Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (9)

(Wolfgang Bühne, in: Fest und Treu 1/2007)

Verbunden – oder „vernetzt“?

»Und des Herrn Hand war mit ihnen und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zu dem Herrn. Die Kunde über sie kam aber zu den Ohren der Versammlung, die in Jerusalem war, und sie sandten Barnabas aus, dass er hindurchzöge bis nach Antiochien; der, als er hingekommen war und die Gnade Gottes sah, sich freute und alle ermahnte, mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren. Denn er war ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens; und eine große Menge wurde dem Herrn hinzugetan.«  (Apg 11:21-24)

»Sie beschlossen aber, dass jeder von den Jüngern, je nachdem einer von ihnen begütert war, den Brüdern, die in Judäa wohnten, etwas zur Hilfeleistung senden solle; was sie auch taten, indem sie es durch die Hand des Barnabas und Saulus an die Ältesten sandten.«  (Apg 11:30)

Die „Globalisierungs-Euphorie“

„Globalisierung“ und „Netzwerk“ sind beliebte und bekannte Schlagworte der letzten Jahre. Ob in der Politik, Wirtschaft oder in Bildung und Wissenschaft strebt man weltweite Vernetzungen an, um für das 21. Jahrhundert einflussreich, überlebensfähig, anerkannt und abgesichert zu sein.

Die Auswirkungen eines geheiligten Lebens

Ein entschiedener Bruch mit dem alten, sündigen Leben, eine freudige, glaubwürdige und konsequente Nachfolge Jesu, die Geringschätzung irdischer, vergänglicher Güter oder Ehren üben oft eine ähnliche Reaktion auf die beobachtenden Mitmenschen aus. Einerseits hat man große Achtung vor solchen Christen und beneidet sie um ihre Liebe, Ideale, Lebensinhalte und Ziele.

Diese Tendenz hat auch vor den Evangelikalen nicht Halt gemacht. Auch hier gibt es immer mehr Netzwerke mit teilweise weltweiten Verknüpfungen. So umfasst z.B. das von Rick Warren geleitete „Purpose Driven Network“ nach eigenen Angaben Gemeinden aus 162 Ländern, aus denen über 400.000 Pastoren Trainigsangebote in Anspruch genommen haben. (1)

Das „Willow- Creek-Netzwerk“ ist ähnlich strukturiert und auch die „Deutsche Evangelische Allianz“ versteht sich als ein Netzwerk, das nach eigenen Angaben zu 342 überregionalen Werken und Verbänden Kontakt hält und den Auftrag darin sieht „über dieses Netzwerk auch immer wieder neue Impulse zum gemeinsamen Dienst zu vermitteln.“ (2)

Als vor wenigen Jahren ein bekannter Evangelist und Autor auf der jährlichen Evangelisten- Konferenz über die Voraussetzungen für erfolgreiche Evangelisation sprach, beendete er seinen ansonsten guten Vortrag mit der letzten Bedingung: „Man muss vernetzt sein!“

Doch dabei stellt sich die Frage: Wenn das tatsächlich ein Gebot der Stunde sein sollte, wer wirft das Netz aus und wer zieht es zusammen? Wer sind die „Strippenzieher“ hinter diesen weltweiten christlichen Netzwerken? Oder – um es etwas profaner auszudrücken:  Von wem werden wir „eingesackt“?

Organisch – nicht Organisatorisch!

Nun ist Einheit und Gemeinschaft ohne Zweifel ein wichtiges Anliegen unseres Herrn. In vielen Briefen des NT geht es gerade um dieses Thema. Doch wenn es um die Beziehungen unter Christen geht, finden wir nirgendwo im NT das Bild einer organisierten Vernetzung, sondern nur das des Körpers, der organischen Verbundenheit: Wir sind „Glieder des einen Leibes“ (1Kor 12,12- 31; Eph 4,1-16).

Die Zentrale oder die Schaltstelle der Gemeinde ist daher – wenn wir z.B. an Deutschland denken – nicht in einem Bürogebäude, in den „Hochburgen“ der Evangelikalen wie Bad Blankenburg, Dillenburg, Bad Homburg usw. zu suchen, sondern einzig und allein im Himmel, wo unser Herr Jesus Christus als „Haupt der Gemeinde“ für Wachstum, Koordination und Gesundheit der Gemeinde Sorge trägt. Wo immer sonst auch auf dieser Erde die Fäden zusammenlaufen, wird es – trotz bester Vorsätze – irgendwann Spannungen, Verstrickungen und manchmal sogar unlösbare Knoten geben, die man nur noch zerschlagen kann.

Vorbild und Zerrbild

In Apg 11 begegnen wir zum ersten Mal einem Beispiel der Verbundenheit unter Gemeinden. Interessant, dass gerade in diesem Abschnitt von der „Hand des Herrn“, vom „Ohr der Gemeinde“ und von „Entschlüssen der Herzen“ die Rede ist.

In der gebildeten, aber heidnischen und moralisch verlotterten Metropole Antiochien war eine Gemeinde entstanden. Nicht durch rhetorisch oder theologisch gebildete Prediger, sondern durch schlichte, einfache, buchstäblich „dahergelaufene“ Christen, welche durch die Verfolgung der Gemeinde in Jerusalem (Apg 8,1) zerstreut worden waren. Auf ihrer Reise mit unbekanntem Ziel verkündigten sie unterwegs „das Wort“ und kamen schließlich irgendwann in Antiochien an. Auch hier predigten einige von ihnen „Das Evangelium von dem Herrn Jesus“ (Apg 11,20) und das nicht nur – wie bisher – den Juden, sondern auch erstmals den Griechen.

„Die Hand des Herrn“ war mit diesen Männern „und eine große Zahl glaubte und bekehrte sich zum Herrn“.

So entstand hier durch Gottes gnädiges, aber mächtiges Eingreifen das, was man heute eine „multi-kulturelle“ Gemeinde nennen würde. Heutige Gemeindeberater hätten vielleicht gesagt: „Konfliktpotenzial unübersehbar. Probleme vorprogrammiert. Hier kann nur ein straffes Gemeindekonzept mit einer starken Leitung für Ordnung sorgen. Einbindung in Netzwerk X unbedingt erforderlich!“

Doch damals kam es anders. Nachdem Gottes „Hand“ das Leben von Menschen verändert hatte, wurden nun die „Ohren“ der Gemeinde in Jerusalem aktiviert. Dort waren offensichtlich Geschwister, die ein starkes Interesse und offenes Ohr für das hatten, was durch Gottes Hand an anderen Orten oder in anderen Ländern geschah. Irgendwie bekamen sie die Nachricht, dass ca. 500 km Luftlinie entfernt im heidnischen Antiochien tatsächlich Menschen zum Glauben an den Herrn gekommen waren. Das war Grund genug, ernsthaft darüber nachzudenken, wie man zu diesen jungen Christen Kontakt aufnehmen könnte. Auch wenn die Korinther-Briefe damals noch nicht geschrieben waren, fühlten sie sich mit ihnen als Kinder Gottes zu einer Familie gehörend und als Glieder eines Leibes miteinander verbunden und aufeinander angewiesen.

Es ist viel gewonnen, wenn auch heute in unseren Gemeinden Menschen sind, die ein großes Interesse und offene Ohren für das haben, was der Herr in der näheren oder weiteren Umgebung wirkt und die ihre Informationen nicht für sich behalten, sondern dafür sorgen, dass es zu einer Kontakt-Aufnahme kommt.

Gelebte Verbundenheit

Damals fasste die Gemeinde in Jerusalem jedenfalls den Beschluss, einen begabten und bewährten „Brückenbauer“ nach Antiochien zu senden: Barnabas. Dieser „Sohn des Trostes“ hatte sich in der Vergangenheit in der Sache „Saulus von Tarsus“ als weiser „Brückenbauer“ ausgezeichnet und schien geeignet für diese nicht leichte Aufgabe, in der andere, mehr traditionell geprägte Brüder vielleicht eine Menge „Porzellan zerschlagen“ hätten.

Barnabas jedenfalls hatte ein weites Herz für diese jungen Christen, die in einer ganz anderen, heidnischen Kultur aufgewachsen waren und er erkannte, dass Gottes Gnade hier mächtige Veränderungen im Leben dieser Gläubigen bewirkt hatte. Er konnte sich von Herzen darüber freuen, weil er den richtigen Blick und die nötige Herzenshaltung hatte und sich nicht an den Mängeln und der Andersartigkeit dieser Geschwister rieb.

Deshalb konnte er ihnen auch nur den einen, dringenden Rat geben: Er „ermahnte sie, mit Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren!“ Er wusste nur zu gut, dass nicht die Zugehörigkeit zu einem Gemeindeverbund oder die Übernahme von erprobten Traditionen, sondern allein die feste, entschlossene und von Herzen kommende Beziehung zum Herrn Jesus Sicherheit, Bewahrung und Wachstum garantiert.

Beachtenswert ist auch die Begründung, welche für dieses weise Verhalten des Barnabas genannt wird: „Denn er war ein guter Mann und voll Heiligen Geistes und Glaubens“ (Vers 24). Das ist ein Prädikat, dass nur wenigen Männern der Bibel verliehen wurde!

Doch es blieb nicht bei guten und geistlichen Ermahnungen, sondern Barnabas machte sich anschließend auf den Weg, um Saulus zu suchen und ihn nach Antiochien zu bringen. Er wusste, dass Saulus mit seiner ausgeprägten Lehrgabe in dieser jungen Gemeinde nötig war, damit sie eine gute geistliche Grundlage bekämen. Tatsächlich kam Barnabas nach einer gewissen Zeit mit Saulus zurück und diese beiden Männer blieben nun ein Jahr lang in dieser jungen Gemeinde, unterrichteten sie und bildeten sie zu „Jüngern“ heran, die von den außenstehenden Menschen als „Christen“ erkannt und auch so benannt wurden (V. 26).

„Nehmen und geben“

Die Kommunikation zwischen Jerusalem und Antiochien muss trotz der Entfernung und der damaligen Verhältnisse recht gut gewesen sein. Es scheint, dass man sich gegenseitig als eigenständige, vor Gott verantwortliche Gemeinden anerkannte, die aber nicht unabhängig voneinander existierten, sondern durch die gemeinsame Beziehung zum Herrn verbunden waren und die durch den Heiligen Geist auch Verantwortung füreinander fühlten.

Als nämlich nach einigen Monaten Brüder aus Jerusalem nach Antiochien kamen und prophezeiten, dass eine Hungersnot die damals bekannte Welt heimsuchen würde, entschloss sich die Gemeinde in Antiochien spontan, eine Sammlung zu Gunsten der Geschwister in Jerusalem durchzuführen.

Offensichtlich gab es in dieser reichen und großen Handelsstadt Antiochien eine Anzahl begüterter Geschwister und die geistliche Verbundenheit mit der Gemeinde in Jerusalem wurde hier sehr praktisch: Man hatte bisher geistlich von Jerusalem profitiert und nun war die Gelegenheit da, der dortigen notleidenden Gemeinde mit materiellen Gaben zu helfen und so die Liebe und Verbundenheit untereinander auszudrücken.

Diese Sorge füreinander und die Verbundenheit untereinander wird in den folgenden Kapiteln der Apostelgeschichte noch deutlicher gezeigt. Man lebte in dem Bewusstsein, durch den Heiligen Geist miteinander in einem Leib verbunden zu sein – dem Herrn zu gehören, Ihn allein als Haupt anzuerkennen und ihm verpflichtet zu sein. Trotzdem kochte man nicht isoliert und unabhängig von den umliegenden Gemeinden das „eigene Süppchen“.

„Wie es damals war – wird‘s nie wieder…!“

Wahrscheinlich werden an dieser Stelle manche Leser innerlich seufzen und sagen: Diese Zeiten sind für immer vorbei. 2000 Jahre Lehrstreitigkeiten und Ungehorsam den göttlichen Geboten gegenüber haben dazu geführt, dass die Christen in Hunderte von Gruppierungen gespalten sind. Von dieser traumhaft schönen Einheit und Verbundenheit sind heute nur noch Trümmer zu sehen…

Das ist leider wahr.

Nun glauben viele Christen, dass dieser Notstand nur organisatorisch durch Zusammenschlüsse, Dachorganisationen, Netzwerke und Allianzen zu beheben ist. Man versucht zumindest, auf der Konferenz-Ebene oder durch Erklärungen eine gewisse Einheit zu demonstrieren. Oft ist der kleinste gemeinsame Nenner nur noch der „Glaube an Jesus“, wobei offen bleibt, was jeweils unter „Glaube“ und „Jesus“ verstanden wird.

Als 1846 in London die „Evangelische Allianz“ gegründet wurde, hatte man den aufrichtigen Wunsch, eine Möglichkeit zu geistlicher Gemeinschaft unter Geschwistern zu schaffen, die sich zur uneingeschränkten Inspiration der Bibel bekannten, auch wenn sie ansonsten Mitglied einer der vielen Volks- oder Freikirchen waren. Es sollte kein Kirchenbund, sondern ein „Bruderbund“ sein, in dem nicht Kirchenzugehörigkeit, sondern Wiedergeburt entscheidend war.

Die Entwicklung dieser „Allianz“ scheint mir symptomatisch für alle gutgemeinten, aber menschlich „gemachten“ Netzwerke und Zusammenschlüsse zu sein: In „Eins“ – der Zeitschrift der „Evangelischen Allianz“ – wird immer wieder deutlich, dass sich die „Allianz“ je länger je mehr als eine „ökumenische Bewegung“ versteht, die sich nach außen hin immer weniger als ein „Bruderbund“ präsentiert, sondern vielmehr als ein Netzwerk verschiedenster Werke innerhalb der Volks- und Freikirchen, in dem auch extreme Charismatiker, Pfingstler, Adventisten, bibelkritische Pastoren aus allen Lagern und vereinzelt auch bekennende Katholiken mitarbeiten, zum Teil führend tätig sein können oder zumindest in der Zeitschrift „Eins“ zu Wort kommen.

Was ist zu tun?

Immer häufiger wird der Wunsch nach einer „Allianz der Bekenntnistreuen“ ausgesprochen. Wenn darunter wieder ein neuer, mit besten Vorsätzen und biblischen Zielen organisierter Zusammenschluss verstanden wird, kann man ziemlich sicher sein, dass diese alternative „Allianz“ wahrscheinlich irgendwann auch einmal den „Weg allen Fleisches“ gehen wird.

Es scheint auch in dem Wirrwarr unserer Zeit nur einen Weg zu geben:

  • Eine Rückbesinnung auf das Vorbild der jungen Gemeinden in der Apostelgeschichte: Eine gelebte Verbundenheit auf der Grundlage der klaren biblischen Lehre.
  • Eine freudige Offenheit für das Wirken Gottes in der näheren und weiteren Umgebung.
  • Das Streben nach gelebter Gemeinschaft mit allen Gliedern des Leibes Christi, die sich gehorsam und demütig allein dem Herrn und seinem Wort unterwerfen (vgl. 2Tim 2,22).
  • Die Bereitschaft, sich vom Geist Gottes leiten zu lassen (Röm 8,14) und nicht blind irgendwelchen Funktionären zu folgen, auch wenn diese durch Begabung und Führungsqualitäten auffallen.
  • In der geistlichen Gesinnung eines Barnabas auch unwesentliche Andersartigkeiten bei uns bisher unbekannten Geschwistern akzeptieren, mit Freude das Wirken und „die Gnade Gottes“ erkennen und ermutigen, mit „Herzensentschluss bei dem Herrn zu verharren“.
  • Einander dienen mit der Gnadengabe, die Gott einem jeden gegeben hat (1Petr 4,10).

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Quellenangaben:

  1. Richard Abanes: „Rick Warren – Es geht nicht um mich“, Brockhaus, S. 7
  2. Aus: „Die Evangelische Allianz stellt sich vor“, Bad Blankenburg 2007, S. 32.

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