Timothy Kellers Thologie und das postmoderne Christentum

Helmut Mehringer

11-17-Keller„Warum wir keine Bücher von Timothy Keller führen“ — unter diesem Titel erschien unlängst  eine informative Stellungnahme auf der Blogseite des BETANIEN Verlagsbuchshops, die wir – wie schon zuvor Georg Walters DISTOMOS Blog nachfolgend unseren Lesern zur Kenntnis geben wollen. Es handelt sich bei den Kritikpunkten zumeist um wesentliche Aspekte des christlichen Glaubens, Lebens, des Gemeinde- und des Missionsverständnisses  und fordert so zu einer Selbstprüfung der eigenen Grundlagen heraus:

„Der einflussreiche Autor Timothy Keller ist Pastor einer florierenden Gemeinde in New York City, wo seine Redeemer Presbyterian Church vor allem Besserverdiener erreicht. Daher hat Keller auch Bekanntheit in der säkularen Presse erlangt.  Keller und seine Gemeinde stehen einem Netzwerk verschiedener Gemeindegründungsprojekte vor; laut Wikipedia wurden von ihnen 250 Gemeinden in 48 Städten gegründet. Sie vertreten eine sogenannte „missionale“ Sichtweise des Christentums. „Missional“ ist der moderne Begriff für ein Christentum, das sich in der umgebenden Kultur integriert und dort „gesellschaftsrelevant“ und „ganzheitlich“ (also auch sozial und kulturell) zu wirken bestrebt ist.

Im englischen Sprachraum sind Kellers Bücher so populär, dass auf amazon.com teils mehrere Hundert Rezensionen zu den Titeln zu finden sind, mit selten weniger als 5 von 5 Sternen. Drei seiner Bücher schafften es sogar auf die New-York-Times-Bestsellerliste (The Reason for God, The Prodigal God, Prayer).

Keller gilt als reformierter Theologe und ist zusammen mit Donald Carson Gründer der Initiative The Gospel Coalition. Von daher würde er gut in unser Sortiment passen. Allerdings halten uns einige Bedenken, auf die wir bereits in einem Newsletter vom September 2013 hinwiesen, davon ab. Wir befürchten, dass Timothy Keller „emergentes“ Gedankengut unter bibeltreuen und besonders unter reformatorisch geprägten Christen einschleust, und das möchten wir vermeiden.

Auf zwei Punkte aus Kellers Thesen möchte ich näher eingehen: Kellers Verständnis von Sünde und vom Auftrag der Gemeinde.

1. Kellers Verständnis von Sünde

E.S. Williams, selber reformierter Theologe, schreibt auf seiner Webseite newcalvinist.com (die sich kritisch mit dem Neuen Calvinismus auseinandersetzt):

In seinem Buch Every Good Endeavour drückt Keller seine Enttäuschung aus, dass Christen sich nicht mehr in die Populärkultur einbringen. Keller schreibt: „In den vergangenen 80 Jahren reagierten Christen auf die Populärkultur mit einer gewissen Distanzierung … Warum diese Distanzierung von unserer Kultur? Ein Grund ist eine ›dünne‹ oder gesetzliche Sicht von Sünde. Dabei wird Sünde als Reihe einzelner Zuwiderhandlungen gegenüber Gottes Regularien angesehen. Man strebt nach geistlichem Wachstum hauptsächlich dadurch, dass man eine Umgebung aufsucht, wo man weniger wahrscheinlich solche sündigen Taten begehen wird … Diese Sicht von Sünde korrespondiert mit einem mangelnden Verständnis der Tiefe und des Reichtums des Werkes Christi für uns … Wenn wir eine dünne Sicht von Sünde haben, fühlen wir uns sicher, wenn wir aus unserem Blickfeld alles entfernen, was uns zu Taten versuchen könnte wie offene sexuelle Unmoral, Lästerung, Unehrlichkeit oder Gewalt“ (Keller, Every Good Endeavor, S. 192-193). Hier müssen wir die biblische Definition von Sünde beachten. Die Bibel beschreibt Sünde als das Brechen von Gottes Gesetz (1Jo 3,4). Sie wird ferner als Rebellion gegen Gott definiert (5Mo 9,7), die den Sünder von Gott trennt (Jes 59,2). Sünde ist ein Angriff auf Gottes heiligen Charakter, und jede Sünde ist vornehmlich Sünde gegen Gott […] Kellers Ansicht ist völlig falsch, denn jene, denen er eine „dünne Sicht“ von Sünde vorwirft, sind von ihrer Sünde und ihrer Rebellion gegen Gottes heiliges Gesetz überführt worden und haben begriffen, dass ihre einzige Rettungshoffnung Gottes Gnade ist, die am Kreuz Christi offenbart wurde […] Wiedergeborene Christen haben Freude an Gottes Geboten und streben danach, ihnen von ganzem Herzen zu gehorchen. Sie wollen unbedingt dem entsprechen, was Keller „Gottes Regularien“ nennt.

Keller fordert seine Leser auf, eine von ihm so bezeichnete „dicke“ Sicht von Sünde anzunehmen, die ihnen erlaubt, sich mit der Populärkultur einzulassen. … Er schreibt: „Eine theologisch ›dicke‹ Sicht von Sünde … versteht darunter den zwanghaften Trieb des Herzens, Götzen zu produzieren. Diese Sicht sollte uns weder zum Rückzug noch zum unkritischen Genuss der Kultur führen, sondern zu einem demütigen und kritischen Umgang mit ihr.“ Keller meint, wegen des zwanghaften Triebes des Herzens, Götzen zu produzieren, würden Christen, die sich von der Kultur distanzieren, lediglich „ehrenhaftere Götzen“ hegen, z.B. moralische und lehrmäßige Reinheit. (http://www.newcalvinist.com/tim-kellers-false-gospel/redefining-sin/)

Aber ist es ein Götze, wenn Christen moralische und lehrmäßige Reinheit lieben und danach streben? Die Bibel unterscheidet nicht zwischen einer „dicken“ und einer „dünnen“ Sicht von Sünde. Sie lehrt, dass „alles was in der Welt ist – die Lust der Augen, die Lust des Fleisches, und der Hochmut des Lebens“, böse ist und dass Christen dies richtig beurteilen und nicht beschönigen oder herabspielen sollen. Jede Sünde muss verurteilt werden, und alle Verstöße gegen Gottes Gebote sind Sünde. Kellers Ansatz spielt das herunter und verlockt Christen zu leichtfertigen Kompromissen mit Weltliebe und Weltförmigkeit, und außerdem dazu zu übersehen, dass wir „fliehen“ sollen vor aller sexuellen Unmoral (1Kor 6,18), „jugendlichen Lüsten“ (2Tim 2,22) und aller Art von weltlichem Götzendienst (1Kor 10,10).

2. Kellers Verständnis vom Auftrag der Gemeinde

Keller lehrt, dass die Gemeinde einen zweifachen Auftrag habe: das Evangelium verkünden und Gerechtigkeit ausüben. Das ist Thema seines Buches „Warum Gerechtigkeit?“ (orig. Generous Justice). In der Erklärung von Kellers Redeemer Church heißt es, dass die Gemeinde „danach strebt, die Stadt in sozialer, geistlicher und kultureller Hinsicht zu erneuern“.

Keller beruft sich auf dazu Jesaja 42,1, wo es über den Messias heißt, dass er „Gerechtigkeit zu den Nationen bringen“ wird. Doch die Gerechtigkeit, die durch Jesus Christus in alle Welt hinausgeht, ist zunächst die geistliche Gerechtigkeit des Evangeliums – die Gerechtigkeit vor Gott (Sündenvergebung, Versöhnung, Genugtuung bzw. Sühne für die Sünde), die z.B. Paulus im Römerbrief ausführlich thematisiert. In der Jesaja-Prophezeiung sind keine Sozialreformen gemeint. Auch Jesus bewirkte keine Sozialreformen und war kein politischer Aktivist, wie Keller es von uns fordert. Unsere Hoffnung auf soziale Gerechtigkeit wird durch die Wiederkunft Christi – und erst dann – erfüllt werden. Das ist unsere Hoffnung.

Kellers starke Betonung von sozialen Diensten an Nichtchristen verwischt zudem die klare Definition der Gemeinde als Gruppe, denn AT und NT lehren die materielle Unterstützung besonders für die „Hausgenossen des Glaubens“.

Keller spricht sich nicht nur für soziale Liebesdienste von Christen aus, sondern für soziales Engagement der Gemeinde an sich. Sie solle sogar an „Sozialreformen und …. Sozialstrukturen mittels Verbände und Organisationen arbeiten“ (Generous Justice, 123). Die theologische Grundlage für dieses Mandat der Gemeinde konstruiert er durch eine vage These: Es sei für ihn „schwer zu glauben, dass die Gemeinde diese Pflicht [zur Nächstenliebe] nicht auch irgendwie gemeinschaftlich widerspiegeln soll“ (Generous Justice, S. 135).

Dieser fragwürdige Umgang mit Schriftauslegung und biblischer Lehre wird auch an Kellers Interpretation des alttestamentlichen Jubeljahrs deutlich: Er sieht den Zweck dieser Verordnung in einer wirtschaftlichen Umverteilung und nennt sie „die ultimative Relativierung von Privatbesitz“ (Generous Justice, S. 21). Wer seine Ressourcen nicht teile, sei ein „Räuber“ (S. 17). Doch das Jubeljahr diente weder sozialen noch wirtschaftlichen Zwecken, sondern versinnbildlichte und praktizierte das Konzept von Erlösung und Wiederherstellung durch Gottes gnädige Vorsehung – gerade auch privater Privilegien wie Erbbesitz und Freiheit.

Keller konstruiert in seinen viel beachteten Büchern Warum Gerechtigkeit und Center Church ein göttliches Mandat der Kirche, auf soziale Gerechtigkeit und kulturelle Transformation hinzuwirken. Dieses angebliche Mandat ist jedoch menschengemacht und nicht biblisch. Vielmehr führt es zu zweierlei Problemen: Erstens verlagert es die Prioritäten der Gemeinde, deren hauptsächlicher Auftrag ist, das Evangelium zu verkünden – und diese Prioritätenverschiebung nimmt der Evangeliumsverkündigung viel Kraft und Ressourcen – und zweitens verleitet diese Auffassung Christen dazu, sich der modernen emergenten bzw. missionalen Bewegung anzuschließen und damit einen Weg weg von der Bibel und hin zu einer säkularisierten Weltkirche, einem vermeintlichen und falschen Reich Gottes zu beschreiten, das den irdischen Bedürfnissen der Menschen dienen soll, statt der geistlichen und dazu verhängnisvolle Kompromisse mit der Welt eingeht, ja letztlich in der Welt und ihrem von Gott verordneten Schicksal selbst aufgeht. Sozialer Aktivismus ist das neue Einheitsband moderner „Christen“, denn darin sind sie sich einig – ganz unabhängig davon, wie sie zur Wahrheit des Evangeliums stehen. Die biblische Eindeutigkeit des Evangeliums droht bei ihnen in Vergessenheit zu geraten oder wird als lehrmäßige Beliebigkeit angesehen. In der sozialen Weltkirche werden quasi alle Spielarten unbiblischer Lehrauffassungen geduldet und zu einer bunten Brühe vereint. Man beachte z.B., welche große Akzeptanz unter Evangelikalen die römisch-katholische Ordensfrau „Mutter Teresa“ erlangt hat und wie sie wegen ihres sozialen Engagements als christliches Vorbild präsentiert wird, obwohl sie den Hinduismus als einen Heilsweg von vielen akzeptierte, eine glühende Marienverehrerin war und alle Irrlehren des Katholizismus vertrat. So wundert es nicht, dass Timothy Keller in seinen Beiträgen in dem Buch „Worship by the Word“ wohlwollend Mutter Teresa zitiert und daneben sogar dafür eintritt, dass ungläubige Musiker in das Worship-Team einer Gemeinde aufgenommen werden sollen, damit sie evangelisiert werden (Quelle: Rezension auf challies.com)

Fazit

Diese zwei Punkte sind nur ein kleiner Ausschnitt aus Kellers Thesen-Spektrum. Bereits in unserem Newsletter vom September 2013 haben wir auf das Buch „Engaging with Keller“ (Hrsg. I.D. Campbell und W.M. Schweitzer) hingewiesen, dass sich gründlich und sehr fair mit einigen Ansichten Kellers auseinandersetzt, die bibeltreuen Christen fragwürdig erscheinen müssen. Die Kapitelüberschriften dieses Buches vermitteln (auf Deutsch übersetzt) einen Eindruck von der Bandbreite der unorthodoxen Lehrmeinungen Kellers:

  1. Kellers Umfirmierung der Lehre von der Sünde,
  2. Eine Hölle ohne Schwefel,
  3. Ist „göttlicher Tanz“ eine gute Beschreibung für die Dreieinigkeit?,
  4. Der Auftrag der Gemeinde: in der Welt Gerechtigkeit ausüben?,
  5. Ist Kellers Hermeneutik ein nachahmenswertes Beispiel für die Gemeinde?,
  6. Überbrückt Keller die Kluft zwischen Evolution und Schöpfung?,
  7. Gemeinschaft suchen an den falschen Orten – Keller und die Lehre von der Gemeinde.“

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Siehe zu der hier angesprochenen THematik auch:

Die postmoderne Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt!

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