Evangelium zum Schleuderpreis?

William MacDonald*

Das evangelikale Dilemma

Wir sehen uns heute in der evangelikalen Welt mit einem merkwürdigen Problem konfrontiert, das nicht nur die Gemeinde, sondern auch den einzelnen Gläubigen vor eine ganze Reihe er­nüchternder Fragen stellt. Kurz gesagt geht es dabei um folgendes: Man hat ein ganzes Heer von Seelengewinnern mobilisiert, um die breite Masse für Christus zu gewinnen. Es handelt sich dabei durchweg um ernsthaft bemühte, eifrige, begeisterte und überzeugende Men­schen. Zu ihren Gunsten muß gesagt werden, daß sie auch tatkräftig ihren Aufgaben nachgehen. Und es ist ein Phänomen unserer Zeit, daß sie eine erstaunliche Anzahl von Bekehrungen aufweisen können. Soweit sieht alles recht positiv aus.

Das Problem liegt nun aber darin, daß diese Bekehrungen nicht von Dauer sind. Die Frucht bleibt nicht. Ein halbes Jahr später ist von dem Ergebnis dieser dynamischen Evange­lisation nichts mehr zu sehen. Die im Schnellverfahren für Jesus gewonnenen Men­schen erweisen sich im Nachhinein als Totge­burten.

Was steckt hinter diesen verkehrten Praktiken, mit denen man Menschen zur Wiedergeburt bringen will? Seltsamerweise beginnt es mit dem richtigen Entschluß, nur das reine Evan­gelium von der Gnade Gottes zu verkündigen. Wir möchten die Botschaft einfach halten, frei von jedem Gedanken, daß der Mensch sich je das ewige Leben verdienen könne oder eine Aussicht darauf habe. Rechtfertigung geschieht allein aus dem Glauben, ohne die Werke des Gesetzes. Somit lautet die Bot­schaft: „Glaube allein“.

Davon ausgehend reduzieren wir die Botschaft auf eine knappe Formel. Der Weg zur Erret­tung zum Beispiel wird auf ein paar grundle­gende Fragen und Antworten gekürzt:

  • „Glauben Sie, daß Sie ein Sünder sind?“ „Ja.“
  • „Glauben Sie, daß Christus für Sünder gestor­ben ist?“
  • „Wollen Sie Ihn als Ihren Erretter annehmen?“ „Ja.“
  • „Dann sind Sie errettet!“
  • „Bin ich das wirklich?“
  • „Ja, denn die Bibel sagt, daß Sie errettet sind.“

Auf den ersten Blick scheinen Methode und Botschaft über jede Kritik erhaben zu sein. Bei näherem Hinsehen allerdings werden wir zwangsläufig stutzig und kommen zu dem Schluß, daß wir das Evangelium allzusehr ver­einfacht haben.

Der erste verhängnisvolle Fehler besteht darin, daß wir nicht genügend Nachdruck auf echte Buße legen. Eine echte Bekehrung ohne tiefes Bewußtsein der eigenen Sündhaftigkeit gibt es nicht. Es ist eine Sache, verstandesmäßig zu bejahen, daß ich ein Sünder bin, aber es ist etwas ganz anderes, durch den Heiligen Geist von persönlicher Schuld in meinem Leben überführt zu werden. Wenn ich nicht eine geistgewirkte Erkenntnis meines völlig verlo­renen Zustandes habe, kann ich auch niemals zum rettenden Glauben kommen. Es ist sinn­los, Sünder, die ihre persönliche Schuld noch nicht erkannt haben, zum Glauben an Jesus Christus aufzufordern – diese Botschaft gilt nur denjenigen, die wissen, daß sie verloren sind.. Wir nehmen dem Evangelium die Schär­fe, wenn wir den gefallenen Zustand des Menschen nicht nachdrücklich hervorheben. Wenn wir ein derart verwässertes Evangelium bringen, nehmen die Menschen das Wort Got­tes mit Freude anstatt mit tiefer Reue auf. Sie haben keine tiefen Wurzeln; eine Zeitlang halten sie vielleicht durch. Wenn aber Drang­sal oder Verfolgung entsteht, geben sie sehr bald ihr Bekenntnis auf (Matth. 13,21). Wir haben vergessen, daß die Botschaft sowohl Buße vor Gott als auch Glauben an unseren Herrn Jesus Christus enthält (Apg. 20,21).

Eine zweite schwere Unterlassung ist, daß der Herrschaft Jesu Christi nicht das rechte Ge­wicht beigemessen wird. Eine leichte und lockere verstandesmäßige Zustimmung, daß Jesus der Heiland ist, trifft die Sache nicht im Kern. Jesus Christus ist zuerst Herr, dann Heiland. Das Neue Testament stellt Ihn immer zuerst als Herrn und dann als Heiland vor. Stellen wir den Menschen wirklich Seine Herrschaft mit all den sich daraus ergeben­den Konsequenzen vor Augen? ER tat es im­mer.

Ein dritter Mangel in unserer Verkündigung liegt darin, daß wir mit den Bedingungen der Nachfolge solange hinterm Berg halten, bis eine Entscheidung für Jesus getroffen wurde. Das aber hat unser Herr nie getan. Die Bot­schaft, die ER verkündete, schloß das Kreuz wie die Krone ein. ER verleugnete Seine Wunden niemals, um Jünger zu gewinnen. Er machte das Schwerste zusammen mit dem Besten bekannt und forderte dann Seine Zu­hörer auf, die Kosten zu überschlagen. Wir popularisieren die Botschaft und versprechen viel Spaß im Leben.

Das Ende vom Lied ist dann, daß wir Men­schen vor uns haben, die glauben ohne zu wissen, was sie eigentlich glauben. In vielen Fällen besitzen sie keine lehrmäßige Grund­lage für ihre Entscheidung. Die Konsequenzen einer Uhergabe an Christus sind ihnen unbe­kannt. Sie haben das geheimnisvolle und wun­derbare Wirken des Heiligen Geistes in der Wiedergeburt niemals erfahren.

Und dann gibt es natürlich noch diejenigen, die durch die gewandte Verkaufstechnik des Seelengewinners zu einer Bekehrung überredet wurden. Oder diejenigen, die dem freundlichen, netten jungen Mann mit dem gewinnenden Lächeln einen Gefallen tun wollten. Und ei­nige andere wollten nur diesen religiösen Ein­dringling wieder loswerden, der sich ungefragt in ihr Privatleben eingemischt hat. Satan lacht nur, wenn diese „Bekehrungen“ triumphierend verkündet werden.

Ich möchte einige Fragen aufwerfen, die uns vielleicht dazu führen können, unsere Evange­lisationsmethoden in einigen Punkten zu än­dern:

Erstens: Können wir im allgemeinen damit rechnen, daß sich jemand schon beim ersten Hören des Evangeliums bewußt Christus übergibt? Gewiß gibt es den Fall, daß ein Mensch bereits vom Heiligen Geist vorberei­tet wurde, doch das bleibt die Ausnahme. Im allgemeinen ist es aber ein Prozeß, der das Säen und das Begießen der Saat und später das Einbringen der Ernte umfaßt. In unserer Sucht nach „Instant-Bekehrungen“ haben wir vergessen, daß Empfängnis, Schwangerschaft und Geburt nicht auf denselben Tag fallen.

Zweitens: Kann ein im Schnellverfahren ge­predigtes Evangelium einer so gewaltigen Botschaft wirklich gerecht werden? Als Ver­fasser einiger evangelistischer Traktate muß ich bekennen, daß allein schon der Versuch, die frohe Botschaft auf vier knappe Seiten zusammenzupressen, in mir oft ungute Gefühle hervorgerufen hat. Wäre es nicht sinnvoller, den Menschen die Botschaft als Ganzes vor­zustellen, wie sie in den vier Evangelien oder überhaupt im Neuen Testament dargelegt wird?

Drittens: Ist all dieses Drängen zur Entschei­dung wirklich schriftgemäß? Wo wurden im Neuen Testament jemals Menschen zu einem solchen Bekenntnis gedrängt? Wir rechtfertigen unsere Praxis mit der Behauptung, daß sich die Sache schon gelohnt habe, wenn nur eine von zehn Bekehrungen echt sei. Aber was ist mit den restlichen neun? Sie bleiben ent­täuscht, verbittert und vielleicht – betrogen durch ein falsches Bekenntnis – auf dem Weg zur Hölle zurück.

Und dann noch eine Frage: Ist diese Prahlerei über Bekehrungen wirklich in Ordnung? Man­chen von uns ist schon ein Mann begegnet, der uns mit feierlicher Stimme von den zehn Menschen berichtet, mit denen er an diesem Tag in Kontakt gekommen ist, und die alle ohne Ausnahme errettet wurden. Ein junger Arzt bezeugte mir, daß er jedesmal, wenn er in eine neue Stadt kommt, im Telefonbuch die Personen heraussucht, die den gleichen Nach­namen haben wie er. Dann ruft er sie nach­einander an und geht mit ihnen die vier geist­lichen Gesetze durch. Erstaunlicherweise öff­net jeder von ihnen die Tür seines Herzens dem Herrn Jesus. Ich möchte die Aufrichtigkeit solcher Menschen nicht anzweifeln, aber habe ich etwa Unrecht, wenn ich sie für äußerst naiv halte? Wo sind denn alle diese errette­ten Menschen? Sie sind nirgends zu finden!

Was ich sagen möchte ist, daß wir einmal ernsthaft unse re durchorganisierten, auf schnellen, sichtbaren Erfolg getrimmten Evan­gelisationsmethoden unter die Lupe nehmen sollten. Wir sollten bereit sein, Zeit dafür einzusetzen, durch eine umfassende Unter­weisung im Evangelium eine solide, lehrmäßige Grundlage zu legen, auf welcher der Glaube ruhen kann. Wir sollten die Notwendigkeit der Buße nachdrücklich betonen – einer völ­ligen Um- und Abkehr von der Sünde. Wir sollten sämtliche Konsequenzen der Herr­schaft Jesu Christi sowie die Bedingungen der Nachfolge mit Nachdruck hervorheben. Wir sollten darlegen, was Glaube wirklich umfaßt. Wir sollten darauf warten können, daß der Heilige Geist den einzelnen von seiner per­sönlichen Schuld überführt. Dann sollten wir bereit sein, den einzelnen zum rettenden Glauben an den Herrn Jesus Christus zu füh­ren.

Wenn wir so handeln, wird die Anzahl soge­nannter Bekehrungen nicht mehr so astrono­misch sein, aber wir werden mehr Fälle ech­ter geistlicher Wiedergeburt erleben.

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* Veröffentlicht in: FEST & TREU – Zeitschrift für aktive Christen, Nr. 46

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