Lebensäußerungen einer gesunden Gemeinde (2)

(Wolfgang Bühne, in: Fest und Treu 2/2005)

Die Wichtigkeit gesunder Lehre

Damit keine Missverständnisse entstehen: Es geht hier nicht um neue Konzepte und Ideen für Gemeindewachstum. Auch nicht um Erfolg versprechende Vorschläge zur Veränderung von Gemeinde-Veranstaltungen, um frischen Wind in die oft stickige Atmosphäre unserer Gemeinden zu bringen. 

Beim Nachdenken über dieses wichtige und aktuelle Thema geht es um „biblisch gesunde Lebensäußerungen“, die allein der Heilige Geist hervorbringen kann und wird, wenn wir als Einzelne und als Gemeinde geistlich gesund und natürlich leben.

Das Musterbeispiel einer gesunden und biblisch geprägten Gemeinde-Entwicklung wird uns in der Apostelgeschichte vorgestellt. So ist es ganz sicher nützlich, ermutigend und herausfordernd, sich mit den Kennzeichen der jungen Gemeinde aus den „Frühlingstagen“ ihrer Geschichte zu beschäftigen und auch daran zu messen.

Damals konnte der Heilige Geist ungehindert in der jungen Gemeinde wirken. In ihrer ersten Liebe und Einmütigkeit wurde der Geist Gottes nicht gedämpft – wie es leider heute in vielen Versammlungen der Fall ist, wo Uneinigkeit, Streit, Auseinandersetzungen und Trennungen die Früchte oder Auswirkungen eines anderen Geistes und unseres eigenen Fleisches sind.

Folgende Lebensäußerungen der ersten Gemeinde werden in Apostelgeschichte 2,42ff deutlich:

  • Verharren in der Lehre und Gemeinschaft der Apostel
  • Beständigkeit im Brechen des Brotes (Abendmahl)
  • Anhaltendes gemeinsames Gebet
  • Intensive Gemeinschaft der Geschwister im Alltag, was ihre Zeit und auch ihre materiellen Besitztümer betrifft.

Als Konsequenz daraus zeigen sich weitere Früchte:

  • Gottesfurcht (V. 43)
  • Freude (V. 46)
  • Lob (V. 47)
  • Gunst des Volkes (V. 47)
  • Tägliches Gemeindewachstum (V. 47)

Wir wollen uns die vier fundamentalen Lebensäußerungen der ersten Gemeinde etwas näher ansehen und uns der Frage stellen, welchen Raum und Wert sie nach fast 2000 Jahren in unseren heutigen Gemeinden haben.

Sie verharrten aber in der Lehre und in der Gemeinschaft der Apostel…

Damals lagen die Schriften des NT natürlich noch nicht vor, aber der Heilige Geist benutzte die Apostel, um die Gläubigen in die „ganze Wahrheit zu leiten”, wie der Herr es seinen Jüngern in Joh 16,13 verheißen hatte. Diese vom Heiligen Geist inspirierten Männer lehrten die junge Gemeinde und unterwiesen sie schrittweise, so dass sie das Evangelium im vollen Umfang kennen lernten. Die Fundamente des neutestamentlichen Glaubens, „die ganze Wahrheit“ über Gott, den Herrn Jesus, den Heiligen Geist, das Wesen, die Position, die Aufgabe und Zukunft der Gemeinde usw. wurden vermittelt, um danach leben zu können.

Für uns lernen wir daraus, dass ein gesundes, der biblischen Norm entsprechendes Gemeindeleben nur auf der Grundlage der gesunden biblischen Lehre entstehen kann, die wir heute in den inspirierten Schriften der Apostel und Propheten, also im Neuen Testament, vorliegen haben.

Das Glaubensgut oder der Glaubensinhalt ist nach Judas Vers 3 „einmal den Heiligen überliefert“ worden. Wir benötigen heute also nicht mehr neue oder weitere Apostel im ursprünglichen Sinn als Offenbarungsträger der Wahrheit Gottes, sondern wir haben mit dem Neuen Testament die ganze Wahrheit Gottes erhalten. Unsere Aufgabe ist, diese geoffenbarte Wahrheit Gottes zu verkündigen und gegen Angriffe zu verteidigen.

Gesunde Lehre

Die Wichtigkeit „gesunder Lehre“, „gesunder Worte“ (man kann auch „gesundmachender“ Lehre übersetzen), wird in den Briefen des Paulus immer wieder betont und besonders in den Timotheus-Briefen und im Titusbrief mit Nachdruck vorgestellt:

  • „Wenn jemand anders lehrt und nicht beitritt den gesunden Worten…“ (1Tim 6,3)
  • „Du aber rede was der gesunden Lehre geziemt…“ (Tit 2,1)
  • „Halte fest das Bild gesunder Worte…“ (2Tim 1,13)
  • Älteste sollten mit der „gesunden Lehre“ ermahnen und überführen können (2Tim 1,9)

Leider leben wir in einer Zeit, wo man der gesunden Lehre keine besondere Bedeutung mehr beimisst oder man die gesunde Lehre nicht einmal „ertragen“ kann (2Tim 4,3). Viele Christen reagieren fast allergisch, wenn die Begriffe „Lehre“ oder „Dogmatik“ und ihre Wichtigkeit betont werden.
Deshalb wird Timotheus von Paulus mit Autorität, Ernst und großem Nachdruck ermahnt:

„Predige das Wort, halte darauf in gelegener und ungelegener Zeit; überführe, strafe, ermahne,
mit aller Langmut und Lehre.“   (2Tim 4,2)

Auswirkungen in der Kirchengeschichte
Eine geistliche Erweckung im Volk Gottes war immer mit der Rückkehr zu den Grundlagen des Wortes Gottes verbunden. Das lehrt uns das AT und auch die Kirchengeschichte.

  1. In der Reformationszeit wurden vor allem die Wahrheiten des Römer- und Galaterbriefes entdeckt und mit großem Eifer gepredigt und verbreitet: Rechtfertigung allein aus Glauben! Die praktische Konsequenz war: Man trennte sich von den Irrlehren und dem Götzendienst der röm.-kath. Kirche.
  2. Während der großen Erweckung im 18. Jhdt. wurde die subjektive Seite des Evangeliums entdeckt – und unsere große Verantwortung die gute Botschaft in aller Welt zu predigen. Dies führte zu einem großen Aufbruch in der Mission – verbunden mit einem intensiven Gebetsleben und praktischer persönlicher Nachfolge Jesu.
  3. Im 19. Jhdt. wurden die Lehren des Paulus über das Wesen, die Stellung und den Auftrag der Gemeinde neu entdeckt und studiert, wie auch die prophetischen Schriften des AT und NT. Das führte weltweit zur Bildung von Gemeinden nach neutestamentlichem Muster, die u.a. am intensiven Bibelstudium erkannt wurden.

Interessant ist, dass in diesen drei wichtigen Epochen der Christenheit die Buchdrucker viel Arbeit bekamen, weil zahllose Kommentare, Lehr- und Erbauungsbücher geschrieben wurden. Interessant ist auch, dass in diesen Epochen jeweils eine Menge neuer Lieder mit entsprechenden geistlichen Inhalten entstanden, in denen das, was damals studiert und gepredigt wurde, einen Niederschlag fand.

Lieder sind ja gesungene Dogmatik und daran gemessen dokumentieren unsere modernen Lieder mit wenigen Ausnahmen eine erschreckende geistige und geistliche Armut.

Das Beispiel von Barnabas und Paulus

Ein eindrückliches Beispiel, wie das „Verharren in der Lehre und der Gemeinschaft der Apostel“ aussehen kann, finden wir in Apg 11, 26. Durch den vorbildlichen Dienst des Barnabas waren in Antiochien viele Menschen zum Glauben gekommen und es entstand eine blühende Gemeinde. Weil diese jungen Gläubigen dort biblische Lehre nötig hatten, um gesund wachsen zu können, verabschiedete sich Barnabas für eine kurze Zeit, um Paulus (damals noch „Saulus“) zu suchen und ihn nach Antiochien zu bringen. Barnabas, der wohl weniger ein ausgeprägter Lehrer als ein Evangelist und Hirte war, zeigte sich geistlich genug um zu erkennen, dass sein eigener Dienst unter diesen Geschwistern der Ergänzung bedurfte und sorgte dafür, dass Paulus mit seiner Lehrgabe diesen Mangel ausfüllte. Und so verbrachten diese beiden Männer ein ganzes Jahr in Antiochien, um mit den Geschwistern Gemeinschaft zu haben und „eine zahlreiche Menge“ zu lehren.

Interessant und bedeutsam ist das Resultat ihres gemeinsamen Dienstes: „Die Jünger wurden zuerst in Antiochien Christen genannt.“ Mit anderen Worten: Die Arbeit der beiden Apostel bestand nicht darin, dass sie als Dozenten der Theologie auftraten, sondern in der Lebensgemeinschaft mit den Geschwistern wurde das Leben der Jünger so geprägt und verändert, dass Außenstehende nur noch eine Bezeichnung für sie hatten: „Das sind ‚Christen‘!“

Die Frucht ihrer zwölfmonatigen Arbeit in Unterweisung und Anleitung war also ChristusÄhnlichkeit, die auch von Ungläubigen erkannt wurde.

Wenn der Dienst von Lehrern nicht Christusähnlichkeit bei den Zuhörern zum Ergebnis hat, war er umsonst.

Wo stehen wir heute?

Jedem aufmerksamen Beobachter fällt auf, dass in der Christenheit und leider auch in der sog. „Brüderbewegung“ biblische Lehre oder Belehrung nicht mehr hoch im Kurs steht. Der Slogan der ökumenischen Bewegung „Dogmen trennen – Arbeit eint!“ oder der Charismatischen Bewegung „Dogmen trennen – Liebe eint!“ hat irgendwie auch unsere Geisteshaltung geprägt. Wochenlange fortlaufende Vorträge über ein biblisches Buch sind heute out. Kommentare zur Bibel werden mit wenigen Ausnahmen zu Ladenhütern und erscheinen – wenn überhaupt – nur in kleinen Auflagen. Wenn sie dann gekauft werden, füllen sie meist nur die Bücherregale und werden schließlich ungelesen der nächsten Generation vererbt.

Interessant ist auch die Beobachtung, dass ausgerechnet innerhalb der traditionellen Brüderbewegung das Interesse an biblischer Dogmatik nachlässt, während unter den Geschwistern des konservativen Flügels der landeskirchlichen oder bekennenden Gemeinschaften sowie in neu entstandenen Gemeinden, die keine jahrzehntelange Tradition kennen, ein Hunger nach klarer biblischer Lehre zu erkennen ist.

Was ist die Ursache dieser bedenklichen Entwicklung?

Aus der Menge der vorliegenden Gründe möchte ich nur einige Punkte nennen:

  • Biblische Lehre wurde oft von solchen Brüdern betont und vorgetragen, deren Leben im Gegensatz zu der Verkündigung stand.
  • Durch das Vortragen oft sehr einseitiger biblischer Lehre wurde das geistliche Leben der Geschwister kaum verändert und vertrug sich offensichtlich mit einem oberflächlichen, manchmal gesetzlichen oder weltförmigen Leben.
  • Gemeinden, in denen biblische Lehre ein besonderes Gewicht hatte, fielen oft durch geistliche Kälte, Überheblichkeit und wenig evangelistischen Eifer und fehlende Hingabe an den Herrn auf.
  • Die Kombination von guter biblischer Lehre mit erwecklichem Leben war Mangelware.

Solche traurigen Erfahrungen haben leider viele junge Geschwister in den Gemeinden machen müssen und das hat oft in ihnen eine Abneigung gegen jede Art von biblischer Dogmatik bewirkt und andererseits für eine unkritische Offenheit in Bezug auf alle „modernen“ und pragmatischen Programme und Aktionen gesorgt.

Eine biblisch gesunde und ausgewogene Lehre ist die unverzichtbare Voraussetzung, um einen direkten und positiven Einfluss auf das Leben der Zuhörer haben zu können, das geistliche Leben zu nähren und zur Glaubwürdigkeit der Christen beizutragen.

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