Die neuen Calvinisten und die charismatische Frage

G. Walter,  distomos.blogspot.de

Obgleich man die „Neuen Calvinisten,“ die man als charismatisch einstuft (Piper, Mahaney, Grudem), nicht auf die gleiche Ebene mit Charismatikern (geschweige denn mit Extremcharismatikern) stellen darf, hat John MacArthur in einem kürzlichen Interview den Finger in die offene Wunde der charismatischen Calvinisten gelegt (hier). John Piper u. a. kommen im Gegensatz zu John MacArthur zu dem Schluss, dass sie die Lehre des Cessationismus nicht teilen können.Der Cessationismus lehrt, dass Geistesgaben wie das Zungenreden oder Prophetie sowie Zeichen und Wunder mit dem Tod der letzten Apostel aufhörten und heute nicht mehr relevant sind. Der Nicht-Cessationismus der charismatischen Calvinisten hingegen geht davon aus, dass Wunder und Zeichen sowie alle Geistesgaben bis heute Gültigkeit haben – und für Christen erstrebenswert sind. Das Problem, das sich daraus ergibt, ist, dass zwei sich so widersprechende Lehrpositionen wie die des Cessationismus und Nicht-Cessationismus nicht gleichzeitig wahr sein können. Entweder ist erstere Anschauung wahr, dann ist letztere unwahr, oder die erstere ist unwahr und letztere ist wahr. Im Folgenden einige Gedanken und Kriterien, die uns weiterhelfen sollen, diese Frage zu klären.

Erstens, dass man zu einer klaren Schlussfolgerung auf der Grundlage der Bibel kommen kann und sich im theologischen Dschungel der Argumente nicht verlieren muss, zeigt John MacArthur. Er formuliert klar und in sich schlüssig, warum er Cessationist ist. Seine Gemeinde und das von ihm gegründete Bibelseminar verfügen über ein schriftliches Glaubensbekenntnis, welches die cessationistische Lehre darstellt und biblisch begründet. Dies setzt die Bereitschaft voraus, sich unvoreingenommen mit allen Argumenten auseinanderzusetzen – auch mit den Gegenargumenten gegen die eigene Position. Wer aufgrund aller Argumente zwischen beiden Lagern noch immer unentschieden ist, dem seien im Folgenden vier weitere Aspekte ans Herz gelegt, die es zu bedenken gilt, um eine Klärung in dieser Frage herbeizuführen.

Zweitens, die Versuche von Wayne Grudem, die beiden evangelikalen Lager der Charismatiker und Anti-Charismatiker bezüglich der Geistesgaben (Charismata) zu harmonisieren, indem er zum theologischen Akrobaten wird, können für beide Seiten nicht zufriedenstellend sein. Man kann sich keine schlechtere Lösung vorstellen, als um des Kompromisses willen solange menschliche Argumente zu ersinnen, bis man beide Lager einigermaßen zufriedengestellt hat.

Robert L. Thomas, Professor für Neues Testament an John MacArthurs Master’s Seminary, erläutert:

„Grudem versuchte ein Konzept von Prophetie zu entwerfen, welches nicht so restriktiv (d.h. autoritativ) ist, um charismatisch ausgerichtete Personen auszuschließen und welches gleichzeitig so weit gefasst ist (d.h. nicht auf der Grundlage von Offenbarung stehend), um Nicht-Charismatiker nicht abzuschrecken. Er geht davon aus, dass eine vermittelnde Position existiert und folgert, dass die Ansichten bezüglich anderer hermeneutischer Prinzipien eine Rechtfertigung für weitere Forschungen darstellen.

Grudems Auffassungen führen ihn in einige seltsame hermeneutische Probleme. Zum Beispiel, um sich die Gunst von Nicht-Charismatikern und Cessationisten zu sichern, räumt er ein, dass die Gabe des Apostelamtes mit dem Ende der apostolischen Ära verschwand, etwa am Ende des 1. Jahrhundert nach Christi (um 80 n. Chr.). Aber um sich den Charismatikern und den Nicht-Cessationisten anzunähern, musste er die Hypothese von zwei Arten prophetischer Gabe erfinden – eine apostolisch-prophetische Gabe und eine prophetische Gabe der lokalen Gemeinde -, wobei die prophetische Gabe der lokalen Gemeinde bis zum zweiten Kommen Christi fortbesteht.“1 (hier)

Grudems Argumentation schwächelt gleich in mehrfacher Hinsicht, so Professor Thomas. Grudem macht bei seiner Auslegung von Epheser 2,20 und 4,11 einen grammatikalischen Fehler, indem er den Satzbau nicht ausreichend berücksichtigt, er lässt den Kontext außer Acht, und er übergeht schlicht und einfach die gewöhnliche Verwendung der Worte Apostel und Prophet (usus loquendi). Er liest sein Verständnis in den Text hinein, statt den Text für sich sprechen zu lassen. Selbst charismatische Theologen wie John Ruthven räumen ein, dass Grudems Auslegung in ihren Augen nicht haltbar ist. Epheser 2:20 stellt aus Sicht von Professor Thomas den „Stachel im Fleisch“ für alle Nicht-Cessationisten dar, da bis heute kein charismatischer Theologe die Aussage dieser Bibelstelle, die den Cessationismus bekräftigt, hinreichend entkräften konnte.

Drittens, über das biblisch-theologische Argument hinaus können wir heute – nach mehr als einem Jahrhundert pfingstlich-charismatischer Bewegung – auf die Früchte dieser Bewegung zurückblicken. Unser HERR selbst fordert uns auf: „An ihren Früchten sollt ihr sie erkennen.“ Damit soll weder die persönliche Treue von vielen Pfingstlern und Charismatikern noch deren Motive in Frage gestellt werden, sondern es darf und muss nach der Frucht der Ausübung der Geistes- gaben wie Zungenreden und Prophetie gefragt werden. Selbst moderate Pfingstler und Charismatiker werden diesbezüglich einräumen müssen, dass diese Frucht nicht überzeugt. Sie werden zwar darauf verweisen, dass auch nichtcharismatische Denominationen aus Menschen bestehen, die Fehler machen, aber sie werden die Exzesse in den extremcharismatischen Kreisen nicht einfach ignorieren können. Statt dass die pfingstlich-charismatische Bewegung im Lauf ihrer Geschichte geistlich reifer geworden ist, hat sie sich zu einem nicht unerheblichen Maß im Wort und Wandel negativ entwickelt.

Viertens, wer die historischen Anfänge der amerikanischen Pfingstbewegung kennt, die als die Quelle der globalen Pfingstbewegung gelten muss, wird ernüchtert zur Kenntnis nehmen müssen, dass der Same der Schwärmerei schon in den Anfängen angelegt war und später durch den durchaus wohlgemeinten, aber dennoch irre-geleiteten menschlichen Eifer bewässert, jene Früchte trug, die seit Bestehen dieser Strömung immer wieder Anlass zu Kritik waren. Charles Parham war der eigentliche Begründer der klassischen Pfingstlehre (1900), wonach die Geistestaufe als eine zweite Erfahrung nach der Bekehrung von jedem Christen gesucht werden musste. Die Zungenrede war für ihn der Beweis der empfangenen Geistestaufe. Parham war stark von Frank W. Sandford (Gründer der Holy Ghost and Us Bibleschool) beeinflusst, der rationale Bibellehre ablehnte und sich „ausschließlich vom Heiligen Geist lehren und führen“ lassen wollte. Allein dieser unbiblische Ansatz kann nur in die Irre führen.

William Joseph Seymour übernahm die Lehre Parhams und verhalf ihr 1906 in der Azusa Street in Los Angeles zum Durchbruch – dieses Jahr gilt als die Geburtsstunde der Pfingstbewegung. Obgleich geprägt von Parhams extremen Ansichten, war Seymour in seinen Ansichten weniger extrem; gleichfalls war auch er nicht frei von schwärmerischen Tendenzen. Die Lehre, dass die Zungenrede eine Fremdsprache sei, die Gott übernatürlich schenkt, um die Welt zu evangelisieren, stellte sich bald als falsch heraus. Die Missionare kamen aus allen Teilen der Welt zurück und vermeldeten schlichtweg, dass Parhams Lehre falsch war. Während Parham bis zu seinem Lebensende stur an seiner Auffassung festhielt, beugte sich Seymour der Realität und musste einräumen, dass es sich bei der Zungenrede eben nicht um verständliche Sprachen handelte. Etwa um 1909 erfanden Pfingstbrüder dann die Theorie, dass die Zungenrede eine persönliche Gebetssprache sei, um sich selbst geistlich zu erbauen. Niemand war zu diesem Zeitpunkt mehr bereit, grundsätzlich die Zungenrede in Frage zu stellen. Die ursprüngliche Lehre Parhams, alle Zungenrede sei eine heute verständliche Fremdsprache, die der Zungenredner in den Dienst der evangelistischen Verkündigung stellen könne, verwarfen die ersten Pfingstler; an der Erfahrung der Zungenrede klammerten sich die Pfingstler indessen wie an ein Lebenselixier. Nicht ohne Grund nannte man die Bewegung in jener Zeit auch „Zungenbewegung.“

Bezüglich der Zungenrede und der Gabe der Auslegung schildert D. A. Carson eine interessante Begebenheit, die ihm ein Freund berichtete. Dieser besuchte einen charismatischen Gottesdienst und rezitierte Johannes 1,1-18 in neutestamentlichem Griechisch – sein Beitrag zum Gottesdienst in Form einer „Zungenrede“ sozusagen. Sofort wurde seine „Zungenrede“ ausgelegt; doch die Auslegung hatte nichts mit dem Text im Johannesevangelium zu tun. Einmal trug sein Freund die Passage aus dem Johannesprolog sogar zwei Personen vor, die von sich behaupteten, die „Zungenrede“ nach 1Korinther 12,10 „auslegen“ zu können. Auch diese beiden sich widersprechenden und völlig unterschiedlichen Auslegungen hatten nichts mit den Worten aus Johannes 1 zu tun. Die Rechtfertigung der Charismatiker bestand darin, dass sie argumentierten, Gott würde verschiedenen Leuten verschiedene Auslegungen geben. Carson kommt zu dem Schluss: „Das ist lächerlich, denn wenn die Auslegungen so enorm voneinander abweichen, würde sich uns zwangsläufig die Schlussfolgerung aufdrängen, dass es keinen eindeutigen kognitiven Inhalt der Zungenrede an sich gibt.“2

Fünftens, Felicitas D. Goodman, Psychologin, Anthropologin und Sprachwissenschaftlerin, veröffentlichte 1972 eine umfangreiche Monographie mit dem Titel Speaking in Tongues: A Cross-Cultural Study in Glossolalia (Zungenrede: Eine kulturübergreifende Studie der Glossolalie), nachdem sie verschiedene Pfingstgemeinschaften mit Englisch, Spanisch und Maya sprechendem Hintergrund in den USA und in Mexiko untersucht hatte. Sie kam sogar zu dem Schluss, dass „wenn man alle Merkmale der Glossolalie [Zungenrede] berücksichtigt – d.h., die segmentäre Struktur (Laute, Silben, Sätze) und ihre suprasegmentalen Elemente (genauer gesagt, Rhythmus, Akzent und vor allem Intonation) – dann gibt es keinen Unterschied zwischen der Glossolalie von Christen und den Anhängern nichtchristlicher (heidnischer) Religionen.“3

Aus ihren Beobachtungen schlussfolgert Goodman, dass es sich bei der Zungenrede um ein erlerntes Verhalten handelt. Sie beobachtete überdies, dass es bei Volksgruppen, die in Zungen redeten, zu Phänomenen kam wie hysterischem Lachen, Hinfallen, auf dem Boden herumrollen. Diese Manifestationen kann man auch in extremcharismatischen Kreisen beobachten.

Auch D. A. Carson kommt zu der Schlussfolgerung:

„Meines Wissens gibt es allgemeine Übereinstimmung unter Linguisten, die Tausende von Aufnahmen moderner Zungenrede aufgezeichnet und analysiert haben, dass es sich bei dem modernen Phänomen nicht um irgendeine menschliche Sprache handelt. Muster und Struktur, die für die menschliche Sprache charakteristisch ist, sind einfach nicht vorhanden. Gelegentlich trifft man auf ein verständliches Wort; aber dies ist statistisch gesehen wahrscheinlich, berücksichtigt man die enorme Menge an Verbalisierung. Jaquettes Schlussfolgerung ist zwingend: ‚Wir haben es hier nicht mit Sprachen zu tun, sondern mit Verbalisationen, die in gewissen strukturellen Aspekten oberflächlich einer Sprache ähnlich sind.‘ Studien über das Zungenreden in verschiedenen Kulturen und unterschiedlicher linguistischer Umgebung haben mehrere erstaunliche Ergebnisse erbracht. Die Phänomene der Zungenrede stehen in einem Bezug zu der natürlichen Sprache des Redners (z.B., ein deutscher oder französischer Zungenredner wird nicht das englische ‚th‘ benutzen; und englische Zungenredner werden niemals das französische ‚u‘ [ü] aussprechen).“4

Wer sich ausschließlich mit den theologischen Argumenten der Cessationisten und Nichtcessationisten auseinandersetzt, kann sehr schnell in die Lage geraten, dass er den Wald vor lauter Bäumen nicht mehr sieht. Die Argumente für den Cessationismus werden desto einleuchtender, um so mehr man dieses Thema umfassend betrachtet, d.h. nicht nur theologisch, sondern auch aus kirchengeschichtlicher, linguistischer und moralischer (Frucht) Perspektive.

Letztlich, die Frage der rechten Lehre über die Charismen geht mit einer ungeheuer großen Verantwortung einher. Bejaht man das Zungenreden sowie weitere Offenbarungsgaben wie die Prophetie, das Wort der Erkenntnis sowie Gesichte und Visionen, gibt man eine geistliche Richtung vor. Diese mag anfänglich moderat, nüchtern und am Wort ausgerichtet sein, verbunden mit dem aufrichtigen Wunsch, dem Heiligen Geist Raum zu geben und für Gott ein vollmächtiges Werkzeug zu sein. Doch über 100 Jahre pfingstlich-charismatischer Geschichte haben überdeutlich gezeigt, dass der in der pfingstlich-charismatischen Bewegung „wirkende Geist derselbe ist, nur die Phasen seiner Enthüllung sind jeweils verschieden,“5 so die Einschätzung Rudi Holzhauers.

Der ehemalige Pfingstler Rudi Holzhauer schreibt rückblickend auf seine eigene und die Loslösung anderer Personen aus der Charismatik: »Wie schwer es selbst für aufrichtige Charismatiker ist, aus der Schwärmerszene auszusteigen und – selbst nach gelungenem Überführtsein – einzusehen, dass sie vom Sockel ihrer vermeintlichen Geistlichkeit und Begnadung herunter müssen, ist mir aus langjähriger Erfahrung und an mir selbst bewusst geworden. Der Charismatiker ist so stark auf sein – manchmal einmaliges – Erlebnis fixiert, dass ihm die Möglichkeit eines Betruges oder Selbstbetruges unvorstellbar erscheint.“6 Seine Beobachtungen über das Geisteswirken in der pfingstlich-charismatischen Bewegung fasst Holzhauer in folgenden Worten zusammen: „Wer nur die Wild-wüchse des Schwarmgeistes beschneidet, kann keine Geisteswirkung im biblischen Sinne erreichen.“7 Und „ein Geist, der unter der Bedingung strenger Überwachung in Zucht gehalten wird, ist niemals mit dem Heiligen Geist identisch.“8

In der Frage der Geistesgaben und der Geistestaufe geht es um Grundsätzliches. Keine Position in dieser Frage beziehen zu wollen, löst das Problem nicht. Wer in dieser Frage signalisiert, moderate Charismatiker und Pfingstler seien im Grunde eins im Geiste mit Nicht-Charismatikern, muss die Verantwortung für jede Seele tragen, die ihren Fuß auf schwärmerische Wege setzt und vom gesunden Glauben abirrt oder gar Schaden nimmt.

Hier liegt die große Gefahr, dass Menschen moderat-charismatisch beginnen und in Extremen enden können. Aus diesem Grund hat John MacArthur recht, wenn er von den charismatischen Calvinisten „einfordert, dass sie erklären, warum sie an einer modernen Praxis festhalten, die in Wahrheit keine biblische Grundlage hat.“

Anmerkungen

  1. Robert L. Thomas, The Hermeneutics of Non-Cessationism. In: The Master’s Seminary Journal , Band 14, Nr.2, Herbst 2003, S. 287-310.
    Die deutsche Übersetzung des Artikels: Teil I, Teil II.
  2. D. A. Carson, Showing the Spirit, Authentic Media, Milton Keynes, 2010, S.87.
  3. Felicitas D. Goodman, Speaking in Tongues: A Cross-Cultural Study in Glossolalia, University of Chicago Press, 1972.
  4. D. A. Carson, Showing the Spirit, Authentic Media, Milton Keynes, 2010, S.82.
  5. Rudi Holzhauer, Okkult-Religiosität und Seelische Erkrankungen, Heft 1, Verlag Bibel & Gemeinde,Waldbronn, 1991, S.8.
  6. Ebd., S.3.
  7. Ebd., S.8.
  8. Ebd., S.10.

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