Eine revolutionäre und befreiende Wahrheit (8)

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte!  (1. Kor. 7:23)

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Von hier ging auch Luther aus, als er im Jahre 1520 an den Anfang seiner Schrift: „Von der Freiheit eines Christenmenschen“ die zwei Beschlüsse setzte:

  • „Ein Christenmensch (Knecht Christi) ist ein freier Herr über alle Dinge und niemand untertan.
  • Ein Christenmensch (Knecht Christi) ist ein dienstbarer Knecht aller Dinge und jedermann untertan.“

Wie haben wir doch diese apostolische und reformatorische Begründung des Gesetzes der vollkommenen Freiheit und vollkommenen Dienstbarkeit so schmählich vergessen! Und wie haben wir es, angesichts der verführerischen Zeitideen und falschen Freiheitsbestrebungen, die auch die Gläubigen erfassen, so hochnötig, neu in dieser allein heilsamen, christlichen vollkommenen Freiheit und vollkommenen Dienstbarkeit zu stehen und zu bestehen! Werden wir ganze Knechte Christi, wie Paulus, wie Luther, und wir werden ganz freie Herren und ganz frohe Diener! Nichts hilft uns, der Gemeinde und der Welt, als dieses!

Aber der größte Feind dieser gottseligen freien Dienstbarkeit ist und bleibt eben die betrügerische, ichselige Versklavung an uns selbst; denn sie führt allezeit auch zur unseligen Versklavung an die Menschen.

Heute wollen Millionen nicht mehr der Menschen Knechte sein, aber dieselben Millionen wollen auch nicht Christi Knechte werden, sondern selbstherrlich leben, und gerade deshalb bleiben sie der Menschen Knechte. Denn wer selber Herr sein will, braucht die Menschen immer irgendwie als Knechte, und eben dadurch begibt er sich in die Abhängigkeit von Menschen, die ihm dann selber zur Knechtschaft wird, weil er die Menschen zur Aufrechterhaltung seiner Herrschaft nötig hat, und weil diese wiederum selber Herren sein wollen. Nur einer und eines kann diese fluchvolle gegenseitige Versklavung auflösen und beenden: Christus unser einziger Herr, wir einzig Seine Knechte allein! Alle Menschen aber freie Diener.

Dann tun wir je länger desto mehr alles, was wir Menschen dienend tun, nicht mehr um unseretwillen, auch nicht um der Menschen willen, sondern tatsächlich um Christi willen.

Tun wir, was wir tun, um unseretwillen, das heißt im Eigenwillen zum Eigennutz, so beanspruchen und erwarten wir selbstsüchtigen Menschen gerade dann umso mehr Anerkennung, Ansehen, Dank und Lohn. Und die gediegenste Selbstsucht ist dabei die scheinbar selbstlose Selbstsucht, die zu vornehm ist, um den gewünschten Lohn von Menschen zu erwarten und zu empfangen, sondern sich selbst mit dem Bewußtsein der Uneigennützigkeit belohnt und bewertet. Der Mensch kommt eben niemals durch sich selbst von sich selbst los; er bleibt ein Knecht seiner selbst, bis er Christi Knecht geworden ist.

Und tun wir andererseits, was wir tun, um der Menschen willen, so werden wir Sklaven ihres und unseres Ansehens, ihrer und unserer Artverschiedenheit, Begierden, Launen, Einfälle, Ausfälle, Vorliebe und Ablehnung, Vorzüglichkeit und Abscheulichkeit, Schmeichelei und Dreistigkeit, Dünkelhaftigkeit und Erbärmlichkeit. O welch bunte Menschenknechtschaft! Bis wir, je besser wie die Menschen mit biblisch geöffneten Augen kennen lernen, einsehen, dass sie um ihrer selbst willen durchaus nicht liebenswürdig sind, und sie einsehen, dass wir es auch nicht sind. Diese biblische Einsicht leitet uns hin zum Ende aller fleischlichen Menschenliebe und alles fleischlichen Menschenhasses. Endlich bleibt uns nur noch eine Stellung den Menschen gegenüber übrig, nämlich die in Christus, und nur noch ein Dienst, nämlich der um Christi willen.

Fortan ziehen und schrecken uns die Menschen nicht mehr besonders. Wir suchen und fliehen sie nicht eigentlich mehr. Wir verehren und verachten sie nicht mehr wie früher. Wir gebrauchen sie weniger und lassen uns weniger gebrauchen. Aber gerade so vermögen wir, frei von ihrer und unserer Willkür, frei von knechtender Zuneigung oder Abneigung, frei von knechtender Ehr- und Habsucht, ihnen in steter Unwillkürlichkeit des Geistes zu dienen und allen alles zu werden, ohne uns an sie zu verlieren und sie an uns zu binden; denn wir sind teuer erkaufte Knechte Christi, und sie sind Sein Erbgut, und wir wollen nur werden Gehilfen ihrer Freude an Ihm. Und wie wird uns dann jede einzelne Menschenseele um Christi willen so lieb und teuer!

Mag ein Mensch seiner fleischlichen Art und Erscheinung nach noch so abstoßend auf unser Fleisch wirken, wir können ihn doch lieben. Denn wir lieben ihn ja nicht mit unserer eigenen Liebe und Liebesfähigkeit, sondern mit der Liebe Christi, ja mit dem Herzen Christi, dem unser Herz gehört. Wir brauchen nur im Geiste zu erwägen, dass Gott auch um dieses Menschen willen Seines eigenen Sohnes nicht verschont, sondern Ihn für ihn hingegeben hat zur Versöhnung und Erlösung, und der unangenehmste Mensch wird uns annehmbar; denn, siehe, Gott liebt, Christus liebt ihn! Wir können dem Menschen, der für Christus bestimmt ist, mit dem, was in Christus für ihn bestimmt ist, nämlich mit Christi Liebe, in herzlichem Erbarmen und in großer Geduld dienen, für ihn glauben, beten und hoffen, auch durch und für ihn leiden. Und das alles umso williger, wenn ein Mensch bereits im Glauben steht und selber Christi Knecht ist.

Wie viele Mängel er auch noch haben mag, wir kennen ihn nicht mehr nach dem Fleische (2. Kor. 5:16), so dass unser Fleisch sich an seinem Fleische ärgern müßte, wie es in Hochmut, Neid, Haß so oft geschieht. Sondern wir begegnen ihm helfend, wartend im Geiste, und achten ihn höher als uns selbst (Phil. 2:3); denn wer bin ich, dass ich einen fremden Knecht richte? Er steht und fällt seinem eigenen Herrn, und sein Herr ist Christus (Röm. 14:4). Auch legen wir niemandem ein knechtisches Joch auf, noch lassen wir uns selbst in ein solches Joch fangen (Gal. 5:1), sondern kennen nur das sanfte Joch Christi. Und so erleben wir das Wunderbare, nämlich: Nichts kann uns zu Menschenknechten machen, wenn wir wirklich Knechte Christi und um Seinetwillen aller Diener sind!

Dann kommt es auch nicht mehr darauf an, in welcher äußeren gesellschaftlichen Lage wir uns befinden. Knechte Christi sind überall Herren und überall Knechte. Der Ich- und Menschenknecht erwartet sein Heil beinahe durchweg von einem Wechsel seiner äußeren persönlichen und wirtschaftlichen Lebensverhältnisse. Mehr äußerer Besitz und mehr äußere Macht scheint ihm gleichbedeutend mit mehr Freiheit; denn auch die Freiheit kennt er nur als äußerliche Ichfreiheit, nämlich Freiheit, zu tun, was man selber will. Natürlich bleibt er in Knecht seiner selbst und der Menschen in allen Lebenslagen. Wie anders der wahre Knecht Christi! Er ist immer frei, weil nur Einer überall sein Herr ist, Christus, dem allein er gehorcht. Und wäre er unter erdrückendster menschlicher Gewalt und in beengendster äußerer Lage, er hätte es doch immer nur einem Herrn zu tun, der ihn nimmer drückt und beengt, Christus. Fasse es, wer es kann!

Wie sein Herr einst vor Pilatus zeugte: „Du hättest keine Macht über mich, wenn sie dir nicht wäre von oben herab gegeben“ (Joh. 19:11), so darf auch der Knecht Christi zeugen vor jeder ungerechten Gewalt. Er bleibt doch nur an Christus gebunden, und bänden sie ihn mit den dicksten Stricken. Dem Ichknecht scheint das lächerliche Scheinfreiheit, dem Knecht Christi wird es beseligende Loslösung von jeder Scheinfreiheit. Nie war Stephanus freier, als im Sterben unter der Juden Gewalt. – Aber andererseits bleibt der Knecht Christi immer ein Knecht; denn eben um Christi willen bleibt er in jeder Lebenslage aller Diener.

Besitzt er in der Freiheit Christi Geld, so besitzt er es als Knecht Christi zum Dienen. Sonstige Güter, Gaben, Macht, Einfluß, Ansehen, ebenso. Alles ist fein, er aber ist mit allem Christi Knecht, Diener und Haushalter (1. Kor. 3:22.23; 4:1.2). Hat er Überfluß, so diene sein Überfluß dem Mangel dem Herrn (Mark. 12:43.44). Nie werden die Menschen die sogenannte „soziale Frage“ lösen und eine gerechte Wirtschaftsweise herbeiführen können, die Menschenherrschaft und Menschenknechtschaft ausschließt; denn sie sind weit überwiegend Ichknechte, und nur der wiederkommende Christus wird Gerechtigkeit schaffen. Aber die Knechte Christi haben es im Dienen um Christi willen zu beweisen, dass sie den Weg zur Gerechtigkeit kennen, wenn sei auch jetzt nicht Gerechtigkeit schaffen können.

Versagen die Knechte Christi in diesem Dienst, so sind sie eben keine treuen Knechte ihres Herrn. Was ihnen an Dienstfähigkeit fehlt, wird ihnen auch an Herrscherfähigkeit fehlen; sie gleichen dann nur den weltlichen Ichknechten.

Den aber im eigentlichen äußeren Knechtsstande dienenden Gläubigen schreibt Paulus noch einen besonderen Freibrief. Er schreibt ihnen Epheser 6:7: “Lasset euch dünken, dass ihr dem Herrn dienet, und nicht den Menschen!“ Sie könnten sich ja zuallermeist für Menschenknechte halten, aber da belehrt er: Haltet euch für Christi Knechte, und euer Jammer und Trotz hören auf! Seht nicht auf die ungerechten Menschen als auf eure Dienstherren, seht auf euren vollkommen gerechten Dienstherrn im Himmel! Den Menschen könnt ihr nur mit Schmeichelei oder Groll für vergänglichen Lohn dienen, eurem göttlichen Herrn aber, der euch mit Seiner Gnade dient, vermögt ihr mit Freuden zu dienen! (Kol. 3:22-25.)

Und habt ihr gläubige Herren so wisset: sie sind auch nur Knechte Christi, gleichwie ihr, und, ihr, obgleich ihr Knechte der Menschen seid, seid freie im Herrn, gleichwie sie! (1. Kor. 7:22.) – Und ich möchte hinzufügen: Verstehet, dass der Apostel damals an wirkliche Sklaven schrieb, solche seid Ihr nicht. Darum dienet Eurem Herrn ohne Kummer in Eurem jetzigen Stande. Er kann Euch aber auch den Weg in äußerlich höhere Stellungen bahnen (Vers 21). Jedenfalls: Werdet nicht der Menschen Knechte! (Vers 23.) Seid aber untertan allermenschlichen Ordnung um des Herrn willen (1. Petr. 2:13; Röm. 13:1-8; Matth. 17:24-27).

Wie oft hört man den Vorwurf, das Christentum erziehe zur verdummenden knechtsseligen Kriecherei vor Menschen. Das ist jedoch nur da wahr, wo es zu herrschsüchtigen Zwecken mißbraucht wird. In Wirklichkeit ist das Evangelium das einzige Mittel, durch das wir jede menschliche Fessel loswerden. Es gibt uns unsere höchste Würde wieder. Es entreißt uns aller erniedrigenden Menschenherrschaft, und bindet uns allein an Gott. Es ist der immer neue göttliche Einspruch gegen jede menschliche Überhebung in anmaßender Selbstherrlichkeit. Aber es ist auch der immer neue göttliche Einspruch gegen jede versklavende Erniedrigung des Menschen durch Menschen zur schmachvollen Verkrüppelung unseres Selbst.

So ist es die einzige Kraft, die uns wirklich sicher zwischen Despotismus (Willkürherrschaft) und Servilismus (Kriecherei) durchbringt. Aber mehr als das! Es stellt Gottes Bild wieder in uns her, indem es uns christusförmig und zu wirklichen Herren der Erde und zu Erben des Himmels macht. Es macht aus Freien Knechte und aus Knechten Freie, und aus beiden Diener Christi, Diener Gottes.

Und so ist es die einzige Macht, die uns wahrhaft frei, wahrhaft froh und wahrhaft glücklich zu machen vermag; denn es ist die einzige Macht, die uns, gemäß unserer ewigen göttlichen Erwählung und Berufung, unserer ureigenen Bestimmung entgegenführt, nämlich für Gott da zu sein. Übereinstimmung aber mit unserer Bestimmung ist allein Glückseligkeit: Gottseligkeit!

Darum: Werdet weder der Menschen Herren noch Knechte! 

Werdet aber in Wahrheit Knechte des Allerhöchsten als Knechte Jesu Christi!

<— Zu Teil 1                                                                              (Ende) 

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Fritz Binde, Werdet nicht der Menschen Knechte! – Gotha, Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott, 1922)

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