Bibel-treu oder Jesus-treu?

Alexander Seibel

Wieder einmal wird versucht, einen Gegensatz zwischen diesen beiden Begriffen bzw. Bereichen herzustellen. Jüngstes Beispiel ist der Artikel von Ulrich Eggers in seinem Kommentar zum Volxbibel-Streit in der Zeitschrift Aufatmen. So schreibt Eggers:

Wir sind keine Buch-Religion wie der Islam, sondern leben einen Beziehungs-Glauben. Die Bibel selbst hat keine Erlösungskraft, sondern ist ein Brief des Erlösers. Sie ist nur Abbild vom Eigentlichen, …

Das tiefste evangelikale Problem ist angeblich:

Die evangelikale Beziehungskrise zu Jesus. Sprich: Das Verherrlichen einer bibel-gebundenen Rechtgläubigkeit, die sich ans Wort hält und deswegen so gut auch ohne die mühsam-zeitfressende Rückkopplung mit dem lebendigen Jesus auskommen kann. Bibel-treu statt Jesus-treu…Bibeltreu ist einfach, klar, schwarz-weiß, lässt sich schriftlich fassen, klar abgrenzen, bis zum bitteren Ende auskämpfen, intellektuell abarbeiten. Jesus-treu? Was ist denn das? Ist das nicht schwammig? Und mühsam?

Unter der Überschrift Die festen Buchstaben und der lebendige Geist heißt es:

 Viele Evangelikale, die Jesus im Schilde führen, finden diese Lebendigkeit von Jesus einfach mühsam

(aus Aufatmen Frühjahr 06, S. 95-96).

Doch ist diese Auseinandersetzung neu? Schon Luther mit seiner konsequenten Berufung auf das Wort erlebte ähnliche Vorwürfe bzw. Anfeindungen. Die Zwickauer Propheten bespöttelten sein Festhalten an dem „papierenen Papst“ und verulkten seine Einstellung mit dem Wortspiel „Bibel, Babel, Bubel“. Sie hatten das lebendige Wort, wie sie meinten, und brauchten nicht den fixierten Buchstaben. Sie rühmten sich der Gabe der Herzensschau und erklärten, man müsse sich in eine stille Ecke verkriechen und mit Gott selber reden. Sie meinten damit allerdings eine Direktkommunikation mit Gott über Visionen und innere Eingebungen und Prophetien. Sie wollten die Welt verbessern und das messianische Friedensreich aufrichten und endeten in der Katastrophe.

Luther in seiner drastischen Sprache warnte vor diesen mystischen Geistern deutlich:

„Deshalb mahne ich euch vor solchen verderblichen Geistern, die sagen, ein Mensch empfängt den Heiligen Geist durch stilles Sitzen in der Ecke, auf der Hut zu sein. Hunderttausend Teufel wird er empfangen und nicht zu Gott kommen“

(What Luther says, Ed. E. Plass Vol. 3, p.1462).

Doch ist so eine Trennung zwischen dem angeblich lebendigen Jesus und seinem Wort überhaupt biblisch vertretbar? Hat Luther übertrieben, als er darauf bestand, der Jesus, mit dem wir in Verbindung stehen, ist nur der des Wortes und kein anderer, gemäß seiner wiederum drastischen Aussage:

„Denn wo man das Wort fallen läßt und außer dem Wort nach Christus tappet, so ergreift man den Teufel“

Luther zur Marienverehrung, aus Signal Nr. 139, S. 10.

Ähnlich waren sogenannten „Inspirierten“ unter ihrem Führer Friedrich Rock. Sie hatten das lebendige Wort angeblich verinnerlicht und verachteten den Buchstabenglauben. Sie sind in die Kirchengeschichte als irrgeleitete Schwärmer eingegangen. So war es für Rock üblich, dass er von der Kanzel unter heftigen Leibeserschütterungen predigte.

Die Heilige Schrift selber macht ganz klar, dass solch eine Trennung oder Polarisierung nicht statthaft ist. Im Johannesevangelium haben wir in dem Vers 63 des sechsten Kapitels die bekannte Gleichstellung zwischen Wort und Geist. Auch ist das Wort Gottes nicht ein fixierter Buchstabe, ohne Leben sozusagen, sondern gemäß Hebr. 4,12 lebendig.

Gott hat im Zeitalter der Gemeinde als Mittel den Glauben und die Kommunikation mit ihm über sein Wort bestimmt, durch das er (normalerweise) zu uns redet. Der Schwärmer, der religiöse wie auch der politische, möchte zurück zu dem ersten Adam, weil wir alle aus dem Paradies kommen und deswegen danach Sehnsucht haben (Pred. 3,11). Im Paradies nun war tatsächlich eine freie und direkte Kommunikation mit dem lebendigen Gott möglich, doch dies ist seit dem Sündefall vorbei. Der Weg zurück nach Eden über den ersten Adam ist verschlossen. Der Weg ins Paradies heute führt über Golgatha und deswegen nennt Paulus Christus den letzten Adam (1. Kor. 15,45).

In diesem Zeitalter der Gnade aber gibt es eben nur den Weg des Glaubens (Hebr. 11,6 und 2. Kor. 5,7). ) Gott kommuniziert mit uns über sein Wort und der wahre wie lebendige Christus ist der Christus des Wortes. Auch die Parallele zwischen Kol. 3,16 und Eph. 5,18 (einmal soll man das Wort reich in sich aufnehmen, das andere mal erfüllt mit dem Geist zu sein), zeigt wie sich der heilige Geist an das Wort bindet.

Gemäß 2. Kor. 3,14 verhüllt dieselbe Decke, die das Antlitz Jesu zudeckt (2. Kor. 4,4), auch das Wort. Anders ausgedrückt: In dem Maße, wie ich das Wort verdunkle, nicht ernst nehme oder eben nicht wörtlich stehen lassen, in dem Maße wird mir auch das Antlitz Jesu entstellt.

Dementsprechend kann sich bei einer gebrochenen Einstellung zur Bibel auch ein anderer Jesus einschleichen. Es ist, als würde man jemanden eine undeutliche Brille aufsetzen und er kann das Echte vom Double nicht mehr unterscheiden. Ein Jesus z.B., der über die Volxbibel porträtiert wird, ist nicht der wahre Jesus der Heiligen Schrift. Es ist ein anderer Jesus, von dem auch die Bibel redet (2. Kor. 11,4).

Auch stellt der Herr seine Person und sein Wort auf eine Ebene:

Wer mich liebt, der wird mein Wort halten (Joh. 14,23).

Oder Joh 12,47-48:

Und wer meine Worte hört und bewahrt sie nicht, den werde ich nicht richten; denn ich bin nicht gekommen, daß ich die Welt richte, sondern daß ich die Welt rette. Wer mich verachtet und nimmt meine Worte nicht an, der hat schon seinen Richter: Das Wort, das ich geredet habe, das wird ihn richten am Jüngsten Tage.

Mark. 8,38:

Wer sich aber meiner und meiner Worte schämt unter diesem abtrünnigen und sündigen Geschlecht, dessen wird sich auch der Menschensohn schämen, wenn er kommen wird in der Herrlichkeit seines Vaters mit den heiligen Engeln.

Paulus erklärt unumwunden:

Und darum danken wir auch Gott ohne Unterlaß dafür, daß ihr das Wort der göttlichen Predigt, das ihr von uns empfangen habt, nicht als Menschenwort aufgenommen habt, sondern als das, was es in Wahrheit ist, als Gottes Wort, das in euch wirkt, die ihr glaubt (1. Thess. 2,13) .

Insofern hat die Bibel als Wort Gottes tatsächlich Erlösungskraft, auch wenn dies in Eggers Artikel verneint wird. Petrus erklärt unumwunden: Denn ihr seid wiedergeboren nicht aus vergänglichem, sondern aus unvergänglichem Samen, nämlich aus dem lebendigen Wort Gottes, das da bleibt (1 Petr. 1,23).

Gemäß Matth. 13,23 ist ein guter Boden, der Frucht zur Ehre Gottes hervorbringt, wer das Wort Jesu hört und versteht, nach Mark. 4,20 der das Wort hört und annimmt und nach Luk. 8,15 der das Wort hört und behält. Der Weg zur geistlichen Dimension geschieht über das Wort, denn bekanntlich lebt der Mensch nicht vom Brot allein (Matth. 4,4). Damit ist kein toter Kopfglaube gemeint, sondern die bereitwillige Aufnahme des Wortes mit einem gehorsamen Herzen. Der Herr erklärt deswegen auch in Matth. 22,29:

Ihr irrt, weil ihr weder die Schrift kennt noch die Kraft Gottes.

Die Kraft Gottes und die Kenntnis der Schrift wird hier, wie so oft, auf eine Ebene gestellt.

Wenn man es verlernt hat, vom Wort Gottes zu leben, dann leidet man an geistlicher Magersucht, bzw. man wird ein kümmerliches Gewächs, weil eben nicht mehr in der Schrift die primäre Quelle geistlicher Kraft ist.

Wirklich erwecklicher Glaube verbindet sich mit der Schrift und nur bei echten Erweckungen wird das Wort geliebt und neu auf den Leuchter gestellt. Gemäß Luk. 24,32 stellt sich Begeisterung und Faszination für das Worte Gottes ein.

In der Apostelgeschichte lautet der Begriff für Erweckung: Das Wort des Herrn breitete sich aus oder das Wort des Herrn wuchs und breitete sich aus (Apg. 6,7; 12;24). In Apg. 19,19-20 lesen wir:

Viele aber, die Zauberei getrieben hatten, brachten die Bücher zusammen und verbrannten sie öffentlich und berechneten, was sie wert waren, und kamen auf fünfzigtausend Silbergroschen. So breitete sich das Wort aus durch die Kraft des Herrn und wurde mächtig.

Das Wort Gottes wird in unseren Tagen offen oder auch verdeckt, von außen aber auch aus den eigenen Reihen immer mehr zurückgedrängt, denn auch die magischen, mystischen Einflüsse haben die Christenheit auf breiter Ebene erfasst. Dementsprechend kann man heute eine Ausbreitung der Zauber- und Fantasybücher sehen, wobei Harry Potter und der Megabestseller „Das Sakrileg“ nur die Spitze des Eisberges sind.

Der Psalm 119 gilt als der Mont Blanc der Verherrlichung des Wortes Gottes. Während der Psalmist noch erklären konnte:

Darum liebe ich deine Gebote mehr als Gold und feines Gold.

Darum halte ich alle deine Befehle für recht, ich hasse alle falschen Wege (Verse 127-128), kann man heute formulieren: Deine Befehle sind so ernst auch nicht zu nehmen und die anderen Wege sollte man mit mehr Toleranz betrachten. Es ist tatsächlich so, wer Gottes Wort nicht mehr liebt, der hat auch kaum Abneigung und Abwehrkraft gegenüber Irrströmungen und Irrlehren.

Gemäß Offb. 3,10 wird der erhöhte Herr mit uns so umgehen, wie wir mit seinem Wort: Weil du mein Wort von der Geduld bewahrt hast, will auch ich dich bewahren vor der Stunde der Versuchung, die kommen wird über den ganzen Weltkreis, zu versuchen, die auf Erden wohnen.

Fazit: Bibel-treu oder Jesus-treu? Ist eine falsche Alternative.

Wahre Treue zu Jesus verbindet sich mit echter Bibeltreue, ist kein Gegenüber sondern identisch. Natürlich gibt es leider auch oft genug einen verkopften, gesetzlichen und toten Buchstabenglauben. Dem soll hier wirklich nicht das Wort geredet werden. Doch dass das Wort Gottes lebendig ist, bezeugt sogar die unsichtbare Welt: Aber der Engel des Herrn tat in der Nacht die Türen des Gefängnisses auf und führte sie heraus und sprach: Geht hin und tretet im Tempel auf und redet zum Volk alle Worte des Lebens (Apg. 5,19-20).

Gott erklärt in Jes 66,2:

Ich sehe aber auf den Elenden und auf den, der zerbrochenen Geistes ist und der erzittert vor meinem Wort.

Man hat den Eindruck, dass dies heute umgeschrieben werden muß. Tatsächlich haben wir uns einen Gott zurechtgezimmert, der unseren Vorstellungen entspricht und der es mit seinem Wort offenbar nicht mehr so genau nimmt. Vor seinem Wort gar zu erzittern kann man in unserer hedonistischen Gesellschaft und Christenheit nur als Zumutung empfinden. Wir dürfen uns dann aber nicht wundern, wenn sich am Tages des Gericht herausstellen sollte, dass man tatsächlich einem Götzen eigener Vorstellung gedient hat. Wie sagt doch der Herr in Matth. 24,35?

Himmel und Erde werden vergehen; aber meine Worte werden nicht vergehen.

Auch ist es normal für jeden Jünger, dass er sich unter die Autorität seines Meisters stellt. Wie war nun die Einstellung des Herrn Jesus zur Schrift? Hier ist ohne Widerrede erkennbar, dass unser Herr der Bibel die höchste nur mögliche Autorität gibt. – und die Schrift kann doch nicht gebrochen werden – (Joh. 10,35). Unser Herr erklärt sogar:

Es ist aber leichter, daß Himmel und Erde vergehen, als daß ein Tüpfelchen vom Gesetz fällt (Luk. 16,17).

Anders ausgedrückt: Ein Häkchen seines Wortes ist Gott mehr wert als dieses ganze geschaffene Universum. Bei solch einer Gleichsetzung ist das Wort Fundamentalismus eigentlich eine Untertreibung. Jesus war in diesem Sinne „buchstabengläubig“ bis zur höchsten Potenz und würde gemäß diesem Artikel in Aufatmen unter das Verdikt der buchstabengetreuen Rechthaberei fallen.

Nun ist der Jünger bekanntlich nicht größer als sein Herr (Joh. 13,16). Er ist auch nicht schlauer als sein Herr. Bibelkritik, auch in gemäßigter Form, besagt nun mit anderen Worten:

„Herr Jesus, du bist zwar der Schöpfer Himmels und der Erde und in dir wohnen alle Schätze der Weisheit und Erkenntnis, wir glauben auch an dich, doch was die Bibel angeht, sind wir eben durch die Aufklärung inzwischen etwas besser informiert als du, der du ja offenbar ein Kind deiner (unaufgeklärten) Zeit warst.“

 Gerade für eine vom Geist der Kulturrevolution geprägte Generation ist eine absolute Autorität, in unserem Fall fixiert in Gottes Wort, und eine damit verbundene Abgrenzung (2. Kor. 6,14-7,1) zutiefst zuwider.

Insofern kann man Elias Schrenk nur zustimmen, wenn er sagte:

„Alle Bibelkritik ist eine Majestätsbeleidigung und schleust einen falschen Geist ein.“

Mit diesem falschen Geist wird heute nur zu oft Stimmung und „Erweckung“ gemacht.

Eines ist gewiß: Würden die Moslems ihren Koran so behandeln wie die Christen in unsern Tagen die Bibel und umgekehrt die sogenannten Christen der Heiligen Schrift so mit Ehrfurcht begegnen, wie die Jünger Mohammeds ihrem heiligen Buch, wir hätten herrliche Zeiten. Doch in einer gefallenen Welt ist eben alles verkehrt geworden.

Trotz aller Anfeindungen, nun zum Teil aus den eigenen Reihen, gegenüber der tiefen Ehrfurcht einer wörtlich inspirierten Schrift sollte unser Bekenntnis bleiben: Herr, wohin sollen wir gehen? Du hast Worte des ewigen Lebens (Joh. 6,68).

Alexander Seibel

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