Welchen Auftrag hat die Gemeinde Jesu wirklich?

Serie:  Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde  (23)

apologet

Vor kurzem wurde auf der Kanzel behauptet, die Gemeinde habe einen sozial-evangelistischen Auftrag. Auch andere Verlautbarungen der Gemeindeleitung (“gesellschaftsrelevante Vision etc. weiterentwickeln“, ein geplantes Seminar mit Prof. Johannes Reimer „Gesellschaftsrelevanter Gemeindebau“ und Zusammenarbeit bei ProChrist) zeigt Tendenzen in eine solche Richtung auf. Ist das wirklich Auftrag der Gemeinde? Bis vor wenigen Jahrzehnten lautete die Antwort auf die Frage nach dem Auftrag der Gemeinde in evangelikalen Gemeinden anders:Auftrag der Gemeinde war:

  1. Gott zu ehren
  2. die Welt zu evangelisieren
  3. die Gemeinde zu bauen.

Heute wird diese Frage jedoch immer öfter anders beantwortet. Und dies nicht nur in einer anderen Gewichtung der Priorität, sondern grundsätzlich. Prof. J. Reimer behauptet in einem Essay (Transformation- was ist gemeint?), es sei primäre Aufgabe der Gemeinde Reich Gottes zu bauen. Womit jedoch nicht jene “Reichsgottesarbeitvergangener Tage gemeint ist, bei welcher man sich Gott mit seinem Leben zur Verfügung stellte bzw. Gott im Gebet bat “Dein Reich komme“, sondern eine aktive Umgestaltung dieser Welt in sozialer und gesellschaftspolitischer Hinsicht.

Man hat sich- offenbar aufgrund des Status quo dieser Welt (Armut, soziale Ungerechtigkeit etc.)- entschieden, nicht mehr mit der Bitte “Dein Reich komme” zufrieden zu geben, sondern strebt inzwischen selbstbestimmt eine umfassende Umwandlung der Lebenswelt der Menschen in Gottes Formen und Vorstellungen an. Die Welt soll durch Mission unter die Herrschaft Gottes kommen.

Dazu ist ein neues Missionsverständnis notwendig. Unter Mission wird dann nicht mehr der schlichte und oft schwache Ruf der Gemeinde zur Buße, die inhaltliche Belehrung der Völker mit dem Wort Gottes und Taufe, sondern ein realer Herrschaftswechsel und damit ganzheitliche Veränderung des Lebensraumes in der Gesellschaft verstanden. So jedenfalls Prof. Reimer in einem diesbezüglichen Essay.

Bereits seit einigen Jahren, scheint es erforderlich zu sein, sich als Christ mit einigen neuen Begriffen vertraut zu machen. Begriffe deren Verwendung in der Gemeinde bzw. in einem geistlichen Kontext teils merkwürdig, teils vertraut und dennoch fremd anmuten. “Transformation” und “Missional” sind zwei solcher Begriffe, welche man exemplarisch anführen und sich merken sollte.

Beide Begriffe sind thematisch eng mit

  • der Gemeinde
  • der Gesellschaft und
  • der emergenten Bewegung

verbunden und sollen bisher verwandte Begriffe ersetzen. Ginge es nun lediglich um die Verwendung alternativer Begrifflichkeiten, wäre es nicht weiter problematisch, jedoch werden auch die mit den Begriffen verbundenen Inhalte anders als hergebracht verstanden und verwandt.”Emergent” ist dabei ein zum Verständnis beitragender, entscheidender Begriff. Ähnlich dem Begriff “charismatisch”,  kennzeichnet “emergent” keine verbindliche Organisation oder Zugehörigkeit zu einer Denomination, sondern beschreibt eher ein gewisses Verständnis, eine Haltung, zu bestimmten Fragen der Gesellschaft, Gemeinde oder der Schrift. Innerhalb dieser Strömung bzw. Bewegung existieren sowohl keine feste personale Struktur, Hierarchie oder Zugehörigkeit, ebensowenig wie lehrmäßige Verbindlichkeit oder Festlegung existiert.

Die geistliche Zugehörigkeit zur emergenten Bewegung ist in der Regel mehr an der Verwendung eines bestimmten Vokabulars, der thematischen Schwerpunkte und der Ausrichtung und persönlichen Verbindungen erkennbar.

Mission und Transformation sind ganz eindeutig “emergente Schwerpunkte”. Prof. J. Reimer, emergenter Stichwortgeber und oft geladene Sprecher auf emergenten Konferenzen, erklärt in einem zweiseitigen Essay kurz was er darunter verstanden wissen will:

“Wer also für den Austausch der guten alten Vorstellung von der Heiligung mit dem Begriff Transformation votiert, mag gute Gründe haben. Denn unter Transformation versteht unser Zeitgenosse eindeutig Umwandlung des Bewusstseins und des individuellen Lebenskonzeptes. […] Und wenn wir Mission als transformierende Wirklichkeit beschreiben, dann geben wir unseren Mitbürgern die Möglichkeit, zu verstehen, was gemeint ist.”

Der Begriff Transformation steht Reimer bzw. dem emergenten Verständlich folgend für den biblischen Begriff Heiligung. Wobei die Transformation das Ziel und Mission das Mittel darstellt. An dieser Stelle muss jedoch gefragt werden, was diesem Verständnis folgend unter “Heiligung” zu verstehen ist? Prof. J. Reimer schreibt folgendes:

“Versteht man denn heute in der Gesellschaft noch was Heiligung, Mission und Evangelisation bedeutet? Oder werden diese Begriffe schnell auf ein volkstümliches Verständnis reduziert? Wenn individuelle Transformation Heiligung ist und Transformation eine Umwandlung unseres Denkens voraussetzt, wird dann auch unter Heiligung eine Heiligung der Gedanken verstanden? Mag sein. Ich habe jedenfalls selten Predigten über Heiligung gehört, die eine umfassende Umwandlung der Persönlichkeit des Menschen meinten. Doch in der Bibel bedeutet Heiligung genau das – den alten Menschen auszuziehen und den neuen anzuziehen (Kol. 3,3ff ). Leider hat der Begriff in der Geschichte der Christenheit eher den Beigeschmack einer von der Kirche verlangten Konformität erfahren.”

Reimer hat im Bezug auf die Heiligung also nicht allein die Gemeinde oder Gläubige, sondern Nichtgläubige bzw. die Gesellschaft im Blick. Die Schrift unterscheidet jedoch strikt zwischen Welt und der Gemeinde. Heiligung bedingt der Schrift folgend Rechtfertigung, wobei Rechtfertigung eine richterliche Handlung Gottes im Bezug auf die Stellung des Menschen (Freispruch von Strafe/Recht auf Leben) vom Ungläubigen zum Gläubigen und Heiligung ein Wirken Gottes am Gläubigen in Bezug auf Gewohnheiten und Taten ist. Beides Handlungen Gottes, wobei Heiligung ohne grundlegende Rechtfertigung nicht möglich ist.

Diese- man kann es nicht anders nennen- Selbst- und Neubeauftragung der Gemeinde geschieht also auf Grundlage einer Neu- bzw. Uminterpretation des Evangeliums mit der Folge, dass sich Gemeinden vollständig diesem Evangelium anpassen und verändern. Nicht mehr Christus und die zukünftige, himmlische Hoffnung steht im Zentrum dieses neuen Evangeliums, sondern der Mensch und eine irdische Hoffnung. Die Welt soll nicht bloß zur Buße aufgerufen werden, sondern gesellschaftlich verändert, die Gemeinde soll vor allem sozial aktiv und gesellschaftlich relevant sein.

Keine Frage, ein solches Evangelium besitzt Attraktivität. Man wird anders wahrgenommen wenn man nicht bloß lehrt und tauft, sondern sozial und gesellschaftlich aktiv ist. Die Gemeinde wird dann plötzlich als gesellschaftliche Bereicherung, nicht als verstörender Fremdkörper angesehen, wird eingeladen und hoffiert, nicht verlacht oder gar verfolgt, besitzt Relevanz. Gemeinden mit einem solchen Evangelium erkennt man äußerlich nicht sofort. Und der Prozess dorthin ist oft schleichend, das Vokabular so ähnlich, die Menschen nett und aktiv, die Gottesdienste oft interessant und mitreissend.

Für wen jedoch ist eine solche Gemeinde attraktiv oder relevant… Gott oder Menschen? Die Gemeinde: Braut Christi, oder Braut dieser Welt?

Das Reich Gottes ist in dieser Welt aktuell nur im Verborgenen erkennbar, in jedem Gläubigen, in der Gemeinde. Das Reich Gottes ist dort präsent, wo Gott  herrscht, Sein Wille geschieht. In dieser Welt geschieht noch nicht der Wille Gottes. Diese Welt, die gesamte Schöpfung wartet vielmehr sehnsüchtig darauf, das es zukünftig offenbar wird. Die sichtbare Ankunft dieses Reiches steht also aus, kann von Menschen nicht betrieben werden weil das sichtbare Reich Gottes mit der sichtbaren Wiederkunft und Gegenwart des Herren dieses Reiches verbunden ist.

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Veröffentlicht von apologet HIER.

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