Die drei drängendsten Probleme in der heutigen Gemeinde Jesu

(In ENGLISH here!)

Tim Challies¹ im Gespräch mit John MacArthur²

Challies:

Welche zwei oder drei der drängendsten Probleme sehen Sie gegenwärtig in der Gemeinde unseres Landes?

MacArthur:

Zwei der wichtigsten Anliegen werden in den nächsten beiden Fragen beantwortet. Darum gebe ich meine Antwort auf diese Frage später.

Ein drittes Problem, das ich erkenne, ist die arminianische Methodik [Arminius betonte den menschlichen Willen und war ein Gegenspieler Calvins, der als Begründer der Reformierten Kirche die Souveränität Gottes betonte], die viele in der Gruppe um ‚Young Restless Reformed‘ kennzeichnet, obgleich sie ein calvinistisches Glaubens-bekenntnis vertreten. Traurigerweise ist es eine Ironie, dass diejenigen, die für
sich beanspruchen, eine calvinistische Soteriologie (Lehre des Heils) zu vertreten und die Gemeinde betreffende und evangelistische Methoden anwenden, die stark von gegenwärtigen Trends, cleveren Methoden und menschlichem Einfallsreichtum charakterisiert sind.

Wenn Pastoren sich so sehr anstrengen, um „cool“ oder „hip“ oder „trendy“ zu sein, und wenn sie denken, dass die Art und Weise, wie sie sprechen oder sich kleiden, die Botschaft des Evangeliums für die Verlorenen angenehmer macht, dann verrät dies über sie, dass sie im Grunde eine arminianische Haltung eingenommen haben. Worte wie „Relevanz,“ „Innovation“ oder „Kontextualisierung“ sind zu Signalwörtern geworden, um die „Kirchenfernen“ zu erreichen. Aber diese Worte beinhalten eine menschen-zentrierte Haltung, von der ich glaube, dass sie gänzlich unbiblisch ist. Wieviel besser wäre es, die Haltung von Jonathan Edwards während der sog. ‚Große Erweckung‘ (ab ca. 1730 in den USA) einzunehmen.

Edwards war überrascht, wie die Menschen auf seine Verkündigung reagierten. Er manipulierte die Erweckung nicht (wie Finney es ein Jahrhundert später tat). Vielmehr konzentrierte er sich auf die Predigt der Wahrheit und vertraute dem Heiligen Geist, dass Er sein Werk vollenden werde. Wenn wir in unserer Soteriologie calvinistisch sind,
sollten wir zumindest im gleichen Geist unsere Ekklesiologie betreiben – und vor allem unsere evangelistische Strategie.

Challies:

Sie haben das Buch Charismatic Chaos³ geschrieben und trotzdem erleben wir in überraschender Weise, dass reformatorische Theologie sich mit charismatischen Lehren vermischt. Wenn Sie heute ein Buch schreiben würden, wie würden Sie Liebe für und Kritik an calvinistischen Charismatikern miteinander vereinen?

MacArthur:

Ich würde meine Liebe und Wertschätzung für C. J. Mahaney, Wayne Grudem, John Piper und andere Konservative im Lager der Nicht-Cessationisten [Befürworter aller geistlichen Gaben – Charismata – noch heute] zum Ausdruck bringen. Ich betrachte diese Männer als Freunde und Verbündete um des Evangeliums willen.

Das Buch Charismatic Chaos wurde in erster Linie geschrieben aufgrund der Exzesse der pfingstlich-charismatischen Bewegung. Und für derartige Exzesse sind diese Männer gerade nicht bekannt. Aber ich würde diese Männer dennoch auffordern, ihre Position über die Geistesgaben zu überdenken. Ich bin überzeugt, dass die charismatische Bewegung die Tür für mehr theologische Irrtümer geöffnet hat als irgendein anderer
Faktor im 20. Jahrhundert (einschließlich des Liberalismus, der Psychologie und des Ökumenismus). Das ist eine rigorose Aussage, ich weiß. Aber wenn Sie es zulassen, dass Erfahrungen in den Mittelpunkt rücken, sind die Auswirkungen katastrophal. Ferner bin ich fest davon überzeugt, dass die biblische Beschreibung der charismatischen Gaben (Geistesgaben) mit den charismatischen Gaben unvereinbar ist, wie sie heute in den pfingstlich-charismatischen Gemeinden praktiziert werden.

Apostelgeschichte 2 beschreibt beispielsweise die Gabe der Zungenrede (Sprachenrede) explizit als die Fähigkeit, unbekannte und nicht erlernte Sprachen sprechen zu können. Der Rest des Neuen Testaments unterstützt dieses Verständnis. Aber dies ist das genaue Gegenteil des unsinnigen Gelalles, das die heutige Glossolalie (Zungenreden) charakterisiert. Also würde ich von ihnen einfordern, dass sie erklären, warum sie an
einer modernen Praxis festhalten, die in Wahrheit keine biblische Grundlage hat – insbesondere da die moderne Praxis die Türen für alle möglichen theologischen Irrtümer öffnet.

Challies:

Eine der wichtigsten Fragen, die in der heutigen Gemeinde diskutiert wird, ist die Schöpfung und Evolution. Glauben Sie, dass eine Person wirklich errettet sein kann und an eine Art theistische Evolution glauben kann? Wie groß würden Sie den theologischen Irrtum einstufen, der mit der Leugnung einer Schöpfung in 6 Tagen einhergeht?

MacArthur:

Nach meiner Einschätzung handelt es sich dabei um einen sehr großen Irrtum, weil die Autorität der Schrift schon von Anfang an in Frage gestellt wird.

Es bedarf einer besonderen Hermeneutik, um die Bedeutung der Bibel in das Gegenteil dessen zu verkehren, was sie deutlich aussagt. Und wenn Sie diese Türe auftun, ist nichts mehr sicher vor den Angriffen des Rationalismus, Skeptizismus und des offenen Unglaubens.

Tatsächlich ist die Geschichte des modernistischen Rationalismus voll von eindrücklichen Beispielen, warum es so bedenklich und geistlich zerstörerisch ist, wenn man die Schrift menschlichen Hypothesen unterwirft. Ich habe dieses Thema sehr ausführlich am Anfang meines Buches „Der Kampf um den Anfang“ beschrieben.

Aber als Antwort auf Ihre spezielle Frage: Ich glaube, dass es für einen wahren Gläubigen
möglich ist, von wissenschaftlichen Argumenten verwirrt oder vernebelt zu werden, was die Evolution und das Alter der Erde angeht.

Evangelikale, die es gut meinen, haben auf verschiedene Weise herumexperimentiert, um die Theorie einer alten Erde mit der Schrift zu vereinbaren. Eine der populäreren Vorstellungen (bis Henry Morris sie widerlegte) war, dass es ein Zeitintervall zwischen 1Mose 1,1 und 1Mose 1,2 gäbe. Laut dieser Theorie hätte dieses Intervall eine enorm lange Zeit gedauert haben können, in dem Wandel und Chaos im Universum war. Spurgeon vertrat eine Version dieser Intervall-Theorie, und die ursprüngliche Scofield Bibel sprach mit einem unbekümmerten Enthusiasmus sowohl von der Intervall-Theorie als auch von einer Kosmologie einer alten Erde. Natürlich würden wir niemals all jene, die eine solche Meinung vertraten, zu den Ungläubigen zählen.

Jedoch hat sich die evolutionäre Theorie zu einem unantastbaren Dogma entwickelt, und ich kann nicht verstehen, wie ein nüchterner, biblisch gut gegründeter, hingegebener Christ, der wirklich glaubt, was die Bibel lehrt, lange von den verschiedenen und sich ständig wandelnden Theorien überzeugt sein kann, die evolutionäre Wissenschaftler immer wieder von neuem behaupten.

Die biblische Kosmologie, der Bericht in 1Mose über die Schöpfung des Menschen und sein Sündenfall und die wichtigen Parallelen zwischen Adam und Christus in der Heilsgeschichte – dies sind grundlegende Glaubensüberzeugungen des Christentums, die sich nie verändert haben; und sie stehen im krassen Widerspruch zu allen rein naturalistischen Theorien über den Ursprung des Lebens. Jeder, der die Autorität der Schrift ernst nimmt, muss die Meinungen der Menschen letztlich beiseitelassen und einfach auf die Schrift vertrauen. Je eher wir dies tun, umso besser ist es. Ehrlich gesagt, ich habe nie verstanden, wie jemand, der an die buchstäbliche Auferstehung Christi glaubt, dahin kommen könnte, nicht der ganzen Schrift zu glauben, angefangen bei 1Mose 1,1.

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  1. Tim Challis ist Betreiber des interessanten englischsprachigen christlichen Blogs CHALLIES.COM
  2. John MacArthur:  siehe HIER.
  3. In deutscher Sprache nicht erhältlich. Eine aktualisierte Fassung kam im Jahr 2014 auf den Markt: Fremdes Feuer (siehe unten)

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Erstmals veröffentlicht in: Der Kampf um die biblische Wahrheit, 20.01.2015

Siehe auch:  Bleibt wachsam!

Angesprochene Bücher:

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