Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 1)

I. Die aktuell propagierte Gemeindebewegung – Ein Überblick

Georg Walter*

Und dem Engel der Gemeinde in Philadelphia schreibe: Dies sagt der Heilige, der Wahrhaftige, der den Schlüssel Davids hat, der öffnet, und niemand wird schließen, und schließt, und niemand wird öffnen:Ich kenne deine Werke. Siehe, ich habe eine geöffnete Tür vor dir gegeben, die niemand schließen kann; denn du hast eine kleine Kraft und hast mein Wort bewahrt und hast meinen Namen nicht verleugnet…….
Weil du das Wort vom Harren auf mich bewahrt hast, werde auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die über den ganzen Erdkreis kommen wird, um die zu versuchen, die auf der Erde wohnen. Ich komme bald. Halte fest, was du hast, damit niemand deinen Siegeskranz nehme!

Offenbarung 3,7-8; 10-11

Wer die neutestamentlichen Briefe aufmerksam studiert, dem wird nicht entgehen, dass die Christenheit des 1. Jahrhunderts von Anbeginn an vielfältig von Irr- und Sonderlehren angefochten war. Paulus warnte die Korinther vor falschen Aposteln und musste ihnen bezeugen, dass sie einen „anderen Jesus und ein anderes Evangelium“ (2Kor 11,4) angenommen hatten. Die Galater waren verzaubert durch judaistische Gesetzeslehrer (Gal 3,1), und auch die Kolosser waren mit gesetzlichen Tendenzen konfrontiert – mit „Verführern, die mit überredenden Worten“ (Kol 2,4) auftraten. Den Kolossern schreibt Paulus: „Seht zu, dass niemand euch einfange durch die Philosophie und leeren Betrug nach der Überlieferung der Menschen, nach den Elementen der Welt und nicht Christus gemäß!“ (Kol 2,8). Die Thessalonicher waren durch prophetische Rede und Briefe unter falschem Namen angefochten, „als ob der Tag des Herrn da wäre“ (2Thess 2,2). An Timotheus schrieb Paulus, die „altweiberhaften Fabeln und ungereimte Streitfragen abzuweisen“ (1Tim 4,7; 2Tim 2,23).

Petrus warnt vor falschen Propheten und vor falscher Lehre (2Petr 2,1) und prophezeit, dass „viele ihren Ausschweifungen nachfolgen werden“ (2Petr 2,2). Johannes warnt in seinem 1. Brief vor antichristlichen, gnostischen Irrlehrern und falschen Propheten, die nicht bekannten, dass Jesus Christus „im Fleisch gekommen“ (1Joh 4,1-3) und der „wahrhaftige Gott“ ist (1Joh 5,20). Judas warnte vor gottlosen Menschen, die sich „heimlich eingeschlichen hatten“ und den „Weg Kains gingen und sich für Lohn dem Irrtum Bileams völlig hingaben“ (Jud 4; 11).

Die 7 Sendschreiben der Offenbarung zeichnen das Bild der Gemeinde am Ende des 1. Jahrhunderts nach Christus, in welcher nur zwei der sieben Gemeinden – Smyrna und Philadelphia – nicht getadelt werden. Die Epheser hatten zwar die falschen Apostel als Lügner erkannt, aber ihre erste Liebe verlassen (Offb 3,2-4). Pergamon hatte solche, die an „der Lehre Bileams festhielten“ (Offb 3,14), Thyatira ließ das „Weib Isebel gewähren, die sich eine Prophetin nennt“ (Offb 3,20). Schon die Urgemeinde war demzufolge von allen Seiten durch falsche Lehre bedrängt, und es gelang ihr nicht immer, die ein für allemal überlieferte Glaubenslehre rein zu erhalten.

Man könnte angesichts dieses düsteren Bildes leicht den Mut verlieren und zu dem Schluss kommen, dass falsche Lehre so übermächtig ist, dass es nur wenigen Gemeinden gelingt, an der reinen apostolischen Lehre, am biblischen Evangelium festzuhalten. Doch wir sollten unseren Blick nicht auf die Schwächen der Gemeinde richten, sondern auf den Herrn der Gemeinde, der „alle Dinge durch das Wort seiner Macht trägt“ (Hebr 1,3) und der „unsere Herzen und unsere Gedanken zu bewahren vermag in Christus Jesus“ (Phil 4,7). Gott ist größer als alle Irrlehrer und falschen Propheten. Dass die Gemeinde Jesu noch heute besteht, ist Zeugnis für die Allmacht Gottes.

Die emergente Gemeindebewegung ist eine relativ junge Bewegung, die in den 1990er Jahren in den USA entstanden ist. Der englische Begriff Emerging Church setzt sich aus den beiden Worten „Emerging“ – im Entstehen sein, sich herausbilden, hervortreten – und „Church“ – Kirche oder Gemeinde – zusammen. Die emergete Gemeindebewegung in ihrem Selbstbild sieht sich allerdings nicht als eine neue Bewegung. Sie will keine neue Kirche oder Denomination schaffen, sondern im Dialog (emergent conversation) mit allen Christen stehen. Sie ist im Fluss und meidet theologische Festlegungen. Ihre Vertreter suchen nach neuen Wegen, wie man dem postmodernen Menschen das Evangelium nahebringen kann. Sie verstehen sich selbst als „postmoderne Christen“, die ihr Christsein in der Postmoderne leben wollen. Während der Begriff Emerging Church im Deutschen in der Regel übernommen wurde, trifft man vielfach auch auf das eingedeutschte Adjektiv „emergent“, um Dinge und Eigenschaften zu beschreiben, die der emergenten Gemeindebewegung zuzuordnen sind. Zum Beispiel, von „emergenten“ Einflüssen zu sprechen bedeutet, dass es sich um Einflüsse handelt, die das Gedankengut der emergente Gemeindebewegung ganz oder teilweise widerspiegeln. Von „emergenten“ Vertretern zu sprechen bedeutet, dass es sich um Personen handelt, die für die Philosophie der emergente Gemeindebewegung stehen.

In der Kirchengeschichte gab es im Wesentlichen zwei Arten von Bewegungen. Erstens, es entstanden Bewegungen, die eine neue Kirche oder Denomination hervorbrachten wie beispielsweise die Methodistische Kirche, die auf die von John Wesley begründete methodistische Tradition zurückging. Zweitens, die Kirchengeschichte zeigt außerdem, dass Bewegungen existierten oder noch existieren, deren Gedankengut alle Kirchen und Denominationen mehr oder minder stark beeinflussten. Die Heiligungsbewegung des ausgehenden 19. Jahrhunderts ist ein Beispiel einer solchen Strömung ebenso wie die charismatische Bewegung, die in den 1950er Jahren ihren Anfang nahm. Letztere Bewegung breitete sich sehr schnell in allen Kirchen und Denominationen aus. Innerhalb von nur wenigen Jahren konnte man charismatische Katholiken, charismatische Protestanten, charismatische Methodisten, charismatische Baptisten, usw. antreffen. Eine solche Bewegung, die mit ihrem Gedankengut in allen Gemeinden und Denominationen Anklang findet, ist die emergente Gemeindebewegung.

Heute gibt es emergente Katholiken,(1) emergente Pfingstler,(2) emergente Baptisten – Zach Roberts, ein emergenter Baptist schrieb ein Buch mit dem Titel Baptimergent,(3) emergente Methodisten – Jay Voorhees, ein emergenter Methodist schrieb einen Artikel mit dem Titel What does it mean to be Methomergent (Was bedeutet es, ein emergenter Methodist zu sein),(4) ein weiterer emergenter Methodist nennt seine Internetseite The New Methodists – about being United Methodist, missional, emergent (Die Neuen Methodisten – wie man Methodist, missional, emergent ist).(5) Es gibt emergente Anabaptisten,(6) emergente Mennoniten,(7) emergente Presbyterianer, die sich natürlich „Presbymergents“ nennen,(8) emergente Lutheraner, die „Luthermergents“,(9) usw, usw. [Selbst in vielen ehemals als sehr bibeltreu-konservativ bekanten Gemeindekreisen wird das Gedankengut und Methoden der emergenten Gemeindebewegung inzwischen aktiv probagiert und verbreitet, ohne sich damit aber als emergent outen zu wollen; Anm. jesaja662] Die emergente Gemeindebwegung ist eine Bewegung, von welcher man wahrhaft sagen kann, dass sie alles bewegt.

Die emergente Gemeindebewegung, die sich eher als Netzwerk des Dialogs versteht, ist äußerst vielschichtig, komplex, differenziert, oftmals nicht scharf abgrenzbar. Das Spektrum dieser Bewegung ist so breit, dass es einen moderaten Flügel bis hin zu einem radikalen Flügel umspannt. Die moderate Strömung mag nach außen hin wie eine traditionelle evangelikale Gemeinde erscheinen, übernimmt indessen teilweise das emergente Gedankengut, um dem postmodernen Menschen das Evangelium in einer „relevanten“ Weise nahezubringen. Der radikale Flügel hingegen stellt traditionelle Gemeindekonzepte offen in Frage, hinterfragt althergebrachte Gottesdienstformen, lehnt absolute Wahrheiten ab und betont Erfahrung und Gefühl. Gerade weil die Emerging Church Bewegung so vielschichtig ist, wird nicht jede Kritik auf alle Teile dieser Bewegung zutreffen. Dennoch gibt es grundlegende Paradigmen (Denkweisen), die mehr oder weniger ausgeprägt in der ganzen Bewegung anzutreffen sind.

Einige dieser Paradigmen sollen an dieser Stelle angeführt werden. Doch zunächst sind die durchaus berechtigten Anliegen der emergenten Gemeindebewegung erwähnenswert.

Siehe die ganze Serie HIER!                                                                  Fortsetzung —>

——-
Anmerkungen

* Reposted von: DISTOMOS  —  Der englische Begriff Emerging Church wurde dabei weitgehend durch den deutschen Begriff emergente Gemeindebewegung ersetzt, da dies im deutschsprachigen Sprachraum die Bedeutung verständlicher wiedergibt.

Dieser Beitrag wurde unter Aktuelles, Christliche Gegenkultur & Relevanz, Postmodern-Kontextual-Emergent abgelegt und mit , , , , , , , , , , , verschlagwortet. Setze ein Lesezeichen auf den Permalink.