Sog. „Rechtsstreitigkeiten“ innerhalb der Gemeinde Jesu (1Kor 6)

Helmut Mehringer

I. 1Kor 6:1-6 – der verbotene Weg der ungläubigen Welt – und eine zulässige Alternative

Wie öfters führt uns Paulus in mehreren Stufen in ein Thema ein. Erste Stufe: Das Verbot:

(6:1) Darf jemand unter euch, der eine Sache gegen den anderen hat, vor den Ungerechten rechten und nicht vor den Heiligen?

Es geht hier um die Frage, ob jemand gegen einen Bruder oder Schwester vor weltlichen Gerichten oder mit Hilfe weltlicher Instanzen (auch Anwälten) einen Rechtsstreit führt. Ein Rechtsstreit vor oder mit Zuhilfenahme weltlicher, von Ungläubigen bestimmter Instanzen

a) ist gegen Gottes Wort und seine Anweisungen

und, wie im folgenden ersichtlich wird,

b) offenbart sein Herz, dessen, Prioritäten und Hoffnungen.

6:2-3) Oder wisst ihr nicht, dass die Heiligen die Welt richten werden? Und wenn durch euch die Welt gerichtet wird, seid ihr unwürdig, über die geringsten Dinge zu richten?   Wisst ihr nicht, dass wir Engel richten werden, geschweige denn Dinge dieses Lebens?

Die Erlösten werden selbst einmal die Welt und deren Rechtssystem und sogar die Engel in der Himmelswelt richten…

(6:4) Wenn ihr nun über Dinge dieses Lebens zu richten habt, so setzt diese dazu ein, die gering geachtet sind in der Versammlung.

…wie sollen wir uns da jetzt diesem System, seinem unbiblischen Wertmaßstab bzw. dessen ungläubigen Vertretern unterwerfen oder gar zu Hilfe rufen?

6:5-6) Zur Beschämung sage ich es euch. So ist nicht ein Weiser unter euch, der zwischen seinen Brüdern zu entscheiden vermag? Sondern es rechtet Bruder mit Bruder, und das vor Ungläubigen!

„Schämt ihr euch nicht, das überhaupt in Erwägung zu ziehen?“ schreibt Paulus. Selbst der geringste, geistlich gesinnte und bewährte Bruder in der Gemeinde ist besser geeignet eine solche Sache zu entscheiden, als die Ungläubigen der Welt – haben wir doch gemeinsam als Geschwister der Gemeinde an „keiner Gnadengabe Mangel, indem ihr die Offenbarung unseres Herrn Jesus Christus erwartet.“ (1Kor 1:7)

Wenn jemand dennoch den verbotenen Weg der weltlichen Gerichtsbarkeit gegenüber einem Bruder wählt, ist das im Licht des Wortes Gottes Sünde – und ist von einer verantwortungsbewussten, treuen Gemeinde durch liebevolle, mehrstufige Erziehungsmaßnahmen zu begegnen, um den Bruder wieder zurechtzubringen.

Wenn dagegen der zulässige (wenn auch nicht beste) Weg der Regelung in der Gemeinde eingeschlagen wird und eine solch eine Sache nun in der örtlichen Gemeinde entschieden werden soll, gibt es u.a. folgende Punkte zu bedenken:

  1. Auswahl des oder der Brüder

    Wegen tatsächlicher oder oft auch vermeintlicher „Kläger“ und „Angeklagter“ müssen sich ohne Vorbehalt auf einen oder mehrere Brüder als Entscheider einigen – und diese(r) muss sich dazu ebenso vorbehaltlos bereiterklären. Wie dies geschieht ist ist eine andere, nicht hier zu behandelnde Frage.

  2. Entscheidungsanerkennung

    „Kläger“ und „Angeklagter“ müssen sich voreinander, vor dem Herrn und vor Geschwistern als Zeugen dazu verpflichten, diese Entscheidung als verbindlich zu akzeptieren, egal wie das Ergebnis ausfällt! Sonst macht der Weg keinen Sinn!

    Es gibt bei diesem Weg keine „Berufungsinstanz“ – weder in der Ortsgemeinde, noch anderswo bei Gläubigen, noch den verbotenen Gang vor weltliche Instanzen! Das muss klar sein – hier gilt „Euer Ja sei ein Ja!“ – koste es was es wolle!

  3. Bruderliebe

    „Kläger“ und „Angeklagter“ müssen sich voreinander, vor dem Herrn und vor Geschwistern als Zeugen weiterhin dazu verpflichten, im Falle des „Unterliegens“ dies weder den Entscheidern noch dem gegnerischen Bruder nachzutragen, sondern beide aufrichtig zu lieben als Geschwister im Herrn und über bisherige Versäumnisse diesbezüglich Buße tun.

  4. Ziele: der bessere Weg!

    Die gemeindlichen Entscheider werden als erstes auf Herzensversöhnung hinarbeiten, alles andere widerspricht sowohl dem, was die Gemeinde in der Welt darstellen soll, als auch dem, die sich in gegenseitigem Vergeben und einer beidseitigen friedlichen Einigung zeigt. Herzensversöhnung und der davon unabhängige vorzüglicher Weg wird in den Versen 7-8 umrissen.

  5. Eine Alternative neben diesen Wegen kennt die Bibel nicht.

II. 1Kor 6:7-8 – die bessere Alternative, der vorzüglichere Weg

Das oberste Prinzip in unserem Leben wird auch im 1.Korintherbrief als Gebot für alle Lebenslagen gegeben und weist so hin auf den vorzüglicheren Weg auch in der vorliegenden Angelegenheit

(1Kor 10:31) Ob ihr nun esst oder trinkt oder irgendetwas tut, tut alles zur Verherrlichung [w.: Herrlichkeit] Gottes.

Wie machen wir das? Einige biblische Anhaltspunkte sind uns gegeben:

(1Joh 2:6) Wer sagt, dass er in ihm bleibe, ist schuldig, selbst auch so zu wandeln, wie er gewandelt ist.

(Mt 5:14-15) Ihr seid das Licht der Welt; eine Stadt, die oben auf einem Berg liegt, kann nicht verborgen sein.Man zündet auch nicht eine Lampe an und stellt sie unter den Scheffel, sondern auf den Lampenständer, und sie leuchtet allen, die im Haus sind.

(Rö 12:2) Und seid nicht gleichförmig dieser Welt, sondern werdet verwandelt durch die Erneuerung eures Denkens, dass ihr prüfen mögt, was der gute und wohlgefällige und vollkommene Wille Gottes ist.

Was ist der gute Wille Gottes in so einer Situation?

(1Kor 6:7) Es ist nun schon überhaupt ein Fehler an euch, dass ihr Rechtshändel miteinander habt. Warum lasst ihr euch nicht lieber unrecht tun? Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen?

Paulus stellt, wie so oft, eine göttliche Anweisung in Form einer rhetorischen Frage dar, deren Antwort jedem geistlich gesinnten Gläubigen klar ist und nicht ausgesprochen werden muss.

  1. An erster Stelle wird hierdern ‚Kläger‘ in die Verantwortung genommen, und zwar als klagender Initator des sog. „Rechtstreits“, der diesen vor die Gemeinde bringt. Der bessere Weg, den uns der Herr Jesus vorgelebt hatte, führt über das Gebot, sich lieber – aus ganzem Herzen und zur Verherrlichung Gottes – unrecht tun und lieber übervorteilen zu lassen (vgl. Mt 38.40), anstatt auf sein möglicherweise berechtigtes oder oft auch nur vermeintlich eingebildetes „Recht“ zu bestehen. Mit dieser Haltung:

  • …ist die Streitangelegenheit ein für allemal beendet und belastet weiterhin nicht das geschwisterliche Verhältnis zweier aus Gnaden erlöster Sünder, deren Familien und der Gemeinde.

  • …zeigt sich vor der sichtbaren und unsichtbaren Welt, dass die Gemeinde der Erlösten eine total entgegen weltlich Werten und Maßstäben lebende „Gegengesellschaft“ ist (Mt 5 – 7).

  • …zeigen wir, dass unsere Lebensausrichtung auf die ewige Zukunft gerichtet ist, nicht auf diesseitiges Wohlergehen oder Daseinssicherung in der diesseitigen Welt, die keinen Bestsnd hat. Wir warten und vertrauen auf ein unvergängliches Erbe, das für uns im Himmel aufbewahrt ist, anstatt hier für unser Wohlergehen und unser vermeintliches „Recht“ zu „beißen und zu fressen“.

  • …zeigt unser Vertrauen auf den Herrn und seine Zusage, uns mit allem zu versorgen, wenn unsere Lebenprioriträt ihm, seinem Wertmaßstab, seinen Zielen gilt und alles andere dem untergeordnet wird (Mt 6:33)

  • …spiegeln wir etwas vom Wesen unseres Herrn Jesus wieder, der uns unendlich viel vergeben hat

  • …offenbaren wir etwas „Licht“ in der Finsternis des widergöttlichen Weltsystems, nämlich etwas vom Wesen und der gar mannigfaltigen Weisheit und Barmherzuigkeit Gottes gegenüber der sichtbaren und unsichtbaren Welt (Eph 3:10; Mt 5:14)

  • …und damit verherrlichen wir den Herrn, anstatt ihn zu verunehren!

Somit ist dieser geoffenbarte Wille Gottes die erste und einzige Verpflichtung, zu der der „Kläger“ von den Entscheidern aufgefordert werden muss!

Die Gefahr ist allerdings oft , dass der „Kläger“, der schon soweit gegangen ist, sein Herz bereits so verhärtet hat, dass er für diesen Schritt nicht mehr bereit ist und nur noch darauf bedacht ist im Streit „Recht zu behalten“ und als Sieger hervorzugehen.

Weigert er sich hartnäckig, dem Willen Gottes, widersteht er Gott, was seitens der Gemeinde die neutestamentlichen mehrstufigen Erziehungsmaßnahmen zur Folge haben muss, um in erster Linie dem Kläger geistlich zu helfen,

  • aus der Verhärtung seines Herzens herauszukommen

  • zur richtigen, geistlichen Ewigkeitsperspektive und zu den richtigen geistlichen Prioritäten zurückzufinden,

  • um ihn ihn so geistlich wieder zurecht zu bringen

  • und gleichzeitig das heilige Zeugnis der „Gegengesellschaft“ Gemeinde wiederherzustellen

  • und um anderen das heilige Wesen der Gemeinde zu verdeutlichen und sie zu vor Fehlentscheidungen zu warnen (vgl. Extrembeispiel Gottes in Apg 5:12).

(6:7b-8) …Warum lasst ihr euch nicht lieber übervorteilen? Aber ihr tut unrecht und übervorteilt, und das Brüder!

  1. An zweiter Stell erst ist der Verklagte angesprochen: Die gemeindlichen Entscheider sollten ihn zunächst zur objektiv-sachlichen Selbstprüfung der Angelegenheit auffordern.

Sollten die gemeindlichen Entscheider nach objektiver und sachgerechter Prüfung des Sachverhalts – sofern dies überhaupt mit vertretbarem Aufwand möglich ist – zum Schluss kommen, dass er ganz offensichtlich (!) Unrecht getan hat, dann muss auch der angeklagte Bruder – ungeachtet des oben angesichts des Klägers und seiner Verpflichtung gesagten(!) dazu ermutigt werden, echtes, nicht vermeintliches(!) Unrecht wiedergutzumachen und zu bekennen – oder sich vielleicht sogar vom Kläger übervorteilen zu lassen, wenn kein offensichtliches Unrecht begangen wurde, und zwar um o.a. Punkte willen.

III. Es gibt keinen Rechtsstreit zwischen  ‚zerbrochenen‘, geistlich gesinnten Geschwistern in einer treuen, geistlich gesinnten Gemeinde!

  1. Es geht bei solchen Streitigkeiten in erster Linie nicht um „Recht haben“ oder „nicht Recht haben“! Es geht um das Herz und die geistliche Gesinntheit der zwei Parteien – und vorallem um die Herrlichkeit‘/Verherrlichung Gottes!

  2. Wenn der Kläger als Erster – unabhängig von „Recht haben“ oder „nicht Recht haben“ seiner Verpflichtung aus dem Wort Gottes nachkommt, zur Verherrlichung Gottes den besseren Weg zu gehen nachkommt, gibt es also keinen Rechtstreit!

  3. Wenn der „Angeklagte“ zudem auch bereit ist, demselben göttlichen Prinzip und Gebot zu folgen und entweder evtl. offensichtliches Unrecht zu bekennen oder „sich lieber übervorteilen zu lassen“ dann gibt es Versöhnung statt Rechtsstreit!

  4. Wenn (2.) oder (3.) noch nicht gegeben sind muss die Gemeindeihrer Verantwortung nachkommen und– in liebender Gesinnung mit den gebotenen mehrstufigen Erziehungmaßnahmen – bemüht sein, dass beide Parteien sich entsprechen oben genannter Punkte gütlich einigen, sich gegenseitig evtl. Sünden vergeben und die sich gegenseig höherachtende, liebende geschwisterlich Liebesbeziehung wieder herstellen und aktiv pflegen.

    1. So wird jedem auch in der Zukunft klar, dass es in der Gemeinde Jesu keinen Rechtsstreit zwischen Geschwistern geben kann, wie auch Paulus, vom Hl. Geist getrieben, es versucht zu verdeutlichen.

    2. Nur, wenn jeder weiß, dass in der Gemeinde ein vorgebrachter „Rechtsstreit“ nicht nach den Maßstäben der Welt (Recht haben vs. Unrecht haben beurteilt wird, werden Geschwister dazu ermutigt, alles daran zu setzen, Meinungsverschiedenheiten geistlich, gütig, den Herrn verherrlichend zu lösenund so Sein Wesen im Kontrast zum Weltsystem zu veranschaulichen.

    3. Und letztlich kann nur so vermieden werden, dass der Herr irgendwann den „Leuchter“ – die betroffene örtliche Gemeinde „wegstößt“ (Off 2:5), weil sie ihre Zweckbestimung und ihren Auftrag, Gegengesellschaft und hellstes Licht in der Finsternis des Weltsystems zu sein, vernachlässigt oder aus falschen Rücksichtnahme nicht nachkommen will.

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Siehe auch:

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