Missiologie: Warum kontextuale C4-Mission unbiblisch ist!

Roger Dixon*

Vorbemerkung: Das C1 – C6 Spektrum der Kontextualisierung für die Mission Arabisch sprechender Länder wurde von „John Travis“ (Pseudonym) in der Zeitschrift Evangelical Missions Quarterly (EMQ) im Jahre 1998 vorgestellt und wird sowohl vom Weltkirchenrat als auch von vielen Evangelikalen (mit einer leicht veränderten Akzentuierung) akzeptiert. Die Vorstellung der Kontextualisierung geht auf die 1970er Jahre zurück und vertritt den Grundgedanken, dass jede Volksgruppe ihr eigenes kontextualisiertes (an ihre Kultur und Religion angepasstes) Verständnis des Evangeliums hat oder haben sollte. (hier)

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„Kontextualisierte Christus-zentrierte Gemeinschaften, die die Insider-Sprache verwenden sowie biblisch zulässige kulturelle und islamische Muster. Gleicht C-3, jedoch biblisch zulässige Praktiken des Islam werden ebenfalls genutzt (z. B. Beten mit erhobenen Händen, Beachtung der Fastentage, Meiden von Schweinefleisch, Alkohol und Hunden als Haustiere, Verwendung islamischer Begriffe und islamischer Kleidungsstil). C1 und C2 Muster werden gemieden. Versammlungen werden nicht in Kirchen abgehalten. C4-Gemeinschaften bestehen fast vollständig aus Gläubigen mit moslemischem Hintergrund. C4-Gläubige, obgleich sehr stark kontextualisiert, werden in der Regel von Moslems nicht als Muslime betrachtet. C4-Gläubige identifizieren sich als ‚Nachfolger von Isa, dem Messias‘ (oder ähnlichem).“1

 

Auf eine weitere Aussage von “John Travis” stößt man in Appropriate Christianity, wo er Stellung für das C5-Spektrum bezieht, indem er scheinbar vom C4-Spektrum ausgeht. Er beschreibt C4 als „kontextualisierte, Christus-zentrierte Gemeinschaft, die ihre Muttersprache verwendet und diese mit biblisch akzeptablen sozio-religiösen Mustern des Islam verbindet.“

Er schreibt: „Nachdem wir die ersten drei Spektren (C1-C3) hinter uns ließen, empfanden wir und eine Reihe von nationalen Mitarbeitern es als dringend angemessen, die Theorie der Kontextualisation weiterzuentwickeln. Wir hielten Ausschau nach religiösen Formen, die gewöhnlich von Moslems vor Ort ausgeübt wurden und die entweder ausdrücklich biblisch oder zumindest neutral waren, damit die Muslime, die zu Christus kamen, sich äußerlich so wenig wie möglich verändern mussten. Als wir die religiösen Muster der Muslime untersuchten, sahen wir vieles, was wir nutzen konnten … Mit einer Gruppe nationaler Christen, unter denen Gläubige mit muslimischem Hintergrund (MBB) waren (Muslim Background Believers, MBB, nutzt Kontextualisierung und das C1-C6 Spektrum in der Missionsarbeit) experimentierten wir mit islamischem Kleidungsstil, islamischen Begriffen und Gebetsformen, während wir das Evangelium mit moslemischen Freunden und Verwandten teilten. Andere Gruppen machten ähnliche Experimente in unserem Umfeld. Mit der Zeit entwickelte sich ein kontextualisierter Ausdruck christlichen Glaubens; die Gläubigen bezeichneten sich als ‚Nachfolger Isas‘ statt als ‚Christen‘ (der Begriff ‚Christ‘ ist unnötig mit westlicher Prägung belastet).“2 [Anmerkung: Kontextualisieren übersehen dabei sträflich, dass der Begriff „Isa“ einen Bedeutungsinhalt unter Moslems hat, der mit biblischer Christologie völlig unvereinbar ist. Isa im Koran ist nichts weiter als ein menschlicher Prophet, Jesus Christus ist Gottes Sohn und Gott!]

 

Die Muttersprache ist nicht das Problem, aber was sind diese “biblisch akzeptablen sozio-religiösen Muster des Islam“? Dies öffnet Tür und Tor für Spekulationen in der Interpretation. Mir scheint es, als gäbe es nur wenige biblisch akzeptable, theologische Parallelen im Islam, und diese sind alttestamentlicher Natur. Selbst eine Reihe von Kleidungsvorschriften hat für Muslime eine besondere Bedeutung wie die Kopfbedeckung der Frau, wenngleich dies unter den ethnischen Gruppierungen unterschiedlich gehandhabt wird. Gebetshaltungen wie das Erheben der Hände oder das Knien und Verbeugen kann man als Ausnahme betrachten, aber die Gebetshaltung im Islam ist mit der Wirksamkeit des vorgeschriebenen Gebets (salat) verbunden. Ferner dürfen Frauen nicht mit Männern beten. Heilige Orte spielen unter Muslimen ebenso eine Rolle.

Äußere Formen haben eine Bedeutung, und das islamische Gebet unterscheidet sich vom biblischen Gebet. Zum Beispiel, Gebete im Islam erfordern eine vorangehende Waschung. Der bekannte Gelehrte Seyyed Hossein Nasr schreibt: “Die vorgeschriebenen Gebete sollten nicht mit individuellen Gebeten verwechselt werden, die oftmals den ersten folgen. In den vorgeschriebenen Gebeten steht der Mensch als Repräsentant aller Geschöpfe vor Gott. Die vorgeschriebenen Gebete sind das Herz der Shari’ah und sind unbedingt einzuhalten.”3

Aus den Schriften von Islamgelehrten wie Nasr & Sainah Anwar in Malaisien4 oder Regula Burckhardt Qureshi geht hervor, dass das Gottesverständnis des Islam sich von dem der Christen und Juden unterscheidet.5

Einige argumentieren, dass äußere Formen im Islam mit biblischen Ausdrucksweisen identisch sind, da wir den gleichen Gott anbeten würden. Aber die Inhalte sind unterschiedlich. Roland Clarke veröffentlichte kürzlich den Artikel „Mighty to Save“ (Mächtig zu erretten) auf der Webseite answering-Islam.org, wo er die Tatsache betont, dass Muslime die rettende Macht Gottes nicht in den Mittelpunkt stellen, obgleich sie die Einheit (tawhid) und Einzigartigkeit Gottes lehren. Sie kennen keinen Erlöser. Islamische Theologie stellt tawhid in den Vordergrund, aber die biblische Beschreibung von Gottes Wesen als Vater ist nicht in ihrem Blickfeld. Nasr schreibt: „Aus diesem Grund beruht der Islam von Anfang bis zum Ende auf der Vorstellung der Einheit (tawhid), denn Gott ist einer. Die Einheit Gottes ist das Alpha und Omega des Islam.“6

Aus diesem Grund glaube ich, dass das C-4 Konzept von Grund auf falsch ist, wenn „sozio-religiöse Muster“ als Maßstab dienen. Sich zu verneigen sowie andere Formen des salat haben Bedeutung im Islam, obgleich diese Handlungen im christlichen Kontext ohne Bedeutung sein würden. Den Fastenmonat zu halten oder die Teilnahme an der Eid al-Adha-Opferung ist für einen Christen nicht möglich, weil sie mit biblischem Fasten unvereinbar sind.

Was sind die „Muster“, und was versteht Travis unter diesen „Mustern“? Theologische Modelle, die auf eine bestimmte Kultur zurückgehen, haben eine Bedeutung. Zum Beispiel, Hindus waschen sich im Ganges, aber manchmal handelt es sich um rituelle Waschungen. Muslime richten ihr Angesicht gen Mekka und verbinden damit eine ganz bestimmte Überzeugung. Wenn wir auf theologische Modelle einer bestimmten Kultur zurückgreifen, müssen wir verstehen, was diese für die Leute vor Ort bedeuten. Sie beruhen nicht auf einer biblischen Weltanschauung, und daher enthalten sie nicht die biblische Wahrheit, obgleich es Ähnlichkeiten zur wahren Anbetung geben mag.

“Travis” erklärt, dass der C4-Lebensstil zeitlich begrenzt sei.

„Obgleich sie das Fasten beachten, islamische Kleidung tragen, islamische Begriffe verwenden, muslimische Ernährungsvorschriften einhalten und ihre Namen beibehalten, beten sie im Allgemeinen nicht in der Moschee und bezeichnen sich nicht als Muslime.“7 Rebecca Lewis ist eine weitere Befürworterin von C4, die C4-Gläubige als Jesus-Gläubige bezeichnet, die „innerhalb ihrer sozio-religiösen Gemeinschaften bleiben.“8 Lewis geht noch weiter als „Travis“ und sagt, dass die Gläubigen in Christus Jesus „ihre Identität als Mitglieder ihrer sozio-religiösen Gemeinschaft beibehalten, während sie unter ihrem Herrn Jesus Christus und der Autorität der Bibel leben.“9 Diese Auffassung betont den Umstand, dass die „Gläubigen“ in der religiösen Orientierung ihrer Gemeinschaften verharren. Wie kann C4 biblisch sein, wenn die sogenannten Gläubigen an unbiblischen Handlungen teilnehmen?

Soweit ich Lewis verstehe, geht sie davon aus, dass Gläubige an Jesus Christus ihrem religiösen Kontext in einer muslimischen Gemeinschaft nicht den Rücken zukehren. „Travis“ erwähnt, dass C4-Gläubige den muslimischen Fastenmonat ihrer einstigen Religion mit seinen Speisevorschriften weiterhin praktizieren,10 was ich als nicht biblisch und ohne Grundlage in einer biblischen Theologie betrachte und folglich als Veränderung der Botschaft des Evangeliums.“

  1. Die islamische Theologie in Bezug auf den Fastenmonat ist eine religiöse Pflicht, die im Grunde auf Werksgerechtigkeit beruht. Dies steht deutlich im Widerspruch zum Neuen Testament. Das Fasten im Islam ist sehr verschieden vom Fasten in der Bibel.
  2. In Christus gibt es keine Speisevorschriften.
  3. Überdies, die Eid al-Adha-Opferung erinnert zwar an alttestamentliche Opfer, aber sie leugnet Hebräer 10,8-10: „Oben sagt er: »Opfer und Gaben, Brandopfer und Sündopfer hast du nicht gewollt, du hast auch kein Wohlgefallen an ihnen« – die ja nach dem Gesetz dargebracht werden -, dann fährt er fort: »Siehe, ich komme, um deinen Willen, o Gott, zu tun«. [Somit] hebt er das erste auf, um das zweite einzusetzen. Aufgrund dieses Willens sind wir geheiligt durch die Opferung des Leibes Jesu Christi, [und zwar] ein für alle Mal.“

Während es zutrifft, dass der Islam in säkularer Hinsicht ähnliche Prinzipien aufweist wie das Christentum (Familie, grundlegende Werte, soziales Verhalten), so gibt es tatsächlich auch sehr viele Unterschiede. Die Weihe eines Kindes, Heirat und Begräbnisrituale mögen dem uninformierten Beobachter harmlos erscheinen, aber sie unterscheiden sich enorm von biblischen Werten. Zum Beispiel, in der islamischen Kultur des Sudan wird die Placenta eines Kindes als “Freund” des Kindes betrachtet und an einem bestimmten Ort begraben, wo man zu einem späteren Zeitpunkt um Beistand beten kann. Die islamische Frau wird ausschließlich von Männern verheiratet. Die Braut ist während der religiösen Zeremonie nicht anwesend. Das Begräbnis einer muslimischen Person beinhaltet Zeremonien, die es dem Geist des Verstorbenen erlaubt, an seinen ursprünglichen Ort zurückzukehren.

Dies sind nur einige Beispiele, wie die C4-Praktiken der Schrift widersprechen. Wenn ein Neubekehrter derartige Praktiken ausübt, leidet sein geistliches Wachstum großen Schaden. „Travis“ argumentiert, dass die C4-Lebensweise fortgeführt werden soll, selbst wenn die Gemeinschaft erkennt, dass es sich nicht mehr um Muslime handelt. Die C4-Lebensweise, so das Argument, wird allmählich zu einem Ende kommen. Aber auf welcher Grundlage dies geschieht, wird nicht erklärt.

Im 2Korintherbrief 6,17-18 zitiert Paulus Jesaja 52,11 und andere Verse, in denen der Herr Israel daran erinnert, dass er sie aus Ägypten befreit hat und sie wieder befreien wird. „Darum geht hinaus von ihnen und sondert euch ab, spricht der Herr, und rührt nichts Unreines an! Und ich will euch aufnehmen, und ich will euch ein Vater sein, und ihr sollt mir Söhne und Töchter sein, spricht der Herr, der Allmächtige.“ Wenn Paulus die Korinther dazu aufruft, „von ihnen hinauszugehen“, zeigt er ihnen, was der Herr unter Absonderung und Heiligung versteht. Wenn wir Bekehrte in ihren „sozio-religiösen Gemeinschaften“ belassen, ohne sie darin zu unterweisen, dass Gott über die Zeiten der Unwissenheit hinwegsah, verurteilen wir sie zu einem fruchtlosen geistigen Leben, in dem sie ständig mit satanischen Einflüssen einer unbiblischen Weltsicht zu kämpfen haben.

Mein Eindruck ist, dass viele Vertreter der C4-Methode die Folgen eines solchen Handelns nicht bedacht haben. Evangelistische Modelle müssen Antworten auf die geistlichen Fragen der Menschen im Licht einer biblischen Weltsicht geben.

Obgleich ich sehe, dass viele Bekehrte sich langsam von ihrer religiösen Weltsicht abkehren, bin ich nicht überzeugt, dass die C4-Methode biblisch ist, selbst wenn wir davon ausgehen, dass es in diesem Modell eine Übergangsphase gibt. Obgleich wir Neubekehrte nicht dazu zwingen dürfen, einen biblischen Lebensstil, wie wir ihn für richtig halten, anzunehmen, sollten wir sie jedenfalls dazu ermutigen, dies zu tun. Dies sind einige der Gründe, warum ich glaube, dass die C4-Methode von Natur aus die Evangeliumsbotschaft in entscheidender Weise verändert und das geistliche Wachstum in den Nachfolgern Christi verhindert.

Anmerkungen:

  1. EMQ October 1998, Vo. 34, No 4, S. 408
  2. Appropriate Christianity, Charles H. Kraft, Ed., (2005), Pasadena, William Carey Library. S. 397-414.
  3. Ideals and Realities of Islam, Seyyed Hossein Nasr -1979, S. 114
  4. Islamic Revivalism in Malaysia: Dakwah among the Students,1987, Sun U Book Co. Petaling Jaya
  5. “Transcending Space: Recitation and Community Among South Asian Muslims in Canada” in Making Muslim Space in North America and Europe, (ed.) Metcalf Barbara Daly, 1996, Univ. of California Press, S. 46-64.
  6. Ebd., S. 29
  7. Appropriate Christianity, S. 400
  8. Promoting Movements to Christ within Natural Communities” IJFM 24:2 Summer 2007:75)
  9. “ Insider Movements: Honoring God-Given Identity and Community” IJFM 26:1 Spring 2009:33)
  10. Appropriate Christianity, S. 400
    Der Artikel wurde leicht gekürzt.

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*Roger Dixon, When C4 is not biblical in many respects, Übersetzt und erstmals veröffentlicht von distomos.blogspot.de

Siehe hierzu auch die weiterführenden Artikel unter MISSION, GEMEINDEBAU & EVANGELIUM:

 

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