Eine revolutionäre und befreiende Wahrheit (7)

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte!  (1. Kor. 7:23)

~~~~~~~ (Fortsetzung) ~~~~~~~

Wo und wie aber auch menschlicher Herrschgeist sich unter Kindern Gottes entfaltet, überall und immer zeitigt er die gleichen Früchte, nämlich Ungeduld, Unbarmherzigkeit, Ungerechtigkeit, infolgedessen ist sein Gesamtergebnis geistliche Unfruchtbarkeit.

Wie der menschliche Herrschgeist in der Gemeinde wirkt, habe ich einmal aus dem Munde eines geistgesalbten Führers gehört, der sich selber seines früheren harten Herrscherregimentes anklagte. Seine Stimme bebte vor bitterer Reue, als er erklärte:

„Mein größter Fehler war die Ungeduld. Ich konnte weder auf die Einzelnen noch auf die Gemeinde warten. Ich wollte vorwärts. Ich wollte zum geistlichen Ziele hin. Aber ich bediente mich dabei fleischlicher Mittel, und wusste es nicht. Wenn jemand von meinen Leuten sein Ich nicht so schnell und so gründlich in den Tod geben wollte, wie ich es wünschte und selber glaubte getan zu haben, so schlug ich ihn tot. Ja, ich habe auch einige unbarmherzig tot getreten. Nun war ihr Ich ertötet, aber keine Spur von Christi Leben entwuchs diesem Tod.

Was der Geist hatte tun wollen, hatte meine Herrscherfaust getan, aber zum fruchtlosen Verderben.“

Welch ein erschütterndes, lehrreiches Bekenntnis! Möge es allen Seelsorgern zur Warnung dienen, gleichwie es auch mir gedient hat. Dieselbe Unfruchtbarkeit wirkt derselbe Herrschgeist in der Familie. Wie manches Ehepaar hat mir schmerzlich erklärt:

„Keines unserer Kinder ist bekehrt. Aber wir sind selber daran schuld. Wir sind zu streng gewesen. Wir glaubten in gewissen Jahren die Bekehrung erzwingen zu müssen, und damit hatten wir alles verdorben. Wir wollten eben selber machen, was allein Gott wirken kann. Nun können wir nur noch beten, der Herr möge unsere Torheit wieder gut machen.“

Müssen nicht auch Frauen in Bezug auf ihre Männer dasselbe bekennen, und umgekehrt Männer in Bezug auf ihre Frauen?

So hat also die Menschenknechtschaft vielerlei Formen, aber immer die gleiche geisttötende Wirkung. Stets entspringt der Herrschsinn dem Eigensinn, sei es in guter oder böser Absicht. Und stets entspricht auch der Sklavensinn irgendeinem törichten Eigensinn; denn Christi Sinn macht weder selbstbewusste Gebieter noch an Menschen verkaufte Sklaven.

Wie aber entfliehen wir sowohl dem Verderben der Herrschsucht als auch dem der Knechtschaft?

Nicht dadurch, dass wir es aufgeben, auf Menschen zu wirken, und auch nicht dadurch, dass wir es vermeiden, Menschen auf uns wirken zu lassen.

Sondern allein dadurch, dass wir Menschen in Christus werden, die mehr und mehr allein von Ihm beherrscht, auch mehr und mehr allein Ihm dienen, und zwar gerade mitten unter den Menschen. In Ihm sind wir erwählt, in Ihm allein werden wir was wir werden sollen für uns und für die Menschen. Lernen wir es also inmitten der Menschen nach oben leben!

Das ist befreiende Glaubensarbeit. Das ist bindende Gebetsarbeit. Das ist Einsamkeit im Gedränge. Das ist Festigkeit bei aller Beweglichkeit, Selbsthingabe und Selbstgewinnung in einem.

Von Jesus uns beherrschen lassen, macht uns zu Herrschern unter den Menschen ohne Herrschsucht und ist die einzige Sicherheit gegen jede Beherrschung durch Menschen. Sekündliche Abhängigkeit von Ihm gibt eine staunenswerte Unabhängigkeit von allen Staubgeborenen. Aus Ihm leben, zu Ihm hinleben, ist die einzige Gewähr für die Erreichung unserer ewigen Bestimmung in persönlicher Vollendung.

  • Nach oben leben, erhebt uns über die Menschen und macht uns doch nicht hochmütig.
  • Nach oben leben, löst uns von den Menschen und trennt uns doch nicht von ihnen.
  • Nach oben leben, entrückt uns allem Jammer der Erde und macht uns doch nicht mitleidslos.
  • Nach oben leben, bringt uns völlige Geduld und läßt uns doch keine Sekunde versäumen.
  • Nach oben leben, nimmt uns alle Sorgen und hält uns doch in der einen Sorge, der Verbindung nach oben, nämlich das Leben in Christus nicht zu verlieren.
  • Nach oben leben, das heißt, getreu unserer himmlischen Erwählung und Berufung das Gotteswunder unserer menschlich-persönlichen Ureinzigkeit erleben, die ureinzige Arbeit bringt auf Erden und ureinzige Herrlichkeit bringen wird im Himmel.

Ureinzige Arbeit auf Erden – das leitet uns hinüber zum Zweiten, das wir betrachten wollen. Denn wir müssen uns nicht nur hüten, der Menschen Knechte zu werden, damit wir unser göttliches Selbst nicht verlieren und unserer ewigen himmlischen Erwählung und Berufung nicht untreu werden, sondern wir dürfen auch nicht Knechte der Menschen werden, weil wir sonst nicht Christi Knechte auf Erden zu sein vermögen.

Nicht nur die Erhaltung unseres Persönlichkeitswertes, der sich mit dem Werte unserer Seele deckt, nötigt uns zur Befreiung aus der Menschenherrschaft, sondern praktisch sind wir ganz besonders zur Abweisung der Menschenknechtschaft genötigt, weil wir sonst nicht Freiheit erlangen und behalten, Christi Knechte zu werden und zu bleiben. Unsere himmlische Erwählung und Berufung wird in irdischer Arbeit, nämlich im Dienst für den Herrn festgemacht. Befreiung von der Menschenknechtschaft soll uns praktische Freiheit zum und im Dienste Christi bringen.

Ein Menschenknecht kann kein Knecht Christi sein.

Das ist das Entscheidende.

Viele versuchen es, den Menschen und dem Herrn zu dienen, aber sie können es nicht vollbringen. Der Gegensatz bleibt und zwingt uns zum Entweder-Oder. Aber wunderbar! Je ungeteilter wir Christi Knechte werden, desto ungeschmälerter kommt unser Knechtsdienst für den Herrn den Menschen zugute. Also müssen wir auch um der Menschen willen, nämlich um ihnen wirklich dienen zu können, aufhören, der Menschen Knechte und Diener zu sein. Das laßt uns verstehen lernen.

Schauen wir Jesus an, wie Er in allem, was Er tat, doch nur Gott allein diente. Denn wäre der Sohn Gottes ein Menschendiener gewesen, so wäre Er ein Sündendiener gewesen (Gal. 2:17). Das sei ferne! Nur weil Sein Dienst vollkommener Gottesdienst war, konnte er den Menschen völlige Erlösung bringen. Wie unvergleichlich hat sich der Herr dienend den Menschen geneigt; aber Er hat dabei nur das Werk getan, das der Vater Ihm aufgetragen hatte, dass er es tun sollte. Alles geschah, damit die Schrift als die Offenbarung des unverbrüchlichen Vaterwillens erfüllt würde und die Menschen glauben sollten an Den, der den Sohn gesandt hatte. Wie sehr dabei Jesus jeden selbständigen Eigenwillen ausschloß, haben wir einleitend ein wenig gesehen. Sein Tun wurde nur göttlich bestimmt, nie menschlich. So sehen wir Den, den die Menschen mit Recht „Herr“ nannten (Joh. 13:13), als aller Knecht und Diener (Matth. 23:11), und er war doch ganz allein Gottes auserwählter Knecht.

Wie aber waren die Pharisäer, die alles durch sich selbst und vor Menschen taten, und sich dabei rühmten: „Wir sind nie jemandes Knecht gewesen!“ (Joh. 8:33) Richtige Ich- und Menschenknechte!

Und schauen wir Paulus an. Gleichwie die anderen Apostel bezeichnet er sich grundsätzlich als „Knecht“, eigentlich Sklave, Jesu Christi.

Die Apostel hätten sich ja auch „Freunde“ Jesu Christi nennen können; denn der Herr hat einmal zu ihnen gesagt: „Ich sage hinfort nicht, dass ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, dass ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Ihr seid meine Freunde, wenn ihr tut, was ich euch gebiete.“ (Joh. 15:14).

Und sie hätten sich auch „Brüder“ Jesu Christi nennen können; denn der Auferstandene trug der Maria auf: „Gehe hin zu meinen Brüdern…“ (Joh. 20:17).

Aber nein, sie nannten sich grundsätzlich Knechte Jesu Christi.

Warum wohl? Nun ich denke, um ihre bedingungslose Abhängigkeit von ihrem Herrn und ihre ebenso bedingungslose Unabhängigkeit von den Menschen zum Ausdruck zu bringen. So gab es für sie keinen höheren Dienst- und zugleich Freiheitsgrad, als eben den „Knechte Jesu Christi“. Das hat Paulus, der „geringste unter den Aposteln“ (1. Kor. 15:9), ganz besonders bezeugt. Keiner hat seine sklavische Abhängigkeit von Jesus so betont wie er. Von und durch Jesus Christus wußte er Apostelamt, Offenbarungen, Evangelium, Weisheit und Predigt, also allen Dienst, in dem er seinem Herrn ein Sklave geworden war. Aber eben deswegen wußte er sich auch in der Gebundenheit an seinen Herrn frei allen Menschen gegenüber.

Predige ich denn jetzt Menschen oder Gott zu Dienst?“ fragt er die unverständig gewordenen Galater. „Oder gedenke ich, Menschen gefällig zu sein? Wenn ich den Menschen noch gefällig wäre, so wäre ich Christi Knecht nicht“ (Gal. 1:10). Deutlicher kann man seine Freiheit in Christus nicht zum Ausdruck bringen. Und wunderbar! Derselbe Mann, der solche Sprache führt, schreibt den in sich selbst verengten Korinthern: “Denn wiewohl ich frei bin von jedermann, habe ich mich doch zu jedermanns Knecht gemacht, auf dass ich ihrer viel gewinne“ (1. Kor. 9:19). Und dann führt er auf, wie er allen alles geworden, auf dass er auf alle Weise etliche errette (Verse 20-23).

So hat der große Apostel, um den Menschen recht zu dienen, aufgehört, ihr Knecht zu sein, und um Christus recht zu dienen, ist er aller Knecht geworden. Wie treulich hat Paulus seinen Meister verstanden!

(Fortsetzung folgt) 

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Fritz Binde, Werdet nicht der Menschen Knechte! – Gotha, Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott, 1922)

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