Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 3)

  III. Merkmale der aufkommenden Gemeindebewegung (A)

Georg Walter*  (Fortsetzung von Teil 2)

Wie oben bereits erwähnt, weist die emergente Gemeindebewegung eine weite Vielschichtigkeit auf. Um die Hauptmerkmale der emergenten Gemeindebewegung besser zu verstehen, soll diese vor allem in ihrer radikalen Ausprägung charakterisiert werden. Da diese Beschreibung folglich nicht auf alle Teile der Bewegung immer im ganzen Umfang zutreffen wird, macht sie dennoch die Grundproblematik der Bewegung deutlich und weist auf die Gefahren hin, die eine auch nur moderate Befürwortung des emergenten Gedankenguts mit sich bringen kann – „ein wenig Sauerteig durchsäuert den ganzen Teig“ (Gal 5,9). Hierzu sollen Vertreter der Bewegung selbst zu Wort kommen. Im Lichte biblischer Grundsätze soll dieses Selbstzeugnis emergenter Vertreter bewertet werden.

1. Sichtweise der „Postmoderne“

Vor der Aufklärung im 17. Jahrhundert, also in der Zeit vor der Moderne, war das vorherrschende Weltbild im christlich-jüdischen Kulturkreis von der Erkenntnis bestimmt, dass ein allmächtiger und allwissender Schöpfergott existiert, der sich den Menschen durch die Heilige Schrift mitgeteilt hat. Alle Erkenntnis begann mit Gott, dem Schöpfer, und nicht mit dem Ich des Geschöpfes.

Mit der Aufklärung, also dem Anbruch der Epoche der Moderne, setzte sich das Motto des französischen Philosophen und Naturwissenschaftlers René Descartes (1596-1650) „Ich denke, also bin ich“ durch; „Statt wie die vormoderne Epistemologie [Erkenntnislehre] mit Gott zu beginnen, sah die moderne Erkenntnistheorie ihren Ausgangspunkt in dem endlichen »ich«… Vielleicht lernen Menschen Dinge noch immer aufgrund von Offenbarung … irgendeine kleine Teilmenge von dem, was Gott bereits vollkommen und vollständig weiß. Doch dies muss nicht mehr so sein. Wir sind nicht länger auf Gott angewiesen, was unser gesamtes Wissen angeht.“(10) Das rationale Denken des Menschen war von nun an die Grundlage aller Erkenntnis.

Die Zeit der Postmoderne, die etwa mit den 1960er Jahren ihren Anfang nahm, bleibt in ihrer Erkenntnislehre in der Moderne verhaftet und beginnt ebenfalls mit dem endlichen Ich. Die Schlussfolgerungen, die postmoderne Menschen ziehen, fallen allerdings ganz unterschiedlich aus. „Da sich jedes »Ich« von jedem anderen »Ich« unterscheidet, muss der Standpunkt jeweils anders sein. Diesbezüglich kann man auch den Einzelnen zurücktreten lassen und mehr die kulturell eigenständige Volksgruppe betonen:

Immerhin gehört jedes einzelne »Ich« einer abgegrenzten Kultur an, die jeweils über eine spezielle Menge an Grundannahmen, Werten, Denkstrukturen, Sprachgebräuchen und dergleichen verfügt. Wenn eine Gruppe oder Kultur bzw. jeder andere identifizierbare Personenkreis Dinge betrachtet, unterscheidet sich dies immer ein wenig von der Anschauungsweise der Menschen in anderen Kulturen.“(11)

Die Postmoderne ist die Zeit nach der Moderne. Während die Moderne vom Rationalismus, menschlicher Vernunft und absoluten Aussagen (z. B. bindende biblische Lehraussagen) charakterisiert ist, hinterfragt die Postmoderne den Fortschrittsglauben und absolute Autorität. Folglich muss der Christ von heute aus Sicht der emergenten Vertreter der postmodernen Denkweise Rechnung tragen, um den postmodernen Menschen zu erreichen. Aus der Sicht eines der bekanntesten und populärsten Vertreter der Emerging Church, Brian McLaren, betrachtet der postmoderne Mensch in unserer Zeit das Christentum von heute als „Erscheinung der Moderne“, das in der „entstehenden Welt (emerging world) keine Bedeutung mehr haben werde“, und weil dies so ist, müssen die Christen von heute aus McLarens Perspektive folglich die „unheilige Allianz mit der Moderne“ aufgeben.(12)

Wie sieht der Bruch mit der „unheiligen Allianz mit der Moderne“ aus? Dies führt zum zweiten Punkt.

2. Dekonstruktion von Wahrheit

Dekonstruktion von Wahrheit ist das Hinterfragen von Aussagen. Objektives Wissen ist aus Sicht des postmodernen Christen gar nicht möglich und nicht einmal unbedingt erstrebenswert. Daniel Hufeisen schreibt auf dem Blog ZEITGEIST: „Die dekonstruktivistische Haltung drückt sich darin aus, dass der jeweils vorliegende Text äußerst genau betrachtet wird. Dabei gilt jedoch das besondere Augenmerk nicht dem, was gesagt, sondern vielmehr dem was nicht gesagt wurde. Grundlegend für diese Haltung ist die Annahme einer Vielzahl von Perspektiven und Aussagerichtungen innerhalb eines Textes. Der Text hat demnach nicht nur eine einzige mögliche Aussage und besteht nicht nur aus einer These…“(13). Auf diese Weise gewinnen alte Texte „neue weitere und tiefere Dimensionen“ und es entsteht die „Möglichkeit, tiefer zu blicken.“(14)

Andrew Perriman beispielsweise glaubt nicht, dass die „solas“ der Reformation – allein durch Glauben, allein durch Gnade, allein die Schrift, allein Christus – in der postmodernen Evangelisation noch relevant sind und erläutert: „Teil der Antwort, so glaube ich, findet man dann, wenn man die dicke Schicht der dogmatischen Reinterpretation, die mit der Zeit entstanden ist, abkratzt und es lernt, den biblischen Bericht neu zu erzählen.“(15) Perriman plädiert für eine „vom Heiligen Geist inspirierte Erneuerung der Imagination [Vorstellungskraft] auf der Grundlage von Gemeinschaft.“(16)

In diesem Prozess, in welchem man die „dicke Schicht der dogmatischen Reinterpretation abkratzt“ und durch eine „vom Heiligen Geist inspirierte Erneuerung“ zur Wahrheit vordringt, kann man von traditionellen christlichen Bekenntnissen und Lehraussagen wenig lernen. Lernen hingegen kann man von allen christlichen Traditionen. Der emergente Baptist Mike Gregg rät dazu, auf ökumenische Vorbilder zurückzugreifen: „Geht es um ein Thema, das heiliger ist und dem Taizé-Stil nachempfunden werden soll, ist eine kleinere Kapelle mit Stühlen anstatt Kirchenbänken hilfreich… Die Gemeinschaft vonTaizé ist eine ökumenische Ordensgemeinschaft, deren Gottesdienste Gesänge, Ikonen, Meditationen und Schriftlesungen beinhalten. Der Gottesdienst von Taizé stellt Gebet und Musik stärker in den Mittelpunkt als die Predigt – in einem traditionell protestantischen Sinne.“(17)

Luther und die anderen Reformatoren betrachteten die Bilderverehrung (Ikonen) als Götzendienst. Sie reformierten den Kirchengesang, der für sie die Wahrheit des Evangeliums ins Zentrum rücken sollte, anstatt die Seele in einer mystischen Weise anzusprechen, wie die gregorianischen Gesänge es taten, die überdies für die wenigsten verständlich waren, da sie in Latein gesungen wurden. Lieder waren für die Reformatoren gesungene Predigten. Und schließlich verurteilten die Reformatoren jegliches schwärmerisch-meditatives Christentum, das die katholische Kirche über Jahrhunderte gepflegt hatte. Stattdessen wurde die Verkündigung der Heiligen Schrift zum Mittelpunkt des Christen- und Gemeindelebens erhoben.

Die emergenten Erben der Reformation, und dazu gehören die Baptisten als eine der vielen protestantischen Strömungen, verschachern ihr protestantisches Erbe für das Linsengericht mystischer Erfahrungen. Aus Sola Scriptura wird Sola Experientia (allein die Erfahrung). Solus Christus (allein Christus) als ausschließlicher und einziger Weg zum Heil kann man dem postmodernen Menschen mit seinem pluralistischen Denken nicht weiter zumuten, so das Credo der Emerging Church. Exklusivismus – es gibt nur einen Heilsweg – ist out, Inklusivismus – Gott kann man in allen Religionen erfahren – ist in.
Das Petruswort „Und es ist in keinem anderen das Heil; denn es ist kein anderer Name unter dem Himmel den Menschen gegeben, in dem wir gerettet werden sollen!“ (Apg 4,12) hat in der Postmoderne seine Bedeutung verloren.

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Anmerkungen

* Reposted von: DISTOMOS —  Der englische Begriff Emerging Church wurde dabei weitgehend durch den deutschen Begriff emergente Gemeindebewegung ersetzt, da dies im deutschsprachigen Sprachraum die Bedeutung verständlicher wiedergibt.

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