zur Schriftfrage, Freizeiten-Verlag, Gladbeck, 1953


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