Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (11)

Die „Downgrade“ Kontroverse

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


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KAPITEL 11 von 15

Wahrheit bindet

(The Sword and the Trowel Oktober 1888)

Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.   (Psalm 119:160)

Teilhaberschaft am Irrtum macht es unmöglich, dagegen anzugehen

In den Notizen zur Oktoberausgabe 1888 von The Sword and the Trowel schreibt Spurgeon: „Jeder Tag bringt mehr und mehr den Beweis ans Licht, dass sich der Unglaube bedauerlicherweise in die kongregationalistischen und baptistischen Gemeinden hineinfrisst, während viele dem Herrn treu bleiben. Es sind nicht nur die Prediger, die die modernen Erfindungen angenommen haben, sondern in manchen Fällen, in denen der Pastor den evangelikalen Lehren treu bleibt, sind es die Diakone und leitenden Brüder, die sich den neuen Theorien zugewandt haben. Die Inspiration der Heiligen Schrift in dem Sinne, dass es das unfehlbare Wort Gottes ist, wird nicht mehr von allen geradlinig vertreten, die sich wünschen, als evangelikal betrachtet zu werden. Dies ist die bedenklichste Entwicklung von allen, da sie die Fundamente des Glaubens zerstört. Wir bringen keine überhasteten Anschuldigungen vor, sondern nur das, was wir wissen. Und diejenigen, von denen dies bekannt ist, wissen, dass wir die Wahrheit sagen. Die unterschiedlichen Ansichten über die kommenden Dinge, die heute vorherrschen, sind naturgemäß mit anderen Irrtümern verbunden oder bringen diese logischerweise mit sich. Die Tür ist offen, und Falschheit kann vielfältig eintreten. Eine Reihe guter Brüder bleibt in Gemeinschaft mit jenen, die das Evangelium unterlaufen, und sie sprechen von ihrem Verhalten, als ob es ein Handeln in Liebe sei, das der Herr am Tag seines Erscheinens gutheißen werde. Wir können sie nicht verstehen. Die Pflicht und Schuldigkeit eines wahren Gläubigen gegenüber Menschen, die von sich behaupten, sie seien Christen und die dennoch das Wort des Herrn verleugnen und die Fundamente des Evangeliums verwerfen, ist es, aus ihrer Mitte auszugehen. Wenn gesagt wird, dass man Anstrengungen unternehmen muss, eine Reformation hervorzubringen, stimmen wir ihnen zu; aber wenn man weiß, dass es sinnlos ist, welchen Nutzen hat dies? Wo Irrtum zugelassen oder sogar eingeladen wird, und wo die Entschlossenheit fehlt, diese Grundlage nicht zu verändern, kann nichts mehr innerhalb einer Gemeinschaft getan werden, das zu einer radikalen Veränderung führt. Eine evangelikale Gruppierung kann das Übel nur unterdrücken und zeitweise verbergen; aber in der Zwischenzeit wuchert die Sünde durch den Kompromiss, und auf Dauer kann daraus nichts Gutes entstehen. In der Gemeinschaft mit allen Glaubensvorstellungen zu verbleiben, in der Hoffnung, dass die Dinge sich regeln lassen, ist so, als ob Abraham in Ur geblieben wäre oder in Haran, in der Hoffnung, dass sich seine Verwandtschaft bekehren würde, aus der er herausgerufen wurde.“

Spurgeon fasst die oben beschriebene Situation prägnant in diesen Worte zusammen: „Teilhaberschaft am Irrtum macht es den besten Leuten unmöglich, erfolgreich dagegen anzugehen. Wenn irgendeine Gemeinschaft Irrende unter sich hat und wir die Entschlossenheit zeigen, gegen sie im Namen des Herrn vorzugehen, dann könnte man Dinge in Ordnung bringen. Aber Gemeinschaft nach dem Prinzip, dass alle ein Teil davon sein können, ganz gleich welche Auffassungen sie vertreten, ist Untreue gegenüber der Wahrheit Gottes. Wenn Wahrheit optional wird, dann kann jeder Irrtum entschuldigt werden“ (Sword & Trowel, Oktober 1888).

Spurgeon betont, dass es nicht so sehr um diesen oder jenen Irrtum geht, sondern dass es um das Prinzip geht. „Es ist etwas entweder für den wahren Glauben grundlegend – eine Wahrheit, die geglaubt werden muss –, oder alles wird dem Belieben des Menschen freigestellt. Wir glauben an die erste dieser beiden Prinzipien, und folglich können wir keine Glaubensgemeinschaft mit jenen pflegen, die letzteres Prinzip als akzeptabel erachten. Diejenigen, die so denken wie wir, sollten danach handeln, koste es, was es wolle. Der Herr möge ihre Entscheidungen führen und sie von aller Diplomatie und allen Zwischenlösungen befreien!“ (ebd.). Spurgeons Wunsch bestand in der „Bewahrung und Verbreitung des Evangeliums unseres Herrn Jesus“ (ebd.). Die Lage unter den Evangelikalen im Herbst des Jahres 1888 fasst Spurgeon mit diesen Worten zusammen: „Allgemein kann gesagt werden, dass Gemeinden, die sich zum Unitarismus [Ablehnung der Trinitätslehre und der Gottheit Jesu Christi] bekennen oder antievangelikal sind, schrumpfen. Die Old General Baptists waren rapide dem Untergang geweiht, nachdem sie sich von den Evangelikalen trennten, wohingegen die Evangelikalen schnell wuchsen. Der Plan des Feindes ist es, heute die Eier des Irrtums in die Nester unserer Gemeinden zu legen. Der Feind erhofft sich, dass diese neue Lehre sich im Verborgenen unter jenen Leuten ausbreitet, die so tolerant gegenüber falscher Lehre sind, wie es viele Baptisten und Kongregationalisten derzeit sind; wenn sich falsche Lehre einmal festgesetzt hat, dann wird sie kaum noch zu beseitigen sein. Dieser Plan ist ein sehr listiger, und wahrscheinlich wird er erfolgreich sein. Es ist schwer, Sauerteig aus einem Teig zu isolieren und sehr einfach, ihn in den Teig zu mischen. Dieser Sauerteig ist bereits am Wirken. Dass wir es wagen, diesen verborgenen Plan ans Licht zu bringen, ist vielen unangenehm, und natürlich bringt uns das viel Beschimpfung. Aber dies bedeutet uns nichts, solange die Plage aufgehalten wird“ (ebd.).

Erneut entkräftet Spurgeon den Vorwurf, er wolle anderen Gemeinden „ein enges Glaubensbekenntnis aufzwingen“ (ebd.). Er als Calvinist forderte von niemandem, ein calvinistisches Glaubensbekenntnis anzunehmen. Vielmehr war es geboten, dass die Baptist Union einerseits die grundlegenden Prinzipien des Glaubens formulierte und andererseits die Irrtümer klar benannte. „Es ist reine Heuchelei, wenn wir rufen: ‚Wir sind evangelikal, wir sind evangelikal‘ und uns doch weigern zu sagen, was evangelikal bedeutet. Wenn die Leute wirklich evangelikal sind, haben sie Gefallen daran, die Wahrheit der Guten Botschaft, von der sie ihren Namen ableiten, zu verkünden“, so Spurgeon (ebd.).

Schwarz ist weiß und weiß ist schwarz

Wie bösartig manche der Angriffe auf Spurgeon waren, zeigt, dass manche ihm unterstellten, seine Gichterkrankung mache ihn zu einem bitteren, überspannten Frommen. Schon 1874 predigte Spurgeon vor den Bibelschülern seiner Gemeindebibelschule: „Einige Dinge sind wahr, und einige Dinge sind unwahr. Ich betrachte dies als einen Grundsatz allgemeiner Geltung. Aber es gibt viele Leute, die das nicht glauben. Das gegenwärtige Prinzip dieses Zeitalters scheint zu sein: ‚Einige Dinge sind entweder falsch oder richtig, je nach dem Blickwinkel, aus dem man diese Dinge betrachtet. Schwarz ist weiß und weiß ist schwarz, je nach Umstand, und es kommt nicht besonders darauf an, wie man etwas nennt. Wahrheit ist natürlich wahr, aber es wäre unhöflich zu sagen, dass das Gegenteil eine Lüge ist. Wir sollten nicht so überfromm sein und uns an das Motto erinnern: Es gibt so viele Meinungen wie Menschen… Die Schule des modernen Denkens verspottet und verlacht die positive Einstellung der Reformatoren und Puritaner; sie schreitet in ihrer herrlichen Liberalität und wird in Kürze eine Allianz zwischen Himmel und Hölle schmieden, oder, vielmehr, eine Mischung aus beiden Richtungen auf der Grundlage gegenseitiger Zugeständnisse, indem sie es zulässt, dass Wahrheit und Lüge Seite an Seite stehen wie der Löwe an der Seite des Lammes. Trotzdem bin ich in meinem altmodischen Glauben überzeugt, dass einige Lehren wahr sind und dass Aussagen, die diesen völlig widersprechen, nicht wahr sind.“1 Die ersten Anzeichen der Auseinandersetzung zwischen den konservativen Evangelikalen und den progressiven Liberalen zeichnete sich demnach bereits über ein Jahrzehnt vor der Downgrade Kontroverse ab. Spurgeon blieb sich seiner Linie und Gottes Wort treu: Einige Lehren sind wahr, und Aussagen, die diesen völlig widersprechen, sind nicht wahr!

Anmerkungen

  1. Charles Spurgeon, The Need of Decision for the Truth, veröffentlicht in The Sword and the Trowel, März 1874.

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© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

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Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

 

Empfehlenswerte Begleilektüre:

Iain H. Murray; C. H. Spurgeon – wie ihn keiner kennt

C.H.Spurgeon – Alles zur Ehre Gottes (Autobiographie)

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