Die Umrisse der Christlichen Mission (3)

<—Teil 1     

War Paulus ein Pragmatiker?

Hätte Paulus jedes Mittel angewandt, um seine Evangeliumsbotschaft schmackhaft zu machen?

Larry DeBruyn

Den Schwachen bin ich wie ein Schwacher geworden, damit ich die Schwachen gewinne; ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.  (1Korinther 9,22)

In diesen Tagen sind Pastoren, Gemeindeleiter und Gemeinden scheinbar zu allem bereit, um die Massen anzuziehen. Rock and Roll, die vorherrschende Musik unserer Kultur, wird schnell zu „dem“ Zentrum der sogenannten Anbetung und des Lobpreises. In dem Versuch, die Zuhörer zu „erreichen“, gebrauchen Pastoren eine anzügliche Sprache in ihren Predigten. Eine Gemeinde ließ ein Elvis Double auftreten, während eine andere den Thriller Dance von Michael Jackson in ihrem Gottesdienstraum aufführen ließ, welcher ein Geisterhaus im Halloween Muster aufwies. Pastoren machen sogar auf Plakaten Werbung für Predigten über Sex, die selbst Nichtchristen empören, die es müde sind, dass unsere sexbesessene Gesellschaft so freizügig geworden ist. Die Gemeinden der USA haben sich dem prinzipienlosen Prinzip verschrieben „Tu es einfach, um dein Ziel zu erreichen.“

Alle, die so handeln, wie oben beschrieben, versuchen sich mit der biblischen Aussage des Paulus zu rechtfertigen: „ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette“ (1Kor 9,22).

Verdrehterweise interpretieren Zeitgenossen diesen Vers als apostolische Bestätigung, alles tun zu dürfen, um jemanden zu erreichen. Ein solches Motiv im Dienst ist Pragmatismus, der Glaube, der jede Praxis legitimiert, solange sie das angebliche Ergebnis erzielt, jemanden zu erretten.

Für den Pragmatiker heiligt der Zweck die Mittel.

Doch ganz gleich, wie man es darstellt, Pragmatismus ist Liberalismus.

Während die Liberalen vom orthodoxen Glauben abweichen, weichen die Pragmatiker vom orthodoxen Verhalten ab. Laut Pragmatismus ist etwas richtig, solange es funktioniert, auch wenn es falsch ist. Pragmatiker werden alles tun, um jemanden anzuziehen, und die Gemeinden sind heute ganz von dieser Philosophie geleitet. Edle Ziele rechtfertigen angeblich unedle Methoden. Ein Pragmatiker hat keine festen Überzeugungen. Sie werden alles tun, was auch immer nötig ist, um zum Ziel zu kommen – selbst wenn sie schwindeln müssen. Wenn es funktioniert, tue es.

Wenn Idole die Massen anziehen, dann schnitze das Holz, schmiede das Gold und behaue die Steine. Der israelitische König Jerobeam war ein Pragmatiker. Entgegen Jahwehs Gebot, Jerusalem als Ort der Anbetung zu wählen und weil es für die Israeliten unbequem war, die geforderten Pilgerreisen in die Heilige Stadt zu machen, setzte sich der pragmatische König über Gottes Willen hinweg und schuf im ganzen Land die „Höhen“ (Lobpreis- und Anbetungszentren), insbesondere in Bethel und Dan (1Kö 12,28-30). Dadurch wurde Jerobeam in der Geschichte als der König bekannt, der „sündigte und Israel zur Sünde verleitete“ (1Kö 14,15).

Gelangweilt von der „traditionellen“ Anbetung Jahwehs in Jerusalem (immer das gleiche…) und um einer Erfahrung der Baalsanbetung willen (d.i., Nervenkitzel und Schauer, Düfte und Glockentöne) ließ man sogar abgefallene Israeliten aus dem südlichen Beerscheba an Jerusalem vorbeiziehen (ca. 80 Km) bis nach Dan (ca. 240 Km), um das götzendienerische Spektakel zu betrachten. Überdies versprach Baal ihnen Wohlstand, der nicht von ihrem Gehorsam abhängig war (5Mo 28,1ff). Auf diesem Hintergrund wollen wir uns nun der Aussage des Paulus zuwenden, als er bekannte, „ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette.“ War er ein Pragmatiker, der sich an jede Situation anpasste wie Jerobeam, der die „Höhen“ errichten ließ, damit Menschen „errettet“ werden konnten?

Um die Aussage des Paulus aus seiner Perspektive zu verstehen, muss man den Kontext beachten (lies: 1Kor 8,1 – 9,27). In diesen beiden Kapiteln schreibt Paulus nichts zu dem Thema von Methoden. Ein Missiologe machte eine weise Beobachtung: „Diese klassischen Worte [„ich bin allen alles geworden, damit ich auf alle Weise etliche rette“] werden oft von Missionaren verwendet, um verschiedene Methoden zu rechtfertigen, Menschen für Christus zu erreichen. Aber dabei handelt es sich eindeutig um eine Fehlinterpretation.“[1]

Folgt man diesen Kapiteln, wird man erkennen, dass Paulus die Sitten (Traditionen und Gebräuche einer Kultur) diskutiert, nicht jedoch Methoden. Zum Beispiel, in Litauen wird es als anstößig empfunden, wenn ein Redner vor seinen Zuhörern steht und die Hände in den Hosentaschen hat oder wenn ein Mann auf öffentlichen Plätzen pfeift. Als ich dort predigte, steckte ich meine Hände nicht in die Hosentaschen! Das war kein „Thema“ für mich, aber für die Litauer schon. So passte ich mich den Sitten ihres Landes an.

In gleicher Weise betrachtete der Apostel die Menschen, ob sie „Juden unter dem Gesetz“ waren oder ob sie „ohne Gesetz“ und „schwach“ waren (1Kor 9,20-22). Paradoxerweise sah sich Paulus als „Knecht“ aller, obwohl er sich als „frei von allem“ betrachtete (1Kor 9,9). Er ließ es nicht zu, dass unterschiedliche Sitten ihn irritierten, und so passte er in seinem Dienst sein äußeres Verhalten der jeweiligen Kultur an. Das ist wahrscheinlich der Grund, warum er Timotheus beschneiden ließ (Apg 16,3). Wie ein Ausleger es zusammenfasste: „Im Kontext bedeutet die Aussage des Paulus, ‚allen alles zu werden‘, dass er alles ihm Mögliche tat, um Verbote, Einschränkungen und anstößige Dinge zu meiden, die für eine Kultur charakteristisch waren.“[2]

Um einige zu retten, beugte sich Paulus höflich unter sie und hielt sich an die Sitten anderer. Er wurde „allen Menschen alles.“ Aber um die Unerreichten zu evangelisieren, wandte Paulus eine kompromisslose Methode – die Predigt – an. Er gebrauchte diese Methode in Synagogen, Gemeinden und auf dem Areopag (Apg 17,22). Und dieser einen Methode folgend, predigte der Apostel eine Botschaft. Wie er den Korinthern schrieb: „Denn ich hatte mir vorgenommen, unter euch nichts anderes zu wissen als nur Jesus Christus, und zwar als Gekreuzigten“ (1Kor 2,2). Während die Orte, an denen er diente, verschieden waren, blieb seine Methode und seine Botschaft stets die gleiche. Indem Paulus dies tat, diente er den Menschen, wie er schrieb: „Denn wir verkündigen nicht uns selbst, sondern Christus Jesus, dass er der Herr ist, uns selbst aber als eure Knechte um Jesu willen“ (2Kor 4,5).

Was die Frage angeht, ob Paulus ein Pragmatiker war, fasst John Makujina zusammen:

„Allen Menschen alles zu werden, bezieht sich nicht auf eine offensive Strategie der Erfindergabe, Kreativität, Überzeugungskraft oder Anpassung an neue Evangelisationsmethoden, die sich an den neuesten Trends der Gesellschaft orientieren. Die Hinweise des Paulus an dieser Stelle sind rein vorsorglich. Er wollte einfach alle unwesentlichen Barrieren abbauen, die die Verküdnigung des Evangeliums hindern würden.“[3]

Nein, Paulus war kein Pragmatiker. Er griff nicht auf fleischliche oder weltliche Methoden zurück, um sogenannte geistliche Ziele zu erreichen. Tatsächlich wusste er, dass das „Fleisch“ in einem tödlichen Widerstreit zum „Geist“ stand (Gal 5,19-21). Im Gegensatz zu vielen heutigen Gemeinden würde er gewiss jede fleischliche Methode ablehnen, mit welcher viele die Massen erreichen wollen. Wenn die Gemeinde die Welt für Christus gewinnen will, darf sie nicht wie die Welt werden. „Fleischliche Wege“ werden keinen Sieg in der geistlichen Schlacht ermöglichen. Wenn solche Wege eingeschlagen werden, dann kämpft die Gemeinde auf dem „Grund“ des Teufels und wird mit Sicherheit eine Niederlage erfahren.

aus:  Larry DeBruyn, Was Paul a Pragmatist?  Übersetzt und veröffentlicht von DISTOMOS

Anmerkungen

  1. David J. Hesselgrave, Communicating Christ Cross-Culturally: An Introduction to Missionary Communication, Second Edition (Grand Rapids: Zondervan Publishing House, 1991): 177.
  2. John Makujina, Measuring the Music: Another Look at the Contemporary Music Debate (Willow Street, Pennsylvania: Old Paths Publications, 2002): 22.
  3. Ibid. 23-24. http://guardinghisflock.com/2011/07/21/was-paul-a-pragmatist/

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