Die Allgenügsamkeit der Heiligen Schrift

Georg Walterwide01

Schon Mitte der 1990er Jahre gab es eine wachsende Zahl von Evangelikalen aus dem nichtcharismatischen Lager, die die traditionelle evangelikale Überzeugung in Frage stellte, dass Gott alleine durch die Schrift redet. Viele Charismatiker und Pfingstler vertreten ohnehin die These, dass Christen sowohl auf das geschriebene als auch auf das frisch vom Himmel gesprochene Wort von Gott hören sollten, um den Willen Gottes vollkommen zu erfüllen. Wer dies nicht tue, dämpfe den Geist, so der Vorwurf der Charismatiker und Pfingstler an nichtcharismatische Evangelikale.

Autoren wie Wayne Grudem und Jack Deere, die ursprünglich aus nicht-charismatischen Gemeinden kommen, vertreten die Ansicht, dass Gott heute nicht nur durch das geschriebene Wort der Bibel spricht. Zur Klärung des Ausdrucks „Gott hat zu mir gesprochen“ muss gesagt werden, dass eine Führung, ein innerer Impuls, ein Eindruck oder eine Einsicht durchaus als ein Reden Gottes gedeutet werden kann, solange dies mit Gottes Wort übereinstimmt. Für Charismatiker und Pfingstler hat die Aussage, „Gott habe zu einer Person gesprochen“, eine ganz andere Bedeutung haben, in dem Sinne, dass Gott sich durch Prophetie, Visionen, Engel oder gar hörbare Stimmen offenbart.

Jack Deere beispielsweise argumentiert, dass Gott im Alten Testament durch Propheten und Visionen gesprochen hat und dies folglich auch im Neuen Bund tut. Dennoch muss man einwenden, dass die alttestamentlichen Propheten alleine Gottes Wort sprachen. „Ich will ihnen einen Propheten, wie du es bist, aus der Mitte ihrer Brüder erwecken und meine Worte [also Gottes Worte!] in seinen Mund legen; der soll alles zu ihnen reden, was ich ihm gebieten werde. Und es wird geschehen, wer auf meine Worte nicht hören will, die er in meinem Namen reden wird, von dem will ich es fordern!“ (5Mo 18,18-19). Schon im Alten Bund waren die Worte, die Gott durch Propheten über die Schrift hinaus sprach, Seine Worte, also Gottes Worte!

Das gleiche gilt für das Neue Testament. Gott sprach Seine Worte durch die Apostel. Nach dem Pfingstereignis weist die Bibel nur noch drei Prophetien auf: zwei Prophetien von Agabus (Apg 11,27-28; 21,10-11) und das Buch der Offenbarung des Johannes, das Teil der Heiligen Schrift ist. Würde Prophetie im Neuen Bund den gleichen Stellenwert wie im Alten Bund einnehmen, könnte man erwarten, dass die neutestamentlichen Briefe voller Ermunterungen wären, prophetisch zu reden. Genau das ist nicht der Fall. Es folgt daraus: das biblische Modell des Hörens ist demnach ein Hören auf das geschriebene Wort, das irrtumslos und autoritativ ist.

Wayne Grudem ist ein weiterer Autor, der die Ansicht vertritt, dass Gott heute durch Prophetie (und Visionen, Träume, etc.) zu den Menschen spricht und individuelle Führungen schenkt, allerdings in einer „fehlbaren Weise“, wie er einräumt. Diese Form von fehlbarer Führung durch Prophetie stützt sich laut Grudem auf zwei Bibelstellen: 1Kor 14,29 und 1Thes 5,20-22. Doch betrachten wir die Schriftstellen genauer.

In 1Kor 14,29 ruft Paulus dazu auf, zwei oder drei Propheten reden zu lassen, um sodann den anderen Gemeindegliedern die Möglichkeit zu geben, diese Prophetien zu prüfen. Was aber versteht Paulus unter Prüfen? Soll geprüft werden, ob einzelne Inhalte einer Prophetie falsch sind, oder soll geprüft werden, ob die gesamte Prophetie sich als falsch oder richtig erweist? Grudem bevorzugt erstere Sichtweise.

Letztere Sichtweise scheint jedoch die korrektere zu sein, wenn man den Kontext des Thessalonicherbriefes beachtet. Laut 1Thess 5,20-22 hörte die Gemeinde mehrere Prophetien (Plural!) und sollte nur die richtigen akzeptieren, die falschen jedoch abweisen. „Die Weissagungen (Plural!) verachtet nicht“, war Paulus Rat an die Thessalonicher, die durch falsche prophetische Rede verwirrt worden waren (2Thess 2,1-3; 2,15). Damit sie nun angemessen auf zukünftige Prophetien reagieren sollten, rief Paulus die Thessalonicher dazu auf, die prophetische Rede nicht gänzlich abzuweisen, sondern zu prüfen, indem sie das Gute behielten und sich vom Bösen fernhielten (1Thess 5,20-22). Dies sollten die Thessalonicher natürlich auf der Grundlage der Schrift tun (siehe auch 1Joh 4,1-6), um auf diese Weise zu entscheiden, ob eine Prophetie vom Heiligen Geist oder einem anderen Geist inspiriert war. Das Prüfen war demnach stets ein Prüfen am geschriebenen Wort.

Während im Alten Bund über das Prinzip alleine die Schrift hinaus prophetisch geredet wurde, war mit dem Abschluss des Schriftkanons im Neuen Testament ein für allemal die Frage entschieden, ob weitere prophetische Offenbarungen nötig waren. Sie waren es nicht! Unter Pfingstlern und Charismatikern herrscht leider nicht einmal Konsens darüber, ob die prophetische Rede an der Schrift geprüft werden müsse. C. Peter Wagner beispielsweise ist sogar der Überzeugung, dass die modernen „Propheten“ und „Apostel“ neue Offenbarungen empfangen können, die in der Bibel nicht enthalten sind. Wenn allerdings prophetische Rede am geschriebenen Wort geprüft werden soll, dann kann eine prophetische Rede niemals mehr enthalten als die Schrift selbst. Warum sollte der neutestamentlich Gläubige überhaupt prophetische Rede, Visionen und dergleichen anstreben, wenn Gottes Wort endgültig und allgenügsam alles enthält, was der Gläubige braucht? Mit anderen Worten, warum auf fehlbare Prophetie zurückgreifen, wenn wir das unfehlbare Wort Gottes besitzen?

Wenn wir unserem Nächsten in der Gemeinde ohnehin nur das weitergeben, was geschrieben steht, dann sollten wir danach trachten, voll des Wortes Gottes zu sein und uns vom Heiligen Geist führen lassen, das zu sagen, was Er will. Dies wird uns davor bewahren, auf fehlbare Visionen, Führungen und Prophetien zurückzugreifen, die aus dem Fleisch kommen.

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©…bis es scheidet zwischen Seele und Geist

Siehe hierzu auch:

  1. Die Allgenügsamkeit der Heiligen Schrift
  2. Bibeltreue: Vorausgesetzt und umgesetzt
  3. Das Wort Gottes – genügend oder anpassungsbedürftig? (John Newton)

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