Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung (7) – (K)Ein aktuelles Beispiel?

Nachfolgender Artikel* stellt ein aktuelles Beispiel dar, wozu eine Offenheit für postmodernes Gedankengut der aufkommenden modernen Gemeindebewegung führen kann. Wie der Autor schreibt bleibt zu hoffen und zu beten, dass es nur eine Verirrung einzelner ist oder bleibt. Ebenso kann das Beschriebene dazu dienen, uns selbst wachsam zu machen, uns selbst an Hand der Schrift täglich zu prüfen und ggfs. sofort Buße zu tun (Spr. 28:13).

Die Brüderbewgung und „katholische Evangelikale“

Eine Doppelrezension in einer Publikation der Brüderbewegung bewertet ein Buch von Papst Benedikt XVI. besser als ein Buch von Wolfgang Bühne zum selben Thema Gebet. Gibt es einen neuen pro-katholischen Trend in der Brüderwegung?

von Hans-Werner Deppe

Die Brüderbewegung war einst nicht nur zu Recht anti-ökumenisch (im Sinne einer Ablehnung des Katholizismus und diesseitig-organisatorischer Einheitsbestrebungen), sondern verfiel leider auch zum Teil ins andere Extrem: einen zu weit getriebenen Separatismus.

In vielen Teilen der Brüderbewegung wurde in den letzten Jahren begonnen, traditionelle Positionen neu zu hinterfragen, und erfreulicherweise wurde dies oft auf der Grundlage „allein die Schrift“ getan. Leider gibt es aber auch unter diesen Brüdergemeinden, die von ihrer traditionellen Bindung getrennt wurden, solche, die sich anscheinend arg undifferenziert und um jeden Preis von alten Zöpfen verabschieden wollen und so auf der anderen Seite vom Pferd fallen.

Dies wurde jüngst deutlich aneiner Doppel-Rezension in dem Heft „Zeit und Schrift“, die von einigen Geschwistern dieser so genannten „blockfreien“ (also keinem herkömmlichen Zweig der Brüderbewegung angehörenden) Brüdergemeinden herausgegeben wurde. In der Ausgabe 2/2013  rezensierte Ulrich Müller zwei Bücher zum Thema „Von Jesus beten lernen“: Einerseits „Das Gebetsleben Jesu“ von Wolfgang Bühne – einem Autor aus den eigenen Reihen – und andererseits „Das Beten Jesu“ von Josef Ratzinger, dem Ex-Papst Benedikt XVI. Die beiden Werke sollten parallel, sachlich und fair vorgestellt und verglichen werden.

Dazu hat der Rezensent jeweils Stärken und Schwächen aufgezählt und ein Fazit gezogen. Überraschend – und für mich ausgesprochen schockierend – dabei ist, dass einerseits der Abschnitt über die Schwächen von Wolfgang Bühnes Buch etwa 5 Mal so lang ist wie die Passage über dessen Stärken, andererseits der Rezensent jedoch den angeblichen Stärken des Papstbuches doppelt so viel Raum widmet wie dessen Schwächen. In Schulnoten ausgedrückt wirkt das wie ein Mangelhaft für Wolfgang Bühne und ein Gut für Ratzinger.

Das Papstbuch: wie unbiblisch es wirklich ist

Ulrich Müller nennt beim Papstbuch zwar kurz als Schwäche, dass darin als un-evangelische Inhalte „zwei kurze Gedanken zum Rosenkranzgebet und zur katholischen Transsubstantiationslehre“ vorkommen, doch die zahnlose Kürze dieses Hinweises vermittelt den Eindruck, dass dies für ihn problemlos zu verschmerzen ist. Offenbar verkennt er dabei, dass das Rosenkranz„gebet“ eine an Maria gerichtete Verehrungs-Litanei ist, die zudem exakt den heidnischen Gebetsgewohnheiten entspricht, die der Herr Jesus in Mt 6,7 brandmarkt. Ganz zu schweigen davon, wie heidnisch es ist, eine übermenschliche Himmelskönigin und Muttergöttin durch Gebet anzurufen und zu preisen!

Auch kommt die Transsubstantion (materielle Verwandlung von Brot und Wein) nicht so „kurz“ vor, wie Müllers Hinweis es vermuten lässt. Schließlich ist dem katholischen Verständnis des Abendmahls ein ganzes Kapitel gewidmet. Und dieses Verständnis ist dem Evangelium ebenfalls zutiefst zuwider, da dabei Brot und Wein in das buchstäbliche Fleisch und Blut Christi verwandelt werden, um es abermals zur Sündenvergebung zu opfern (d.h. wenn die Messe ausfällt oder man die Teilnahme versäumt, wäre die Sühne nicht geleistet).

Ratzinger schreibt in seinem Buch tatsächlich manches biblisch Richtige, wo der biblisch gläubige Christ zustimmen kann, aber vieles davon besteht aus fromm klingenden, aber letztlich wenig aussagekräftigen Geschreibsel und salbungsvollen, aber leeren Worten. Oft spricht Ratzinger vom Evangelium, aber als bibeltreue Christen dürfen wir uns davon nicht blenden lassen, sondern brauchen das nötige geistliche Unterscheidungs- und Differenzierungsvermögen, um zu verstehen, dass das „Evangelium“ Roms ein ganz anderes ist: die Errettung durch die römische Kirche bzw. durch werkgerechte Loyalität zu ihr. Dies wird unter anderem durch Ratzingers Aussage deutlich, die Erlösung sei „für alle verfügbar“ (S. 107). Verfügbar ist aber nur das, was in der Macht der Menschen steht, und genau das ist die Position der römischen Kirche zum Seelenheil: Sie hat (angeblich) die Macht darüber und kann deshalb darüber verfügen, und zwar für alle Menschen weltweit, da nur sie über die zum Heil nötigen Sakramente, die Priesterschaft usw. verfügt. Allein dieses Wort „verfügbar“ verdeutlicht, dass die Lehre der römischen Kirche weit entfernt ist vom Evangelium der Gnade Gottes und der Abhängigkeit allein von ihm.

Auch der Begriff „Evangelisation“ kommt häufig in Ratzingers Buch vor, aber er meint Evangelisation im Sinne der Enzyklika Ut unum sint, wie er es auf Seite 72 erwähnt, und damit meint er eine Evangelisation durch Zuführung (oder Rückführung der getrennten Christen) zur römischen Mutterkirche: das ist dann die erstrebte „volle Gemeinschaft“ (S. 72), die nicht nur innerlich besteht, sondern „sichtbar werden muss“ (S. 80).

Und genau das ist das Tückische an Ratzingers Buch „Das Beten Jesu“. Offenbar gibt sich der Ex-Papst hier bewusst evangelisch, indem er sich mit der Herausstellung römischer Sonderlehren zurückhält. Ich halte das Buch (wie auch die ganze „Jesus-Trilogie“ Ratzingers) für den Versuch einer Anwerbung und Vereinnahmung bibeltreuer Christen. Und wie viele Evangelikale sind tatsächlich darauf hereingefallen! So werden die Bücher von Ratzinger alias Benedikt XVI.  im evangelikalen Buchhandel angeboten (SCM-Shop, Alpha Buch u.a.).

Meinetwegen könnte der Papst noch so lupenrein biblisch klingende Bücher schreiben, für mich bliebe er der Papst, der all die unfehlbaren, Bannsprüche gegen das biblische Evangelium nie aufgegeben hat und wohl nie aufgeben wird. Geschieht die Annäherung zwischen römisch und bibeltreu von beiden Seiten? In den USA gibt es eine Bewegung von „evangelikalen Katholiken“, aber wir müssen uns fragen, ob es mittlerweile nicht viel mehr „katholische Evangelikale“ gibt. Gibt sich der Papst in seinem Buch bzw. seinen Büchern evangelikal, oder sind die Evangelikalen schon so katho(ho)lisiert, dass sie es gar merken, worauf sie hereinfallen?

Exemplarisch dafür ist wohl Ratzingers Kapitel über die Fastenzeit („Aschermittwoch“) betitelt. Ein 40-tägiges Exerzizienprogramm ist heute ja keineswegs mehr eine speziell katholische Sache, sondern unter Evangelikalen absolut hip. Hier scheint Ratzinger die Evangelikalen dort abzuholen, wo sie schon an den Ködergeschmack gewöhnt sind: bei spirituellen Übungen aus der Mystik. Bedenken wir nur die Schwemme von „40-Tagen-ohne“-Büchern auf dem evangelikalen Buchmarkt oder die unzähligen 40-Tage-Programme, allen voran das ökumenische Türöffner-Buch „Leben mit Vision“ von Rick Warren.

Ebenso mystisch und von Ulrich Müller lobend erwähnt ist Ratzingers wichtiges Kapitel über „Beten und schweigen“. Müller zufolge geht es hier um „innere und äußere Stille als Voraussetzung dafür, dass wir Gottes Stimme hören“ – diese Vorstellung ist eine der am innigsten geliebten Anleihen der Evangelikalen aus der heidnischen Mystik.

Passend zu dieser spirituell-betrachtenden Einkehr ist Ratzingers Buch mit vielen ganzseitigen, bunten Ikonen geschmückt. Bei solch einer Vier-Farben-Qualität sind Evangelikale dann auch gern bereit, knapp 20 Euro für ein 120-Seiten-Buch zu zahlen.

Randerscheinung oder repräsentativ?

Bezeichnenderweise bemängelt Ulrich Müller am Buch von Wolfgang Bühne, dass „ein doch arg pessimistischer Grundton mitschwingt. Der ständige Verweis auf unsere Defizite und Mängel … deprimiert.“ Warnungen und Ermahnungen stören offenbar das positive Gefühl. Da der Rezensent das Buch eine Papstes so hoch lobt und daher schon Alarmbereitschaft besteht, drängt sich der Gedanke an 2. Timotheus 4,3 auf: „Es wird eine Zeit sein, da sie die gesunde Lehre nicht ertragen, sondern nach ihren eigenen Begierden sich selbst Lehrer aufhäufen werden, weil es ihnen in den Ohren kitzelt.“ Gesunde Lehre und das nötige „Wort der Ermahnung“ (vgl. Hebr 13,22) wird nicht ertragen, stattdessen aber spirituelle Schmeicheleinheiten. Und: „Wenn der, welcher kommt, einen anderen Jesus predigt, den wir nicht gepredigt haben, oder ihr einen anderen Geist empfangt, den ihr nicht empfangen habt, oder ein anderes Evangelium, das ihr nicht angenommen habt, so ertragt ihr das recht gut.“ (2Kor 11,4).

Man mag hoffen, dass diese Doppelrezension in „Zeit und Schrift“ nur eine Ausnahme und Randerscheinung und eigentlich keiner Erwähnung wert ist. Aber leider gehen meine Befürchtungen in eine andere Richtung. Zwar gibt es erfreulicherweise gerade in der Brüderbewegung noch viele bibeltreue Christen, auch Führungspersonen, die geistliches Unterscheidungsvermögen und den Mut zum Warnen haben – so eben auch Wolfgang Bühne und der Verlag CLV, oder auch die Brüder des Maleachi-Kreises. Aber die Brüderbewegung ist in sich sehr inhomogen, man kann keine Pauschalaussagen über sie treffen.

Leider ist ein nicht unerheblicher Teil der Brüderbewegung recht offen für alles geworden, oft angefangen mit einem humanistisch-arminianischen Verständnis des Evangeliums, das dadurch aufgeweicht wurde. 

Die hier kritisierte Doppelrezension ist wohl keine Ausnahme, sondern repräsentiert einen sehr bedenklichen Trend. Es bleibt zu hoffen und zu beten, dass manche diesen als Warnung und Korrektur gedachten Artikel bedenken, beherzigen und zur Prüfung ihres Weges heranziehen.

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* Reposted von DISTOMOS und CBBUCH.DE

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