Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (12)

(D. A. Carson, in: Fest und Treu 3/2012 * )

(In ENGLISH here!)

„Jetzt hab‘ ich dich erwischt!“ —  „Richte nicht!“

Über den Mißbrauch von Matthäus 18

Vor einigen Jahren schrieb ich eine ziemlich gemäßigte Kritik in Bezug auf die Emerging Church Bewegung in ihrem damaligen Zustand, bevor sie sich in ihre gegenwärtigen verschiedenen Zweige aufteilte.1) Dieses Buch bescherte mir einige der wütendsten und bittersten eMails, die ich jemals empfing – nicht zu reden von den Internetblogs. Natürlich gab es auch andere Reaktionen – einige zustimmend und dankbar, andere nachdenklich und dialogbereit. Aber die Reaktionen, die am heftigsten ausfielen, stammten von jenen, die äußerst entrüstet waren, weil ich die Personen, die ich in meinem Buch kritisierte, nicht zuerst privat aufgesucht hatte. Was für ein Heuchler war ich – kritisierte ich doch meine Brüder offenkundig auf der Grundlage der Bibel, obwohl ich selbst nicht dem Gebot der Bibel folgte, eine gewisse Prozedur einzuhalten, die in Matthäus 18,15-17 so schön dargelegt ist.

Eine populäre Anschuldigung

Zweifelsohne wird diese Art von Anschuldigung immer populärer. Sie ist gewöhnlich mit der „Jetzt habe ich dich erwischt!“-Mentalität verbunden, die viele Blogger und ihre Kommentatoren zu fördern scheinen. Person A schreibt ein Buch und kritisiert das eine oder andere Element des historischen christlichen Glaubens. Einige Blogger reagieren mit mehr Hitze als Licht. Person B schreibt einen Blogartikel mit Substanz und antwortet auf Person A. Die Blogosphäre entzündet sich in Attacken gegen Person B, indem sie Person B ziemlich anklagend die Frage stellt: „Hast du zuerst mit Person A privat gesprochen? Wenn nicht, dann bist du schuldig an dem Gebot, das Jesus in Matthäus 18 dargelegt hat!“ Dieses Muster von Gegenangriff ist mit kleineren Varianten auf dem Vormarsch. Hierzu müssen mindestens drei Dinge gesagt werden:

1. Die Sünde im Kontext von Mt 18,15-17 ereignet sich auf einer kleinen Ebene in einer lokalen Gemeinde

Es geht in Matthäus 18 nicht um eine weit verbreitete Publikation, die eine große Zahl von Menschen in vielen Teilen der Welt vom historischen Glauben abbringen soll. Diese letztere Art von Sünde ist sehr öffentlich und richtet bereits Schaden an; sie muss konfrontiert werden, und ihr Schaden muss in einer ebenso öffentlichen Weise wieder behoben werden. Das ist ein ziemlicher Unterschied zu einer Situation, in der z.B. ein Gläubiger herausfindet, dass ein Bruder seinen Bund der Ehe gebrochen hat und mit einer anderen als der eigenen Frau schläft. Er soll privat zu ihm gehen, dann mit einem weiteren Bruder, in der Hoffnung, dass echte Buße und Reue geschieht; nur wenn dies erfolglos bleibt, muss die Angelegenheit vor die Gemeinde gebracht werden.

Um die Sache anders auszudrücken: Nach dem Lesen von Matthäus 18 erkennt man, dass es sich bei der Sünde, um die es geht, um eine Missetat handelt, die zunächst nicht öffentlich ersichtlich ist (im Gegensatz zu der Veröffentlichung eines törichten, aber einflussreichen Buches). Es geht um etwas relativ Privates, das nur von ein oder zwei Gläubigen bemerkt wird und doch ernsthaft genug ist, um vor die ganze Gemeinde gebracht zu werden, sofern derjenige, der den Fehltritt begangen hat, sich weigert, Buße zu tun.

Wenn die Autoren des Neuen Testaments im Gegensatz hierzu mit falscher Lehre konfrontiert waren, schlugen sie einen anderen Ton an: ein gottesfürchtiger Ätester „hält sich an das zuverlässige Wort, wie es der Lehre entspricht, damit er imstande ist, sowohl mit der gesunden Lehre zu ermahnen als auch die Widersprechenden zu überführen“ (Tit 1,9).

Zweifelsohne kann man sich eine aktuelle Situation ausdenken, die im ersten Moment dazu führen könnte, dass man sich am Kopf kratzt und sich die Frage stellt, wie man weise handeln kann – oder, um das Problem im Kontext der gerade zitierten Schriftstellen zu formulieren, ob man im Licht von Matthäus 18 oder von Titus 1 reagieren sollte.

Zum Beispiel: Ein Pastor mag von der Lehre eines Dozenten seines Seminars oder theologischen Colleges hören, die über das Bekenntnis jener Denomination hinausgeht und möglicherweise eindeutig häretisch ist. Lassen Sie uns die Situation noch herausfordernder darstellen, indem dieser Pastor eine Handvoll Studenten seiner Gemeinde, die das College besuchen, beeinflusst. Muss der Pastor laut Matthäus 18 zuerst mit dem Dozenten sprechen, bevor er sich öffentlich äußert? Diese Situation ist kompliziert, weil die vermeintlich falsche Lehre in gewissem Sinne öffentlich ist, aber in einem anderen Sinn privat. Sie ist öffentlich, weil es nicht nur eine private Meinung ist, denn sie wird sicherlich verbreitet: sie ist in dem Sinne privat, weil das Material nicht veröffentlicht wurde, sondern nur im Vorlesungssaal verbreitet wird.

Es scheint mir so, als ob es von dem Pastor weise wäre, zuerst zu dem Dozenten zu gehen, aber nicht aus Gehorsam gegenüber Matthäus 18, weil diese Schriftstelle nicht auf diese Situation zutrifft, sondern um herauszufinden, welche Auffassungen der Dozent wirklich vertritt. Letztlich könnte er zu dem Schluss kommen, dass der Dozent ‚koscher‘ ist; es könnte auch sein, dass der Dozent missverstanden wurde (und jeder Dozent mit Integrität wird sich darum bemühen, in der Zukunft nicht in gleicher Weise missverständlich zu sein); oder auch, dass der Dozent etwas zu verbergen hat. Der Pastor mag den Eindruck gewinnen, dass er sich an den Vorgesetzten des Dozenten oder an eine noch höhere Stelle wenden muss. Der Punkt, auf den ich hinauswill, ist jedoch, dass diese Handlungsweise nicht wirklich etwas damit zu tun hat, die Anweisungen Jesu in Matthäus 18 zu befolgen. Der Pastor geht zu dem Dozenten nicht in erster Linie, um ihn zu tadeln, sondern um herauszufinden, ob ein wirkliches Problem besteht, wenn die Lehre in diese zweideutige Kategorie von nicht ganz privat und nicht ganz öffentlich fällt.

2. In Mt 18 ist der betreffende Sünder in der Autorität der Gemeinde exkommunizierbar

  1. Das Vergehen mag so ernsthaft sein, dass die einzig verantwortliche Entscheidung, welche die Gemeinde treffen kann, darin besteht, den Sünder aus der Gemeinde auszuschließen und ihn als Unbekehrten zu betrachten (Mt 18,17). Mit anderen Worten, der Sünder muss aufgrund seines ernsthaften Vergehens exkommuniziert werden. Im Neuen Testament gibt es drei Kategorien von Sünden, die diese ernsthafte Ebene erreichen: größere Irrlehren (1Tim 1,20); größere moralische Vergehen (1Kor 5) und anhaltende und trennende Spaltungen (Tit 3,10). Diese stellen die negative Seite des dreifachen positiven „Prüfens“ von 1Johannes dar: das Prüfen anhand der Wahrheit, des Gehorsams und der Liebe. Obgleich wir nicht wissen, um welche Sünde es sich handelte, war diese Sünde in Matthäus 18 so ernsthaft, dass die Person exkommuniziert werden musste.
  2. Die Situation ist so, dass der Sünder tatsächlich aus der Versammlung ausgeschlossen werden kann. Mit anderen Worten, die Sünde der Person führt zum Ausschluss, weil es organisatorisch möglich ist, den Sünder zu exkommunizieren. Nehmen wir einmal im Gegensatz hierzu an, dass beispielsweise eine Person in Philadelphia, USA, von sich behauptet, ein hingegebener Christ zu sein, obgleich sie ein Buch schreibt, dass in gewisser Weise zutiefst antichristlich ist. Nehmen wir an, dass eine Gemeinde in Toronto, Kanada, zu dem Urteil kommt, dass dieses Buch häretisch ist. Eine solche Gemeinde mag das Buch als irreführend oder sogar häretisch betrachten, aber diese Gemeinde kann den Autor sicherlich nicht exkommunizieren. Zweifelsohne könnten sie diese Person zu einer ‚persona non grata‘ in ihrer Gemeinde erklären, aber dies wäre eine sinnlose Geste und vielleicht obendrein kontraproduktiv. Schließlich könnte es sein, dass diese Person in der eigenen Versammlung völlig akzeptiert ist.2) Mit anderen Worten, diese Art von Vergehen mag exkommunizierbar sein im ersteren Sinne – d.h. die falsche Lehre könnte als so schwerwiegend bewertet werden, dass der Sünder die Exkommunikation verdient – aber er ist im zweiten Sinne nicht exkommunizierbar, da die organisatorische Realität sich derart gestaltet, dass der Auschluss nicht praktikabel ist.

Der Punkt, auf den es ankommt, ist, dass der Sünder in Matthäus 18 in zweifachem Sinne exkommunizierbar ist, welche Sünde er auch immer begangen hat: die Sünde muss ernsthaft genug sein, dass der Ausschluss gerechtfertigt ist, und die organisatorische Situation muss derart sein, dass die lokale Gemeinde entschiedene Schritte einleiten kann, die in der Tat Konsequenzen haben. Wo weder das eine noch das andere zutrifft, trifft auch Matthäus 18 nicht zu. Man mag natürlich argumentieren, dass es weise wäre, den Autoren zu schreiben, bevor man sie öffentlich mit einer eigenen Publikation kritisiert. Ich kenne sowohl Situationen, in welchen es eine gute Idee sein könnte, als auch solche, wo das nicht gilt. Aber solche Gedanken spielen bei dem Argument in Matthäus 18 keine Rolle.

3. Diese gegenwärtige „Jetzt habe ich dich erwischt!“- Mentalität riecht nach gespielter Gerechtigkeit und überzogener Entrüstung.

Wenn Person A von Person B kritisiert wird, weil A ein Buch geschrieben hat, in welchem sie Argumente für eine Neu- und Umdeutung der Bibel anführt – mit ernsthaften Irrtümern und möglicherweise mit Irrlehren – ist es nicht weise, sich über die Engstirnigkeit von Person B zu mokieren und herablassend und abschätzig einen solchen „Richtgeist“ zu belächeln. Dies mag bei solchen gut ankommen, die glauben, dass die größte Tugend der Welt die Toleranz ist, aber das kann gewiss nicht der ehrbare Pfad eines Christen sein.

Echte Häresie ist eine verurteilenswerte Sache, eine schreckliche Angelegenheit. Sie entehrt Gott und führt Menschen in die Irre. Sie stellt das Evangelium falsch dar und verführt die Menschen, unwahre Dinge zu glauben und auf eine tadelnswerte Weise zu handeln. Natürlich könnte Person B sich vollends irren. Vielleicht ist die Beschuldigung von Person B völlig irregeleitet, oder sogar verdreht. In diesem Fall sollte man die Tatsachen offen darlegen und sich nicht hinter einer Prozedur verstecken.

Aber wenn Person B ernsthafte biblische Argumente präsentiert, sollten diese begutachtet und nicht verworfen oder leichtfertig abgetan werden, indem man sich fälschlicherweise auf Matthäus 18 beruft.

1) D.A. Carson; „Becoming Conversant with the Emerging Church: Understanding a Movement and its Implications“; Grand Rapids: Zondervan; 2005; (dt. Ausgabe: „Emerging Church – Abschied von biblischer Lehre“; CLV; Bielefeld – http://clv-server.de/pdf/255989.pdf)

2) Dieses Argument könnte man bis auf höhere denominationelle Ebenen ausweiten für alle, die fälschlicherweise glauben, dass die „Gemeinde“ in Matthäus 18 eine Art von multi-denominationeller Organisation darstellt.

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*) Original:  D. A. Carson, „On Abusing Matthew 18“. In: Themelios, Volume 36, Issue 1, May 2011, übersetzt von Georg Walter • Mit freundlicher Genehmigung von D. A. Carson und der Redaktion von Themelios.

(Das 4monatliche Themelios Magazin ist HIER als PDF kostenlos erhältlich!)

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