Henri J.M. Nouwen — Katholischer Priester, Mystiker, Autor – und sein Einfluss auf den Protestantismus

Georg Walter in: Fest und Treu 4/2012

Evangelikale auf dem Weg nach Rom?

Es ist immer wieder erstaunlich, wenn Evangelikale, deren geistliches Erbe im Protestantismus verankert ist, voll des Lobes für Katholiken sind. Noch erstaunlicher ist es, wenn bekannte Evangelikale katholische Persönlichkeiten empfehlen, die sich begeistert für Marienkult, katholische Mystik und einen Heils-Universalismus aussprechen – sowie für meditative Methoden, die eher an das New Age und an östliche Religionen erinnern als an die biblische Nachfolge Christi. Alles, wogegen die protestantischen Reformatoren stritten und wofür sie nicht selten ihr Leben ließen, wird seit Jahrzehnten Zug um Zug nicht nur im Protestantismus, sondern auch in evangelikalen Kreisen wieder hoffähig gemacht.

Der bekannte US-amerikanische Evangelikale und „Apologet“ Ravi Zacharias beispielsweise bezeichnete Henri J. M. Nouwen als einen „der größten Heiligen in jüngster Zeit“.

Hans Peter Royer, stellvertretender Leiter der Fackelträger-Bewegung, nannte auf die Frage, welche fünf Autoren ihn im Glauben am meisten vorangebracht oder beeinflusst haben, neben dem Karmeliter-Mönch Bruder Lorenz und dem Franziskaner-Priester Brennan Manning auch den holländischen Priester und Autor Henri Nouwen – allesamt Vertreter des katholischen Glaubens.

Ulrich Eggers, leitender Redakteur der Zeitschrift AUFATMEN, empfiehlt Nouwen wärmstens und bescheinigt ihm „tiefe geistliche Erkenntnisse“.

Und selbst das von Lewis Sperry Chafer gegründete Dallas Theological Seminary – eine der bekanntesten Schulen des Dispensationalismus – betrachtet Nouwen offenkundig als einen „wesentlichen“ Autor, den Studenten gelesen haben sollten, die sich auf ihren Dienst an Gottes Volk vorbereiten.

Wer war Henri J.M. Nouwen? Was lehrte er? Und warum übt er auch auf Protestanten und Evangelikale so große Anziehungskraft aus?

Henri J. M. Nouwen – eine kurze Biografie

Henri Nouwen wurde am 24.01.1932 im nieder ländischen Nijkerk geboren. Das war eine Zeit, in der es in Holland 40% Katholiken gab. In einem Interview erzählte er später, dass er bereits im Alter von fünf Jahren den Entschluss fasste, katholischer Priester zu werden. Nach seinem Abitur im Jahre 1950 in Den Haag zog er im folgenden Jahr nach Rijsenburg bei Utrecht in das dortige Priesterseminar und nahm das Studium der katholischen Theologie und Philosophie auf.

1957 schloss Nouwen sein Studium ab und empfing die Priesterweihe. Noch im selben Jahr begann er mit dem Studium der Psychologie an der katholischen Raboud Universität in Nimwe gen. Die Psychologie Sigmund Freuds und Carl Gustav Jungs prallte auf das katholische Weltbild des jungen Nouwen, der „Jahre damit zubrachte, sich gedanklich mit zwei sehr unterschiedlichen Sichtweisen der Realität auseinanderzusetzen“. Die Laufbahn eines akademischen Psychologen einzuschlagen, bedeutete für Nouwen, sich „immer weiter von den Idealen des Evangeliums zu entfernen“.

Während einer USA-Reise wurde Nouwen auf die neue „Hybrid-Disziplin“ aufmerksam, welche als „Pastoral-Psychologie“ (pastoral counseling) bezeichnet wurde, eine Kombination aus Religion und Psychologie. So entschloss sich Nouwen nach Abschluss sei- nes Psychologie-Studiums im Jahre 1964 in den USA eine psychologische Zusatzausbildung an der Menninger Foundation in Topeka, Kansas, fortzusetzen. Nach Beendigung seines Studiums in den USA im Jahre 1966 lehrte er zwei Jahre lang als Gastdozent für Psychologie an der katholischen University of Notre Dame.

1968 kehrte Nouwen nach Holland zurück und lehrte in Utrecht Pastoral-Psychologie und Spiritualität. Doch bereits drei Jahre später, im Jahre 1971, zog es Nouwen erneut in die USA, wo er an der renommierten Yale University in New Haven, Connecticut, einen Lehrstuhl für Pastoral-Psychologie bekleidete und auf den Gebieten Mystik und Spiritualität Forschungsarbeiten durchführte.

1981 kehrte Nouwen der Yale Uni- versity den Rücken zu und verbrachte etwa sechs Monate in Lateinamerika, wo er mit dem Befreiungstheologen Gustavo Gutiérrez in Berührung kam, dessen Gedankengut er positiv aufnahm. 1983 wurde er als Dozent an die Harvard University in Cambridge, Massachusetts, nahe Boston, berufen und lehrte dort als Professor für Theologie. 1985 verließ Nouwen im Alter von 53 Jahren die Harvard University und ließ damit seine akademische Karriere endgültig hinter sich.

Henri Nouwen und Maria

Der populäre Benediktiner-Pater Anselm Grün schreibt im Vorwort zu Nouwens Buch ‚Unser heiliges Zentrum finden‘ über dessen Verhältnis zu Maria: „Für Henri Nouwen ist Maria Begleiterin auf dem Weg zum inneren Zentrum, zum inneren Ort der Stille und des Schweigens, zum Ort, in dem Jesus wohnt, zum Ort, in dem Gott in uns geboren wird. Es ist ein mystischer Zugang zu Maria, der uns in diesem Buch empfohlen wird … Maria wird für Nouwen zum Typus für sich selbst. Er spürt, dass auch in ihm jenseits aller Dunkelheit eine Unschuld liegt.“

Maria, die nach katholischer Lehre neben Jesus den Titel Miterlöserin innehat, nimmt somit auch für den Katholiken Nouwen eine zentrale Rolle in seinem geistlichen Leben ein. Henri Nouwen selbst sagte in einer Predigt vom 31.05.1988: „Wenn wir Maria erlauben, unsere Mutter zu werden, wird sie uns auf neue Weise erkennen lassen, dass wir zu Gott gehören.“ Nouwen betonte, dass er „sich an Maria wenden muss“, wenn er seiner Berufung wahrhaft treu bleiben will.

Wie sehr Nouwen in Lourdes „gesegnet“ wurde, fasst er in dieser Weise zusammen: „In Lourdes ist mir viel gegeben worden. Maria wie Bernadette [französische Ordensschwester, die 1858 mehrere Marie- nerscheinungen erlebte – nach ihrem Tod entwickelte sich der Wallfahrtsort Lourdes zu einem Zentrum der Marienanbetung] führten mich nahe ans reine und unschuldige Herz Jesu.“

Henri Nouwen und die Eucharistie

Als überzeugter Katholik vertritt Nouwen das katholische Dogma der Eucharistie, wonach Jesus Christus in der geweihten Hostie und in dem geweihten Kelch mit Wein real anwesend ist (Realpräsenz). Doch Nouwen geht einen Schritt weiter und rückt auch in diesem zentralen Dogma der katholischen Kirche Maria in den Blickpunkt: „Jedes Mal, wenn wir das Brot des Lebens und den Kelch der Erlösung heben und so den … Schmerz der Menschen mit dem einen, allumfassenden Opfer Jesu vereinen, ist Maria da … Liebe Schwestern und Brüder: lasst uns all unser Vertrauen auf sie setzen.“ Vertrauen auf Maria zu setzen anstatt allein auf den Erlöser Jesus Christus entbehrt jeder schriftgemäßen Grundlage und kann nur auf weitere Ab- und Irrwege führen.

Nouwen ist der Überzeugung, dass Jesus eine „historische Gestalt“ bleibt, solange Menschen lediglich an Jesus von Nazareth glauben. Erst wenn Menschen begreifen, dass „der Leib, der Jesus Christus in der Eucharistie Gestalt gibt, sein [also Christi] Leib ist, dann werden wir zu erkennen beginnen, was wirkliche Gegenwart heißt … Wir alle, die den Leib Christi [in der Eucharistie] empfangen, werden der lebendige Christus.“ Mit anderen Worten, Protestanten und Evangelikale, welche die katholische Lehre der Transsubstantiation nicht im Glauben annehmen, können aus der Sicht Nouwens nicht wahrhaft in die Gegenwart Christi oder Gottes treten.

Der Psychologe Henri Nouwen

Nouwen lebte in einer Zeit, in der das biblische Menschenbild zunehmend durch das Menschenbild der humanistischen Psychologie ergänzt oder teilweise verdrängt wurde. Nouwen – selbst studierter Psychologe – vertrat die Auffassung, dass eine mangelnde Selbstannahme die „größte Falle im spirituellen Leben“ sei. Ein schwaches Selbstwertgefühl war für ihn eines der zentralen Hindernisse im geistlichen Wachstum.

Der Holländer Nouwen hatte ein ausgesprochenes Gespür für die seelischen Bedürfnisse der amerikanischen Bevölkerung und verstand es, diese aufzugreifen. Die US-ameri- kanische Autorin und Biografin Nouwens Deirdre LaNoue kommt zu dem Schluss: „Nouwen war ein effektiver spiritueller Führer, weil er die Sprache des Amerikaners aus dem späten 20. Jhdt, der sich durch den Einfluss der Psychologie nach innen kehrte, kannte.“

Henri Nouwens Universalismus

Für Henri Nouwen war die gesamte Schöpfung ein Ausdruck der heiligen Erlösungsliebe Gottes: „Alles, was ist, ist heilig, weil alles Sein von Gottes erlösender Liebe spricht.“ Solche und andere Aussagen Nouwens zeugen davon, dass Nouwen an eine universalistische Erlösung glaubte.

Da Nouwens Theologie vom Zweiten Vatikanischen Konzil geprägt war, stehen viele seiner Aussagen im Einklang mit dem Geist dieses Konzils wie z.B. die folgende: „Das Wort ‚Kirche‘ umfasste alle Christen. Gott gebrauchte andere christliche Kirchen und nicht-christliche Religionen, um ihnen allen das Heil anzubieten, so dass die Katholische Kirche nicht den einzigen Weg zum Heil darstellte.“

Nouwen und die Mystik

Henri Nouwen, der eine „natürliche Affinität zur Spiritualität und Kultur der Russisch-Orthodoxen Kirche“ hatte, war in Bezug auf die Evangelikalen der Ansicht, dass es ihnen an der „mystischen Dimension des spirituellen Lebens fehlte, obgleich sie eifrig, hingegeben und Wort-zentriert waren.“ In Nouwens Spiritualität spielten Ikonen eine besondere Rolle: „Ikonen schufen für ihn einen Einblick in den Himmel. Wie die westliche Spiritualität durch den Heiligen Benedikt das Hören betonte, stellte die östliche Spiritualität durch die byzantinischen Väter das Betrachten in den Mittelpunkt: das Anschauen dieser heiligen Bilder eines ewigen Geheimnisses mit ganzer Aufmerksamkeit.“

Nouwens Gottesbild

In Nouwens Buch ‚The Return of the Prodigal Son‘ (Die Rückkehr des verlorenen Sohnes), das durch die kontemplative Betrachtung des gleichnamigen Bildes von Rembrandt inspiriert war, schrieb er über Gott: „Was ich hier sehe, ist Gott als Mutter, die den wieder in ihren Schoß empfängt, den sie in ihrem Bild erschaffen hat … Das Geheimnis, fürwahr, ist, dass Gott in ihrer unendlichen Barmherzigkeit sich selbst mit dem Leben ihrer Kinder ewiglich verbunden hat. Sie hat sich frei entschieden, sich von ihren Geschöpfen abhängig zu machen, die sie mit der Freiheit ausgestattet hat.“

Dieses Gottesbild, das den Ewigen als männliche und weibliche Gottheit zugleich darzustellen versucht, ist längst nicht mehr nur ein Merkmal des Katholizismus oder des liberalen Protestantismus. Insbesondere durch den Bestseller ‚Die Hütte‘ von William P. Young als auch durch eine Reihe von Vertretern der progressiven Emerging Church Bewegung, die nicht selten eine große Offenheit für die katholische Mystik aufweisen, findet ein derartig unbiblisches Gottesbild unter Evangelikalen Eingang.

Es gibt in der Bibel jedenfalls keine einzige Schriftstelle, die Gott mit „Mutter“ oder als „Sie“ bezeichnet. Wenngleich die Bibel Gottes Handeln bildlich mit weiblichen Eigenschaften oder weiblichem Handeln vergleicht, weist die gesamte Bibel nicht einen einzigen weiblichen Namen oder eine einzige weibliche Bezeichnung für Gott auf. Die Bibel ist Gottes Offenbarung und bezeichnet Gott durchweg als Vater. Diesem Schriftbefund sollte man sich beugen.

Nouwen, das soziale Evangelium und eine neue Weltordnung

Spiritualität bedeutete für Nouwen nicht, sich alleine der Kontemplation oder dem Gebet hinzugeben, sondern sie beinhaltete für ihn gleichfalls, dass Menschen zu „Sozialreformern berufen waren“ und folglich zu „christlichen Akteuren für den sozialen Wandel“ werden sollten; sie waren Menschen der Tat und des Gebets zur gleichen Zeit.

Beeinflusst von der Befreiungs-Theologie plädierte Nouwen für eine neue globale Ord- nung sozialer Gerechtigkeit. Nouwen übersah, dass Jesus Christus kein politischer Messias und Weltverbesserer war, sondern der Erlöser, der für die Sünden der Welt starb. Christen sollen sich durchaus für soziale Gerechtigkeit einsetzen, doch Zentrum des Missionsbefehls ist nicht die Schaffung einer gerechten Weltordnung, sondern die Verkündigung des Evangeliums, um Menschen zu Jüngern zu machen. Allein der wiederkommende Herr wird der Welt wahren Frieden und wahre Gerechtigkeit bringen.

Fazit

Warum also sollte man einem Mann und seinen kontemplativen Lehren folgen, der bis an sein Lebensende keinen Frieden fand, weil er Frieden suchte, wo wahrer Friede nicht zu finden ist? Warum sollte man den Werken eines Mannes Vertrauen schenken, der vom Geist des Katholizismus beseelt war und das biblische mit dem psychologischen Menschen- und Weltbild vermischte und verwässerte? Warum sollte man sich für einen Autor begeistern, der Befreiungstheologie, Universalismus und Marienkult befürwortet?

Dass Nouwen auch hier und da gute Gedanken zum Ausdruck brachte, die auch ein Evangelikaler bejahen kann, darf nicht darüber hinwegtäuschen, dass Nouwens Gesamtwerk dennoch mit nahezu allen zentralen Lehren des traditionellen Evangelikalismus unvereinbar ist.

Die protestantische und evangelikale Bewegung hat fürwahr viele Männer und Frauen hervorgebracht, deren Leben und Werk sich in Erbauungsliteratur niedergeschlagen hat, die bis heute vielen Menschen Wegweisung und Stärkung bringt. Was darin geschrieben steht, kann – weil gegründet in den Wahrheiten des Evangeliums – mit Fug und Recht als wahrhaftig, ehrbar, gerecht, rein und liebenswert betrachtet werden. Danach sollten wir trachten, oder um es mit den Worten des Apostel Paulus zu sagen:

Im Übrigen, ihr Brüder, alles, was wahrhaftig, was ehrbar, was gerecht, was rein, was liebenswert, was wohllautend, was irgendeine Tugend oder etwas Lobenswertes ist, darauf seid bedacht!“ (Phil 4,8).

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Dieser wichtige und aktuelle Artikel von Georg Walter ist eine stark gekürzte Zusammenfassung einer ausführlichen Arbeit über Henri Nouwen mit allen Quellenangeben der Zitate. Wir bitten interessierte Leser, unbedingt den Original-Artikel nachzulesen in:

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