Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (4)

Die „Downgrade“ Kontroverse

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


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KAPITEL 4 von 15

Heiliges Pflichtgefühl

(The Sword and the Trowel November 1887)

Eine Treue kann die andere ausschließen. Wo die Bewährung der einen durch die Verletzung der anderen erkauft werden muss, da wird freilich immer ein bitterer Beigeschmack bleiben; aber gerade der, der diesen Beigeschmack am bittersten empfindet, wird aus den reinsten Beweggründen heraus gehandelt haben. (Theodor Fontane)

Einheit auf Kosten der Wahrheit ist Verrat am Herrn Jesus Christus

In der Novemberausgabe 1887 von The Sword and the Trowel lässt Spurgeon seine Leser wissen, dass er der Downgrade Controversy überdrüssig sei. Er zitiert einen Freund, der ihn bereits im März darauf hingewiesen hatte, dass sich eine Person, die geistlich klare Kante zeigt, „keine Ehre verschaffen würde, sondern ein Heer von Feinden. Wir glaubten seiner Prophetie und rechneten damit, als wir vorangingen, denn ein ernstes Pflichtgefühl drängte uns dazu. Das Ergebnis war nicht anders, als wir erwarteten: die Reaktionen, die unser Protest ausgelöst hat, sind weder besser oder schlechter als wir erwartet hatten. Möglicherweise haben wir persönlich mehr Respekt empfangen, als wir erwarten konnten.“

Die öffentlichen Reaktionen von Predigern und Bibellehrern beschränkte sich darauf, einzuräumen, dass es hie und da ein Übel gäbe, was aber so geringfügig sei, dass es nicht wert wäre, seine Stimme zu erheben. Mit anderen Worten, viele hielten Spurgeons Kritik für überzogen. Spurgeon analysierte auch das Verhalten der vielen Unentschiedenen, die sich als neutral erweisen wollten: „Viele gute Menschen beklagen die Tatsache, dass Freiheit sich in einigen Fällen als Freizügigkeit erweist, aber sie trösten sich damit, dass dies im Großen und Ganzen Zeichen von Gesundheit und Kraft ist: der Zweig ist so voller Frucht, dass er über die Mauer hinausragt. Auf jeden Fall müsse der Frieden unter den Denominationen bewahrt werden, und es darf keine Misstöne geben, die zur Spaltung führen oder dazu, dass der Chor gegenseitiger Beglückwünschungen gestört wird“ (Sword & Trowel, November 1887).

Spurgeon war in seinem Dienst stets ein Befürworter von Einheit unter den Brüdern, ganz gleich welcher Denomination sie angehörten. Und bis zu einem gewissen Grad sollte jeder in der Freiheit in Christus und nach seinem Gewissen seine Entscheidungen treffen. Spurgeon wollte nicht über andere herrschen, aber er wollte auch nicht von anderen beherrscht werden. Er merkt an: „Es ist bedauerlich, dass eine solche Loyalität zur Freiheit nicht mit einer ebenso starken Entschiedenheit verbunden ist, Christus und seinem Evangelium loyal zu sein. Es wäre ein verhängnisvoller Fehler, wenn die Söhne der Puritaner sich nicht die Freiheit des Gewissens bewahren würden; aber es wäre nicht weniger als eine Schandtat, wenn sie ihr Gewissen vom Joch Christi freimachen würden. Einheit auf Kosten der Wahrheit ist Verrat am Herrn Jesus Christus. Sind wir bereit, das feierliche Bündnis und die Verpflichtung für die Kronrechte des Königs Jesus einzugehen, können wir nicht die Kronjuwelen seines Evangeliums auf dem Altar der Nächstenliebe opfern. Er ist unser Herr und Meister, und wir werden seine Worte bewahren: seine Lehre zu verfälschen, würde Verrat an ihm bedeuten. Doch fast unbewusst gleiten gute und glaubwürdige Männer in Kompromisse ab“ (ebd.).

Aus der Sicht Spurgeons waren viele unter den Neutralen noch nicht wach geworden, und es mangelte ihnen an Entschlossenheit, sich klar zu positionieren. Insbesondere in Gemeinschaft mit irrenden Brüdern verlieren sie die Bereitschaft, sich selbst zu prüfen. Um diese geistliche Lethargie zu überwinden, appellierte Spurgeon an die Unentschiedenen: „Aus diesem Grund fassen wir Mut und rufen alle Brüder in den Versammlungen und die Brüder zuhause in ihren Studierzimmern mit Ernst dazu auf, diese Angelegenheit in der Stille zu bewegen. So weit möglich bitten wir sie, den anstößigen Tadler zu ignorieren und den Tatsachen genauestens ins Auge zu sehen. Sie mögen prüfen, ob sie zu den gleichen Einsichten kommen wie wir. Wir wollen offen reden, nicht um zu provozieren, sondern um verstanden zu werden“ (ebd.).

Spurgeon wiederholte jene theologischen Lehren, die aufgegeben wurden und Anlass für die Downgrade Kontroverse waren: das stellvertretende Sühneopfer Christi, die Gottheit Jesu Christi, die Plenarinspiration der Heiligen Schrift, die Persönlichkeit des Heiligen Geistes, die biblische Schöpfungslehre, der Sündenfall des Menschen, die Rechtfertigungslehre, die Lehre der ewigen Verdammnis. Diese biblischen Grundwahrheiten wurden zugunsten der liberalen, bibelkritischen Theologie, der Evolutionslehre, humanistischer Moral und des Universalismus aufgegeben oder mit den Wahrheiten des Evangeliums vermischt. „Ja, dies ist ein erbärmliches Bild von Christen, die sich als rechtgläubig bekennen und sich mit jenen verbrüdern, die den Glauben verneinen und ihre Verachtung für jene kaum verbergen, die sich solch großer Illoyalität gegenüber Christus nicht schuldig machen. Um es sehr deutlich zu sagen, wir können Derartigesnicht als christliche Einheit bezeichnen; es erscheint uns zunehmend als ein Bündnis des Bösen. Vor dem Angesicht Gottes befürchten wir, dass sie nicht anders bezeichnet werden kann“ (ebd.).

Feinde des Kreuzes Christi

Angesichts drohender Gefahren der natürlichen Welt wie einer Feuersbrunst, so Spurgeon, sollten alle Menschen, ganz gleich ob Heiden, Papisten oder Protestanten, gemeinsam Hand anlegen, um das Feuer zu löschen und andere vor Schaden zu bewahren. Doch sofern es um bekennende Christen geht, können die Gräben unterschiedlicher Auffassungen nicht einfach übersehen werden. „Wir haben es nicht mit Spreu zu tun, die wie Weizen aussieht, sondern mit Dornen und Disteln, die öffentlich verkündigt werden“ (ebd.). Spurgeon plädierte abermals für die Einheit mit allen, die dem Herrn Jesus treu sind, auch wenn sie in sekundären Fragen laut Spurgeon andere Auffassungen vertraten. Dies ist „eine Pflicht für alle wahren Christen.“ Wer hingegen die Fundamente der Schrift oder gar die Schrift selbst in Zweifel zog, war kein „irrender Freund“, sondern „ein Feind des Kreuzes Christi.“ Und weiter schlussfolgert Spurgeon: „Wer das reinigende Blut des Christus und die Rechtfertigung aus Gnade nicht annimmt, nimmt auch Christus nicht an“ (ebd.).

Spurgeon war zutiefst überzeugt, dass wahre Gemeinschaft nur dann möglich war, wenn in den grundlegenden Lehrfragen Einigkeit herrschte. Andernfalls ist „Gemeinschaft mit offenem und grundlegendem Irrtum Teilnahme an der Sünde. Diejenigen, die die Wahrheit Gottes kennen und lieben, können sich nicht mit dem verbinden, was dieser Wahrheit völlig zuwiderläuft, und es gibt keinen Grund, dass man vorgibt, in solcher Gemeinschaft verbleiben zu können“ (ebd.). Unterschiedliche Auffassungen in zweitrangigen Lehrfragen gestand Spurgeon allen zu; diese durften aus seiner Sicht niemals ein Hindernis für wahre Einheit sein. Doch „wir schreiten zu unseren Kanzeln, um gefallene Menschen zu erretten, und wir glauben, dass sie in diesem Leben gerettet werden müssen oder für immer verloren gehen: Wie können wir uns mit jenen verbrüdern, die den Fall des Menschen leugnen und den Menschen Hoffnung machen, dass sie nach ihrem Tode errettet werden können? Diese Personen haben alle Freiheit der Welt, und wir sind die letzten, die diese beschneiden wollten; aber diese Freiheit kann nicht Zusammenarbeit von uns mit ihnen einfordern. Wenn diese Männer dies glauben, sollen sie dies verkündigen und Gemeinden und Verbände für sich selbst schaffen! Warum müssen sie in unserer Mitte sein? Wenn sie in Unkenntnis zu uns kommen und sich entschließen zu bleiben, was können wir tun? Diese Frage ist leicht beantwortet: Gewiss werden wir keinesfalls mit ihnen Gemeinschaft pflegen oder bekennen, dies zu tun“ (ebd.).

Was sollen wir tun?

„Was sollen wir tun?“, war die Frage, die Spurgeon bereits in der Oktoberausgabe von The Sword and the Trowel aufgeworfen hatte und die er im November erneut aufgriff. Jeder sollte nach seinem Gewissen handeln und die Führung des Herrn suchen. Spurgeon und seine Gemeinde hatten dies bereits getan und waren aus der Baptist Union ausgetreten. Der Baptistenbund verfügte über kein Glaubensbekenntnis, wie Spurgeon es stets forderte, und hatte aus diesem Grund keine disziplinaren Vollmachten. Im Gegenteil, aus Sicht Spurgeons hatten sich mittlerweile „Irrlehren der schlimmsten Art“ eingenistet. „Wir haben unseren Glauben in keinster Weise verändert. Als getaufte Gläubige ist unser Platz dort, wo er immer war“, so Spurgeon (Sword & Trowel, November 1887).

Schließlich greift Spurgeon die Frage auf, warum er oder andere nicht eine neue Denomination gründen sollten. „An dieser Frage haben wir überhaupt kein Gefallen. Es gibt genug Denominationen. Gäbe es neue Denominationen, würden Diebe und Räuber über die Mauern anderer Gärten klettern, und es wäre nichts gewonnen. Ferner besteht diese Notwendigkeit nicht für Gemeinden, die selbstständig sind“ (ebd.). Jede Gemeinde und jeder Christ musste für sich selbst entscheiden, die Treue in der wahren Nachfolge Christi zu bewahren. Hoffnungsvoll endet der Artikel der Novemberausgabe mit Spurgeons Worten: „Oh, dass der Tag kommen möge, wenn in einer größeren Gemeinschaft, als jede Sekte es anbieten kann, alle diejenigen, die eins sind in Christus, in der Lage sein werden, sich in sichtbarer Einheit vereinen können! Dies kann nur dadurch geschehen, dass geistliches Leben wächst, dass Licht auf die eine ewige Wahrheit fällt und dass alle sich enger an ihn hängen, der das Haupt ist, Christus Jesus“ (ebd.).

Spurgeon bewährte sich im Kampf um die Wahrheiten des Evangeliums und erwies sich treu in standhaftem Ausharren. Doch er musste diese Standhaftigkeit nicht nur mit seinem Austritt aus dem Baptistenbund erkaufen, sondern er geriet zunehmend in Isolation. Viele seiner Freunde wandten sich von ihm ab, und überdies wuchs die Zahl seiner Feinde. Die Pflicht und Treue gegenüber dem Herrn des Wortes und gegenüber dem Wort des Herrn führten unausweichlich zum Bruch mit allen, die sich entweder nicht vom Irrtum trennen wollten oder sogar offen die Irrtümer der „neuen Theologie“ übernahmen und sich gegen das „alte Evangelium“ stellten, das Spurgeon so lieb war. Es war ein bitterer, aber zugleich ein notwendiger Beigeschmack, den das Handeln Spurgeons mit sich brachte, „aber gerade der, der diesen Beigeschmack am bittersten empfindet, wird aus den reinsten Beweggründen heraus gehandelt haben.“

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© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

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Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

 

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Iain H. Murray; C. H. Spurgeon – wie ihn keiner kennt

C.H.Spurgeon – Alles zur Ehre Gottes (Autobiographie)

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