Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (4)

(Wolfgang Bühne, in: Fest und Treu 4/2005)

„Sie verharrten aber täglich …in den Gebeten.“

– Apostelgeschichte 2,42 –

Nachdem wir über die Wichtigkeit gesunder biblischer Lehre und die Bedeutung des Abendmahls für das Gemeindeleben nachgedacht haben, wollen wir uns nun mit einer weiteren Lebensäußerung einer gesunden Gemeinde be­schäftigen, wie sie uns in den „Frühlingstagen“ der jungen Gemeinde beschrieben wird.

Der Stellenwert des Gebets

Die Erde bebt und Türen öffnen sich …

Wenn man die Apostelgeschichte aufmerksam liest, fällt ein deutlicher Zusammenhang zwischen dem gemeinsamen Gebet und den Wirkungen des Heiligen Geistes auf. Bevor der Heilige Geist in Kapitel 2 ausgegossen wurde und alle mit „Heiligem Geist erfüllt“ wurden, lesen wir, dass die Jünger des Herrn mit weiteren Brüdern und Schwestern „einmütig im Gebet verharrten“.

Zwei Kapitel weiter finden wir die erste und eindrückliche Schilderung einer Gemeinde – Gebbetsversammlung, in welcher wiederum „einmütig“ gebetet wurde mit einem erstaunlichen Ergebnis: „Und als sie gebetet hatten, bewegte sich die Stätte, wo sie versammelt waren; und sie wurden alle mit Heiligem Geist erfüllt und redeten das Wort Gottes mit Freimütigkeit.“ (Apg 4,31)

Auch bei der Schilderung der ersten Missionsreise der Apostel Paulus und Barnabas (Apg 13) erkennen wir ein ähnliches Muster: In Antiochien wird gebetet – der Heilige Geist ordnet die Aussendung der Apostel an – das Evan­gelium wird verkündigt – Paulus wird mit Heili­gem Geist erfüllt – Menschen kommen zum Glauben.

In seinen Briefen macht Paulus häufig den gleichen Zusammenhang deutlich. So bittet er
die Epheser häufig, anhaltend für ihn zu flehen, damit er freimütig seinen Mund zur Verkündigung des Evangeliums öffnen kann (Eph 6,18f). Den Kolossern schreibt er: „Verharrt im Gebet und wacht darin mit Danksagung; und betet zugleich
 auch für uns, damit Gott uns eine Tür des Wortes auftue, das Geheimnis des Christus zu reden…“ (Kol 4, 2-3).

Freimütigkeit in der Bezeugung des Evangeliums, offene Türen bzw. offene Herzen und das damit verbundene Gemeindewachstum durch das Wirken des Heiligen Geistes hängt also in erster Linie und unmittelbar mit dem persönlichen und gemeinschaftlichen Gebet zusammen.

Gebetsanliegen

Natürlich ist Evangelisation und Mission ein besonders wichtiges Anliegen für die Gebetsversammlung. Aber es gibt eine Menge weiterer Aufgaben und Nöte, die uns als Gemeinde auf die Knie treiben sollten. Ein Beispiel dafür finden wir auch in der Apostelgeschichte: Als Petrus von Herodes ins Gefängnis gesteckt wurde, kam die Gemeinde in Jerusalem spontan im Haus der Maria zusammen, um „anhaltend für ihn zu Gott  zu beten“ (Apg 12,5). Auch diese Gebetsstunde  war offensichtlich nicht auf 60 Minuten begrenzt, denn als Petrus mitten in der Nacht von einem Engel aus dem Tiefschlaf geweckt und  durch offene Türen aus dem Gefängnis geführt  wurde, suchte er das Haus der Maria auf, wo die Gemeinde immer noch zum Gebet versammelt war.

Wir sollten dringend und viel mehr als bisher für Geschwister beten, die um des Evangeliums willen leiden oder verfolgt werden. Weiter werden wir aufgefordert, für unsere Obrigkeit zu beten, für Kranke, für abgeirrte oder in Sünde verstrickte Geschwister usw. (vgl. 1Tim 2,1-2; Jak 5,16).

Anhaltendes gemeinsames und persönliches Gebet wird auch hier Türen öffnen, Ketten sprengen und Kranke heilen, wenn es Gottes souveränem Willen entspricht. (Beachten wir, dass wenige Verse vor dem Bericht der Befreiung des Petrus die Hinrichtung des Apostels Jakobus mitgeteilt wird. Sehr wahrscheinlich ist für ihn nicht weniger als für Petrus gebetet worden!)

Die Gebetsversammlung – das »Aschenputtel« der heutigen Gemeinden?!

Die geistliche Gesetzmäßigkeit, die bedingt, das anhaltendes Gebet Auswirkungen hat und unter dem Segen göttlicher Verheißungen steht, ist uns allen gut bekannt und begegnet uns auf allen Seiten der Bibel und der Kirchengeschichte – auch in jüngerer Zeit. Dennoch ist die Gemeinde – Gebetsstunde das „Aschenputtel der heutigen Gemeinden“, wie Leonhard Ravenhill das einmal sehr drastisch, aber treffend beschrieben hat:

„Das Aschenputtel der heutigen Gemeinde ist die Gebetsversammlung. Diese Dienerin des Herrn bleibt ungeliebt und unbeachtet, denn sie behängt sich nicht mit den Perlen der Intellektualität, noch glänzt sie mit den Seidenstoffen der Philosophie oder bezaubert mit der dreifachen Krone der Psychologie. Sie trägt das Selbstgestrickte der Ernsthaftigkeit und Demut und schämt sich nicht zu knien!

Gebet ist deshalb so anstößig, weil es im Grunde nicht zu geistiger Wirksamkeit passt … Gebet hängt nur von einem ab, nämlich von Geistlichkeit. Man braucht nicht geistlich sein, um zu predigen – das heißt homiletisch perfekte und exegetisch genaue Vorträge auszuarbeiten und zu halten … Predigen hat Auswirkungen auf die Zeit – Beten hat Auswirkungen auf die Ewigkeit. Die Kanzel kann ein Schaufenster sein, in dem wir unsere Talente ausstellen; im stillen Kämmerlein findet jede Selbstdarstellung ihr Ende!“

Ein Indikator für geistliches Leben

Wenn der Stellenwert des Gebets und der Besuch der Gebetsversammlung tatsächlich der Indikator für das geistliche Leben einer Gemeinde ist, dann sieht es in unseren Gemeinden traurig aus. Das ist jedenfalls der Eindruck, den man in den vergangenen Jahren beim Besuch vieler Gemeinden verschiedenster Prägung in verschiedenen Ländern gewonnen hat.

Eigenartiger Weise ist die Gebetsstunde auch in solchen Gemeinden ein Stiefkind, die mit großen Buchstaben „Gemeindewachstum“ auf ihre Fahne geschrieben haben. Aber eine wachsende Gemeinde, deren Gebetsversammlung schrumpft, ist nicht nur gefährlich erkrankt, sondern lebt trotz wachsender Mitgliederzahlen in  einer Selbsttäuschung dahin und leidet unbewusst an einer zunehmenden Erblindung über den eigenen geistlichen Zustand.

„Wenn du jemand demütigen willst, dann frage ihn nach seinem Gebetsleben!“ Diese treffende Beobachtung von Oswald Sanders, die aus den Erfahrungen seines jahrzehntelangen Dienstes in allen Erdteilen resultiert, sollte auch uns immer wieder zur Selbstprüfung veranlassen.

Wenn auch Bibelwochen weitgehend aus der Mode gekommen sind, so gibt es doch hier und da noch Bibeltage. Aber wo gibt es Gebetswochen oder Gebetstage? Gebetsnächte kennen wir fast nur noch aus älteren Biographien – woran liegt das?

Sicherlich ist der Besuch und die Intensität unserer Gebetsversammlungen ein Spiegel unseres persönlichen Gebetslebens. Wer zu Hause täglich nur 5 Minuten im Gebet zubringt, wird kaum Interesse daran haben, mit der Gemeinde 50 Minuten zu beten!

Als wir Anfang diesen Jahres als Gemeinde durch den lebensbedrohlichen Krankheitszustand einer jungen Ehefrau und Mutter etwa drei Wochen jeden Abend auf die Knie getrieben wurden, haben wir etwas von dem Segen und der Wirkung des anhaltenden Gebets gespürt. Als wir nach der Genesung der Schwester mit den täglichen Gebetsversammlungen aufhörten, waren wir alle irgendwie eigenartig berührt. Eigentlich gab es noch viele andere Anliegen und vor allem viele geistliche Krankheitsfälle in unseren Familien und in unserem Umfeld – Grund genug, um täglich gemeinsam zum Gebet auf die Knie zu gehen, aber …?

Gründe für die Geringschätzung der Gebetsversammlung:

  • „Die Gebetsstunde bringt mir nichts, was habe ich davon!?“
  • „Beten kann ich genau so gut zu Hause!“
  • „Die Gebetsstunde ist langweilig, ich weiß schon im Voraus, was die Brüder X und Y beten werden.“
  • „In der Gebetsversammlung schlafe ich immer ein. Da bleibe ich lieber gleich zu Hause.“
  • „Ich kann mich beim Gebet nicht konzentrieren – die Gedanken gehen auf die Reise.“

Man könnte hier noch eine ganze Anzahl weiterer Gründe nennen und jeden ausführlich  beantworten. Doch dafür fehlt hier der Raum. Deshalb hier nur einige Thesen:

Gebetsversammlungen sind nicht da, um etwas zu empfangen, sondern um etwas zu geben: Zeit, Interesse und Anteilnahme für Gottes Anliegen und für die Freuden und Leiden unserer Mit­­geschwister und Mitmenschen.

Natürlich kann und soll man zu Hause beten. Aber Gott hat auf das gemeinsame und einmütige Gebet eine besondere Verheißung gelegt (Mt 18,19-20).

Das setzt allerdings voraus, dass in der Gebetsversammlung für konkrete Anliegen der Gemeinde gezielt gebetet wird. Der öffentlich Betende ist dann der Sprecher der Gemeinde zu Gott und die anwesenden Geschwister bekräftigen das Gebet mit einem (hoffentlich) lauten „Amen“.

Die Gebetsversammlung ist nicht der Ort, wo jeder seine persönlichen, privaten Anliegen vor Gott ausschüttet. Das sollte vorrangig zu Hause hinter verschlossenen Türen geschehen. In der Gemeinde sollten wir gezielt für gemeinsame Anliegen beten, wobei man die Geschwister natürlich auch um Fürbitte in persönlichen Nöten oder Situationen bitten darf, die dann zu einem gemeinsamen Anliegen werden.

Wenn vor dem Beten die verschiedenen Anliegen gesammelt und genannt werden und dann für die einzelnen Anliegen gezielt, kurz und laut gebetet wird, dann schläft keiner ein. „Kurze Gebete sind lang genug“, pflegte Spurgeon zu sagen. Und wer in der Öffentlichkeit lange Gebete spricht, wird vermutlich zu Hause im Kämmerlein nur kurze Gebete sprechen. Man kann in den meisten Fällen in 30 – 60 Sekunden gezielt und ernsthaft für ein Anliegen beten. Auf diese Weise können in einer Gebetsversammlung 40 – 60 Gebete von vielen Brüdern  gesprochen werden. Und wenn das für alle Anwesenden gut verständlich und ohne Ausschweifen getan und jedes Gebet mit einem lauten „Amen“ bestätigt wird, dann wird keine Langeweile und Schläfrigkeit aufkommen.

Leider hat sich in vielen Gemeinden die Unsitte eingeschlichen, die Gebete für geistliche
Belehrungen oder gezielte Seitenhiebe gegen anwesende Geschwister zu missbrauchen. Dadurch wird der Heilige Geist gedämpft und so etwas sollte mit Nachdruck unterbunden werden.

Wir sind sehr dankbar zu einer Gemeinde zu gehören, an deren Gebetsversammlung ein großer Teil der Geschwister teilnimmt, wobei wir viele junge Familien haben, von denen nur ein Elternteil zur Gebetsstunde kommen kann. Viele  Geschwister haben geäußert, dass ihnen die Gebetsversammlung die wichtigste und lebendigste Zusammenkunft ist.

Die äußere Form?

Auch für diese Gemeinde-Versammlung finden wir im NT keine Anweisungen, wie oder wie oft in der Woche eine solche Gebetsstunde stattfinden soll. Ob man zuerst ein Lied singt, oder zunächst einige Schriftstellen liest, jemand eine kurze Ansprache zum Thema Gebet hält oder aber die Zusammenkunft mit dem Zusammentragen der Gebetsanliegen beginnt, darüber verliert das NT kein Wort. Ob man beim Beten knien, sitzen, stehen oder auf dem Angesicht liegen soll, wird auch nicht vorgeschrieben.

Wohl aber finden wir deutliche Anweisungen, in welcher geistlichen Verfassung gebetet werden soll und das ist zweifellos wichtiger als der äußere Rahmen:
„Ich will nun, dass die Männer an jedem Ort beten, indem sie heilige Hände aufheben, ohne Zorn und zweifelnde Überlegungen.“ (1Tim 2,8)

Wenn einmütig gebetet wird und keine ungerichtete Sünde oder Streitigkeiten die Gemeinschaft belasten, dann werden von solchen Gebetsversammlungen auch in unserer Zeit Segenswirkungen in unsere nähere und ferne Umgebung  ausgehen. Wenn auch vielleicht die Wände und Mauern nicht beben werden wie in apostolischen Zeiten, so werden doch Mauern zwischen Menschen fallen, Wände der Einsamkeit und Isolation um Herzen dem Wirken Gottes weichen müssen und sicher auch Hände und Beine in Bewegung kommen, denn eine ernsthaft und einmütig betende Gemeinde wird zuerst an sich selbst die Veränderung erleben, die von solchen Gebetsversammlungen ausgeht.

Organisatorische Konzepte zur Belebung der Gebetsversammlungen werden – wenn überhaupt – nur vorübergehend Veränderungen bewirken. Gebet ist eine Lebensäußerung der Gemeinde. Wenn die einzelnen Glieder nicht ihre Abhängigkeit vom Herrn fühlen und in ihrem Privatleben ein intensives Gebetsleben führen, werden alle künstlichen Wiederbelebungsversuche scheitern.

Wenn aber der geistliche Notstand einige wenige Geschwister gemeinsam auf die Knie treibt und sie sich gemeinsam vor dem Herrn  demütigen und anhaltend um Heilung flehen, wird Gott antworten und eine geistliche Gesundung schenken.

„Seit dem Pfingsttag hat es nirgends auch nur eine große geistliche Erweckung gegeben, die nicht in einer Gebetsversammlung, und sei es nur von zwei oder drei Betern, begonnen hätte. Und keine solche nach außen und oben gerichtete Bewegung hat weiterbestanden, nachdem diese Gebetsversammlungen aufhörten.“  (A.T. Pierson)

<—  Teil 1  HIER                                                                        Fortsetzung HIER —>

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