Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 5)

V. Merkmale der aufkommenden Gemeindebewegung (C)

Georg Walter*  (Fortsetzung von Teil 4)

6. Kontextualisierung

Kontextualisierung ist die Anpassung der Botschaft des Evangeliums an das jeweilige sozio-kulturelle Umfeld. Viele Vertreter der Emerging Church argumentieren, dass alle theologische Lehre zu allen Zeiten als Produkt ihrer jeweiligen Kultur, ihres sozialen Umfelds und ihrer Tradition zu betrachten ist. Daraus lässt sich folgern, dass auch unsere Lehre (bspw. hier in Westeuropa) durch unsere (westeuropäische) Kultur geprägt ist. Traditionelle Lehren als auch die Texte der Bibel müssen in unserer modernen Kultur hinterfragt (Dekonstruktion) und neu gedeutet werden (Rekonstruktion). Tobias Faix beispielsweise erläutert: „Emerging Church ist der Versuch einer Kontextualisierung des Evangeliums in das örtliche Milieu.“(28)

Stephen B. Evans definiert kontextuelle Theologie in seinem Buch Models of Contextual Theology: „… eine Art und Weise, Theologie zu betreiben, in welcher man berücksichtigt: den Geist und die Botschaft des Evangeliums; die Tradition der Christen; die Kultur, in welcher man Theologie betreibt; und der soziale Wandel in dieser Kultur, sei er nun durch den technologischen Fortschritt des Westens verursacht oder durch eine Grasswurzelbewegung, die sich für Gleichheit, Gerechtigkeit und Freiheit einsetzt.“(29)
Dean Flemming, Dozent für Neues Testament am European Nazarene College in Deutschland und Autor des Buches Contextualization in the New Testament (Kontextualisation im Neuen Testament), verteidigt die kontextuelle Theologie mit folgenden Worten: „Jede Gemeinde an jedem Ort und zu jeder Zeit muss lernen, Theologie auf eine Weise zu betreiben, die für ihre Zuhörer Sinn macht und sie in ihrem tiefsten Inneren herausfordert. Tatsächlich kommen die vielversprechendsten Diskussionen über Kontextualisierung heute (ob sie als solche anerkannt werden oder nicht) von den Kirchen im Westen; diese entdecken neue Wege, wie man das Evangelium für eine entstehende postmoderne Kultur weitergibt.“(30)

Die Bibel ist demnach nicht mehr die ewig-gültige Offenbarung Gottes, der sich durch das Wort an den Menschen richtet, oder anders ausgedrückt, die Bibel sagt nicht, was sie meint und meint nicht, was sie sagt. Wir können die wahre Bedeutung der Aussagen der Bibel mit dem Verstand alleine nicht erfassen, sondern nur unter Zuhilfenahme der Intuition und Imagination verstehen. Tim Keel beispielsweise erklärt: „Wir nahmen die Welt des Geistes, der Schrift, der Schöpfung selbst und unterjochten sie unter den westlichen, wissenschaftlichen Rationalismus.“(31) Keel schlägt vor, die rechte Gehirnhälfte, den Sitz der Intuition, Kreativität, Emotion, zu trainieren, um durch mystische Erfahrungen die Realität Gottes zu erleben.(32) Die Grenzen zum New Age oder zu den östlichen Religionsphilosophien sind fließend. Damit wird einem Relativismus, der biblische Wahrheiten in klaren Lehraussagen verneint, Tür und Tor geöffnet.

Wohin die Kontextualisierung führt, zeigt das Beispiel der Übersetzung der Bibel im arabischen Kulturkreis (33, 34):

Die Pakistanische Bibelgesellschaft (Pakistan Bible Society) kündigte die Partnerschaft mit dem Summer Institute of Linguistics(33) (SIL; Linguistisches Sommerinstitut) Anfang 2012 auf. Das Linguistische Sommerinstitut ist eng mit den Wycliff-Bibelübersetzern verbunden und übersetzt die Bibel in Minderheitensprachen.

Grund für die Trennung war die Kontroverse um die „kontextualisierte“ Bibelübertragung in die pakistanische Landessprache. Die Presbyterianische Kirche Pakistans hatte sich am 8. Februar 2012 öffentlich von SIL und Wycliffe Bible Translators distanziert, weil die beiden Organisationen den ursprünglichen Text der Bibel dahingehend veränderten, dass Moslems „keinen Anstoß mehr daran nehmen“. Dies hatte zur Folge, dass die trinitarischen Begriffe wie „Gott, der Vater“ und „Sohn Gottes“ nicht mehr in ihrer jeweiligen biblischen Bedeutung übersetzt wurden. Ferner wurde neben der Lehre der Trinität auch die Lehre der Inkarnation des Gottessohnes verwässert. Die große Gefahr einer solchen Vorgehensweise liegt darin, dass der moslemische Leser einer solchen (Fehl-)Übersetzung, sofern er sich zum „Christentum“ bekehren sollte, wohl kaum den biblisch-trinitarischen Glauben annimmt.

Wycliffe Bible Translators beispielsweise veröffentlichte eine arabische Übersetzung mit dem Titel Stories of the Prophets, in welcher das Wort „Vater“ durch das arabische Wort „Herr“ und das Wort „Sohn“ durch das arabische Äquivalent von „Messias“ ersetzt wurde. Das Summer Institute of Linguistics ging noch einen Schritt weiter und ersetzte in seinen arabischen Übersetzungen das Wort „Vater“ mit „Allah“ und entfernte den Begriff „Sohn“ vollständig oder definierte ihn neu. Der Missionsbefehl lautet dann so: „Reinige sie durch das Wasser im Namen Allahs, seines Messias (Gesalbten) und seines Heiligen Geistes“ (Mt 28,19) anstatt „tauft sie im Namen des Vaters, des Sohnes und des Heiligen Geistes.“(34)

Bibelübersetzer sollten Gottes Wort nicht „kontextualisieren“, sondern die Bibel so wortgetreu wie möglich in die jeweilige Landessprache übersetzen, damit die ursprüngliche Bedeutung der hebräischen und griechischen Begriffe erhalten bleibt und die Grundlinien neutestamentlicher Theologie nicht unüberlegt und leichtfertig überschritten werden.

7. Gesellschaftstransformation durch ‚Missio Dei‘

Der Missionsbefehl wird von Vertretern der Emerging Church im Unterschied zum traditionellen Evangelikalismus „umfassender“ betrachtet.(35)

Die Missio Dei – die ‚Mission Gottes‘ – zielt nicht nur auf den Menschen und sein Heil ab, sondern richtet sich auf die gesamte Schöpfung. Daher muss der emergente „Missionar“ auch für soziale und politische Gerechtigkeit, Frieden und die Bewahrung der Schöpfung eintreten.

Dieses „umfassendere“ Missionsverständnis wird auch unter dem Begriff „missional“ oder „inkarnatorisch“ im Unterschied zu dem traditionellen „missionarischen“ Verständnis propagiert.

So schreibt ein emergenter Blogger: „Missional hingegen verstehe ich ganzheitlicher. Gott hat den Menschen zur Harmonie mit Gott, sich selbst, dem Mitmenschen und der Welt geschaffen – Schalom eben. Nach dem Sündenfall ist in allen vier Richtungen etwas zerrissen, was sich seitdem multipliziert hat, so dass der Mensch in Disharmonie mit seinem Schöpfer und dessen Schöpfung lebt – das bezieht die eigene Person, die Nächsten und die Umwelt mit ein. Die Schaffung von umfassendem, ganzheitlichem Schalom ist daher meiner Ansicht nach der Kern der Missio Dei. Jesus hat in seinem Leben dies in mannigfaltigen Facetten demonstriert, durch seinen Tod die Kluft zwischen Gott und Menschen geschlossen und die widergöttlichen Mächte ihrer Gewalt entkleidet. Seitdem ist ein entscheidender Unterschied möglich: Im Nachfolger Jesu lebt der Heilige Geist, der uns im Inneren transformiert, den Willen Gottes in unser Herz schreibt, die Frucht des Geistes hervorbringt und in zunehmendem Maße die Harmonie mit Gott, mir selbst, meinen Nächsten und der Schöpfung möglich macht. Die Gemeinschaft der Jesus Nachfolgenden trägt dies hinaus in die Welt – das ist unsere Sendung.“(36)

Daniel Ehniss verfasste eine Reihe von Blog-Artikeln zum Thema Missio Dei und zitiert in diesem Zuge die Definition von Missio Dei des Autors Andreas Grünschloß:

 »Mission« als Inbegriff göttlichen Handelns eröffnet eine Weltzugewandtheit und ein umfassendes christliches Engagement in Solidarität mit Armen und Entrechteten (»Schalomisierung«) sowie mit Menschen anderen Glaubens, das die Vieldimensionalität der biblischen Sendungsverständnisse beachtet und evangelistische Engführung sprengt.“37 Aus emergenter Sicht wird traditionelle Mission, die die Verkündigung des Evangeliums als ihr Hauptanliegen sieht, als „Engführung“ bewertet. Das „missionale“ Evangelisationsverständnis, die Realisierung der Missio Dei, solidarisiert sich mit Armen und Entrechteten und will auf diese Weise der Welt den Frieden (schalom) bringen – die „Schalomisierung“.

Richard Stearns schreibt in seinem Buch und New York Bestseller The Hole in our Gospel (Das Loch in unserem Evangelium): „Gott hat Freude an Seinem Volk, wenn es Ihm gehorcht. Wenn die Hungrigen genährt werden, wenn man sich um die Armen kümmert und Gerechtigkeit schafft, wird Er die Gebete seiner Diener hören und sie beantworten; Er wird sie führen und bewahren, und sie werden ein Licht in der Welt sein. Dies ist die Vision von Gottes Volk, dass Gottes Welt auf Gottes Weise transformiert. In diesem Evangelium ist keine Lücke.“(38) Das Evangelium muss als ganzheitliches (whole) Evangelium verkündet und praktiziert werden, damit das Loch (hole) des Evangeliums gestopft wird, so Stearns. Und weiter schreibt er: „Wenn wir Teil des kommenden Reiches Gottes sein wollen, erwartet Gott von unserem Leben – von unseren Gemeinden ebenso -, dass wir die authentischen Zeichen unserer eigenen Transformation aufweisen: Mitleid, Barmherzigkeit, Gerechtigkeit und Liebe – in einer fassbaren Weise demonstriert.“(39)

Das Reich Gottes soll durch das neue missionale Evangelium zu einer Weltverbesserung im Hier und Jetzt führen. Das gleicht dem „Sozialen Evangelium“ der liberalen Kirchen. Pfarrer Wilhelm Busch rang in den 1930er Jahren mit dem social gospel des amerikanischen CVJM und grübelte über dessen Legitimität: „Hatte ich jetzt nicht meine eigentliche Berufung verlassen? War dieser soziale Dienst meine Aufgabe? War das nicht die Aufgabe anderer Stellen? Und immer standen die amerikanischen CVJM vor meiner Seele. Waren sie nicht so wie ich jetzt in die sozialen Aufgaben hineingerutscht und auf diesem Wege abgeglitten von ihrem eigentlichen Dienst, das Evangelium den jungen Männern zu sagen?“ Wilhelm Busch kam zu dem Schluss: „Den Weg der Amerikaner wollte ich auf keinen Fall mitgehen.“(40)

Mit der Verlagerung des Reiches Gottes auf diese Erde geht die Ablehnung auf die Hoffnung der Wiederkunft Christi und der Errichtung des Reiches Gottes durch Ihn verloren und schlägt sogar teilweise bei Vertretern der Emerging Church in offene Ablehnung gegen traditionelle Endzeitlehren des Evangelikalismus bis hin zu der Illusion, Gott würde eine ideale Zukunft dieser Welt ohne ein Gericht schaffen, indem er die Welt allmählich zu einem besseren Ort „transformiert“. Brian McLaren, der selbst in einer Brüdergemeinde (Plymouth Brethren) groß wurde und mit der Lehre vertraut war, dass Jesus Christus wiederkommt, um sein Königreich auf Erden aufzurichten, bezeichnet diese Lehre heute als „moralisch und ethisch schädlich“ und plädiert für eine „massive Konfrontation der Christen, die an Endzeitlehren glauben.“(41)

Das emergente Transformationsverständnis folgt der Prämisse „Handeln ist wichtiger als Lehre“ und kehrt damit der Zentralität der Heiligen Schrift den Rücken zu.

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Siehe die ganze Serie HIER!

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Anmerkungen

* Reposted von: DISTOMOS —  Der englische Begriff Emerging Church wurde dabei weitgehend durch den deutschen Begriff emergente Gemeindebewegung ersetzt, da dies im deutschsprachigen Sprachraum die Bedeutung verständlicher wiedergibt.

 

 

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6 Antworten zu Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 5)

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  3. Arne Beccard schreibt:

    Hallo Marco,
    ich rede nicht von einfachen Begriffen des täglichen Gebrauchs, es geht um das einführen von „doppeldeutigen“ und mehrfach besetzten Begriffen.
    Hier einen Beitrag der die „Trojanischen Pferde“ erklärt.

    http://distomos.blogspot.de/2012/11/glossar-emergenter-begriffe.html

    Als Christ muss ich solche Begriffe einfach zurückweisen, da sie irreführend sind, und da sie als Brückenköpfe fungieren (Trojanisches Pferd; siehe Wikipedia) …

  4. Arne Beccard schreibt:

    Hallo Marco,
    ich habe Vergessen die Gemeindegründer mit in die Frage mit einzubeziehen, entschuldige Bitte, denn dort kursiert diese Literatur ebenso.

  5. Marco Vedder schreibt:

    Naja, Arne, ich glaube, wir können den Austausch hier beenden. Ich habe mir die Liste von Begriffen auf Distomos angeschaut. Sie enthält Worte, die tatsächlich durch sehr fragliche Lehrgebäude neu eingeführt worden sind und ich deswegen ebenfalls nicht verwenden würde. Aber sie enthält auch Begriffe, wie z.B. „Vernetzung“, „authentisch“, „kulturrelevant“ oder eben „Kontextualisierung“, die schon lange im normalen deutschen Sprachgebrauch oder eben als missiologischer Fachbegriff auch in konservativen, bibeltreuen Kreisen üblich waren, lange bevor irgendjemand in Deutschland oder sonstwo über „emerging church“ o.ä. nachdachte oder schrieb. Deswegen ist es unangemessen, jeden, der sie verwendet, in die gleiche Schublade zu stecken, egal, in welchem Sinn er sie verwendet. – Aber ich sehe aus deinen Beiträgen, dass dir die Wahrheit des Evangeliums sehr wichtig ist, so wie mir auch. Möge Gott uns beiden helfen, Seine ewig gültige Botschaft in unserem jeweiligen Umfeld verständlich weiterzusagen und vorzuleben – egal, wie wir solch eine Arbeit nun benennen würden.

  6. Arne Beccard schreibt:

    Marco – es ist nicht egal … man sieht es an den Folgen !

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