Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (2)

Die „Downgrade“ Kontroverse

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


→Inhaltsübersicht über alle Kapitel HIER

KAPITEL 2 von 15

Weckruf in Zion

(The Sword and the Trowel September 1887)

Und ich habe Wächter über euch bestellt: Achtet doch auf den Schall des Schopharhorns! Sie aber sprechen: Wir wollen nicht darauf achten! (Jeremia 6,17)

Entscheidung ist die Tugend der Stunde

In der Septemberausgabe 1887 von The Sword and the Trowel antwortete Charles Spurgeon auf Kritik, die seine öffentliche Stellungnahme im August ausgelöst hatte. In dem Artikel Our Reply to Sundry Critics and Enquirers (Unsere Antwort auf verschiedene Kritiker und Anfragende) berichtet Spurgeon zunächst, dass ihn viele Briefe aus den unterschiedlichsten Denominationen erreichten und in ihm den Eindruck hinterlassen hatten, dass der gegenwärtige Zustand der Gemeinden schlimmer war als befürchtet. „Es verhält sich scheinbar so, dass es gerechtfertigt wäre, ein noch schlimmeres Bild aufzuzeigen und dass wir uns keinesfalls der Übertreibung schuldig gemacht haben. Diese Tatsache bereitet uns wirklich große Sorge.“ Niemand unter den Kritikern konnte jedoch die Einschätzungen Spurgeons widerlegen oder entkräften. Erneut betont Spurgeon: „Unterschiede in geringfügigen Dingen stehen nicht zur Debatte; vielmehr geht es um die Grundlagen des Glaubens. Andere mögen sich über Belanglosigkeiten streiten; wir können dies nicht und wollen dies nicht.“

Doch neben der Kritik kam auch Unterstützung von der Zeitschrift Word and Work, deren Kommentar in der Septemberausgabe abgedruckt wurde: „In der Ausgabe The Sword and the Trowel in diesem Monat spricht Mr. Spurgeon sehr klare Worte in Bezug auf Abirrungen vom Glauben. Seine Entlarvung der Unehrlichkeit, die unter dem Mantel der Rechtgläubigkeit die wahren Grundlagen des Glaubens zerstören, ist im Interesse der Wahrheit wohlbegründet. Zweifelsohne wird er wie ein treuer Prophet in bösen Zeiten ‚Unruhestifter Israels‘ [1Kö 18,18] genannt werden; wie wir bereits angemerkt haben, wird er auch als Pessimist bezeichnet. Alle diese Versuche, den Ernst seines Zeugnisses zu mindern, werden es nur noch bestärken.

Prediger falscher Lehren hassen nichts mehr als das prompte Aufdecken ihrer Werke. Lasst ihnen nur genug Zeit, das Denken der Menschen für ihre ‚neuen Erkenntnisse‘ vorzubereiten, und sie werden sich ihres Erfolgs gewiss sein. Man hat ihnen bereits zu viel Zeit eingeräumt, und alle, die sich weigern, ihre Stimme zu erheben, werden teilhaben an ihren bösen Werken. Wie Mr. Spurgeon sagt: ‚Ein wenig Klartext würde gerade jetzt viel Gutes bewirken.‘ Diese Herren wollen in Ruhe gelassen werden. Sie wollen nicht, dass man sie behelligt. Natürlich hassen Diebe die Wachhunde, und sie lieben die Finsternis. Es ist an der Zeit, dass jemand Alarm schlägt und darauf hinweist, wie Gott seiner Herrlichkeit und der Mensch seiner Hoffnung beraubt wird.“

Der Herausgeber von Word and Work beklagte ferner, dass die Wahrheiten der Bibel durch den Liberalismus von allen Seiten angegriffen wurden: „Überall in der Literatur scheint es eine Verschwörung zu geben, die jede Wahrheit der Schrift hasst und zerstört. Jedermann, insbesondere wenn er einer evangelikalen Gemeinde angehört, der das Glaubensbekenntnis, das er feierlich zu verteidigen geschworen hat, widerruft oder leugnet, wird augenblicklich hochgehoben. Die Presse macht ihn bekannt und verteidigt sogar Unehrlichkeit …“ Spurgeon kommentierte die Ausführungen von Word and Work knapp mit den Worten: „Dieses Zeugnis ist wahr“ und wies seine Leser darauf hin, dass er und seine Mitstreiter nicht aus einer Laune heraus oder übereilt gehandelt hatten, sondern erklärte in der Septemberausgabe 1887 von The Sword and the Trowel: „Wir haben lange gewartet, vielleicht zu lange, und wir hielten uns damit zurück, unsere Stimme zu erheben. Es soll ferner niemand annehmen, dass wir unsere Aussagen auf einige wenige isolierte Fakten stützen und nur einige bedauerliche Vorfälle ansprechen, die man ohnehin vergessen kann.“ Dass die Wahrheit am Ende stets siegreich sein wird, weil es Gottes Wahrheit ist, war für Spurgeon ebenso gewiss wie seine Freude am Herrn, die er sich in seinem Kampf um die Wahrheit nicht nehmen ließ. „Unsere lieben Kritiker mögen vielleicht erfreut sein zu erfahren, dass wir weder in Essig baden, noch unsere geschwollenen Füße mit Wermutstropfen einreiben, noch Chinin [Bitterstoff] mit unserem Gemüse verspeisen; sondern sie werden uns vorfinden als solche, die sich im Herrn erfreuen und die ihre Rüstung für den Kampf anlegen mit der Gewissheit, als wären alle Menschen auf unserer Seite. So schlecht die Dinge aus einer Perspektive aussehen, so gibt es auch helles Licht in dieser Angelegenheit: der Herr hat noch Männer in Reserve, die ihre Knie nicht vor Baal gebeugt haben“ (Sword and the Trowel, September 1887).

Über den mangelnden Eifer für die Wahrheit schrieb Spurgeon: „Die christlichen Leute sind so apathisch, dass sie sich nicht mehr zu Wort melden. Das Haus wird ausgeraubt, die Mauern werden durchbrochen, aber die lieben Leute, die in ihren Betten sind, lieben die Wärme und fürchten sich vor Auseinandersetzungen; sie scheuen sich davor, den Dieben zu begegnen. Sie sind sogar etwas ärgerlich, wenn eine gewisse Person Alarm schlägt oder ruft: ‚Diebe!‘ Ein übler Sauerteig wirkt sowohl in den Gemeinden als auch unter Predigern. In den Gemeinden gibt es oft Gläubige neben Ungläubigen, und Letztere bedrängen die Treuen und beeinflussen bedauerlicherweise die Schüchternen, an einem schwankenden Kurs festzuhalten“ (ebd.). Das alte Evangelium galt vielen als altmodisch und sollte zugunsten „fortschrittlicher Auffassungen“ aufgegeben werden. Doch Spurgeon entgegnete solchen Argumenten: „Inspiration und Spekulation können nicht friedlich nebeneinander bestehen. Es darf keinen Kompromiss geben. Wir können nicht für die Inspiration der Schrift einstehen und die Schrift dennoch verwerfen; wir können nicht die Lehre des Sündenfalls vertreten und dennoch von der Evolution des spirituellen Lebens der menschlichen Natur sprechen; wir können nicht von der Verdammnis des Unbußfertigen sprechen und Nachsicht mit der Lehre der ‚größeren Hoffnung‘ [Allversöhnung, Universalismus] üben. Wir müssen den einen oder den anderen Weg einschlagen. Entscheidung ist die Tugend der Stunde“ (ebd.).

Am Ende seines Artikels ruft Spurgeon dazu auf, auf den Herrn zu warten. „Mit standhaftem Glauben wollen wir einen Stand einnehmen, nicht in Zorn, nicht in einem Geist des Misstrauens oder der Spaltung, sondern in Wachsamkeit und Entschlossenheit. Lasst uns nicht vorgeben, mit allen Gemeinschaft haben zu können, wenn unser Innerstes uns dies verwehrt, lasst es nicht zu, unsere Überzeugungen zu verbergen, die in unseren Herzen brennen. Die Zeiten sind schwierig. Und die Verantwortung jedes einzelnen Gläubigen ist eine Last, die er tragen muss, oder er wird sich als Verräter erweisen. Wo der Platz und was der Weg jedes einzelnen ist, wird der Herr jedem klar machen“ (ebd.).

Wehe euch, ihr Sorglosen

Am 26. Februar 1860, fast drei Jahrzehnte vor der Downgrade Kontroverse, hatte Spurgeon eine Predigt zu dem Bibeltext aus Jeremia 6,14 mit dem Titel A Blast of the Trumpet Against False Peace (Ein Posaunenschall gegen falschen Frieden) gehalten. Der damals 25-jährige junge Prediger sagte seinen Zuhörern bereits in jener Zeit: „Prediger machen sich entsetzlich schuldig, wenn sie Menschen absichtlich einen falschen Frieden bringen. Ich kann mir nicht vorstellen, wie jemand eine noch größere Blutschuld auf sich laden kann, als der, der zum Handlanger des Teufels der Hölle wird, indem er die verderbten Sinne des nichtigen, rebellischen Menschen befriedigt. Der Arzt, der den Menschen in seiner Krankheit belässt, der sein Krebsgeschwür nährt oder seinem Leib beständig Gift zuführt, während er gleichzeitig Gesundheit und ein langes Leben verspricht, wäre nicht einmal ein halb so abscheuliches Monster als einer, der sich Prediger Christi nennt und den Seinen verkündigt, sie sollen sich Trost zusprechen, wenn sie stattdessen ausrufen sollten: Wehe euch, ihr Sorglosen in Zion, erschreckt ihr Unbekümmerten [Amos 6,1; Jes 32,11]. Das Werk des Dienstes ist kein Kinderspiel … Es bedarf viel Gebet, damit wir ehrlich bleiben, und viel Gnade, damit wir die Seelen, die uns anvertraut sind, nicht in die Irre leiten.“

Und am Ende seiner Predigt rief er seine Zuhörer auf: „Wenn du, mein lieber Zuhörer, nicht in Christus bist, dann ist dein Friede ein falscher Friede, ganz gleich wie tief der Friede sein mag. Denn außerhalb von Christus gibt es keinen wahren Frieden im Gewissen und keine Versöhnung mit Gott. Stelle dir selbst die Frage: Glaube ich mit ganzem Herzen dem Herrn Jesus Christus? Setzte ich allein auf ihn mein Vertrauen, ist er allein der Fels meiner Zuflucht? Wenn dies nicht der Fall ist, so wahr der Herr lebt, vor dem ich stehe, dann bist du gefangen in der Galle der Bitterkeit und in den Ketten der Ungerechtigkeit. Du bist ein Sterbender, außerhalb von Christus, und der Himmel wird dir verschlossen bleiben“ (A Blast of the Trumpet Against False Peace). Als ein Prophet des Herrn kämpfte Spurgeon für die ewigen Wahrheiten des Evangeliums, und als treuer Knecht seines Erlösers wusste er, dass er niemals „Friede, Friede“ ausrufen durfte, wenn das Gebot der Stunde lautete: „Wehe euch, ihr Sorglosen in Zion, erschreckt ihr Unbekümmerten, und erzittert, ihr Sorglosen!“

——-o——-

© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

Kein Teil dieser Publikation darf ohne schriftliche Genehmigung des Autors vervielfältigt, gespeichert oder in irgendeiner Form – unter Verwendung elektronischer Systeme, in Druck oder als Fotokopie – verbreitet werden mit Ausnahme von kurzen Zitaten.

Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

 

Empfehlenswerte Begleilektüre:

Iain H. Murray; C. H. Spurgeon – wie ihn keiner kennt

C.H.Spurgeon – Alles zur Ehre Gottes (Autobiographie)

Dieser Beitrag wurde unter Bibel - Das Wort Gottes, Bibelkritik, Christliche Gegenkultur & Relevanz, Die Gesunde Gemeinde, Die Verkündigung (Predigt) & Der Verkündiger, Gottesfurcht, Theologie - Bibl. Lehre abgelegt und mit , , , , , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.