Wenn biblischer Glaube verloren geht – C. H. Spurgeon (1)

Die „Downgrade“ Kontroverse – Wenn biblischer Glaube verloren geht

von Charles Haddon  Spurgeon (1834-92)

zusammengestellt und kommentiert von Georg Walter*


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KAPITEL 1 von 15

Zuerst rein, dann friedfertig

(The Sword and the Trowel August 1887)

Die Weisheit von oben aber ist erstens rein, sodann friedfertig, gütig; sie lässt sich etwas sagen, ist voll Barmherzigkeit und guter Früchte, unparteiisch und frei von Heuchelei.  (Jakobus 3,17)

Möge der Geist uns vor Streitsucht bewahren

Als Charles Spurgeon am 16. Januar 1880 über 1Timotheus 2,3-4 (Salvation by Knowing the Truth) predigte, sagte er als überzeugter Calvinist: „Es wäre tatsächlich sehr einfach, uns in Kampfbereitschaft zu versetzen und in der nächsten halben Stunde einen sehr erbitterten Angriff gegen jene zu führen, die eine andere Auffassung zu diesem Text haben als wir. Ich kann nicht erkennen, dass daraus etwas Gutes käme … wir nutzen die Zeit besser für etwas, das uns Erbauung bringt. Möge der gute Heilige Geist uns vor einem Geist der Streitsucht bewahren und uns helfen, wirklich von Gottes Wort zu profitieren.“ Spurgeon spielte mit diesen Worten auf Arminianer an, die in Bezug auf die Erwählungslehre eine andere Lehrüberzeugung vertraten als Calvinisten. Nicht nur diese, sondern auch viele andere Äußerungen Spurgeons machen sehr deutlich, dass der Fürst der Prediger Streitigkeiten in Lehrfragen oder Meinungsverschiedenheiten in persönlichen Lehrauffassungen ablehnte, solange diese nicht die fundamentalen Wahrheiten der Bibel in Frage stellten. Spaltung war für ihn etwas, das es zu vermeiden galt, da die Wahrung der Einheit der Gemeinde biblisch geboten war.

Solange zentrale evangelikale Wahrheiten verkündigt wurden, konnte Spurgeon seine calvinistischen Überzeugungen dem höheren Gut der Einheit unterordnen. Mehrfach betonte er seine Verbundenheit mit den Methodisten, die, wie John Wesley selbst, Arminianer waren. Niemals wäre es Spurgeon in den Sinn gekommen, Öl in das Feuer einer Auseinandersetzung zwischen Calvinisten und Arminianern zu gießen. Die Fundamente biblischer Wahrheit waren eben nicht Besitz des einen oder anderen theologischen Lagers, sondern vereinte beide Strömungen in ihrem Kampf um den ein für alle Mal überlieferten Glauben. Wurden die biblischen Fundamente aber aufgegeben oder ausgehöhlt, dann war es aus der Sicht Spurgeons nicht nur das Recht, sondern die Pflicht eines jeden Christen, sich von jenen zu trennen, die sich von der Wahrheit abkehrten. Spurgeon hatte über viele Jahre mit großer Sorge beobachtet, wie modernes Denken neue Lehren hervorbrachte und den alten Glauben zerstörte. Was sich zunächst auf eine Reihe anderer Denominationen beschränkte, weitete sich bald auf die Gemeinden der Baptist Union, des Baptistenbundes, dem Spurgeon angehörte, aus und führte letztlich am 28. Oktober 1887 zu seinem Austritt aus dem Bund.

Robert Shindler erörterte in der Zeitschrift The Sword and the Trowel, die von Charles Spurgeon herausgegeben wurde, erstmalig im März und im April des Jahres 1887 die kirchengeschichtliche Entwicklung freikirchlicher Denominationen sowie deren Abkehr von gesunder biblischer Lehre. Auch Charles Spurgeon legte 1887 in The Sword and the Trowel seine Beweggründe dar, sich von der aufkommenden neuen Theologie seiner Zeit zu distanzieren und für die Wahrheiten des Evangeliums zu kämpfen. Dieser Kampf um die Wahrheit sollten die letzten Lebensjahre Spurgeons charakterisieren und als „Downgrade Kontroverse“ in die Geschichte eingehen. Das englische Wort downgrade steht für Niedergang und bezeichnet in diesem Zusammenhang die Bibelkritik, die durch die liberale Theologie nicht nur die Staatskirchen sondern gleichfalls unter Evangelikalen bis in die Reihen des britischen Baptistenbundes Fuß fassen konnte. Die Reinheit der Lehre war für Spurgeon jedoch wichtiger als trügerischer Friede unter Brüdern oder Einheit unter Christen, die sich bereitwillig in den Dienst des Rationalismus und modernen Denkens stellten, um biblische Wahrheiten auf dem Altar der Einheit zu opfern.

Wer die Downgrade Kontroverse studiert, kann nicht umhin, zu dem Schluss zu kommen, dass der Kampf um die Wahrheit, den Spurgeon und wenige Getreue ausfochten, nichts an Aktualität eingebüßt hat. Es sind dieselben Themen, die unter Evangelikalen heute erneut zur Diskussion gestellt werden: der stellvertretende Sühnetod Christi; die Inspiration und Autorität der Heiligen Schrift (allein die Schrift – sola scriptura); weitere reformatorische Grundwahrheiten der Rechtfertigung allein aus Glauben (sola fide), die Zentralität des Gottessohnes und Gottes Jesus Christus (solus Christus) und das Heil allein aus Gnade (sola gratia); der doppelte Ausgang der Heilsgeschichte: ewiges Heil und ewige Verdammnis; der Sündenfall des Menschen; die Schöpfung; die Verderbtheit der menschlichen Natur und das Wesen der Sünde. Abwesenheit gesunder Lehre erzeugt stets ein Vakuum. Und es ist dieses Vakuum, das dazu führt, dass nicht nur ungesunde Lehre, sondern Unterhaltung und persönliche Vorlieben der Frommen sowie menschliches Denken und die Betriebsamkeit des religiösen Ichmenschen die Oberhand gewinnen, ganz zu schweigen von einer schleichenden Verweltlichung des Denkens und Handelns derer, die sich Nachfolger Christi nennen.

Während Spurgeon sich gegen rationale Bibelkritik seiner Zeit positionierte, ist es heute postmodernes Denken und Bibelkritik in ihrer neuen Gestalt in Form des Gedankenguts der Emerging Church, aber auch in Form progressiver neoevangelikaler Ausprägung, die die ewigen Wahrheiten der Bibel relativieren, verwässern und zerstören. Ein Übriges tut der moderne Gemeindepragmatismus sowie die Neuerungs- und Genusssucht des modernen Christen. Und es scheint, als ob der Evangelikalismus unserer Tage seinen Tiefpunkt noch nicht erreicht hat. Das geistliche Leben gleicht in vielem dem, was Spurgeon in der Zeit des geistlichen Niedergangs (Downgrade) am Ende seines Dienstes beobachtete. Seine Gemeinde, in der er dreißig Jahre lang voller Hingabe an Gottes Wort seinen Dienst verrichtete, blieb von dem Niedergang verschont. Dies führt vor Augen, wie wichtig es ist, dass aller geistlicher Dienst nur dann fruchtbar sein wird, wenn er auf dem Fundament der Schrift steht.

Trotz des Niedergangs, den Spurgeon überall diagnostizierte, folgte er unbeirrt seinem Herrn und Erlöser. Spurgeon ließ sich nicht entmutigen und wurde dem treuen Überrest, den der Herr in der Geschichte der Gemeinde stets für sich zu bereiten weiß, ein großes Vorbild. Wie schon im Alten Bund war die Zahl der wahren Propheten, die im Namen des Herrn redeten, geringer als die Zahl der falschen Propheten, die „Friede, Friede“ verkündigten, „wo es doch keinen Frieden gibt“ (Jer 6,14; 8,11). In Großbritannien am Ende des 19. Jahrhunderts hatte geistliche Lethargie um sich gegriffen, die das Volk Gottes auf die falschen Propheten der Moderne ihrer Tage hören ließ, statt auf die Stimme jener Verkündiger zu lauschen, die für die ewigen Wahrheiten des Evangeliums kämpften und das „So spricht der Herr“ proklamierten. Heute sind die Stimmen der Gegner Spurgeons – und er hatte am Ende seines Lebens weit mehr Gegner als ihm Wohlgesinnte – verstummt. Spurgeons Predigten und Weisheiten werden heute noch immer gelesen und erbauen die Gemeinde Jesu Christi.

Zuerst rein, dann friedfertig

Im April 1887 hatte Charles Spurgeon in der Ausgabe von The Sword and the Trowel bereits verlautbar: „Unser Kampf richtet sich gegen jene, die das stellvertretende Sühneopfer Christi aufgeben, die Inspiration der Heiligen Schrift leugnen und die Rechtfertigung aus Glauben abwerten. Der gegenwärtige Kampf ist nicht eine Debatte um Calvinismus oder Arminianismus, sondern um die Wahrheit Gottes, gegen welche die Erdichtungen der Menschen streiten. Alle, die an das Evangelium glauben, sollten sich vereint gegen dieses moderne Denken wenden, das sein Todfeind ist. Von allen Seiten hören wir den Ruf nach Einheit in diesem und Einheit in jenem; aber nach unserer Auffassung ist die größte Notwendigkeit dieser Zeit nicht Kompromiss, sondern Gewissenhaftigkeit. Zuerst rein, dann friedfertig. Leicht ergeht der Ruf nach einer Vereinigung, aber jede Vereinigung, die ihr Fundament nicht in der Wahrheit Gottes hat, gleicht eher einer Verschwörung als wahrer Gemeinschaft. Liebe auf jeden Fall, aber auch Aufrichtigkeit. Liebe, natürlich, aber sowohl Liebe zu Gott als auch Liebe zu den Menschen, und Liebe zur Wahrheit ebenso wie Liebe zur Einheit. Es ist in dieser Zeit äußerst schwierig, Gott und der Bruderschaft von Menschen treu zu bleiben. Sollte Ersteres nicht vor Letzterem vorgezogen werden, wenn beides nicht möglich ist? Wir denken, das sollte so sein.“

Im August 1887 äußerte sich Spurgeon zum ersten Mal in The Sword and the Trowel konkret zu dem geistlichen Niedergang, den Robert Shindler in seinen Ausführungen im März und April desselben Jahres dargelegt hatte. Seine Mahnungen im Vorfeld, die er auch seinen Brüdern der Baptist Union vielfach vorgelegt hatte, waren auf zumeist taube Ohren gestoßen. Es war die Zeit gekommen, öffentlich Position zu beziehen. In seinem Artikel Another Word Concerning the Downgrade Controversy (Ein weiteres Wort zur Downgrade Kontroverse) schreibt Spurgeon:

„Niemandem, der das Evangelium liebt, kann die Tatsache verborgen bleiben, dass die Tage böse sind. Es ist unsere ernste Überzeugung, dass es um viele Gemeinden schlechter steht, als es augenscheinlich der Fall ist; und rasch geht es mit ihnen weiter bergab. Lies die Zeitschriften, die diese Meinungsverschiedenheiten repräsentieren, und stell dir die Frage, wie weit das noch gehen soll? Welche Lehre bleibt noch übrig, die man nicht aufgegeben hat? Welche Wahrheit ist noch nicht herabgewürdigt worden? Ein neuer Glaube wurde ins Leben gerufen, der mit dem Christentum genauso wenig zu tun hat wie Kalk mit Käse; und dieser Glaube, der moralische Ehrlichkeit entbehrt, gibt sich als der alte Glaube mit kleinen Verbesserungen aus, und auf dieser Grundlage erobert er die Kanzeln, die errichtet wurden, um das Evangelium zu verkündigen. Das Sühnewerk Christi wird verschmäht, die Inspiration der Heiligen Schrift wird ins Lächerliche gezogen, der Heilige Geist wird zu einem Einfluss herabgewürdigt, die Strafe über die Sünde wird zu einem Märchen gemacht, und doch erwarten die Feinde unseres Glaubens von uns, dass wir sie Brüder nennen und mit ihnen in Einheit bleiben.

Die lehrmäßige Verkehrtheit bringt den natürlichen Niedergang des geistlichen Lebens mit sich, was sich in fragwürdigen Formen der Unterhaltung und in einer Abneigung gegen die Versammlungen zeigt, die die Gottesfurcht fördern. Bei einem bestimmten Treffen von Predigern und Gemeindemitarbeitern stellte einer nach dem anderen den Wert von Gebetsversammlungen in Frage; sie alle sagten, dass ihre Gebetsstunden schlecht besucht sind, und einige räumten ohne Bedauern ein, dass sie ihre Gebetsstunden bereits abgeschafft hatten. Was bedeutet dies? Sind Gemeinden in einem guten Zustand, wenn sie nur eine Gebetsversammlung in der Woche abhalten? Gemeinden, die am Tag des Herrn mehrere Gebetsversammlungen abhalten und sich unter der Woche mehrmals zum Gebet treffen, spüren, dass sie noch weit mehr beten sollten. Aber was soll man von Gemeinden halten, die sehr selten in gemeinsame Fürbitte eintreten? Gehen nicht die Bekehrungen zurück? Verlieren die Gemeinden nicht ihre Mitglieder? Wen wundert es, dass dies der Fall ist, wenn der Geist des Gebets gewichen ist.

Was fragwürdige Unterhaltung angeht, gab es eine Zeit, in der Prediger, die das Theater besuchten, bald ohne Gemeinde waren, und das zu Recht… Derzeit ist es zur traurigen Sitte geworden, dass Prediger mit keinem schlechten Ruf das Theater verteidigen, und sie tun dies, weil sie dort gesehen wurden. Wundert es uns, dass die Gemeindemitglieder ihre Versprechen zur Heiligung vergessen und die unheiligen Wege oberflächlicher Freuden wählen, wenn sie hören, dass Prediger das Gleiche tun? Wir haben keinen Zweifel daran, dass diese Worte uns den Vorwurf einbringen werden, wir seien überfromm und scheinheilig, was nur unter Beweis stellt, wie niedrig der geistige Stand der Gemeinden vielerorts geworden ist. Tatsache ist, dass viele Personen Gemeinde und Theater, Spielkarten und Gebet, Tanz und Heiligkeit nebeneinander wollen. Sind wir auch zu schwach, diesen Strom zu unterbinden, so können wir doch zumindest die Menschen davor warnen und sie dazu aufrufen, sich davon fernzuhalten. Wenn der alte Glaube verloren geht und die Begeisterung für das Evangelium erlischt, ist es da nicht verwunderlich, dass die Leute sich etwas anderes suchen, an dem sie sich erfreuen können. Wenn sie kein Brot haben, ernähren sie sich von Asche; sie verwerfen die Wege des Herrn und begeben sich emsig auf den Weg der Torheit.

Ein bedeutender Prediger, der sich gut mit der Geschichte der Nonkonformisten [auch als ‚Dissenters‘ – Abweichler – bezeichnet: Christen, die sich seit dem 16. Jahrhundert von der englischen Staatskirche getrennt hatten und eigene Freikirchen und Gemeinschaften wie etwa die Baptisten ins Leben riefen] auskennt, erwähnte uns gegenüber vor einigen Tagen, dass er fürchte, die Geschichte der Nonkonformisten könne sich wiederholen. Als sie in der Vergangenheit danach strebten, als respektiert, umsichtig, moderat und fachkundig zu gelten, verließen sie die Wurzeln ihrer puritanischen Lehre und verwässerten ihre Lehren. Die treibende Kraft für ihr geistliches Leben, das sie aus ihrer Absonderung schöpften, erfuhr einen Niedergang und drohte vollständig zu erlöschen; der evangelikale Nonkonformismus war bis in seinen Kern bedroht. Dann kam es zu einem Aufbruch lebendiger Frömmigkeit unter Whitefield und Wesley, begleitet von neuem Leben der Freikirchen und zunehmendem Einfluss in allen Bereichen.

Siehe! Viele kehren zu den vergifteten Bechern zurück, die eine Generation im Niedergang betäubte, als sie sich der unitarischen Lethargie preisgab. Zu viele Prediger spielen mit der tödlichen Kobra eines ‚anderen Evangeliums‘ unter dem Deckmantel ‚modernen Denkens‘. Als Folge davon verlieren ihre Gemeinden an Mitgliedern. Die Geistlichen unter ihnen schließen sich den Brüdergemeinden oder Gemeinschaften von unabhängigen Gläubigen an, während andere zur Kirche Englands zurückkehren.

Wir wollen uns der Tatsache nicht verschließen, dass die Episkopalkirche munter fortbesteht und voller Eifer und Tatendrang ist. Wir distanzieren uns entschieden von ihrem Ritualismus, und insbesondere verabscheuen wir ihre Verbindung zum Staat, obwohl wir einräumen müssen, dass sie wächst, unter anderem deshalb, weil das geistliche Leben in den Freikirchen schwindet. Wo das Evangelium in seiner Fülle und in der Kraft des Heiligen Geistes, der vom Himmel gesandt ist, verkündigt wird, wenden sich die Mitglieder unserer Gemeinden nicht ab, sondern sie gewinnen auch Neubekehrte; aber wenn das, was ihre Kraft speist, verloren geht – wenn das Evangelium verdunkelt wird und das Gebetsleben erlischt – dann wird alles zur reinen Formsache und zur Fiktion. Das schmerzt unser Herz. Absonderung um der Absonderung willen wäre die bittere Frucht eines eigenwilligen Geistes. Absonderung als reines politisches Partisanentum ist eine Entwürdigung und ein Zerrbild des Glaubens. Absonderung um der Wahrheit willen auf der Grundlage des geistlichen inneren Lebens ist ehrbar, lobenswert und bringt den Menschen höchste Segnungen. Wollen wir das wahrhaftige Leben, oder streben wir nach der Verfälschung des Besten, aus dem das Schlimmste hervorgeht? Konformismus oder Nonkonformismus an sich bedeutet nichts, sondern eine neue Schöpfung ist alles, und die Wahrheit zu bewahren, auf der alleine die neue Schöpfung leben kann, ist es wert, eintausend Tode zu sterben. Nicht die Schale ist kostbar, sondern der Kern, der in ihr enthalten ist; ist der Kern nicht mehr vorhanden, was ist dann noch vorhanden, was einen Gedanken wert ist? Unser Nonkonformismus ist über alles wertvoll als eine lebendige, geistliche Kraft, aber nur wenn sie als solche fortbesteht, ist ihre Existenz gerechtfertigt.

Dieser Vorgang ist bedauerlich. Gewisse Prediger bringen Ungläubige hervor. Bekennende Atheisten sind nicht einmal ein Zehntel so gefährlich wie jene Prediger, die Zweifel aussäen und den Glauben niederhalten. Eine gesegnete Frau war darüber traurig, dass eine kostbare Verheißung in Jesaja, die sie tröstete, von ihrem Prediger als ein Wort betrachtet wurde, das nicht inspiriert sei. Es ist üblich geworden, dass Personen ihre Boshaftigkeit damit entschuldigen, dass sie sagen, es gäbe keine Hölle mehr, ‚der Pfarrer sagt es so‘. Aber wir müssen diese bedauerliche Aufzählung nicht fortsetzen. Deutschland wurde durch seine Prediger zu Ungläubigen gemacht, und England folgt diesem Beispiel. Der Gottesdienstbesuch ist rückläufig, und die Ehrfurcht vor heiligen Dingen schwindet; und wir glauben ernstlich, dass dies auf den Skeptizismus zurückzuführen ist, der von den Kanzeln ausgeht und die Menschen erreicht. Möglicherweise haben die Männer, die den Zweifel aussäten, niemals beabsichtigt, so weit zu gehen, aber nichtsdestotrotz haben sie dieses Übel vollbracht, und sie können es nicht mehr rückgängig machen. Ihre eigenen Beobachtungen hätten sie zur Einsicht bringen müssen. Haben diese fortschrittlichen Denker ihre eigenen Gemeinden gefüllt? Haben sie Segen erfahren, indem sie die alten Methoden verwarfen? Möglicherweise haben sich Begabung und Fingerspitzengefühl dieser Leute in einigen Fällen über die zerstörerischen Ergebnisse ihres Dienstes hinweggetäuscht. Aber in vielen Fällen hat diese schöne neue Theologie dazu geführt, dass ihre Versammlungen versprengt wurden. An Orten der Gemeinschaft, die eintausend oder zwölfhundert oder fünfzehnhundert hungrige Hörer beherbergten, wie wenige sind davon noch übrig geblieben! Wir könnten Namen nennen, aber wir belassen es dabei. Die Orte, an denen das Evangelium durch den neuen Unsinn ersetzt wurde, haben sich geleert, und sie werden leer bleiben.

Diese Tatsache wird wenig Einfluss auf die ‚Kultivierten‘ haben, denn sie haben in der Regel eine Kultur der Verblendung geschaffen. ‚Ja‘, sagte eine Person, dessen Gemeindebänke nur noch hie und da einen Gottesdienstbesucher aufweisen, ‚es wird sich stets so verhalten, dass sich die Gemeinde in dem Maße verringert, wie das Denken des Predigers sich verbreitert.‘ Diese Zerstörer unserer Gemeinden scheinen mit ihrem Werk so zufrieden zu sein, wie Affen mit ihrem Unfug zufrieden sind. Worüber sich ihre Väter grämen würden, daran erfreuen sie sich: den Rückzug der Armen und Einfachen von ihrem Dienst akzeptieren sie als Kompliment, und die Betrübnis derer mit einer geistlichen Ausrichtung betrachten sie als Zeichen ihrer Kraft. Wahrlich, würde der Herr nicht die Seinen bewahren, dann hätten wir bereits erlebt, wie unser Zion wie ein Feld umgepflügt worden wäre.

In diesen Tagen wurden wir gefragt, ob wir jemanden kennen, der sich als tauglicher Pastor einer Gemeinde eignen würde, und der Diakon, der geschrieben hatte, sagte: ‚Es soll ein bekehrter Mann sein, und es soll ein Mann sein, der glaubt, was er predigt; denn es gibt zu viele, die den Eindruck erwecken, dass sie weder das eine noch das andere wollen.‘ Diese Äußerung hört man nur zu oft. Ein Student predigte in einer Versammlung, die wir gelegentlich besuchen. Als der Diakon ihn im Gemeindesaal fragte: ‚Glaubst du an den Heiligen Geist?‘ erwiderte der junge Mann: ‚Ich nehme an, ich tue es.‘ Daraufhin erwiderte der Diakon: ‚Ich nehme an, du tust es nicht, denn sonst hättest du uns nicht mit solchen falschen Lehren beschmutzt.‘ Ein wenig mehr von diesen direkten Worten würde derzeit viel Gutes bewirken. Diese Herren wünschen sich, dass man sie nicht behelligt. Sie wollen nicht, dass jemand seine Stimme erhebt. Natürlich hassen Diebe die Wachhunde, und sie lieben die Finsternis. Es ist an der Zeit, dass jemand Alarm schlägt und auf die Methoden aufmerksam macht, durch die Gott seiner Herrlichkeit und der Mensch seiner Hoffnung beraubt wird.

Wir wenden uns nun der ernsten Frage zu, wie sehr wir, die wir den ein für alle Mal überlieferten Glauben bewahren, uns mit jenen verbrüdern können, die den schmalen Weg verlassen und sich einem anderen Evangelium zugewandt haben. Christliche Liebe hat ihre Berechtigung, und Spaltungen müssen als beklagenswertes Übel gemieden werden; aber inwieweit ist es gerechtfertigt, sich mit jenen zu verbinden, die sich von der Wahrheit abwenden? Es ist eine schwierige Antwort auf diese Frage, will man ausgewogen bleiben. Zur jetzigen Zeit sollten Gläubige vorsichtig darauf bedacht sein, den Verrätern des Herrn nicht die Hand zu reichen. Es geht darum, alle Grenzen denominationeller Schranken um der Wahrheit willen hinter uns zu lassen: wir hoffen, dass alle gottesfürchtigen Männer dies mehr und mehr tun. Es ist eine ganz andere Sache, wenn wir die Wahrheit auf dem Altar des Wohlergehens und der Einheit einer Denomination opfern. Unzählige oberflächliche Leute übernehmen den Irrtum, solange er von einem klugen Mann oder einem gutmütigen Bruder verkündet wird, der so viele gute Eigenschaften aufweist. Möge jeder Gläubige für sich selbst entscheiden. Aber was uns angeht, wir haben unsere Pforten mit neuen Riegeln versehen, und wir haben die Order ausgegeben, dass sie verriegelt bleiben, denn unter dem Deckmantel der Freundschaft eines Dieners sind viele ausgegangen, um den Meister zu berauben.

Wir befürchten, dass es aussichtslos ist, eine Gemeinschaft zu schaffen ohne Personen, die das eine bekennen und das andere glauben; aber es kann möglich sein, eine informelle Allianz all jener zu schaffen, die sich zum Christentum ihrer Väter bekennen. So wenig sie auch tun können, so mögen sie doch zumindest protestieren, und soweit es ihnen möglich ist, können sie sich aus der Komplizenschaft befreien, die mit der Verschwörung des Schweigens einhergeht. Wenn Evangelikale derzeit scheinbar dem Untergang geweiht sind, dann mögen sie kämpfen in der völligen Gewissheit, dass ihr Evangelium eine neue Auferstehung erfahren wird, wenn die Erfindungen des ‚modernen Denkens‘ mit unauslöschlichem Feuer vergehen werden.“

Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen sei Ehre

Während Beteiligte an der Downgrade Kontroverse vor allem theologische Fragen in den Mittelpunkt rückten, verwies Spurgeon gleichfalls immer wieder auf den Glaubenswandel der Christen seiner Tage. Es schmerzte ihn nicht nur, dass Christen sich von der gesunden Lehre abwandten, sondern auch, dass das Gebetsleben, die persönliche Heiligung und die Absonderung von der Welt immer weiter Schaden erlitt. Lehre und Leben in der Nachfolge waren für Spurgeon untrennbar miteinander verbunden. Dieser Niedergang in Lehre und Leben griff mit großer Schnelligkeit um sich – „mit halsbrecherischer Geschwindigkeit“, wie Robert Shindler es bereits im März 1887 in seinem Artikel formuliert hatte. Es ging Spurgeon indes um mehr als nur die Bewahrung biblischer Lehre, er hatte stets die Ehre Gottes im Blickfeld. Doch wie schwer es Menschen fallen mag, Gott in allem ihrem Tun zu verherrlichen, wusste der Fürst der Prediger nur zu gut. „Doch es ist vielleicht einer der schwersten Kämpfe des christlichen Lebens, diese Aussage zu lernen: ‚Nicht uns, HERR, nicht uns, sondern deinem Namen sei Ehre‘ [Ps 115,1]. Es ist eine Lektion, die uns Gott fortwährend lehrt, und manchmal lehrt er es uns durch schmerzlichste Züchtigungen.“1

Anmerkungen

1 Charles Spurgeon, Devotional Classics, Sovereign Grace Publications, 2008: Morning and Evening: Daily Readings 16. August.

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© Georg Walter – Veröffentlicht auf JESAJA662 mit Genehmigung

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Verwendete Bibelübersetzung: Bibeltext der Schlachter 2000 – Genfer Bibelgesellschaft – Alle Rechte vorbehalten

 

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