Die BIBELNOT (1) – Volkskirche oder Gemeinde der Heiligen?

Gemäß der Lehre der Bibel ist nur eine Sache von Wichtigkeit,und das ist die Wahrheit. Der Heilige Geist wird nichts anderes ehren als die Wahrheit, und zwar seine Wahrheit.1

Martyn Lloyd-Jones

Georg Walter

Gemeinde Jesu: Die Herausgerufene aus der Welt

Katholische Autoren haben den Protestantismus und damit die protestantische Bewegung als Ganzes mit seinen unzähligen Strömungen oft als Spaltpilz beschrieben. Während Katholiken argumentieren, alleine die Protestanten seien für die konfessionelle Aufspaltung verantwortlich, entgegnen Protestanten, dass es um der Wahrheit willen zwingend notwendig war, das religiöse Denken von katholischem Aber- und Unglauben zu befreien. Sola Scriptura, allein die Schrift, diesen Wahlspruch hatten sich alle Reformatoren auf ihre Fahnen geschrieben. Wer allein der Schrift folgt, kann im konfessionellen Miteinander gerade nicht in jenem Punkt Kompromisse machen, die zum ureigentlichen protestantischen Kernanliegen zählt. Mit anderen Worten, die Autorität der Heiligen Schrift ist ein höheres Gut als die ökumenische Gemeinschaft.

Ein weiteres Motto der Reformatoren, das man fälschlicherweise Martin Luther zuschreibt, lautete: Ecclesia semper reformanda est – die Kirche muss sich ständig reformieren. Tatsächlich handelt es sich bei diesem grundlegenden Anliegen, dass die Kirche sich in Leben, Handeln und Verkündigung ständig erneuern müsse, um einen Fingerzeig der calvinistischen Theologie des 17. Jahrhunderts. Bedauerlicherweise war dies der wunde Punkt des Protestantismus. Sehr schnell nach dem Tod Luthers wurde der Protestantismus in Form der beiden großen Hauptströme, der evangelischen und reformierten Kirche, institutionalisiert. Statt konsequent weiterzureformieren, setzte schnell ein Ermüdungsprozess des reformatorischen Eifers sowie ein Konsolidierungsprozess, und damit verbunden ein Erstarrungsprozess,

Bei Luther waren es die historischen Umstände, die einen solchen Prozess begünstigten. Der Bauernkrieg (1524-1525) führte Luther zum Umdenken. Er war bis in jene Zeit überzeugt, die verändernde Kraft des Evangeliums könne die Menschen zu besseren und friedfertigen Christen machen. Otto Riecker schreibt über die Wende von Luthers Haltung in Fragen der öffentlichen Ordnung, die nun von menschlicher Leidenschaft bedroht war: „Nur staatliche Macht könnte diese bändigen, und dem Volk muss eine christliche Erziehung zuteilwerden. Der Schritt von der Glaubensbewegung zur Erziehungskirche wurde getan.“2 Somit wurden schon von Anbeginn an die Weichen einer Glaubensbewegung falsch gestellt. Eine „Erziehungskirche“, wie die Amts- oder Volkskirche auch genannt werden kann, widerspricht dem biblischen Verständnis von ecclesia, von Gemeinde Christi im biblischen Sinne.

Otto Riecker erläutert in Bezug auf die protestantische Kirche außerdem, dass sich Luther und seine Mitstreiter „in den Anfängen einer lebendigen Gemeindebildung widersetzten.“3 Lebendige Gemeinde im biblischen Sinne ist nur dann realisierbar, wenn sie die Versammlung der Herausgerufenen ist – ecclesia bedeutet wörtlich „die Herausgerufene“ und meint alle aus der Welt durch den Glauben Christi herausgerufenen Erlösten. Zur Gemeinde gehört letztlich nur, wer aus der Welt ge- oder berufen wird, um sich durch Buße und Glauben an Christi Erlösertat aus dem Reich der Finsternis herausrufen lässt und in das Reich des Sohnes seiner Liebe (Kol 1,13) hineingerettet wird. Das ist etwas völlig anderes als Volkskirche, die ihre Glieder nicht aus wahrer Umkehr und Gott gewirktem Glauben gewinnt, sondern aufgrund der Säuglingstaufe.

Dass Gott auch inmitten der Volkskirche durchaus zu wirken vermochte, führt uns die Kirchengeschichte in vielen Strömungen wie bspw. dem Pietismus vor Augen. Der Pietismus als Bewegung wahrer Frömmigkeit wurde in der protestantischen Kirche als ecclesiola in ecclesia, als „Kirchlein in der Kirche“, bezeichnet. Gleichwohl vollzogen Pietisten, selbst die radikalen Pietisten, keinen Bruch mit der evangelischen Kirche, obschon sie ein anderes Kirchenverständnis vertraten. Zur wahren Kirche gehörte aus pietistischer Sicht allein die im Glaubensbekenntnis geeinte Gemeinde Jesu aus wahren Gläubigen. Dies führte zu einer gewissen Absonderung von den „Kirchen- und Namenschristen“ der evangelischen Kirche, ohne jedoch eine völlige Trennung zur Kirche zu praktizieren.

Luther lehnte es immer ab, die Kirche von Ungläubigen, Heuchlern oder Scheinheiligen zu reinigen. Er vertrat die Überzeugung, dass die Kirche eine durchmischte Körperschaft war. Wahre und falsche Christen standen Seite an Seite. In Luthers Predigt zum Gründonnerstag 1523 „wird deutlich, dass die Tatsache, dass viele Menschen das Altarssakrament empfangen, ohne zu wissen und zu verstehen, um was es dabei überhaupt geht, Luther große Schwierigkeiten bereitet.“4 Gudrun Neebe kommt zu dem Schluss: „Luther will folglich die Unwissenden und offenkundigen Sünder aus der Sakramentsgemeinde ausschließen, ohne ihnen allerdings auch die Predigt des Evangeliums vorzuenthalten.“5


  1. Martyn Lloyd-Jones, Heresies. URL: http://www.the-highway.com/heresies_Lloyd-Jones.html. Aufgerufen am 13.2.2017.
  2. Otto Riecker, Kirche und Christen im Wandel der Zeit, Hänssler Verlag, Neuhausen-Stuttgart, 1984, S.196.
  3. Ebd.
  4. Gudrun Neebe, Apostolische Kirche, Walter de Gruyter, Berlin, 1997, S.139-140.
  5. Ebd., S.141.

-> Fortsetzung – Teil 2: Das allgemeine Priestertum – oder allgemeines Predigertum?

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