Neoevangelikalismus – Der Zweck heiligt die Mittel

von Dr. Martin Erdmann*

Der Neoevangelikalismus hat seine Wurzeln in den USA. Die „Gospel Coalition”[1], ein Zusammenschluss von bekannten Theologen, Pastoren und engagierten Laien in Amerika, beabsichtigt, die ursprünglichen Ziele des Neoevangelikalismus wieder aufleben zu lassen. Collin Hansen berichtet auf dem „Christianity Today-Weblog“ als Teilnehmer der von Tim Keller und Donald A. Carson einberufenen ersten Konferenz[2] dieser Organisation an der „Trinity Evangelical Divinity School“ in Deerfield, Illinois Folgendes:

Wie Carson mir heute mitteilte, wäre es für diese Gruppe unmöglich gewesen, vor fünf Jahren zusammenzukommen. Denken Sie über diese Aussage, wie Sie möchten; es scheint sich etwas in der evangelikalen Bewegung zu tun. Die „Gospel Coalition” sucht nicht weniger zu erreichen, als zu dem theologischen Konsens zurückzukehren, dessen sich die evangelikale Bewegung in den Tagen des Neoevangelikalismus unter Leitung von Billy Graham, Carl Henry, Harold John Ockenga und vielen anderen erfreute.[3]

Die Organisatoren der Konferenz, zu denen auch Crawford Loritts, Phil Ryken, Mark Driscoll und John Piper gehörten, wenden sich mit diesem Anliegen hauptsächlich an

reformierte Pastoren und Theologen, um diese auf ein neues Glaubensbekenntnis einzustimmen. Was bewog die neoevangelikalen Initiatoren vor mehr als fünfzig Jahren, diese neue Bewegung ins Leben zu rufen?

Harold John Ockenga (1905-1985) gilt als Vater des Neoevangelikalismus. Als einflussreicher Pastor der historischen „Park Street Congregational Church“[4] in Boston diente Ockenga über viele Jahre nebenberuflich in verschiedenen Leitungsgremien evangelikaler Werke in Nordamerika. So war er zum Beispiel der erste Vorsitzende der „National Association of Evangelicals”[5], die eine Zeitlang der konkurrenzfähigste Gegenpol zum ökumenischen Nationalen Rat der Kirchen war. Seiner Vorliebe, neue Wörter zu kreieren, verdanken wir den nun gängigen Begriff „Neoevangelikalismus”.

In dem Vorwort zu Harold Lindsells Buch The Battle for the Bible[6] (1976) beschreibt Ockenga kurz und bündig die Geschichte der Entstehung der sich vom konservativen Fundamentalismus in den Nachkriegsjahren loslösenden evangelikalen Bewegung Amerikas.

Der Neoevangelikalismus wurde 1948 ins Leben gerufen, als ich eine Festansprache im öffentlichen Auditorium der kalifornischen Stadt Pasadena hielt. Obgleich mir die Beipflichtung der theologischen Sichtweise des Fundamentalismus am Herzen lag, wies ich doch in der Rede seine Ekklesiologie [Lehre über die Gemeinde] und Sozialtheorie zurück. Der eindringliche Aufruf, den Separatismus zu Gunsten eines sozialen Engagements aufzugeben, traf auf zustimmende Resonanz unter vielen Evangelikalen […] Vom Fundamentalismus unterschied er [der Neoevangelikalismus] sich in seiner Entschlossenheit, an der aktuellen Debatte über theologische Themen mitzusprechen. Ein neuer Akzent wurde auf die Anwendung des Evangeliums in den Lebensbereichen der Soziologie, Politik und Ökonomie gelegt.[7]

In einer Presseverlautbarung gab Harold J. Ockenga 1957 zu verstehen, dass der neue Evangelikalismus im Vergleich zum Fundamentalismus seine Strategie geändert habe. Man lege nun keinen Wert mehr darauf, sich vom theologischen Liberalismus und seinen kirchlichen Vertretern durch die Gründung von neuen Denominationen und christlichen Institutionen zu distanzieren, sondern man beabsichtige, die etablierten Kirchen zu unterwandern. Er schrieb in Lindsells Buch weiter:

Seitdem ich das Motto „der neue Evangelikalismus” zum ersten Mal vor zehn Jahren bei einer Festansprache am Fuller Theological Seminary formuliert habe, haben sich die evangelikalen Kräfte in einer Frontorganisation gebündelt: Erstens gibt es die „National Association of Evangelicals”, die das Anliegen der Bewegung auf der Ebene der Gemeindeverbände vertritt; zweitens existiert die „World Evangelical Fellowship”, die die nationalen Vereinigungen in ungefähr 26 Ländern als Weltorganisation vertritt; drittens gibt es die neue apologetische Literatur, die diesen Standpunkt bekannt macht, der nun aus den Druckerpressen der großen Verlage, einschließlich Macmillan und Harpers, katapultiert wird; viertens existiert das Fuller Theological Seminary und andere evangelikale Seminare, die dem orthodoxen Christentum und einer sich daraus abgeleiteten Sozialphilosophie verpflichtet sind; fünftens gibt es die halbmonatliche Zeitschrift Christianity Today, um die Anliegen dieser Bewegung vorzutragen; sechstens steht uns der Evangelist Billy Graham als Befürworter der Überzeugungen und Ideale des neuen Evangelikalismus zur Seite, der die Massen anspricht.[8]

In einer weiteren Passage im Vorwort von The Battle for the Bibl

e detaillierte Ockenga bündig die einzelnen Punkte des neoevangelikalen Programms:

Die Neoevangelikalen betonen die Umformulierung christlicher Theologie in Übereinstimmung mit den Bedürfnissen der Zeit, die Wiederaufnahme theologischer Erörterungen [mit Liberalen und Katholiken], die Zurückeroberung denominationeller Führung und die erneute Untersuchung theologischer Probleme, wie die Urgeschichte der Menschheit, die Universalität der Sintflut, Gottes Methoden der Schöpfung und andere Themen.[9]

Bei verschiedenen Anlässen machte der Pastor der „Park Street Church“ deutlich, dass der Neoevangelikalismus als eine Bewegung organisiert ist. Die neoevangelikale Methode der Unterwanderung war höchst unkonventionell, erwies sich aber als patentes Mittel, um neue Lehren, die weit über die Glaubensgrundlage des traditionellen Christentums hinausgingen, in bestehende Gemeindeverbände, Seminare, Verlage und Missionsorganisationen einzuschleusen. Außerdem passte diese Strategie sehr gut zum Aufbau eines weiträumigen Kontaktnetzes. Die Mittel der Neoevangelikalen waren auf Täuschung angelegt. Pragmatisch lebten sie nach dem Grundsatz, dass der Zweck die Mittel der Unterwanderung heiligte.


  1. http://thegospelcoalition.org
  2. Bevor das Leitungsgremium der „Gospel Coalition” zirka 500 Theologen, Pastoren und Laien zur ersten Konferenz einlud, hatte es sich regelmäßig drei Jahre lang im Privaten getroffen, um die theologischen Grundsatzdokumente und die Zielsetzungen dieser Vereinigung abzufassen. Tim Keller und Donald A. Carson sind die maßgeblichen Verfasser dieser Dokumente.
  3. http://blog.christianitytoday.com/ctliveblog/archives/2007/05/gospel_coalitio.html
  4. http://www.parkstreet.org/history
  5. Zu Deutsch: „Nationale Vereinigung der Evangelikalen”
  6. Harold Lindsell, The Battle for the Bible (Grand Rapids, MI: Zondervan, [1976] 1978). Zu Deutsch: „Der Kampf um die Bibel”
  7. Ebd., Vorwort.
  8. Ebd.; siehe http://en.wikipedia.org/wiki/Harold_Ockenga
  9. Ebd., Vorwort.

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*Reblogged von: VERAX-Institut;  siehe hierzu auch die Artikel:

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