Die BIBELNOT (2) – Allgemeines Priestertum oder allgemeines Predigertum?

Gemäß der Lehre der Bibel ist nur eine Sache von Wichtigkeit,und das ist die Wahrheit. Der Heilige Geist wird nichts anderes ehren als die Wahrheit, und zwar seine Wahrheit.1

Martyn Lloyd-Jones

Georg Walter

Das allgemeine Priestertum

Die Bibel verweist darauf, dass erst der Herr „das im Finstern Verborgene ans Licht bringen und die Absichten der Herzen offenbar machen wird“ (1Kor 4,5). Auch Freikirchen, die nach biblischem Vorbild gebaut werden, mögen nicht davor gefeit sein, dass Scheinchristen in ihrer Mitte sind. Doch diese werden anders als in der Volkskirche auf Dauer selten Glieder am wahren Leib Christi sein. Das Phänomen von Scheinchristen kannte schon der Apostel Johannes: „Sie sind von uns ausgegangen, aber sie waren nicht von uns; denn wenn sie von uns gewesen wären, so wären sie bei uns geblieben“ (1Jo 2,29). Die Volkskirche kennt ferner keine biblische Gemeindezucht und ist daher strukturell von Anfang an eine Mischgemeinde aus wenigen wahren Gläubigen, die durch Christus das neue Leben in sich tragen, und aus Ungläubigen. Diesen Ungläubigen zu suggerieren, sie seien durch das Sakrament Teil des Heilsvolkes, ist wohl der größte Irrtum aller Volks- und Staatskirchen. Die „Sakramentsgemeinde“ ist schlicht eine Erfindung des menschlichen Denkens, ganz gleich wie theologisch diesbezüglich argumentiert wird.

Gemeinde Christi ist in der Welt, gleichwohl ist sie nicht von der Welt. Sie lässt die Welt nicht hinein in die Versammlung der Heiligen. Sie geht allenfalls hinaus in die Welt, um den Unwissenden und offenkundigen Sündern das Licht des Evangeliums zu verkünden, damit diese umkehren und den Erlöser im Glauben annehmen. Allein der, der auf diese Weise durch das Bad der Wiedergeburt durch den Heiligen Geist erneuert wird (Tit 3,5), wird Teil und lebendiges Glied am Leib Christi. Alle Erlösten gehen durch die Türe ein, welche Jesus ist, in die wahre Gemeinde des lebendigen Gottes. Ein Kirchlein in der Kirche steht im offenen Widerspruch zur biblischen Gemeindelehre.

Auch das vielbemühte Gleichnis vom vierfachen Ackersamen in Matthäus 13, das gerne von Theologen herangezogen wird, um ihr Kirchenverständnis zu untermauern, beweist, wie groß die Diskrepanz von protestantischer zu biblischer Ekklesiologie (Lehre über die Kirche) ist. Gerne vergleichen oberflächliche Ausleger die Kirche mit dem Acker in diesem Gleichnis. Doch Jesus selbst legt dieses Gleichnis aus. „Der Acker ist die Welt; der gute Same sind die Kinder des Reichs; das Unkraut aber sind die Kinder des Bösen“ (Mt 13,38). Der Acker ist die Welt! Gemeinde Christi ist eben nicht ein Acker, der aus Kindern des Reiches Gottes und Kindern des Bösen besteht, die erst beim Weltengericht voneinander geschieden werden. Das Jüngste Gericht wird zwischen Gemeinde Christi und gottferner Welt scheiden, nicht jedoch die Kinder des Reichs von den Kindern des Bösen. Hier ist die Bibel klar: Der Gemeinde Jesu gehören nur die Kinder des Reichs an.

Was neutestamentliche Gemeinde angeht, ist Luther bedauerlicherweise auf halbem Wege stehen geblieben. Otto Riecker diagnostiziert treffend, dass dem Reformator und seinen Mitstreitern nicht bewusst gewesen war, welche „Sauerteigwirkung in ihre Umgebung hinein“6 von jenen ausgehen könne, die nicht aus wahrem Glauben an Christus der kirchlichen Gemeinschaft beitraten. Die verheerenden Folgen der Sauerteigwirkung sind heute offenkundig. Die protestantischen Kirchen sind weithin säkularisiert, sodass nur ein Überrest noch an die ursprüngliche Lebendigkeit reformatorischen Lebens widerspiegelt. Und nicht nur das, die Mehrheit der Vertreter des Protestantismus hechelt dem Zeitgeist hinterher und degeneriert immer mehr zu einem Humanismus unter christlichem Deckmantel ohne jegliche Rückbindung an Gottes Wort.

Diesem Defizit, und wohl aus dem ernsten Verlangen, allein der Schrift zu folgen, wollte die Täuferbewegung begegnen, indem sie als eine erste Abspaltung vom protestantischen Hauptstrom Gemeinschaften bildeten, die im biblischen Sinne wahre christliche Gemeinden von gläubigen Wiedergeborenen hervorbrachten. Die Täufer, auch als Wiedertäufer, Anabaptisten oder als linker Flügel der Reformation bezeichnet, traten zeitgleich mit den Reformatoren auf. Bis heute streiten sich die Gelehrten, ob die Täuferbewegung unabhängig von der Reformation oder als Folge und Nebenzweig der Reformation entstanden sei, wobei sich letztere Vorstellung in der neueren Forschung durchgesetzt hat. Die Ursprünge der Bewegung liegen im Schweizerischen Zürich. Der Täufer Konrad Grebel (ca. 1498-1526), zunächst ein enger Mitarbeiter des Reformators Ulrich Zwingli (1484-1531), hatte sich in der Frage der Kirchenauffassung mit Zwingli 1523 überworfen. Zwingli folgte der lutherischen Vorstellung einer Volkskirche, während Grebel und seine Mitstreiter Hausgemeinschaften gründeten, die das Volks- und Staatskirchentum ablehnten.

In wenigen Jahren entwickelte sich die Täuferbewegung in ganz Europa zu einer beachtlichen Strömung. Die Täufer werteten die Großtaufe (auch als „Erwachsenentaufe“ oder „Glaubenstaufe“ bezeichnet) als ein Zeichen wahrer Umkehr und wahren Glaubens. Das Gemeindeleben sollte sich an den neutestamentlichen Maßstäben, allein an der Schrift, orientieren. Für ihre Lehrüberzeugungen mussten die Täufer nicht nur staatliche sondern auch kirchliche Verfolgung erdulden, was sie mit großer Standhaftigkeit taten. Und selbst die evangelischen Reichsstände entschieden sich für die Wahrung der kirchlichen Ordnung zu einem gewaltsamen Vorgehen gegen die Täufer. Bedauerlicherweise stimmte Luther diesem Vorgehen zu. Das Wormser Edikt aus dem Jahre 1521 sah sogar die Todesstrafe auf die Wiederholung der Taufe vor. Heute mag ein solches Denken befremden, aber versetzt man sich in die Zeit Luthers zurück, wird jenes Vorgehen etwas nachvollziehbarer, wenn man berücksichtigt, dass in einer „ohnehin turbulenten Zeit (Bauernkriege) die Absonderung von der allgemeinen Kirche und Berufung auf die Gewissensentscheidung dem Umsturz aller bestehenden Ordnung gleichkam.“7 Dennoch war das Handeln der protestantischen Obrigkeiten unchristlich und daher unentschuldbar.

Die Täuferbewegung hat in ganzer Konsequenz die Auffassung vertreten, nur die Bibel sei die einzige Quelle für christlichen Glauben und christliches Handeln. Wie Luther waren die Täufer überzeugt, dass weder der Papst noch die römische Kirche das Recht hatten, das kirchliche Lehramt ausschließlich für sich selbst zu beanspruchen. Die Schrift legt sich selbst aus, so die täuferische Position. Dem Grundsatz Luthers des allgemeinen Priestertums folgend, war es allen wahren Christen möglich, die Schrift zu verstehen. Den Gliedern der Täufergemeinden war es demnach in den Grenzen ihrer geistlichen Berufung erlaubt, die Schrift auszulegen. Während den Laien in Luthers Kirche sehr bald wieder die Befähigung aberkannt wurde, die Schrift richtig auszulegen, weil unter Gottes Volk nur wenige zur Verkündigung und Lehre berufen seien, blieben die Täufer ihrem ursprünglichen Standpunkt treu. Gott beruft und befähigt auch Menschen ohne theologisches Studium, das Wort Gottes zu predigen und zu lehren.

Bis heute stehen sich diese beiden Pole, was die Verkündigung von Gottes Wort angeht, unversöhnlich gegenüber. Und beide Pole haben ihre Stärken und Schwächen. Manche Bewegung verwechselt das allgemeine Priestertum mit allgemeinem Predigertum und beachtet nicht, dass der Herr durch sein Wort klar und eindeutig verordnet: „Dient einander, jeder mit der Gnadengabe, die er empfangen hat, als gute Haushalter der mannigfaltigen Gnade Gottes“ (1Petr 4,10). Im allgemeinen „Predigertum“ kommen allzu viele zu Wort, die keine Gnadengabe zum Lehr- oder Predigerdienst empfangen haben und erweisen sich somit nicht als gute Haushalter der göttlichen Gnade, mit allen Folgen für die lokale Versammlung der Gläubigen. Das pastorale System, wie es oft genannt wird, steht als ein „Ein-Mann-System“ ebenso wenig auf dem Fundament neutestamentlicher Gemeindeordnung. Gott konnte in der Vergangenheit indessen von ihm berufene Prediger sehr segensreich gebrauchen. Es sei nur an Charles Spurgeon, Martyn Lloyd-Jones, die Erweckungsprediger des 18. und 19. Jahrhunderts oder den evangelischen Pastor Wilhelm Busch als Beispiele des Pastoralssystems erinnert.

Allgemeines Priestertum (1Petr 2,9) ist solange ein großer Segen für die Gemeinschaft der Gläubigen, wenn es im Geiste, also nach neutestamentlichem Vorbild, ausgeübt wird, und eben nur solange, wie es vom Geist geführt und von wahrem göttlichen Leben erfüllt ist. Sind diese Bedingungen nicht erfüllt, weicht das Leben und die Lebendigkeit des Geistes. Es kommt zu Erstarrung, zu äußerer Förmlichkeit, zur Tradition, die nur noch oberflächlich mit der ursprünglichen Erwecklichkeit einer Bewegung etwas gemein hat. Eine freikirchliche Struktur alleine ist kein Schutz vor geistlicher Erstarrung.

Bei den Täufern war in der Regel davon auszugehen, dass jeder, der sich dieser Bewegung zugesellte, ein erweckter Gläubiger war, und dies aus zwei Gründen. Erstens, Täufer forderten eine persönliche Entscheidung oder Umkehr zu Christus und pflegten einen christozentrischen Glauben. Zweitens, Täufer, die als eifrige Bibelleser bekannt waren, wussten, dass der Preis für ihren Glauben Verfolgung oder gar den Tod bedeuten konnte. Allein der Märtyrerspiegel der Mennoniten, ein im Jahre 1660 in niederländischer Sprache erschienener 1000-seitiger Bericht über alle Märtyrer seit der Urgemeinde, umfasst 800 Namen von Märtyrern. Wer sich für Christus und die Mitgliedschaft für eine Täufergemeinde entschied, tat dies in dem Bewusstsein, einen mitunter hohen Preis dafür zu bezahlen.

Felix Manz (1498-1527) war Mitbegründer der Zürcher Täuferbewegung und deren erster Märtyrer. Er wurde 1527 ertränkt. Seine letzten Worte an seine Glaubensgenossen standen unter dem Motto Bei Christus will ich bleiben: „Der Herr Christus zwingt niemand zu seiner Herrlichkeit, sondern nur diejenige, die da willig und bereit sind, gelangen dazu durch den wahren Glauben und die Taufe; wann ein Mensch rechtschaffene Früchte der Buße wirkt, so ist ihm der Himmel der ewigen Freude aus Gnade durch Christum erkauft und erworben durch sein unschuldiges Blutvergießen, welches er gern vergossen hat; damit erweist er uns seine Liebe und teilt uns mit die Kraft seines Geistes, und wer dieselbe empfängt und ausübt, der wächst und wird vollkommen in Gott. Die Liebe zu Gott durch Christus soll allein gelten und bestehen, nicht das Pochen, Schelten und Drohen. Nichts als diese Liebe ist es, woran Gott einen Wohlgefallen hat: wer die Liebe nicht beweisen kann, der finde bei Gott keinen Raum… Und also schließe ich hiermit, dass ich will standhaft bei Christus bleiben, auf ihn trauen, der all meine Not kennt, und mich daraus erretten kann. Amen.“8 Er folgte bis zum letzten Atemzug seinem Herrn und Erlöser Jesus Christus. Als man ihn ins Wasser schleifte, um ihn zu ersäufen, sang er mit lauter Stimme: „In deine Hände, Herr, befehle ich meinen Geist.“ Dieses Zeugnis hinterließ bei vielen großen Eindruck.

Michael Sattler (1490-1527) war ursprünglich Benediktinermönch und verließ 1523 das Kloster, nachdem er die Schriften Martin Luthers und Huldrych Zwinglis studiert und zum wahren Glauben gekommen war. Sattler heiratete und siedelte mit seiner Ehefrau nach Zürich über, wo sie vom Zürcher Rat aufgrund ihrer täuferischen Überzeugungen ausgewiesen wurden. Schließlich gelang er nach Straßburg, wo sich viele Täufer als Glaubensflüchtlinge aufhielten. In Straßburg fand er jedoch keine Ruhe. Er wurde von dem Reformator Martin Bucer verhört, der im Januar 1527 die Vertreibung aller Täufer veranlasste. Sattler wurde von katholischen Amtsträgern schließlich in Horb im Schwarzwald gefangen genommen und im Mai 1527 vors Gericht geführt, wo er sich gegen neun Anklagepunkte verteidigen musste, unter anderem, dass er lehrte, die Kindertaufe sei nicht heilsnotwendig und der Leib und das Blut Christi seien nicht im Abendmahlssakrament gegenwärtig.

Standhaft wie einst Martin Luther erklärte Sattler dem Richter, wenn sie „mit der Heiligen Schrift zeigen, dass wir irren und im Unrecht sind, wollen wir gern davon abstehen und widerrufen…So uns aber kein Irrtum nachgewiesen wird, hoffe ich zu Gott, ihr werdet euch bekehren und euch lehren lassen.“9 Seine Richter entgegneten: „Du ehrloser, verzweifelter Bösewicht und Mönch, sollte man etwa mit dir disputieren? Ja, der Henker wird mit dir disputieren, das glaube ich.“10 Michael Sattler wurde gefoltert und schließlich als Ketzer auf dem Scheiterhaufen verbrannt. Michael Sattlers letzte Worte waren: „Ich bin nicht gesandt über das Wort Gottes zu rechten. Wir sind gesandt, davon zu zeugen deshalb werden wir uns unter kein anderes Recht begeben … so wir uns aber dem Gericht nicht entziehen können, sind wir bereit um des Wortes Gottes willen zu leiden was uns zu leiden aufgelegt ist.“11

Felix Manz und Michael Sattler waren zwei von Hunderten von Märtyrern aus den Reihen der Täuferbewegung. Sie verkörperten nicht nur einen starken Glauben, sondern auch eine tiefe Rückbindung an Gottes Wort. Sie wollten kein Teil der protestantischen Volkskirche mit deren Sakraments- und Tauflehre sein, da sie, gebunden an die Schrift, die Gewissheit hatten, dass die Volkskirche in vielerlei Hinsicht nicht durch die Bibel legitimiert war. Ihr Gemeindeverständnis war schriftgemäß, und daraus ergab sich zwangsläufig, dass die Gemeinschaft der Gläubigen sich in Freikirchen versammelte.

Anders stellte es sich in der lutherischen Volkskirche dar. Otto Riecker wirft auf dem Hintergrund von Erweckungsbewegungen wie dem Pietismus oder der Täuferbewegung die berechtigte Frage auf, „ob die Reformation in diesem Sinne nicht eher eine theologisch-gedankliche volksmäßige als eine eigentlich erweckliche Bewegung war?“12 Der Autor des vorliegenden Artikels würde diese Frage mit einem klaren Ja beantworten. Die Täuferbewegung, die bis heute unter anderem in Form der Mennoniten, Hutterer und Amischen fortbesteht, zeigt kaum noch die Zeichen erwecklicher Kraft, die von ihr in den Anfängen ausging. Das Spektrum reicht heute von liberalen bis zu konservativen Gruppierungen.

Die Übersetzung der Bibel in die deutsche Sprache sowie in die Muttersprachen der anderen europäischen Länder brachte neben den segensreichen und positiven Auswirkungen gleichfalls den Umstand falsch verstandener Freiheit mit sich. Die neu gewonnene Freiheit, die Bibel lesen zu können, war und ist bis heute ein Merkmal aller wahren Gläubigen. Doch radikale und einseitige Auslegungen der Schrift führten einerseits zu Schwärmerei, andererseits endeten Tradition und Gesetzlichkeit in Dogmatismus und Verlust an geistlicher Lebendigkeit. Bis heute gilt es zwischen diesen beiden Polen sorgsam zu unterscheiden und sich von der Schrift – vom Wort, das auch Geist ist (Jo 6,63) – leiten zu lassen. Die Kirchengeschichte zeigt nur zu offenkundig, dass keine Bewegung ihr erweckliches Feuer über mehrere Generationen oder gar bis in die heutige Zeit tragen konnte. Früher oder später setzte ein geistlicher Auskühlungsprozess ein. Das Feuer des Geistes erlischt allmählich, bis manches Mal nur noch eine schwache Glut übrig bleibt.


6. Otto Riecker, op. cit., S.196.

 

7. Otto Riecker, op. cit., S.276.

 

8. Gottfried W. Locher, Felix Manz Abschiedsworte, S.12-13.URL: http://www.zwingliana.ch/index.php/zwa/article/viewFile/646/557. Aufgerufen am 28.1.2015.

 

9. Glaubensstimme: Sattler, Michael – Artikel und Handlung, die Michael Sattler zu Rottenburg am Neckar mit seinem Blut bezeugt hat. URL: http://www.glaubensstimme.de/doku.php?id=autoren:s:sattler:sattler-anklage. Aufgerufen am 21.3.2017.

 

10. Mark Waldner, Michael Sattlers Denkmal.URL: http://www.hutterites.org/news/michael-sattlers-denkmal/. Aufgerufen am 28.1.2015.

 

11. Ebd.

 


-> Fortsetzung – Teil 3 & 4: Segen ist da , wo die Bibel ist

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