Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (15)

Attraktive Gemeinde – Für wen?

(Johannes Pflaum in FEST & TREU 3/2002)


Wir brauchen anziehende und attraktive Gemeinden!

Dieser Slogan ist zu einem regelrechten Dogma geworden. In diesem Zusammenhang geht es meistens um „attraktive Gemeinden“ für Menschen, die dem Glauben fernstehen. Das Gemeindeleben und die Veranstaltungen sollen so ausgerichtet sein, dass sich möglichst jedermann in der Gemeinde wohlfühlen und wiederfinden kann. Alles, was einem „Fernstehenden“ dabei vor den Kopf stoßen könnte, soll vermieden werden.

Statt der Anbetung Gottes und einer intensiven Wortauslegung als bestimmende Teile des Gottesdienstes brauche es verschiedenste Elemente, die sowohl vom Unterhaltungswert wie auch auf der emotionalen Ebene die „Kirchenfernstehenden“ abholen und begeistern sollen. Ganze Gemeinden werden durch diesen Trend umgekrempelt.

Was früher als geistliche Tabuzone galt, ist heute gerade noch gut genug, um Außenstehenden die „Schwellenangst“ zu nehmen. Kennzeichen geistlichen Lebens aus der Vergangenheit werden dagegen heute als unbrauchbar und hinderlich auf dem Müllhaufen der Kirchengeschichte entsorgt. Die attraktive Gemeinde für Außenstehende wird mit dem Gehorsam gegenüber dem Missionsbefehl (Mt 28) begründet. Damit ist doch von der Bibel her alles klar oder etwa doch nicht?

Kennt die Bibel die „attraktive Gemeinde“ für Außenstehende?

Sehen wir nun einmal die Apostelgeschichte und die Lehrbriefe des NT nach „attraktiven Gemeinden für Außenstehende“ durch, kommen wir zu einer interessanten Feststellung: Es gibt keine einzige Belegstelle in der Heiligen Schrift, nach der die örtlich versammelte Gemeinde aufgefordert ist, sich „attraktiv für Außenstehende“ darzustellen und dies, obwohl die Apostelgeschichte wie auch die Lehrbriefe vom Missionsauftrag und der Liebe zu den verlorenen Menschen durchzogen sind. In Apg 5, 13 lesen wir zwar in Bezug auf die Urgemeinde in Jerusalem:

„… das Volk rühmte sie (die Gläubigen) .“

Dazu müssen wir jedoch zwei Dinge beachten:

  1. Die ersten Kapitel der Apostelgeschichte berichten uns von dem Gehorsam der Apostel gegenüber ihrem HERRN in der Evangeliums-Verkündigung trotz der Leiden und Unannehmlichkeiten, die damit für sie verbunden waren. Somit war dieses Ansehen in den Augen der Bevölkerung nicht ein Ziel, auf welches die Apostel hingearbeitet hätten, sondern eine Frucht ihres kompromisslosen Gehorsams.
  2. Wir lesen im Textzusammenhang nichts von einem „attraktiven“ oder „unterhaltsamen“ Gemeindeleben für Außenstehende. In Verbindung mit dem Gericht über Ananias und Saphira wird uns das genaue Gegenteil berichtet:

    „Es kam eine große Furcht über alle, die es hörten“… „Von den übrigen aber wagte keiner, sich ihnen anzuschließen“  (Apg 5,5.13).

Ein „sich wohlfühlen“ für Außenstehende und verlorene Menschen war damit in den Zusammenkünften der ersten Gemeinde unmöglich.

Im Folgenden können wir dann aber lesen, wie Menschen durch Gottes Handeln gerettet wurden und nicht etwa durch „attraktive“ oder „besucherfreundliche“ Gottesdienste:

„Aber um so mehr wurden solche, die an den Herrn glaubten, hinzugetan. Scharen von Männern und auch Frauen“  (Apg 5,14).

Attraktive Gemeinde – für wen?

Nach dem Zeugnis der Heiligen Schrift hat die Gemeinde nur einem zu gefallen: Christus ihrem Herrn und Haupt. Es soll deshalb unser höchstes Anliegen und Ziel sein, dass die Gemeinde „attraktiv“ für Christus ist, wie Paulus schreibt:

„Denn ich eifere um euch mit Gottes Eifer; denn ich habe euch einem Mann verlobt, um euch als eine keusche Jungfrau vor den Christus hinzustellen“  (2Kor 11,2).

Dieses Bild von Braut und Bräutigam und ihrer Liebe zueinander greift Paulus auch in Eph 5, 22-33 auf, um das Verhältnis zwischen Christus und seiner Gemeinde zu verdeutlichen.

Der Herr Jesus hat seine Gemeinde erwählt und selbstlos geliebt. Er hat sie mit seinem heiligen Blut erkauft und damit den Höchstpreis für sie bezahlt. Darum sehnt er sich danach, dass die örtlich versammelte Gemeinde allein auf ihn ausgerichtet ist und die Gestalt annimmt, die er gerne in ihr sehen möchte und in seinem Wort für sie vorgezeichnet hat. Eine Gemeinde, die sich attraktiv für Außenstehende gestaltet, mag beste missionarische Motive und eine brennen de Liebe zu den Verlorenen haben.

Dies ändert aber nichts daran, dass sie damit im Widerspruch zu dem eigentlichen Ziel des Herrn Jesus mit seiner Gemeinde steht. Eine Gemeinde, die für außenstehende Menschen attraktiv sein möchte, bricht geistlich gesehen ihrem Herrn die Treue.

Was wir heute brauchen, sind keine neuen Inspirationen und Konzepte für „benutzer-“ oder „gästefreundliche“ Gemeinden.

Wir brauchen dringend eine intensive Beschäftigung mit der Bibel und geöffnete Augen, um ganz neu das geistliche Wesen der Gemeinde zu erkennen und zu verstehen. Echtes geistliches Wachstum und Auferbauung der Gemeinde ist nur dann möglich, wenn sie allein auf Christus ausgerichtet ist und allein ihm gefallen möchte, wie es in Eph 2, 20-22 steht:

„Ihr seid aufgebaut auf der Grundlage der Apostel und Propheten, wobei Christus Jesus selbst Eckstein ist. In ihm zusammengefügt, wächst der ganze Bau zu einem heiligen Tempel im Herrn … zu einer Behausung Gottes im Geist.“

„Gehet hin“ statt „Kommet her“

Die Gemeinde hat nur ein Ziel: Christus zu verherrlichen.

Der Herr hat der Gemeinde aber auch einen missionarischen Auftrag gegeben. Ihren missionarischen Auftrag erfüllt die Gemeinde durch eine klare Verkündigung des Evangeliums.

Die Evangelisation darf aber niemals zu einer Anpassung des Gemeindelebens an Außenstehende führen. Solche Anpassungen werden immer auch eine Veränderung des Evangeliums mit sich bringen.

In der Gemeinde sollen die einzelnen Glieder auferbaut und zum Zeugnis für Christus ausgerüstet werden. Dazu gehört die missionarische Sendung der einzelnen Glieder in ihre Umgebung und die Welt.

Aus diesem Grund hat der Herr Jesus im Missionsbefehl seinen Jüngern geboten: „Geht hin in alle Welt.“ Eine Gemeinde, die sich nur noch „attraktiv für Außenstehende“ gestaltet, mag einem evangelistischen Eifer entspringen. Aber ist sie dem Missionsbefehl wirklich gehorsam? Wird das „Gehet hin“ der Jünger nicht im tiefsten Grund zu einem „Kommet her“ für die Außenstehenden umfunktioniert?

Wolfgang Dyck* schrieb in diesem Zusammenhang: „Ich weiß, dass ich damit nichts Neues sage. Aber das wäre etwas sensationell Neues, wenn die Christen endlich, anstatt auf ihre Unfähigkeit zu sehen oder auch anstatt nach neuen Methoden, neuer Musik und neuen Wegen Ausschau zu halten, endlich einen neuen Gehorsam praktizieren würden.“

Lasst uns neu lernen, im Gehorsam hinzugehen und das Evangelium von Christus in unserer Umgebung und Gesellschaft zu bezeugen. „Gehet hin!“ – der Gehorsam gegenüber diesem Befehl unseres Herrn wird zu jeder Zeit mit „schlotternden Knien“ und „Unbehagen“ verbunden sein im Gegensatz zu einem sorgsam inszenierten und entspannenden „Hollywood-Evangelium“. Aus diesem Grund richtet Christus den Blick seiner Jünger am Anfang des Missionsbefehls auf seine absolute Vollmacht und Souveränität.

Eine ,Grundfeste der Wahrheit’

Und noch etwas gibt es zu beachten: In 2Tim. 3,15 wird die Gemeinde als „Pfeiler und Grundfeste der Wahrheit“ bezeichnet! Dazu gehört auch, dass die Gemeinde die Heiligkeit Gottes wiederspiegelt (1Petr 2,9).

Ihre Zeugniskraft wird umso stärker, je deutlicher in ihr die göttlichbiblischen Wahrheiten und Prinzipien sichtbar werden.

Die Gemeinde Jesu wird dadurch aber in den Augen einer abgefallenen und gottlosen Gesellschaft mehr und mehr zu einem „unattraktiven Fremdkörper“.

Das Geheimnis der Salzkraft besteht nicht in Anpassung und Anbiederung an außenstehende Menschen, sondern in der Andersartigkeit und dem geistlichen Profil und Kontrastprogramm der Gemeinde Jesu.

Rettungskreuzer in Seenot!

Wie schon erwähnt, entspringt die „attraktive Gemeinde“ mancherorts einem echten missionarischen Anliegen.

Viele übersehen dabei jedoch die akute Gefahr, dass nicht die Welt für die Gemeinde gewonnen, dafür aber die Gemeinde zur Welt wird!

Um es in einem Bild auszudrücken: Man möchte mit einem Seenot-Rettungskreuzer Ertrinkende retten. Die Retter finden es äußerst unangenehm, von ihrem sicheren Schiff aus in die stürmische See zu springen. Außerdem hat man die Sorge, dass die Bordwand für die Ertrinkenden ein abschreckendes Hindernis bilden könnte. So beginnt man schließlich das Schiff zu fluten. Je tiefer der Rettungskreuzer sinkt, umso leichter können die Ertrinkenden an Bord kommen – und ohne es wirklich zu merken, ist der Seenot- Rettungskreuzer selbst in Seenot geraten!

Christus allein

Attraktive Gemeinde – für wen? Die Gemeinde soll sich nur nach einer Person ausrichten: Jesus Christus, ihr Haupt und ihr Herr.

Ihm zu gefallen, ihn zu verherrlichen, ihn anzubeten und seinem Wort gehorsam zu sein, soll ihr größtes Anliegen sein. Lasst uns um solche Gemeinden beten, die im biblischen Sinn „attraktiv für Christus“ sind, die als Licht inmitten der Finsternis unserer Zeit leuchten.

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* Dyck, Wolfg., Der große Auftrag“ Wuppertal-Elberfeld 1979 S.14

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