Sarah Young: Jesus ruft Dich!

(in English: HERE!)

Georg Walter *

Sarah Young: Ich bin bei Dir: 366 Liebesbriefe von Jesus – eine Rezension des Buches von Tim Challies**

Ich kannte weder das Buch noch die Autorin, als ich Jesus Calling (dt. Ausgabe: Ich bin bei Dir: 366 Liebesbriefe von Jesus, Gerth Medien, 2009) zu lesen begann (einige Leser meines Blogs hatten mich gebeten, dies zu tun). Ich hatte das Buch als Bestseller auf den Bestsellerlisten bemerkt, aber ich hatte es mir nie angeschaut. Das erste, was ich herausfand, war, dass es auf Amazon über 450 Rezensionen gab, die das Buch durchweg mit 5 Sternen (höchste Punktzahl) bewerteten, etwas, was nicht so einfach zu schaffen ist. Ich lud es auf meinen Kindle (E-Book Reader) herunter und begann zu lesen.

Sarah Young ist die Ehefrau eines Japanmissionars in der dritten Generation, der seine theologischen Abschlüsse am Covenant Theological Seminary in St. Louis, einem presbyterianischen Seminar, machte. Sarah Youngs Buch ist ein Andachtsbuch, kurze Reflektionen über den christlichen Glauben durch das ganze Jahr. Aber es weist eine große, entscheidende Verzerrung auf.

Ich werde das Buch unter zwei Überschriften beleuchten: Was sie über das sagt, was sie sagt und dann Was sie sagt. Mit anderen Worten, der erste Teil wird sich mit den Fundamenten ihrer Aussagen auseinandersetzen; im zweiten Teil werde ich mich auf den aktuellen Inhalt ihrer Andachten konzentrieren.

Was sie über das sagt, was sie sagt

Bei dem Buch handelt es sich um Erfahrungen der GEGENWART Gottes (das englische Wort Presence, GEGENWART, ist stets großgeschrieben, was im Englischen unüblich ist und das Wort besonders hervorhebt). Es geht um die wachsende Beziehung zum Herrn, etwas, wonach jeder Christ sich sehnt. Young verwendet das Wort GEGENWART, um eine sehr fühlbare Gegenwart Gottes zum Ausdruck zu bringen. Hier einige Hintergrundinformationen, wie sie die GEGENWART zum ersten Mal empfand:

„Eines Abends verließ ich die Wärme unserer gemütlichen Wohnung, um einen Spaziergang in den verschneiten Bergen zu machen. Ich begab mich tief in den Wald und spürte, wie verletzlich ich war, ergriffen von der kalten Schönheit des Mondlichts. Die Luft war kalt und trocken, schneidend zum Einatmen. Plötzlich spürte ich, wie ein warmer Nebel mich einhüllte. Ich wurde mir einer wunderbaren Gegenwart bewusst, und meine unfreiwillige Reaktion darauf war zu flüstern: ‚Lieblicher Jesus‘. Diese Äußerung war für mich völlig untypisch, und ich war schockiert, mich so sanft über Jesus reden zu hören. Als ich über diesen kurzen Satz nachdachte, erkannte ich, dass es die Antwort eines bekehrten Herzens war. In diesem Augenblick wusste ich, dass ich zu Ihm gehörte. Dies war weit mehr als die intellektuellen Antworten, nach denen ich gesucht hatte. Dies war eine Beziehung zu dem Schöpfer des Universums.“

Beeinflusst von Autoren wie Catherine Marshall und Andrew Murray setzte Young ihre Suche nach der GEGENWART Gottes fort, indem sie versuchte zu lernen, wie man Gottes Gegenwart ständig fühlen oder erfahren kann. Sie wuchs in ihrer Liebe zu Gott und in ihrem Verlangen, Zeit mit ihm zu verbringen, indem sie zu ihm betete und auf sein Wort hörte. Es war im Jahre 1992, als sie das Buch God Calling (Gott, der ruft) erhielt, „ein Andachtsbuch, das von zwei anonymen Personen geschrieben wurde, die auf Gott ‚hörten‘. Diese Frauen warteten geduldig auf die GEGENWART Gottes, Bleistift und Papier waren zur Hand, um die Botschaften, die sie von Ihm empfingen, niederzuschreiben. Die Botschaften wurden in der ersten Person ‚Ich‘ verfasst und standen für die Person Gottes.“ Dieses Buch wurde ein Schatz und ein Leitfaden für sie.

Young fährt fort:

„Im folgenden Jahr begann ich mich zu fragen, ob auch ich während meiner Zeiten der Gemeinschaft mit Gott Botschaften empfangen könnte. Ich schrieb seit Jahren meine Gedanken in ein Gebetsjournal, aber dies war eine einseitige Kommunikation: ich alleine redete. Ich wusste, dass Gott mit mir durch die Bibel kommuniziert, aber ich sehnte mich nach mehr. Zunehmend wollte ich hören, was Gott mir von Tag zu Tag persönlich zu sagen hatte. Ich entschloss mich, mit einem Stift in der Hand auf Gott zu hören und alles niederzuschreiben, von dem ich glaubte, dass Er es sagte. Das erste Mal, als ich dies versuchte, fühlte ich mich komisch, aber ich empfing eine Botschaft. Sie war kurz, biblisch und angemessen. Es ging um Dinge, die mein Leben betrafen: Vertrauen, Furcht und die Nähe Gottes. Ich schrieb dies in mein Gebetsjournal nieder.“

Sie werden nicht überrascht sein zu lernen, dass der Inhalt dieses Buches, jede einzelne Andacht, eine Botschaft ist, die Young vom Herrn empfangen hat – eine Botschaft, die eine tiefere Erfahrung der GEGENWART Jesu und seines Friedens schenkt.

„Diese Praxis, auf Gott zu hören, hat meine Intimität mit Ihm mehr als jede andere geistliche Übung vertieft, und aus diesem Grunde will ich einige Botschaften, die ich empfangen habe, mit anderen teilen. In vielen Teilen der Welt suchen Christen scheinbar nach einer tieferen Erfahrung der GEGENWART Jesu und seines Friedens. Die nachfolgenden Botschaften wenden sich an dieses Bedürfnis.“

Dies ist sehr wichtig. Als ich mit anderen über dieses Buch sprach, habe ich Leute sagen hören, dass dieses Buch so geschrieben ist, als spräche Jesus selbst zum Leser. Aber es ist wichtig zu wissen, dass Young noch einen viel kühneren Anspruch erhebt – es ist Jesus, der durch sie spricht. Die Botschaften, die Jesus ihr gegeben hat, gibt sie nun an uns weiter.

Hier lohnt es sich innezuhalten und diesen Anspruch zu überdenken. Sarah Young beansprucht eine Art von neuen Offenbarungen von Gott. Sie sagt, dass Gott zu ihr spricht und dass sie diese Botschaften weitergibt. Sofort sollten wir die Frage stellen, was sie über die Bibel glaubt? Behauptet sie, dass ihre Botschaften der Schrift gleichgestellt sind? Oder dass sie über der Schrift stehen?

Dies behauptet sie nicht; zumindest nicht direkt. An einer Stelle sagt sie: „Ich wusste, dass diese Botschaften nicht inspiriert waren wie die Schrift, aber sie halfen mir, Gott näher zu kommen.“ Später führt sie aus: „Die Bibel ist natürlich das einzig irrtumslose Wort Gottes; meine Andachten müssen sich an diesem unwandelbaren Maßstab messen lassen.“ Aber dies ist alles, was sie zu diesem Thema zu sagen hat. Während sie klarstellt, dass ihr Buch nicht über der Bibel steht, sagt sie dennoch nichts darüber aus, wie wir ihre Botschaften einschätzen sollen. Sind sie autoritativ? Sind sie in irgendeiner Weise für sie selbst oder für uns bindend? Wenn sie weder inspiriert noch irrtumslos sind, was sind sie dann genau? Es gibt keine Antworten auf diese Fragen, weil Young sofort dazu übergeht, ihre göttlichen Botschaften als tägliche Andachten zu präsentieren und schreibt: „Ich habe fortlaufend persönliche Botschaften von Gott empfangen, als ich über Ihn meditierte. Je schwieriger meine Lebensumstände wurden, umso mehr brauchte ich die Weisungen meines Schöpfers.“

James Montgomery Boice sagte einmal, dass die wahre Schlacht in unserer Zeit nicht die um die Irrtumslosigkeit oder Unfehlbarkeit der Schrift sein wird, sondern die um die Allgenügsamkeit [Lehre der Reformation] – verlassen wir uns ganz auf die Bibel oder sehnen wir uns nach anderen Offenbarungen? In dem Buch Jesus Calling wird dies sehr deutlich. Young lehrt, dass die Bibel nicht allgenugsam ist, obgleich sie irrtumslos und unfehlbar ist. Die Bibel reicht nicht aus für sie, und daher lehrt sie implizit, dass sie auch für uns nicht ausreichend ist. Schließlich war es nicht das Lesen der Schrift, das für Young die wichtigste geistliche Disziplin darstellte, sondern es war ihr Hören auf Gott, ihr Warten auf die Botschaften des Herrn. Es ist nicht die Schrift, die sie uns vermittelt, zumindest nicht in erster Linie, sondern die Botschaften Jesu.

Alleine aufgrund dieser Basis ist das Buch sehr suspekt und muss mit größter Vorsicht behandelt werden. Young gibt Worte weiter, von denen sie behauptet, dass sie direkt vom Herrn kämen. Aber sie führt keinen Beleg an, dass wir vom Herrn erwarten sollten, dass er auf diese Weise zu uns redet; alles, was sie anbieten kann, sind ihre persönlichen Erfahrungen. An dieser Stelle bleibt uns eine Reihe von Optionen offen. Wir können aufhören, das Buch weiterzulesen, wir können weiterlesen und Youngs Anspruch, dass alle diese Worte vom Herrn sind, ablehnen, oder wir können weiterlesen und Young beim Wort nehmen. Ich persönlich würde das Buch sofort aus der Hand legen, wenn ich keine Rezension darüber schreiben müsste. Doch weil ich eine Rezension darüber schreiben sollte, fuhr ich mit der Lektüre fort.

Was sie sagt

Young bietet Andachten für jeden Tag des Jahres an, die alle in der ersten Person verfasst wurden und für die Person Jesu stehen. Jede Andacht ist gefolgt von einer Reihe von Schriftstellen. Hier die erste Hälfte der Andacht für den 8. Januar:

„Sanft kündige ich meine GEGENWART an. Schimmernder Glanz der Gegenwart klopft sanft an der Tür deines Bewusstseins und will angenommen werden. Obwohl ich alle Macht im Himmel und auf Erden habe, bin ich unendlich sanft mit dir. Je schwächer du bist, umso sanfter nähere ich mich dir. Lass deine Schwachheit an der Tür zu meiner GEGENWART zurück. Wann immer du dich hilflos fühlst, erinnere dich, dass ich deine immer gegenwärtige Hilfe bin.“

Es ist interessant, dass die meisten der Andachten einen Zuspruch enthalten, aber niemals Gebote; das heißt, dass dieses Buch mehr beschreibend als vorschreibend ist. Es geht weniger darum, dass Jesus uns sagt, wie wir leben sollen, sondern es geht mehr darum, wer er ist, wer wir sind und wie wir seine GEGENWART genießen können. Es fällt auf, dass diese Ermutigungen nur einen kleinen Ausschnitt christlicher Erfahrungen widerspiegeln. Es fällt ferner auf, dass viele der Worte Jesu sich kaum an dem orientieren, was die Bibel sagt. Zum Beispiel: „Sauge das Licht meiner GEGENWART in dich auf, während du deine Gedanken auf mich richtest.“ Und kurz danach: „Lerne es, das Geheimnis meiner GEGENWART zu verbergen, selbst wenn du mit deinen Pflichten in dieser Welt beschäftigt bist.“ Ich weiß nicht, was das bedeuten soll und wie es angewendet werden sollte. Es ist kein klares Gebot, dem ich gehorchen soll, und es ist kein klares Wort, wer Jesus ist.

Schlussfolgerung

Das Buch Jesus Calling ist auf seine Weise ein sehr gefährliches Buch. Obwohl die Theologie im Großen und Ganzen in Ordnung ist, muss ich zu bedenken geben, dass das Buch lehrt, es handle sich um eine normale christliche Erfahrung, wenn man Worte direkt von Jesus hört und diese mit anderen Personen teilt. Tatsächlich erhebt es die Erfahrung über alles andere. Und dies ist eine gefährliche Vorgehensweise. Ich sehe keinen Grund, dieses Buch zu empfehlen.

Mit freundlicher Genehmigung von Tim Challies.

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 * Reblogged von: distomos.blogspot.de – 17.01.2012: „…bis es scheidet zwischen Seele und Geist“

** Siehe weiterführende Artikel zu Sarah Young: „Geliebte, glaubt nicht jedem Geist“

Siehe auch:  Warren B. Smith, Ein anderer Yesus – 20 Gründe, die gegen Sarah Youngs Bestseller „Ich bin bei dir“ sprechen. (Erhältlich u.a. HIER)

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Eine Antwort zu Sarah Young: Jesus ruft Dich!

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