Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (12)

Die „Downgrade“ Kontroverse

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


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KAPITEL 12 von 15

Der wesentliche geistliche Unterschied

(The Sword and the Trowel Dezember 1888)

Und nimm kein Bestechungsgeschenk an! Denn das Bestechungsgeschenk macht die Sehenden blind und verkehrt die Sache der Gerechten. (2Mose 23,8)

Eindeutige Trennung von offenem Übel

In der Dezemberausgabe 1888 von The Sword and the Trowel ging Spurgeon auf die anhaltende Debatte in der London Baptist Association ein, ob ein Glaubensbekenntnis unerlässlich sei oder nicht. Im Zusammenhang mit dieser Debatte fiel regelmäßig der Name Spurgeon, so als ob er „Anlass dieser ganzen Kontroverse war oder zumindest der Auslöser.“ Spurgeons Reaktion: „Dies ist nicht wahr. Ich habe Anteil an den Kämpfen der rechtgläubigen Brüder genommen; aber ich habe weder jemals den Rat erteilt, daraus einen Konflikt zu machen, noch habe ich die leiseste Hoffnung, dass dies erfolgreich sein würde. Meine Ziele waren andere. Sobald ich erkannte oder meinte zu erkennen, dass der Irrtum sich festgesetzt hatte, überlegte ich nicht mehr lange, sondern verließ sofort den Bund. Seit dieser Zeit war mein einziger Ratschlag: Geht aus ihrer Mitte hinaus.“ Spurgeon war überzeugt: „Ich hatte den Eindruck, dass kein Protest besser sein könnte als der der eindeutigen Trennung von offenem Übel.“

Spurgeon lässt noch tiefere Einblicke in die Motive seines Handelns zu: „Ich habe dem Bund [der Baptisten] niemals das anmaßende Bestechungsgeld meiner persönlichen Rückkehr angeboten, sollte er ein Glaubensbekenntnis verabschieden; im Gegenteil, ich teilte den Vertretern des Bundes mit, dass ich nicht zurückkehre, bis ich sehe, wie sich die Dinge entwickeln“ (Sword & Trowel, Dezember 1888). Die Entscheidung Spurgeons, die Baptist Union zu verlassen, war für ihn mehr oder weniger endgültig. Er hatte den Brüdern ausdrücklich erklärt, dass er seine Entscheidung nicht zurücknehmen werde, auch nicht in dem Falle, dass der Bund sich zu einem Glaubensbekenntnis durchringen würde.

Was die elementaren Wahrheiten anging, wiederholte Spurgeon seine Forderung: „Wir meinen, dass es einige große Wahrheiten gibt, die für den christlichen Glauben wesentlich sind, und wir sind nicht der Auffassung, dass es richtig ist, in Gemeinschaft mit denen zu bleiben, die diese Wahrheiten ablehnen… Die betreffenden Punkte waren sicherlich elementar genug, und es war kein Wunder, dass einer der Brüder ausrief: ‚Möge Gott jenen helfen, die diese Dinge nicht glauben! Wie wird es mit ihnen enden?‘“ (ebd.). Für Spurgeon war die Lehre der Gottheit Jesu und sein stellvertretender Sühnetod unerlässliche Bedingung, um Teil einer christlichen Gemeinschaft zu sein. Die Glaubenstaufe ohne den Glauben an fundamentale christliche Lehren war aus der Sicht Spurgeons zu wenig, um wahre christliche Gemeinschaft aufrechtzuerhalten.

Die Armee der Neutralen

Für Spurgeon war es unverständlich, wie man die Glaubenstaufe als einziges Kriterium für die Aufnahme in den Baptistenbund akzeptieren konnte. Überdies war es für ihn unbegreiflich, wie diejenigen im Baptistenbund verbleiben konnten, die einerseits Irrlehren ablehnten, um indes andererseits Grundwahrheiten des Evangeliums einzufordern, wohlwissend, dass es zu jenem Zeitpunkt viele „progressive“ Brüder im Bund gab, die zu Vertretern der „modernen“ Theologie zählten: „Bis zu dieser Stunde muss ich bekennen, dass ich das Handeln beider Seiten in dieser Debatte nicht begreife, wenn man sie im reinen Licht der Logik betrachtet. Warum wollen sie zusammenbleiben? Diejenigen, die unbegrenzte Gemeinschaft mit Personen aller Glaubensschattierungen oder Zweiflern haben wollen, wären durch die Abwesenheit dieser starrsinnigen Evangelikalen, die für sie so viel Kampf bedeuteten, umso freier. Andererseits müssten die Brüder, die einen Glauben auf Lehrgrundlagen vertreten und wertschätzen, zum jetzigen Zeitpunkt erkannt haben, dass es keine geistliche Einheit zwischen ihnen und den Vertretern des neuen Glaubens geben kann, ganz gleich, was für Vereinbarungen man treffen würde. Sie müssten ferner eingesehen haben, dass der Versuch einer Übereinkunft, die man stillschweigend zweideutig verstehen kann, weit davon entfernt ist, für beide Parteien als edles und reines Handeln zu betrachten. Die Brüder in der Mitte sind die Quelle für dieses Aneinanderhängen unstimmiger Gruppen. Diejenigen, die für Frieden um jeden Preis stehen, die sich selbst überzeugen, dass kaum etwas falsch läuft, denen es vor allem darum geht, bestehende Institutionen zu bewahren, diese sind die lieben Leute, die die kampfmüden Geschwister dazu verleiten, einen weiteren aussichtslosen Versuch zu unternehmen, einen Bund zu schmieden, der naturgemäß doch unhaltbar ist. Wenn beide Seiten ihrem Gewissen untreu sein könnten, oder wenn das herrliche Evangelium gänzlich in Frage gestellt werden könnte, dann wäre ein Bündnis möglich; aber da beide Dinge nicht möglich sind, gibt es anscheinend keinen Grund, einen Bund aufrechtzuerhalten, für den es keine Rechtfertigung gibt und der kein Ergebnis hervorbringen wird, das es wert wäre, da es keine lebendige Wahrheit beinhaltet. Der Wunsch nach Einheit ist erstrebenswert. Gesegnet sind diejenigen, die ihn fördern und bewahren! Aber es gibt neben der Einheit andere Dinge, die zu beachten sind, und manchmal mögen diese Dinge sogar wichtiger sein“ (ebd.).

„Heute gibt es zwei Parteiungen in der Glaubenswelt und eine Vielzahl derer, die eine Mischung aus beidem sind, die es aus verschiedenen Gründen ablehnen, sich zu der einen oder anderen Parteiung zu zählen. In dieser Armee der Neutralen sind viele, die nicht das Recht haben, dort zu sein; aber wir wollen nicht über sie sprechen. Der Tag wird jedoch kommen, wenn sie ihrem Gewissen Rechenschaft ablegen müssen. Wenn das Licht unter ihnen erlöscht, dann werden sie es bedauern, dass sie nicht willig waren, das Licht leuchten zu lassen oder zu erkennen, dass die Flamme schwächer wurde“, so Spurgeon (ebd.). Der Ruf nach „Freiheit“ im Zeitalter der Erleuchtung des 19. Jahrhunderts verleitete die Progressiven dazu, die Treuen im Herrn abschätzig als „Fossile“ des 16. Jahrhunderts zu bezeichnen. Doch diese Fossile waren die treuen Nachfolger Christi: „Das bedeutet, es sind Gläubige an den Herrn Jesus Christus, die erkennen, dass das wahre Evangelium nicht das neue Evangelium ist, sondern das gleiche, gestern, heute und in Ewigkeit. Diese glauben nicht an ‚progressive Ansichten‘, sondern sie sind zu dem Schluss gekommen, dass die Auffassung von Wahrheit, die eine Seele im zweiten Jahrhundert errettete, auch heute noch Seelen erretten kann, und dass eine Art von Lehre, die bis vor wenigen Jahren unbekannt war, von sehr zweifelhaftem Wert ist und aller Wahrscheinlichkeit ‚ein anderes Evangelium ist‘“ (ebd.).

Eine „Gleitskala der Theologie“ war für Spurgeon ein Luftschloss. „Es geht nicht nur um Lehraussagen – es gibt einen wesentlichen geistlichen Unterschied zwischen den alten Gläubigen und den Männern mit neuen und progressiven Ansichten. Der Christenmensch hat dies sehr schnell und schmerzhaft erfahren. Selbst wenn er Glück genug hatte, dem Hohn der Kultivierten und dem Spott der Philosophen zu entgehen, wird er erleben, dass seine tiefsten Überzeugungen in Frage gestellt werden und seine klarsten Glaubensüberzeugungen verdreht werden von jenen, die sich als ‚denkende Menschen‘ bezeichnen. Wenn ein Text aus dem Wort Gottes seinem Herzen besonders lieb geworden ist, muss er sich anhören, wie die Authentizität dieses Wortes in Zweifel gezogen wird, wie die Übersetzung in Frage gestellt wird oder wie der Bezug zum Evangelium verneint wird. Er wird auf dem dunklen Boden modernen Denkens nicht sehr weit kommen, bis er herausfindet, dass die Wirksamkeit von Gebet und Gottes Vorsehung in Frage gestellt und die besondere Liebe Gottes verneint wird. Er wird sich als Fremder in einem fremden Land fühlen, wenn er von seinen Glaubenserfahrungen und von den Wegen Gottes spricht. Aller Wahrscheinlichkeit nach, sofern er seinem alten Glauben treu bleibt, wird er sich fremd fühlen, wie eine Seele unter Löwen. Wozu dienen all diese Anstrengungen für einen hohlen Frieden, wenn der Geist der Gemeinschaft nicht mehr vorhanden ist?“ (ebd.).

Das Recht, sich zu vereinen, schloss für Spurgeon ebenso das Recht darauf ein, sich von anderen zu trennen. Aber für ihn ging es um mehr als nur das Recht, sich von den Progressiven abzusondern: „Auf jeden Fall, koste es, was es wolle,: sich von denjenigen zu trennen, die sich von der Wahrheit Gottes trennen, ist nicht nur unsere Freiheit, sondern es ist unsere Pflicht“ (ebd.). Spurgeon hatte sich klar und entschieden für die Wahrheit und gegen den Irrtum ausgesprochen, und er war bereit, „alleine zu bleiben, bis auf den Tag, an dem der Herr das Verborgene der Herzen richten wird“ (ebd.).

Steht fest

Unter der Überschrift „STEHT FEST“ rief Spurgeon seine Leser dazu auf: „Versagen an einem entscheidenden Lebensabschnitt mag den Verlauf eines ganzen Lebens trüben. Ein Mann, der besonderes Licht empfangen hat, wird mutig, dem Herrn zu folgen, und er wird gesalbt, andere zu führen. Er wird unter den Gottesfürchtigen geliebt und geschätzt, und dies fördert seinen Fortgang unter den Menschen. Was folgt daraus? Er ist versucht, auf seine Position, die er erlangt hat, zu achten und nichts zu tun, was sie gefährden könnte. Der Mann, der bis vor kurzem ein Mann Gottes war, macht mit Weltmenschen Kompromisse und erfindet eine Theorie, durch die diese Kompromisse gerechtfertigt oder sogar empfohlen werden, um sein Gewissen zu beruhigen. Er empfängt das Lob der ‚Klugen‘; er ist in Wahrheit zu den Feinden übergelaufen. Die ganze Kraft seines früheren Lebens wird auf den Kopf gestellt. Wenn der Herr ihn genug liebt, wird seine Geißel ihn auf seinen Platz zurücktreiben; wenn dies nicht der Fall ist, wird er mehr und mehr den Verdrehungen erliegen, bis er zu einem Führer unter jenen wird, die sich gegen das Evangelium stellen. Um uns vor einem solchen Ende zu bewahren, müssen wir immer fest stehen“ (ebd.).

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© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

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Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

 

Empfehlenswerte Begleilektüre:

Iain H. Murray; C. H. Spurgeon – wie ihn keiner kennt

C.H.Spurgeon – Alles zur Ehre Gottes (Autobiographie)

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