Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (3)

(Wolfgang Bühne, in: Fest und Treu 3/2005)

„Sie verharrten aber im Brechen des Brotes.“

– Apostelgeschichte 2,42 –


Nachdem wir im ersten Teil die Wichtigkeit gesunder Lehre überdacht haben, geht es jetzt um eine weitere wichtige Lebensäußerung einer gesunden Gemeinde, wie sie uns auf den ersten Seiten der Apostelgeschichte vorgestellt wird.

Der Stellenwert des Abendmahls

Beim Lesen der Apostelgeschichte erfährt man, dass die ersten Christen zunächst täglich das Abendmahl gefeiert haben (Apg 2,46). Später scheint das „am ersten Tag der Woche“ geschehen zu sein (Apg 20,7) und es wird deutlich, dass in der Gemeinde in Troas das Abendmahl der wichtigste oder eigentliche Anlass der Versammlung war:

„Am ersten Tag der Woche aber, als wir versammelt waren um Brot zu brechen …“

Anschließend wird von der Unterredung des Paulus mit den Christen berichtet und von seiner Predigt, die sich bis Mitternacht hinzog. Das Brotbrechen war in der jungen Gemeinde also offensichtlich nicht ein gelegentliches Anhängsel im Anschluss an eine Predigt, sondern hatte eine zentrale Bedeutung für das Gemeindeleben.

Auch wenn wir im NT keine ausdrücklichen Anweisungen finden, wann, wie oft und in welchem Zeitrahmen diese Feier abzuhalten ist, wird aus den genannten Bibelstellen doch deutlich, dass das Abendmahl keine Nebenrolle im Gemeindeleben spielte, andererseits aber auch nicht als eine Feier verstanden wurde, die man aus einer falsch verstandenen Ehrfurcht oder Sorge um Gewöhnung nur einmal im Monat oder gar im Quartal gehalten hätte.

Wenn man die Bedeutung des Abendmahls versteht und auch die Absichten, welche der Herr mit der Einsetzung verbunden hat, wird man sowohl vor einer ungeistlichen Profanisierung wie auch vor einer unbiblischen Überfrachtung des Abendmahls bewahrt bleiben.

Aspekte des Abendmahls

Die Einsetzungsworte des Herrn in den Evangelien Matthäus, Markus und Lukas sowie die Anweisungen des Apostel Paulus, die er als eine besondere Offenbarung des Herrn empfangen und weitergegeben hat (1Kor 11,23-34) machen die verschiedenen Aspekte des Abendmahls deutlich:

  • Es ist ein Erinnerungs- oder Gedächtnismahl (1Kor 11,23; Lk 22,19)
  • ein Gemeinschaftsmahl, das die organische Verbundenheit der Gemeinde mit dem Herrn und untereinander deutlich macht (1Kor 10,16ff)
  • ein Verkündigungsmahl, bei welchem der Versöhnungstod unseres Herrn proklamiert wird (1Kor 11,20)
  • eine Festmahl / eine Feier, bei der man sich an die Wiederkunft Christi erinnert (1Kor 11,26)

Das Brotbrechen sollte uns also immer wieder das Leben und Sterben unseres Herrn in Erinnerung und ins Bewusstsein rufen, um unsere Dankbarkeit und unsere Liebe zu ihm warm und lebendig zu halten. Gleichzeitig wird unsere Verbundenheit mit dem Herrn selbst und mit allen, für die er am Kreuz gestorben ist und die er mit Gott versöhnt hat, erfrischt und erneuert. Wenn das Brot durch die Reihen geht, denken wir an das vollkommene Leben und die Hingabe des Herrn und wenn wir aus dem Kelch trinken, ist es ein Gedächtnis an den Zorn Gottes über unsere Sünde, als der Herr Jesus als Bürge und Stellvertreter für unsere Sünde gerichtet wurde und sein Blut als Lösegeld für uns vergoss.

Das Gedächtnis an die Leiden des Herrn am Kreuz wird einerseits eine tiefe und ernste Betroffenheit bewirken, weil die Schrecklichkeit der Sünde und ihre Folgen deutlich werden. Andererseits werden wir mit tiefer Dankbarkeit und Anbetung auf das reagieren, was dort auf Golgatha geschah:

  • Nun in heilgem Stilleschweigen
  • stehen wir auf Golgatha
  • tief und tiefer wir uns neigen
  • vor dem Wunder, das geschah:
  • als der Freie ward zum Knechte
  • und der Größte ganz gering,
  • als für Sünder der Gerechte
  • in des Todes Rachen ging.

(Fritz von Bodelschwingh)

In stillen oder lauten Gebeten, in Liedern und in kurzen Schriftlesungen oder persönlichen Beiträgen können Liebe und Wertschätzung geäußert und Gott „Opfer des Lobes“ (Hebr 13,15) gebracht werden.

Gottes barmherzige Vorkehrungen

Eine solche Feier ist im ursprünglichen Sinn „Gottesdienst“, wo also die Gemeinde zusammen kommt, nicht um bedient zu werden, sondern um zu dienen, Gott anzubeten und sich gemeinsam vor ihm und an ihm zu freuen, wobei primär nicht unsere Errettung im Mittelpunkt steht, sondern vielmehr die Liebe, Hingabe und Erniedrigung unseres Erretters und die Größe seines Opfers.

Gott, der unsere Vergesslichkeit, Oberflächlichkeit, Ichbezogenheit und Undankbarkeit kennt, weiß, wie schnell der Alltag uns in Beschlag nimmt oder der Geist dieser Welt uns benebelt und den Blick auf den Herrn trübt. Mit der Einladung zum Abendmahl bietet er uns eine Gelegenheit, unsere Augen und Herzen auf den Einen zu richten, der unsere ganze Hingabe verdient. Daher sehe ich auch in der bewegenden Bitte des Herrn an seine Jünger

„Dies tut zu meinem Gedächtnis“ (Lk 22,19)

ein barmherziges und vorbeugendes Handeln Gottes angesichts unserer trägen und vergesslichen Herzen.

Eigentlich sollten wir jeden Sonntag mit einem vor Dankbarkeit und Liebe brennenden Herzen zum Abendmahl kommen, um dort mit unseren Geschwistern den anzubeten, dessen Güte und Freundschaft wir in der vergangenen Woche geschmeckt haben. Doch wenn wir ehrlich sind, müssen wir bekennen, das wir nur zu oft erfüllt mit den „Sorgen des Lebens“ und der „Begierde nach den übrigen Dingen“ (Mk 4,19) zum Tisch des Herrn gehen. Der Wohlstand oder die Arbeitslosigkeit und die stille Duldung weltlicher Einflüsse in unserem Leben drücken das geistliche Niveau nach unten. Zeiten der Armut, der Verfolgung und Unterdrückung haben in den meisten Fällen der Gemeinde die Dinge wieder neu bewusst und lieb gemacht, die Ewigkeitswert haben.

Wenn sich in Frankreich in den vergangenen Jahrhunderten die verfolgten Hugenotten in den Wäldern oder in einsamen Gegenden zum Abendmahl getroffen haben, dann brauchten die Herzen der Anwesenden nicht mit „Anbetungsmusik“ stimuliert werden und die Augen wanderten sicher auch nicht gelangweilt auf eine Wanduhr, um möglichst schnell die Zeit hinter sich zu bringen und zuhause den Sonntagsbraten aus dem Backofen ziehen zu können.

Es war „die Nacht, in der er verraten (überliefert) wurde“ (1Kor 11,23), als der Herr Jesus das Abendmahl einsetzte. Und es scheint, als wäre äußerer Druck zu allen Zeiten eine gute Hilfe, sich auf das eine, was Not tut, zu besinnen.

Wie soll das Mahl gefeiert werden?

Die Einsetzung des ersten Abendmahls fand im Anschluss an das Passah-Mahl statt (Lk 22,7-21). Dort in dem Obersaal wurden nur wenige Worte gesprochen. Der Herr dankte jeweils für Brot und Kelch, reichte beides den Jüngern und erklärte mit wenigen Sätzen die symbolische Bedeutung dieser Feier. Abschließend bat er die Jünger, diese Handlung während seiner Abwesenheit zu seinem Gedächtnis zu praktizieren und erinnerte sie daran, dass er eines Tages wiederkommen werde (Mt 26,29). Den Berichten der Evangelien nach haben die Jünger zunächst betroffen geschwiegen, selbst Petrus scheint keine Worte gefunden zu haben, aber mit einem Lobgesang (Mt 26,30) haben sie diese erste Abendmahlfeier abgeschlossen.

Auch die Berichte in der Apostelgeschichte und die Anweisungen im 1. Korintherbrief geben keinen Aufschluss über den Verlauf einer solchen Zusammenkunft, sie machen höchstens deutlich, wie es nicht sein soll. 1Kor 11 zeigt auf, dass damals die Gemeinde in Korinth jedes geistliche Verständnis für die Bedeutung des Brotbrechens verloren hatte. Es war zu einem chaotischen Gelage entartet, wo jeder – je nach Vermögen – entweder viel oder wenig zu essen und zu trinken mitbrachte, wobei die Armen hungrig blieben und die Reichen offensichtlich zu viel Wein tranken. Daher musste Paulus sie ernstlich ermahnen und ihnen noch einmal die Bedeutung der Symbole erklären, damit sie in Zukunft in einer würdigen, angemessenen Weise das Abendmahl feiern konnten.

Es gibt im NT also keine detaillierten Anweisungen für den Ablauf einer solchen Feier. Vielleicht deuten diese fehlenden Anweisungen darauf hin, dass Gott es jeder Gemeinde überlässt, ihrer Kultur und ihrem geistlichen Zustand gemäß eine solche Zusammenkunft zu gestalten.

Wir finden im NT weder einen Zeitrahmen, noch eine ausdrückliche Kleider- oder Sitzordnung oder etwas dergleichen für eine solche Feier. Da ist keine Rede von einer notwendigen Ordination, Weihe oder Einsegnung als Voraussetzung, das Abendmahl auszuteilen.

Natürlich haben gewisse Ordnungen ihre Berechtigung. Sie sollen vor Unordnung schützen oder auch gewohnte und bewährte Traditionen bewahren. Manche Gemeinden legen Wert auf eine festgelegte oder durch Gewohnheit eingeübte Art von Liturgie, um ein gewisses geistliches Niveau zu halten, während andere für Spontanität Vorliebe zeigen und traditionelle Gewohnheiten gering schätzen.

Es gibt Gemeinden, deren Abendmahlfeier nur ca. 30 Minuten dauert und andere wie z.B. in Indien, wo man sich einen ganzen Vormittag, also drei bis vier Stunden dafür Zeit nimmt. Einige Gemeinden bevorzugen – je nach Kultur – verschiedene Musik-Instrumente als Begleitung für den Gesang, andere finden den vierstimmigen Gemeindegesang ohne Instrumente passend. Die einen sitzen beim Beten und stehen beim Singen, andere machen es umgekehrt – man könnte diese Aufzählung beliebig fortsetzen. Diese Äußerlichkeiten sind sicher nicht völlig unwichtig – aber eben nicht entscheidend.

Mit Sicherheit wird die geistliche Reife der Geschwister und ihre Liebe zum Herrn und zueinander, aber auch die Rücksichtnahme auf anwesende Eltern mit kleinen Kindern, auf alte und evtl. kranke Geschwister usw. Einfluss auf die Dauer und Gestaltung dieser Feier haben.

Was wirklich zählt 

Entscheidend ist der Herzenszustand der einzelnen versammelten Gemeinde-Mitglieder. Ungerichtete Sünden Gott und Menschen gegenüber dürfen nicht geduldet werden. Jede Missstimmung unter den Geschwistern, Gaben-Neid, Machtstreben, Rücksichtslosigkeit, üble Nachrede, Unversöhnlichkeit usw. werden den Heiligen Geist dämpfen.

Dank, Lob, Anbetung, Freude am Herrn usw. kann man nicht auf Knopfdruck produzieren oder mit Hilfe von „Anbetungsmusik“ oder eines sogenannten „Lobpreis-Teams“ stimulieren. Wenn im täglichen Leben keine Ehrlichkeit, Aufrichtigkeit und ein bewusstes Leben in Gemeinschaft mit dem Herrn vorhanden ist, können neue „Praise“- oder „Worship“-Songs oder andererseits alte gregorianische Gesänge sehr wohl eine fromme Atmosphäre und Stimmung erzeugen, aber dennoch nur den traurigen geistlichen Zustand übertünchen und den Selbstbetrug fromm kaschieren.
Wer Gott am Sonntag aus vollem Herzen loben und anbeten will, muss die Woche über seine „Körbe füllen“ (5Mo 26,1-4): „Man soll nicht leer vor meinem Angesicht erscheinen“ (2Mo 23,15). Die ernsten Worte Gottes in Amos 6,21-24 könnten auch über viele unserer Versammlungen ausgesprochen werden:

„Ich hasse, ich verschmähe eure Feste, und eure Festversammlungen mag ich nicht richen … tue den Lärm deiner Lieder von mir hinweg und das Spiel deiner Harfen mag ich nicht hören.“

Wenn dagegen die Herzen der Gemeinde-Mitglieder – nicht nur zu einer bestimmten Stunde am Sonntag, sondern jeden Tag der Woche – auf den Herrn, auf seine Liebe, seine Leiden, sein Kreuz und seine Auferstehung gerichtet sind, wenn die Liebe zum Erlöser und die Liebe untereinander die Grundstimmung der versammelten Gemeinde ist, dann kann eine solche Abendmahls- Feier ein Vorgeschmack des Himmels sein.

<—  Teil 1 HIER                                                              Fortsetzung HIER  —>

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