Die Umrisse der Christlichen Mission (7)

<—Teil 1     

Pragmatische Evangelisation

Das Scheitern des besucherfreundlichen Willow Creek Konzeptes – und ihre kontemplativ-emergente Neuausrichtung

Orrel Steinkamp

Den pragmatischen Evangelikalismus gibt es seit gut 30 Jahren. In dieser Zeit ist das Selbst des Menschen in der Kultur immer mehr in den Mittelpunkt gerückt.

Es hat sich etwas getan in der evangelikalen Gemeinschaft. Fast eine ganze Generation lang wurden die Evangelikalen durch die „besucherfreundliche“ Bewegung betört, die von Willow Creek angepriesen wurde. Der Guru dieser Bewegung ist Bill Hybels. Er und andere erzählen uns seit Jahrzehnten, dass wir alles vergessen sollen, was wir bis dahin in Bezug auf Gemeindewachstum wussten und was uns gelehrt wurde, um dies durch ein neues Paradigma zu ersetzen, eine neue Art des Dienstes…

Die Anzahl der Besucher und nicht, was sich in der Tiefe des Herzens regte, wurde zum Maßstab für Erfolg. Wenn viele Leute kamen, dann musste sicherlich Gottes Segen auf dem Dienst ruhen. Gemeinden wurden gebaut auf der Grundlage demographischer Studien, professioneller Strategien, Marktforschung, der Berücksichtigung „gefühlter Bedürfnisse“ und Predigten, die all dies berücksichtigten. Es wurde uns gesagt, dass die Predigt „out“ sei, und relevant zu sein war „in“. Lehre spielte keine Rolle mehr, Neuerung war angesagt. Wenn etwas nicht dem neuesten Trend entsprach oder verbraucherfreundlich war, schrieb man es von vorne herein ab. Die Erwähnung von Sünde, Heil und Heiligung war tabu und wurde durch Starbucks (amerik. Kaffeegeschäft, ähnlich wie Tschibo in Deutschland), Strategien und Berücksichtigung der Bedürfnisse der Menschen ersetzt.

Tausende von Pastoren hingen an jedem Wort, das aus dem Munde der Gemeindewachstumsexperten kam. Seminare wurden abgehalten, die voll von hungrigen geistlichen Leitern waren, die mehr über die neueste Methode von Gemeindebau wissen wollten. Die Verheißung war klar: Tausende von Leuten und Millionen von Dollar, das alles kann nicht falsch sein… Wie kann man mit Zahlen argumentieren? Wer sich erlaubte, die „Experten“ in Frage zu stellen, wurde sofort als Traditionalist gebrandmarkt, als ein Überbleibsel aus den 1950er Jahren, als ein starrsinniger Dinosaurier, der nicht bereit war, mit der Zeit zu gehen.

All das hat sich nun geändert…

Willow Creek hat das Resultat einer mehrjährigen Studie über die Effektivität ihrer Programme und ihres Dienstverständnisses veröffentlicht. Die Ergebnisse der Studie sind in dem Buch „Reveal: Where are you?“ zusammengefasst, das von den Autoren Cally Parkinson und Greg Hawkins, Pastoren der Willow Creek Community, verfasst wurde. Hybels beklagte:

„Einige der Dinge, in die wir Millionen von Dollar investiert haben und von denen wir dachten, es würde den Menschen helfen, geistlich zu wachsen, erwies sich als wenig hilfreich… Wir haben einen Fehler gemacht… Unser Traum ist, dass wir eine fundamental neue Art des Gemeindebaus praktizieren müssen. Dass wir ein leeres Blatt nehmen und unsere alten Vorstellungen überdenken. Sie durch neue Einsichten ersetzen. Einsichten, die aus der Studie hervorgegangen und in der Schrift verwurzelt sind. Unser Traum ist es, wirklich zu entdecken, was Gott tat und was in Bezug auf die Transformation dieses Planeten sein Wille ist.“

Wurde uns nicht das gleiche gesagt, als die Gemeindewachstumsbewegung ihren Anfang nahm? Beachten sie, dass die Aussage „verwurzelt in der Schrift“ „Einsichten, die aus dieser Studie hervorgegangen sind,“ folgt. Bob Burney schrieb hierzu:

„Den pragmatischen Evangelikalismus gibt es seit 30 Jahren. In dieser Zeit ist das Selbst des Menschen in der Kultur immer mehr in den Mittelpunkt gerückt. Pragmatischer Evangelikalismus erschien enorm erfolgreich zu sein, weil er das Selbst betonte. Als Antwort auf eine gescheiterte Gesellschaft, die auseinanderbrach, schufen die pragmatischen Evangelikalen unternehmerische Gemeinden (corporate churches), Lobpreis als Unterhaltung, Programme, die auf Bedürfnisse abzielten und einen therapeutischen Glauben… Aber ein Christentum, gekennzeichnet von persönlichen Bedürfnissen und privaten Interessen, geht am biblischen und historischen Christentum vorbei.“ (Webber)

Webber prägte auch den Begriff „Walmart Gemeinden“ – Gemeinden, welche die große Palette christlicher Konsumgüter anbietet. Webber betrachtet vor allem die evangelikalen Jugendlichen als solche, die all dies satt haben und bezeichnet die „jüngeren Evangelikalen“ als die „Millenials“ (oder Generation Y genannt; Nachfolgegeneration der Baby-Boomer und der Generation X); diese Generation sehnt sich nach Hymnen und Liturgie. Er berichtet von einem Mitarbeiter eines bekannten zeitgenössischen Sängers und Autors, der ihn bat, ihm einen Geistlichen zu holen.

„Obwohl wir moderne Lieder schreiben, hassen wir dies. Wenn du den Gottesdienst für uns abhältst, bitte keine modernen Lieder. Wir wissen nicht, was du tun wirst, aber bitte keine modernen Sachen.“ (Webber)

Es scheint, als sehnen sich die Jugendlichen nach einer traditionelleren Anbetung, im Gegensatz zu den meisten evangelikalen Leuten, die bereits die „neuen Sachen“ eingeführt haben – welche offensichtlich von kurzer Dauer waren. Viele Leute mögen Willow Creeks besondere Aufrichtigkeit loben. Nichtsdestotrotz, ihre Aussagen lassen sehr gemischte Gefühle zurück.

Die „Läuterung“ von Willow Creek ist bedenklich. Aus ihren Aussagen geht hervor, dass sie nach einem Neuanfang Ausschau halten, was ein Beweis dafür ist, dass sie noch immer auf Methoden vertrauen. Überdies, neue Mitarbeiter bei Willow Creek weisen eine Akzeptanz kontemplativer Mystik und emergenter Lehrer auf. Das neue Paradigma von Willow Creek scheint sich an neuen Modeerscheinungen der Szene zu orientieren, insbesondere an mystischen Gebetspraktiken aus dem vorreformatorischen Katholizismus. Die kontemplativen mystischen Praktiken der Vergangenheit werden vermischt mit den postmodernen Lehren der Emerging Church, welche die Vorstellung „absoluter“ Wahrheiten, die in Lehrsätzen formuliert werden können, verwerfen und mystische Erfahrungen fördern.

Kürzlich machte Willow Creek in vielen Nachrichtenmagazinen Schlagzeilen. Aber von einem Neuanfang zu reden, scheint eine Übertreibung zu sein. In den meisten neueren Ausgaben (Herbst 2007) des Willow Creek Magazins sind deutliche Hinweise auf die „neue“ geistliche Ausrichtung zu finden. Die Ausgabe „Wandel im Dienst“ (Ministry Shifts) trägt den Untertitel „Der Bereich unseres Dienstes ist im Wandel – Bereit sein für die Nachbeben“.

Im ersten Artikel dieser Ausgabe schrieb Ken Wyatt Kent, ein Förderer der Meditation, einen Beitrag mit dem Titel „Recovering Spiritual Formation“ (Wiederherstellung spirituellen Wachstums durch kontemplative Methoden), in welchem er die Mönchsgemeinschaften und die Emerging Church positiv erwähnt. Er zitierte in einer positiven Weise einen Mystiker nach dem anderen (Richard Foster, Ruth Haley Baron, David Brenner, John Ortberg usw.) und zeichnete ein Bild der Rolle der Mystik, die richtungsweisende Veränderungen mit sich bringen werde… Er erwähnt in seinem Artikel den katholischen Priester Richard Rohr, der Matthew Fox spirituell nahesteht, einem Befürworter des Pantheismus und Panentheismus. Er sagt richtigerweise, dass sich im Großen und Ganzen „Spirituelles Wachstum“ (Spiritual Formation) durchgesetzt hat, obwohl einige konservative Christen diesen Methoden kritisch gegenüberstehen. Bei diesen Methoden handelt es sich um die mystischen Praktiken, welche die treibende Kraft hinter der „Spiritual Formation-Bewegung“ (Bewegung, die Kontempaltion, Atemgebet, Meditation usw. propagiert) darstellen.

Es ist offenkundig, dass dieser Neuanfang schon mit den „kontemplativen-emergenten“ Inhalten überfrachtet ist – was heute ohnehin schon allgemein verbreitet ist. Willow Creek, so scheint mir, lässt die 30 Jahre sucher-freundliche Ausrichtung hinter sich, um eine neue „richtungsweisende Veränderung“ (seismic shift) anzustreben.

Die Flut steigt und überall weht der kontemplativ-emergente Geist.

Mit freundlicher Genehmigung von Orrel Steinkam veröffentlicht auf DISTOMOS

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