Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (15)

Die „Downgrade“ Kontroverse

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


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KAPITEL 15 (Schluß)

Die Grundfeste der Wahrheit

— Schlußwort & Aufruf —

Falls sich mein Kommen verzögern sollte, sollst du wissen, wie man wandeln soll im Haus Gottes, welches die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit. (1Tim. 3,15)

 

Was ihr habt, das haltet fest

Jedem wahren Nachfolger Christi ist der Glaubenskampf verordnet, ganz gleich welche Stellung er im Leib Christi, der Gemeinde des lebendigen Gottes, innehat. Der Herdentrieb ist ein Verhaltensmuster, das unter Menschen im Allgemeinen weit verbreitet ist. Doch auch unter den Erlösten schleicht sich Oberflächlichkeit und Bequemlichkeit allzu leicht ein, so dass Treue für den Herrn der Loyalität zu einer Denomination, einem vermeintlich „gesegneten Gottesmann“ oder althergebrachten, nicht immer biblisch begründbaren Traditionen weicht. Allen wahren Christen, jedem einzelnen Nachfolger des Herrn, gilt Gottes Wort: „Was ihr habt, das haltet fest, bis ich komme!“ (Offb 2,25). Das griechische Wort für festhalten in diesem Vers ist krateo und bedeutet etwas mit aller Kraft festhalten. Halbherzigkeit war noch nie eine Frucht des Geistes. Entschiedenheit, heilige Radikalität in der Nachfolge, Hingabe von ganzem Herzen indessen zeichneten im Lauf der Geschichte der Christenheit all jene aus, die für den Herrn etwas bewirkten, was Ewigkeitswert hat.

Spurgeon war ein Mann, der mit aller Kraft am alten Evangelium festhielt. Die Grundfeste biblischer Wahrheiten wie die Trinitätslehre, die Gottheit Jesu Christi, die leibliche Auferstehung Christi und aller Menschen zum ewigen Heil oder ewigen Gericht, der stellvertretende Sühnetod Christi, die Irrtumslosigkeit, Inspiration und Unfehlbarkeit der Heiligen Schrift waren für ihn unaufhebbares und kostbares Gut jeder wahren christlichen Gemeinschaft. Konsequenterweise schloss die Bejahung dieser fundamentalen christlichen Lehren die Verwerfung der liberalen Theologie ein, die nicht nur diese Grundfeste verneinte, sondern menschliche Philosophie, liberale Bibelkritik sowie Humanismus dem wahren biblischen Glauben gleichstellten und daraus ein „anderes Evangelium“ machten (Gal 1,6-9). Spurgeon ist ein Vorbild für alle, die sich als gute Streiter Jesu Christi für die Wahrheit und gegen den Irrtum positionierten.

Die Parallelen zur Downgrade Kontroverse unter heutigen Evangelikalen könnten nicht offenkundiger sein. Bewegungen, christliche Ausbildungsstätten, Missionsgesellschaften und christliche Publizisten und Verlage bieten unter dem Etikett „evangelikal“ oder „bibeltreu“ vieles an, was mit dem klassischen Evangelikalismus bis in die 1950er Jahre des letzten Jahrhunderts oder dem Anspruch des Begriffs „Bibeltreue“ unvereinbar ist. Der Evangelikalismus unserer Tage ist geprägt von der Neigung, das alte Evangelium zu verneinen und das Haus des Glaubens auf dem Flugsand progressiver oder postmoderner Theologien zu errichten. Die Emerging Church Bewegung, die seit den 1990er Jahren Fuß gefasst hat, ist hierfür ebenso ein Beispiel wie die neuen kontextualisierten Missionsmodelle, die überall um sich greifen. Offen diskutiert man heute über Dinge, die noch vor zwei Jahrzehnten überhaupt kein Thema waren, da für einen biblisch denkenden Menschen mit dem christlichen Glauben völlig unvereinbar.

Zu Lehrpositionen, die Konsens unter klassischen Evangelikalen von einst waren und heute kontrovers diskutiert werden, zählen die Neuordnung der Lehre der Ehe und Familie sowie der sexuellen Orientierung des Menschen, der stellvertretende Sühnetod Christi am Kreuz, der Auftrag der Mission im Sinne der Verkündigung des Evangeliums, die absolute Autorität der Heiligen Schrift, die Lehre der Hölle, die Jungfrauengeburt, die Gottheit Jesu Christi, die Exklusivität des christlichen Heilsweges. Im Gefolge dieser allgemeinen Abkehr von zentralen biblischen Wahrheiten erhebt sich das noch hässlichere Gesicht der eigentlichen Wurzel dieser gegenwärtigen Entwicklung: der Mangel an Gottesfurcht und damit der Ehrfurcht vor Gottes Wort. Dies führt zu Oberflächlichkeit, Verweltlichung und Lässigkeit (Jer 48,10). Der Mensch mit seinen Bedürfnissen und Vorlieben wird in den Mittelpunkt gerückt, Gott wird seiner zentralen Stellung im Glauben beraubt und darf sich als Erfüller menschlicher Wünsche erweisen.

Überdies greift der Geist des Universalismus und der Allversöhnung schleichend um sich. In einer nie dagewesenen Form lassen sich Evangelikale in den Sog eines Ökumenismus hineinziehen. Was in Gottes Augen Gotteslästerung und Götzendienst ist, die Anbiederung oder gar offene Verbrüderung mit dem Katholizismus, anderen Religionen wie dem Islam – das Schlagwort „abrahamitische Ökumene“ geistert durch die vernebelten Sinne von Theologen, auch evangelikaler Theologen – oder christlichen Sekten wie den Mormonen, ist heute keine Seltenheit mehr, sondern wird in vielleicht wenigen Jahren Konsens der meisten sogenannten „Evangelikalen“ sein.

Das seit Jahrzehnten verbreitete Credo „Lehre trennt, Liebe eint“ zeigt seine Wirkung bei der Masse der schlummernden Christen. Ja, es stimmt, zu viel Streit wurde und wird um zweitrangige Lehrfragen vom Zaun gebrochen, und all jene, die aufgrund von Lehrmeinungen Spaltungen in Gemeinden, Denominationen und unter Geschwistern hervorrufen, müssen sich einmal vor Gott verantworten. Das Pauluswort „seid eifrig bemüht, die Einheit des Geistes zu bewahren durch das Band des Friedens“ (Eph 4,3) wird jedem Erlösten einmal vor Augen geführt, wenn Gott am Preisrichterstuhl „das Verborgene der Menschen durch Jesus Christus richten wird nach dem Evangelium“ (Rö 2,16). Viele verwechseln Bibeltreue mit Besserwisserei oder Rechthaberei. Spurgeon ging es niemals um seine persönlichen Lehrüberzeugungen sondern stets um die Fundamente, die über alle theologischen Lager hinaus unerlässlich waren, um Gott gewollte Einheit zu begründen. Und es gilt, was Werner de Boor einmal treffend auf den Punkt brachte: „Wer um jeden Preis recht behalten und als Überlegener dastehen will, kann nicht mehr ernsthaft nach der Wahrheit fragen.“1 Absonderung tut heute not, aber es muss die rechte, die biblische Absonderung sein, nicht fleischliche Spaltung.

Fest im Herzen dem Evangelium anhängen

„Evangelikal“ hat mit dem „Evangelium“ zu tun. Das Evangelium ist Gottes Wort der Wahrheit. Niemand hat das Recht, sich über Gottes Wahrheit zu stellen und diese zu entstellen, zu verwässern oder eigenmächtig umzudeuten. Wir müssen wissen, „wie man wandeln soll im Haus Gottes, welches die Gemeinde des lebendigen Gottes ist, der Pfeiler und die Grundfeste der Wahrheit“ (1Tim 3,15).

Spurgeon predigte im September 1878 unter der Überschrift What the Church Should be (Was die Gemeinde sein sollte) über 1Timotheus 3,15 und machte schon viele Jahre vor der Downgrade Kontroverse deutlich: „Es gibt eine Synagoge Satans, und es gibt eine Gemeinde Gottes. Es gibt sogenannte Gemeinden, die nicht von Gott sind, sondern nur seinen Namen für sich beanspruchen. Aber was für eine Ehre ist es, zur Versammlung Gottes zu gehören…“2 Die Gemeinde ist niemals eine „Erfinderin von Wahrheit“, sondern die Grundfeste göttlicher Wahrheit. Über die „Synagogen Satans“ führte Spurgeon ironisch aus: „Heute ist die Gemeinde Gottes wohl zu einer Denkfabrik, zu einer Schule von Erdichtungen geworden, wo schlaue Leute ein neues Evangelium für eine neue Zeit ausdenken oder wo sie sich wie Spinnen ein neues Netz spinnen, da das alte zerrissen ist. Wir bewundern jene, die mit der Zeit gehen und auf der Höhe der wunderbaren Fortschritte des 19. Jahrhunderts sind.“3 Und weiter predigte Spurgeon mit fester Überzeugung: „Die Wahrheit ist in sich selbst wahr, und hat ihren Ursprung in Gott selbst. Die Gemeinde wird hier nicht als letztgültige Quelle der Wahrheit beschrieben, denn die Grundlage der Säule der Wahrheit ruht auf einem Felsen, und die Gemeinde ruht auf Gott, dem Felsen aller Zeiten.“4

Seine Predigt beendete Spurgeon mit einem Vers aus dem Kirchenlied Let Everlasting Glories Crown von Isaac Watts, weil keine anderen Worte „ein besserer Schluss für seine Predigt hätten sein können“:

Wenn alle Heimtücke, die Menschen kennen,

meinen Glauben mit listiger Kunst bedrängen,

werde ich sie Nichtigkeit und Lüge nennen

und fest im Herzen dem Evangelium anhängen.5

 

Anmerkungen

  1. Werner de Boor, Wuppertaler Studienbibel – Der Zweite Brief des Paulus an die Korinther, Brockhaus Verlag Wuppertal, 1983, S. 252.
  2. Charles Spurgeon, What the Church Should be, Predigt im Metropolitan Tabernacle, London, 29. September 1878.
  3. Ebd.
  4. Ebd.
  5. Should all the forms that men devise, Assault my faith with treacherous art, I’ll call them vanity and lies, And bind the gospel to my heart.

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© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors vervielfältigt, gespeichert oder in irgendeiner Form – unter Verwendung elektronischer Systeme, in Druck oder als Fotokopie – verbreitet werden mit Ausnahme von kurzen Zitaten.

Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

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4 empfehlenswerte weiterführende Bücher:

(1) Manuel Seibel; Auserwählt in Christus (CSV)

Eine sachlich neutrale Aufarbeitung der Diskussion  „Auserwählung“ („Calvinismus“) vs. „Freier Wille“ (Arminianismus“), die die Spannung und der scheinbare Widerspruch zwischen der Auserwählung Gottes und der Verantwortung des Menschen gut und biblisch fundiert erklärt.

(2) E. Lutzer; Einig in der Wahrheit? – Grundlegende Kontroversen in der Geschichte des Christentums (CV)

Erwin Lutzer untersucht die geschichtlichen Hintergründe solcher trennenden Glaubenslehren und liefert den biblischen Befund dazu. Dabei geht es ihm nicht um Nebensächlichkeiten, die man im Interesse der Einheit ignorieren kann. Er behandelt Fragen, die zum Kern des Evangeliums gehören, und entfaltet, mit welchen Argumenten die Kontroversen geführt wurden und warum sie notwendig waren. Der Autor hilft uns, die historische Entwicklung der christlichen Konfessionen und aktuelle Diskussionen besser zu verstehen

(3) Iain H. Murray; C. H. Spurgeon – wie ihn keiner kennt (RVB)

Der Verfasser dieser ausgezeichneten Arbeit hat das eigentliche Anliegen Spurgeons aus seinen Predigten und seinem Lebenswerk herausgearbeitet und zeichnet die Hauptlinien seines geistlichen Denkens anhand der drei großen Kontroversen nach, in die Spurgeon verwickelt war. Vielleicht ist dieses Buch deshalb so aufwühlend, weil es die heutige, bedenkliche Krise der Evangelikalen so deutlich widerspiegelt.

(4)  C.H.Spurgeon – Alles zur Ehre Gottes (Autobiographie, CLV)

Diese Autobiographie ist nicht nur das interessante Lebensbild eines der bedeutendsten Prediger des 19. Jahrhunderts, sondern auch das anspornende Zeugnis eines Mannes, der seine Begabung restlos in den Dienst Gottes stellte, dessen Ehre er suchte und für dessen Wahrheit er kompromisslos kämpfte.

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