Die Liebe Gottes zur Welt

 John Brown (1784 – 1858)


(Der folgende Text stammt aus einem Essay von John Brown (1784 – 1858), einem von mehreren schottischen Predigern dieses Namens.)

Denn so hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab, damit jeder, der an ihn glaubt, nicht verloren geht,sondern ewiges Leben hat. (Joh 3,16).

Die Liebe Gottes – die Liebe Gottes für die Welt.

»So sehr hat Gott die Welt geliebt« (Joh 3,16).

Die Lehre vom Sühnopfer besagt, dass der Tod des fleischgewordenen, eingeborenen Sohnes Gottes als Opfer für die Sünden der Menschen notwendig war, damit die Gnade Gottes Sündern erwiesen werden könne und ihnen Vergebung und Heil zuteil werde, und zwar im Einklang mit der Gerechtigkeit des Charakters und Gesetzes Gottes. Den Vertretern dieser Lehre wurde oft vorgeworfen zu lehren, dass das Eingreifen des Sohnes Gottes notwendig war, um Gott, seinen Vater, im Herzen geneigt zu machen, sich des Menschen zu erbarmen und ihn zu retten, und – wie ihnen gewaltsam in den Mund gelegt wurde – »dass der eingeborene Sohn mit seinem Leben als Lösegeld nicht Menschenseelen erwarb, sondern das Mitleid des Vaters«. Es wurde gesagt, die Vertreter dieser Lehre beschrieben die Dreifaltigkeit als ein Wesen von so grimmigem Zorn, dass Gott durch nichts anderes besänftigt werden könnte als durch die Tränen und Gebete, das Blut und den Tod seines eigenen Sohnes.

Wir müssen anerkennen, dass die Lehre vom Sühnopfer nicht immer so dargestellt wurde, wie es »der gesunden Lehre geziemt« und dass wohlwollende Menschen bei diesem Thema manchmal eine Ausdrucksweise verwendet haben, die den Eindruck vermittelte, dass Christus eigentlich gestorben sei, um Gott zu Mitleid und Retterliebe zu veranlassen, und nicht deshalb, weil Gott Menschen bemitleidete und sie retten wollte.

Die biblische Lehre vom Sühnopfer bietet für solche Schlussfolgerungen jedoch keine Grundlage. »Gott ist Liebe«, sagt die Bibel, vollkommen in seiner Güte, »reich an Barmherzigkeit «. Wenn wir bei unserer sprachlichen Darstellung dieses Themas irren, dann nicht, weil wir zu viel sagen, sondern zu wenig. Unsere Gedanken übersteigen nicht die Wahrheit, sondern reichen nicht an sie heran. Unter den Personen Gottes konnte und kann es keine Uneinigkeit bezüglich der Errettung des Menschen geben.

Der Wille der Gottheit ist eins und muss notwendigerweise in sich eins sein. Wir wollen keinen Augenblick erwägen, dass der Vater und der Heilige Geist abgeneigt gewesen seien, den Menschen zu retten und dass der Sohn Fleisch geworden sei und litt und starb, um sie zu veranlassen, seinem Wunsch nachzukommen und der schuldigen und verdorbenen Menschheit Gunst zu erweisen.

Die wunderbare Heilsökonomie ist die Frucht jener souveränen Güte, die sowohl dem Vater als auch dem Sohn, als auch dem Heiligen Geist zu eigen ist. In dieser Ökonomie erhält der Vater die Majestät der Gottheit aufrecht. Alles wird so dargestellt, dass es in ihm seinen Ursprung hat. Doch seine Heiligkeit ist die Heiligkeit der Gottheit, seine Gerechtigkeit die Gerechtigkeit der Gottheit und seine Liebe die Liebe der Gottheit.

Christus starb nicht, damit Gott den Menschen liebe. Er starb, weil Gott den Menschen liebte.

»Gott aber erweist seine Liebe zu uns darin, dass Christus, als wir noch Sünder waren, für uns gestorben ist« (Röm 5,8).

Hierin ist die Liebe Gottes zu uns geoffenbart worden, dass Gott seinen eingeborenen Sohn in die Welt gesandt hat, damit wir durch ihn leben möchten. Hierin ist die Liebe: nicht dass wir Gott geliebt haben, sondern dass er uns geliebt und seinen Sohn gesandt hat als eine Sühnung für unsere Sünden (1Joh 4,9-10).

Das Sühnopfer ist somit nicht die Ursache, sondern die Wirkung der Liebe Gottes.

Es ist die wunderbare Maßnahme, ersonnen von unendlicher Weisheit, um der schuldigen Menschheit die souveräne Güte zu erweisen. Diese Maßnahme ist nicht nur vereinbar mit der Gerechtigkeit des Charakters Gottes, die zum Ausdruck kommt in den Forderungen und Strafen des heiligen, vom Menschen übertretenen Gesetzes, sondern verdeutlicht diese Gerechtigkeit in glorreicher Weise.

Das Gesetz ist keine willkürliche Einrichtung. Es ist einfach die Verkörperung jener Prinzipien, die notwendig sind für das Glück intelligenter, verantwortlicher Wesen, während sie bleiben, was sie sind, und während Gott bleibt, was er ist. Dieses Gesetz entstammt nicht der Souveränität, sondern jener den moralischen Charakter Gottes ausmachenden Einheit von vollkommener Weisheit, Heiligkeit und Güte.

Sein Wesen erfordert es, dieses Gesetz aufrecht zu erhalten. Er kann nicht anders als vom Menschen Wahrhaftigkeit, Gerechtigkeit und Güte zu fordern. Dieses Gesetz wurde vom Menschen übertreten. Folglich fiel der Mensch den schrecklichen Konsequenzen der Übertretung anheim. Er hatte gesündigt und verdiente den Tod. Die Hoffnungslosigkeit, das ewige Verderben des Sünders, müsste jedem geschaffenen Verstand als notwendiges Resultat dieses Zustands erscheinen. Doch »Gott, der reich ist an Barmherzigkeit« und an unendlicher Weisheit, beschloss und vollführte einen Plan, durch den das Gesetz unvermindert geehrt würde und dennoch die Übertreter dieses Gesetzes Vergebung und Rettung finden würden. Durch diesen Plan sollte dem intelligenten Universum das Übel der Sünde in stärkerem Licht vorgestellt werden als durch das ewige Verderben der ganzen Menschheit, und doch sollte dadurch eine unzählbare Schar dieser verlorenen Menschheit vor dem Verderben gerettet werden und »ewige Rettung finden« (Jes 45,17).

Der eingeborene Sohn nahm in seliger Erfüllung der gnadenreichen Verordnung des Vaters den Platz der Sünder ein. In ihrer Natur und an ihrer Stelle erwies er sich als vollkommenen gehorsam gegenüber dem Gesetz, das sie übertreten hatten. Das tat er in Umständen der schwersten Versuchung und Schwierigkeit. Damit verdeutlichte er die Vernünftigkeit und Vortrefflichkeit aller Verordnungen dieses Gesetzes.

Und an Stelle von Menschen unterwarf er sich solchen Leiden, die nach dem Urteil unendlicher Weisheit und Gerechtigkeit die strafende Seite des göttlichen Gesetzes eindrücklicher ehrten, als die ewige Strafe für Sünder es je hätte tun können: »Ihn hat Gott hingestellt als einen Sühneort durch den Glauben an sein Blut zum Erweis seiner Gerechtigkeit wegen des Hingehenlassens der vorher geschehenen Sünden unter der Nachsicht Gottes; zum Erweis seiner Gerechtigkeit in der jetzigen Zeit, dass er gerecht sei und den rechtfertige, der des Glaubens an Jesus ist« (Röm 3,25-26).

Er ist der eine »gerechte und rettende Gott« (Jes 45,21). Nachdem ich nun zu zeigen versucht habe, dass das Sühnopfer Christi nicht die Veranlassung für Gottes Liebe zu Sündern ist, sondern das Mittel, welches Gott in seiner Weisheit dazu bestimmt hat, seine Liebe im Einklang mit seiner Gerechtigkeit zu erweisen, erkläre ich im Folgenden etwas ausführlicher die große Wahrheit, auf die ich in diesem Teil des Themas eure Aufmerksamkeit lenken möchte: dass die ganze wunderbare Heilsökonomie, die unser Herr entfaltet hat, der Liebe Gottes entspringt, der Liebe Gottes zur Welt.

Die Liebe Gottes – der Ursprung des Heilsplans

Zu Beginn fragen wir: Worin könnte der Heilsplan seinen Ursprung haben, wenn nicht in Liebe – in reiner, souveräner Güte? Sinne nach über die Eigenschaften und Beziehungen Gottes und dann über den Charakter und die Umstände des Menschen. Betrachte zuerst den Urheber und dann die Empfänger des Heils und beantworte die Frage: Aus welcher Quelle konnte das Heil strömen, wenn nicht aus unveranlasster Gütigkeit?

Schaue auf zu Gott und sage, ob irgendetwas anderes als souveräne Güte ihn veranlasst haben könnte, den Heilsplan zu ersinnen und auszuführen. Nicht strenge Gerechtigkeit konnte ihn dahingehend beeinflussen – das hätte ihn zur Auferlegung von Strafe geführt und nicht zum Erweisen von Gunst; es hätte nicht Heil, sondern Verderben über den Menschen gebracht. Eigennützige Betrachtungen stehen aufgrund der absoluten Unabhängigkeit Gottes gänzlich außer Betracht.

Die Quellen der Seligkeit Gottes liegen wie die Quellen der Vorzüglichkeit Gottes ganz im Wesen Gottes. Kein Geschöpf kann die Glückseligkeit Gottes steigern oder vermindern. Unsere Dankbarkeit, unser Gehorsam und unser Lob für die Wohltaten des Heils können sein Glück nicht steigern. »Kann denn ein Mann Gott Nutzen bringen? Vielmehr sich selbst bringt der Einsichtige Nutzen. Ist es dem Allmächtigen von Wert, wenn du gerecht bist, oder ist es ihm ein Gewinn, wenn du deine Wege vollkommen machst?« (Hiob 22,2-3).

Und wenn dieser wunderbare Heilsplan seinen Ursprung nicht in einem eigennützigen Wunsch danach hat, dass wir ihm dienen und ihn preisen, kann er genauso wenig gründen in einer eigennützigen Furcht vor unserer Feindschaft, unseren Vorwürfen oder unseren rebellischen Angriffen auf seine Herrschaft. Allein dieser Gedanke ist absurd und lästerlich.

»Für deine Gottesfurcht sollte er dich strafen, mit dir vor Gericht gehen?« (Hiob 22,4). »Wenn du sündigst, was kannst du ihm damit antun? Werden zahlreich deine Verbrechen, was kannst du ihm zufügen?« (Hiob 35,6). Den Mann, dir gleich, trifft deine Gottlosigkeit und das Menschenkind deine Gerechtigkeit « (V. 8).

Doch Gott ist davon nicht betroffen. Alle Ambitionen von Menschen und Dämonen gegen seine Herrschaft kann er mühelos vergelten und als Anlass nehmen, seine Weisheit, Macht und Gerechtigkeit vorzuführen. Wäre die ganze sündige Menschheit dem ewigen Verderben ausgeliefert, würde er dann nicht alle Ewigkeit durch ihre Leiden gepriesen, die Illustrationen sind für seine untadelige Heiligkeit, seine unbeugsame Gerechtigkeit, seine unumstößliche Treue, ohne jede Herabsetzung seiner Güte, die sich tatsächlich in ihren unendlichen Leiden gezeigt hätte, so wie bei den »Engeln, die ihren Herrschaftsbereich nicht bewahrt haben« (Jud 1,6), da solche Strafen das direkte Mittel zum Durchsetzen dieses Gesetzes sind, das notwendig ist für das Glück seiner intelligenten Geschöpfe sowie für die Ehre seines Charakters oder die Stabilität seines Thrones?

Wenn wir in dieser Weise zu Gott aufschauen, dem Geber der Segnungen des christlichen Heils, müssen wir zugeben: »Nichts als Liebe konnte ihn bewegen, diese Segnungen zu erweisen.« Und wenn wir an die Empfänger dieser Segnungen denken, leitet uns ein sehr kurzer Gedankengang zur selben Schlussfolgerung.

Nichts in der Situation oder dem Charakter des Menschen könnte uns veranlassen, seine Segnungen auf irgendetwas anderes zurückzuführen als auf reine Gütigkeit. Der Mensch ist ein Geschöpf und daher hat er streng genommen keinen Anspruch auf Gott. Es war Gottes freies souveränes Wohlgefallen, ihn zu erschaffen oder ihn nicht zu erschaffen, und als er ihn schuf, war es sein souveränes Wohlgefallen, dass er ihn zu einem lebenden, denkenden, unsterblichen Wesen machte und nicht zu einem dummen Vieh oder einem leblosen Klotz. Als Geschöpf ist der Mensch, wie alle anderen Geschöpfe auch, für jede Segnung von Gottes Freigiebigkeit abhängig.

Doch obwohl der Mensch keinesfalls einen Anspruch an Gott erheben konnte, auch wenn er in dem Zustand geblieben wäre, in dem Gott ihn erschaffen hatte – unschuldig und heilig –, können wir mit Sicherheit sagen, dass sowohl die Billigkeit als auch die Güte Gottes ihm alles gewährleistet hätten, was zu wahrem und dauerhaftem Glück notwendig wäre. Doch der Mensch ist ein Sünder. Er ist unzähliger Verstöße gegen dieses heilige Gesetz schuldig, wobei jede einzelne Übertretung das ewige Verderben verdient.

Und in dem Zustand, indem ihn die Ökonomie der Gnade vorfindet, ist er kein bußfertiger Sünder. Nein, er ist ein verhärteter Rebell, der mit seinen Übertretungen fortfährt und sich immer weiter von Gott entfernt. Was sieht Gott, wenn er vom Himmel auf die Menschenkinder herniederblickt? »Alle sind abgewichen, sie sind alle verdorben; da ist keiner, der Gutes tut, auch nicht einer« (Ps 14,2-3).

Was könnte Gott veranlassen, solche Wesen zu verschonen und zu retten? Heiligkeit, Gerechtigkeit, Weisheit – wären diese in Gottes Wesen nicht kombiniert mit unendlicher Güte, dann hätten sie alles andere als gütige Gedanken veranlasst bezüglich solch einer schmutzigen, rebellischen, mehr als nutzlosen, verderblichen Klasse von Geschöpfen. Sie sind eine Gruppe von Wesen, die ein bloßer Willensakt hätte auslöschen oder mit ewigem Verderben hätte strafen können. Was außer Liebe, reines souveränes Mitleid, hätte sagen können: »Befreie ihn, damit er nicht in die Grube hinabfährt! Ich habe Lösegeld für ihn gefunden« (Hiob 33,24)?

Da es derart offenkundig ist, dass nichts anderes als Liebe die Quelle der Heilsökonomie für den Menschen sein kann, so ist es gleichfalls offensichtlich, dass diese Liebe eine »Breite und Länge und Höhe und Tiefe« haben muss, die die Erkenntniskraft intelligenter Geschöpfe übersteigt (Eph 3,17-19). Wir tun gut daran, zusammen mit dem Apostel in Ehrfurcht zu staunen und auszurufen: »Seht, welch eine Liebe!« (1Jo 3,1). »Hierin – ja wirklich hierin – ist die Liebe« (1Jo 4,10), als seien alle anderen Offenbarungen der Güte Gottes nicht erwähnenswert im Vergleich zu dieser.

Die Stärke einer wohlwollenden Zuneigung messen wir für gewöhnlich auf zweierlei Weise: am inneren Wert der Segnungen, die den Gegenständen dieser Zuneigung zuteil werden, und am Aufwand, an der Mühe und dem Leid, zu deren Kosten diese Segnungen für sie erworben werden. Lasst uns den vor uns liegenden Fall mit diesen Maßen messen, oder besser gesagt, zu messen versuchen. Dann werden wir zugeben müssen, dass diese Liebe wirklich die Erkenntnis übersteigt (Eph 3,19).

Das Heil durch Christus beinhaltet die Befreiung von zahlreichen verschiedenen, enormen, endlosen Übeln. Es ist die Rettung vor dem »Verlorengehen«. Es beinhaltet außerdem die Wiederherstellung zahlreicher verschiedener, enormer, endloser Segnungen. Es ist die Freude des »ewigen Lebens«. Es ist die ewige Rettung vor moralischem und materiellem Übel in allen seinen Formen und allen seinen Ausmaßen, und der Besitz einer Glückseligkeit, die während unseres ganzen ewigen Daseins unsere ganze Fähigkeit, uns zu freuen, ausschöpft und überströmen lässt. Wenn wir bedenken, mit wie vielen und vielfältigen und wertvollen himmlischen und geistlichen Segnungen wir gesegnet sind, müssen wir anerkennen, dass es wirklich eine »große Liebe« ist, mit der Gott uns liebt.

Wenn wir das Erbe bedenken, das unverderblich, unbefleckbar und unvergänglich ist, müssen wir sagen, dass die Gnade, die dieses Erbe erteilt, »überreiche Gnade« ist.

Dieses Maß können wir nur in sehr unzureichender Weise anwenden. Nur die hoffnungslos Verlorenen wissen, wovon das Heil Christi rettet. Nur die Glückseligen im Himmel wissen, wozu das Heil Christi erhöht. Selbst sie kennen diese Dinge nur unvollkommen. Die Ewigkeit wird immer neue Schrecken an Ersterem und Herrlichkeiten an Letzterem offenbaren. Wenn wir versuchen, das zweite Maß anzuwenden, gelangen wir rasch zum selben Ereignis. Um diese Segnungen zu erlangen, musste der Sohn Gottes Fleisch werden und gehorsam sein und leiden und sterben.

Gott verschonte seinen eigenen Sohn nicht, sondern gab ihn an unserer Stelle hin als Opfer für unsere Übertretungen (Röm 8,32).

Er machte ihn, der keine Sünde kannte, an unserer Stelle zum Sündopfer: »Den, der Sünde nicht kannte, hat er für uns zur Sünde gemacht, damit wir Gottes Gerechtigkeit würden in ihm.« (2Kor 5,21).

Er machte, dass alle unsere Ungerechtigkeiten auf ihn gelegt wurden. Es gefiel dem Herrn, ihn zu schlagen. Er wurde verwundet unserer Übertretungen wegen und die Strafe lag auf ihm zu unserem Frieden (Jes 53,5-6).

Er, der in Gestalt Gottes war und es für keinen Raub hielt, Gott gleich zu sein, machte sich selbst zu nichts, nahm Knechtsgestalt an, demütigte sich und wurde gehorsam bis zum Tod, ja bis zum Tod am Kreuz (Phil 2,6-8).

Wenn es ein starker Beweis für die Hochachtung von Abraham für Gott war, dass er ihm seinen Sohn, seinen einzigen Sohn, nicht vorenthielt, wie haben wir dann die Liebe Gottes zu einer verlorenen Welt einzuschätzen! Diese Liebe veranlasste ihn, seinen eigenen Sohn, seinen einzigen, eingeborenen, geliebten Sohn zu geben, damit er sich selbst hingebe als ein Opfer für das Heil der Menschen!

Die Liebe Gottes zur Welt: Der Ursprung des Heilsplans

Ich möchte eure Aufmerksamkeit noch kurz auf einen weiteren Gedanken zu diesem Thema lenken. Die Liebe, in der die Heilsökonomie ihren Ursprung hat, ist Gottes Liebe zur Welt. So sehr hat Gott die Welt geliebt, dass er seinen eingeborenen Sohn gab. Der Begriff »Welt« ist hier gleichbedeutend mit »Menschheit«.

Unser Herr scheint ihn in Bezug auf die sehr eingeschränkten und exklusiven Ansichten der Juden verwendet zu haben. Sie dachten, Gott liebe sie und hasse alle anderen Nationen der Menschheit. Das waren ihre eigenen Gefühle und sie dachten törichterweise, Gott sei insgesamt genauso wie sie. Dementsprechend erwarteten sie, dass der Messias kommen würde, um Israel zu befreien und die anderen Nationen der Erde zu bestrafen und zu vernichten. Doch Gottes Wege waren nicht ihre Wege, noch seine Gedanken ihre Gedanken. So hoch der Himmel über der Erde ist, so hoch waren seine Wege über ihren Wegen und seine Gedanken über ihre Gedanken (Jes 55,8-9).

Einige haben gemeint, das Wort »Welt« beziehe sich hier nicht auf die Menschheit allgemein, sondern auf eine besondere Gruppe aus dem Ganzen, nämlich auf jenen Teil der Menschheit, der gemäß dem Gnadenbund Gottes letztendlich Teilhaber des Heils Christi wird. Doch damit verleiht man dem Ausdruck eine Bedeutung, die sich bei rechtem Gebrauch der Bibel als völlig unberechtigt erweist. Wer die Lehre der persönlichen Erwählung versteht, kann nicht bezweifeln, dass die tatsächlich Erretteten die Gegenstände einer besonderen Liebe Gottes sind und dass das Opfer des Heilands einen besonderen Zweck im Hinblick auf sie erfüllte.

Doch kann genauso wenig Zweifel daran bestehen, dass das Sühnopfer Christi eine allgemeine Bedeutung für die Menschheit im Ganzen hat und dass es die Liebe Gottes zu unserer schuldigen Menschheit vor Augen führen sollte. Das Sühnopfer Jesu Christi war nicht nur ausreichend für die Errettung der ganzen Welt, sondern es war dazu gedacht und geeignet, aus dem Weg zur Errettung von Sündern allgemein alle Hindernisse zu entfernen, welche der moralische Charakter Gottes und die Prinzipien der moralischen Herrschaft Gottes darstellten.

Ohne dieses Sühnopfer wäre es unvereinbar mit der Gerechtigkeit gewesen, wenn irgendein Sünder Vergebung erlangt hätte.

Erst infolge dieses Sühnopfers kann der Sünder Vergebung und Rettung finden – und wenn er glaubt, wird er diese gewisslich finden. Mittels dieses Sühnopfers offenbart Gott sich unterschiedslos allen Sündern als gnädig und vergebungsbereit.

Und die Einladungen und Verheißungen, die den Menschen auffordern, auf Christus zum Heil zu vertrauen, richten sich an alle, gelten für alle und sind für alle ohne Ausnahme oder Einschränkung anwendbar. Die Offenbarung der Gnade im Evangelium gilt den Menschen als Sündern, und nicht als erwählten Sündern. Wenn sie zum Glauben des Evangeliums aufgerufen werden, ist ihre Erwählung oder ihre Nichterwählung etwas, wovon sie notwendigerweise völlig in Unkenntnis sind und womit sie nichts zu tun haben.

»Die Güte und die Menschenliebe unseres Heiland – Gottes« wird dabei offenbart« (Tit 3,4). »… dass Gott in Christus war, die Welt mit sich selbst versöhnend« (2Kor 5,19).

In der Offenbarung der Gnade erscheint er als der Gott, der keinen Gefallen am Tod des Gottlosen hat und der will, dass alle Menschen gerettet werden und zur Erkenntnis der Wahrheit kommen (Hes 33,11; 1Tim 2,3-4).»Die Gnade Gottes ist erschienen, heilbringend für alle Menschen« (Tit 2,11).

Ich bin überzeugt, dass die Lehre der persönlichen Erwählung klar in der Bibel gelehrt wird, doch bin ich genauso überzeugt, dass jener Prediger diese Lehre missversteht, der meint, sie hindere ihn auch nur im Geringsten daran, jedem Hörer des Evangeliums ein volles und freies Heil als Gnadengabe Gottes zu verkünden.

Und ich bin überzeugt, dass jener Mensch diese Lehre missbraucht, der darin irgendein Hindernis findet auf seinem Weg, als Sünder durch Glauben an die Wahrheit all die Segnungen des christlichen Heils zu empfangen.

Ja, wenn diese Lehre richtig verstanden wird, kann sie keine solchen Auswirkungen haben.Denn was besagt diese Lehre als dies, in anderen Worten gesagt:

Es ist absolut gewiss, dass eine große Volksmenge aus der Menschheit durch Christus gerettet werden wird. Und es ist ebenso gewiss: Wenn jemand, dem das Heil angeboten wird, unerrettet bleibt und ewig verloren geht, dann liegt das einzig und allein an seiner hartnäckigen Verweigerung dessen, was ihm frei und aufrichtig dargeboten wurde.

Die Güte Gottes, wie sie sich in der Gabe seines Sohnes zeigt, ist Güte gegenüber der Menschheit. Und wenn ich als Einzelner der so überreich bewiesenen Güte Gottes gegenüber dem Menschen glaube, kann ich keinen Grund finden, weshalb ich mich nicht dieser Güte unterwerfen und erwarten sollte, ebenso wie die anderen errettet zu werden.

Wann immer jemand zögert, sich in Abhängigkeit von der Gnade Gottes zu stellen, weil er nicht sicher ist, ob er erwählt ist oder nicht, zeigt er eindeutig, dass er das Evangelium noch nicht verstanden hat.

Er hat noch nicht die Offenbarung der Liebe Gottes zum Menschen begriffen. Wenn er Gott in Christus die Welt mit sich versöhnen sieht, braucht er nicht zu fragen: Gilt der Plan der Gnade auch mir? Bin ich nicht vielleicht irgendwie davon ausgeschlossen, Nutznießer dieser Gnade zu sein?

Diese und ähnliche Gedanken, die seinen Sinn von der Stimme Gottes wegziehen hin zu eigenen Spekulationen, werden nicht gelten gelassen.

Er sieht, dass Gott reich an Barmherzigkeit, vergebungsbereit und gerecht ist und dass er den Gottlosen rechtfertigt. Er kann nicht anders, als sein Vertrauen auf ihn zu setzen. Jemand sagte glückselig: »Durch die Offenbarung dessen, was er getan hat, insbesondere dadurch, dass er Christus sandte und dahingab, den Gerechten für die Ungerechten, plädiert Jahwe für seine Sache mit solch einem überwältigenden Pathos, dass keine Kraft sich ihm widersetzen kann. Sondern derjenige, dem dies offenbart wird, ergibt sich unter die Autorität und Herrlichkeit der Wahrheit.

Der Sünder, der so von Herzen dem Evangelium glaubt, empfängt freudig und dankbar ›den Retter der Welt‹ als seinen Retter und vertraut, dass er durch die Gnade Gottes Teilhaber des gemeinsamen Heils wird.

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(Auszug aus dem Buch „Die Liebe Gottes“ von John Mac Arthur. Mit freundlicher Genehmigung des „Betanien“ Verlags veröffentlicht von der Freien Baptistengemeinde Heilbronn HIER)

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