Eine revolutionäre und befreiende Wahrheit (6)

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte!  (1. Kor. 7:23)

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Und da herrscht auch immer der knechtende religiöse Betrieb. Er ist heute die gegenwärtigste Form der Menschenknechtschaft unter den Gläubigen.

Man hat dem Staate, den Machtkirchen, dem Sozialismus und Industrialismus das Organisieren nachgeahmt und das Glaubensleben auf menschlich gelegten Geleisen in Bewegung setzen wollen. Da sollte es nach menschlicher Zahl und Zeit laufen. Da sollten die Erfolge äußerlich gemessen, gezählt und gebucht werden wie die Geschäfts-Erfolge in einem Kontor oder die statistischen Erhebungen im Amt. Dazu bedurfte es, genau wie in den weltlichen Betrieben, der Arbeitsteilung und äußerlich geordneten Arbeitsleistung.

Dies führte aber, ungleich schädlicher als in weltlichen Betrieben, zur abstumpfenden Arbeitseintönigkeit und zugleich zur aufreibenden Arbeitshetze. Da blieb immer weniger Zeit und Raum für unmittelbare göttliche Geisteswirkungen, die sich ja nicht nach der Uhr der Menschen richten. Und doch sollte immer etwas geschehen, denn man wollte doch „Erfolge“ sehen. So trat denn immer unheilvoller an Stelle des Wirkens Gottes das eigenmächtige Wirken der Menschen, die menschliche „Mache“, die kulturell-religiöse „Leistung“, und damit die elende Versklavung an den religiösen Betrieb, diese Geist, Seele und Leib tötende Form der modernen Menschenknechtschaft.

Wie viele arme Sklaven zerarbeiten sich heute in ihrem „Dienst.“ Wie viele „Reichsgottesarbeiter“ sind doch nur religiöse Tagelöhner, nämlich schauerlich arme Menschenknechte“ Nur noch zwangsmäßige Abhängigkeit von Menschen, vorgesetzten Behörden, Komitees, Vorständen usw. bewegt sie. Und diese Behörden, Komitees, Vorstände usw. selber sind nichts anderes als meist überlastete, gehetzte Sklaven ihres Amtes und Pöstchens, oder richtiger: ihrer vielen Ämter und Pöstchen, die sie nicht mehr zu wahrhaft geistlichen Atemholen kommen lassen.

Auf der anderen Seite aber steht die gläubige Menge, die nun von Gottesdienst zu Gottesdienst, von Versammlung zu Versammlung gehetzt wird, so viel hört, so wenig behält, noch weniger lebt, so viel läuft und so wenig erjagt, so viel liest, so wenig weiß, so herrliches ersehnt und so gewöhnliches aufweist!

Was kann denn bei all diesem geräuschvollen Betriebe anderes herauskommen als Selbstbetrug und Betrug anderer, nämlich

  • innere Leere = äußerer Wortschwall,
  • innere Erschöpfung = äußeres Heldenspiel,
  • innerliche Überführung von Unwahrhaftigkeit = äußerliches Streiten für die Wahrheit, Entartung der Persönlichkeit, Verlust am göttlichen Selbst!

Wohl denen, die im verödenden Dienste des religiösen Betriebes bereits zu dieser notwendigen Einsicht gelangt sind! Und wehe denen, die vor lauter Dienstrausch oder Predigtzauber den Fluch des knechtenden religiösen Betriebes, der sie bannt, nicht einmal spüren! O Menschenknechtschaft, unsere hohe Erwählung, ja gefährdende Menschenknechtschaft!

Eine böse Seite der menschlich-religiösen Betriebsherrschaft unter Gläubigen ist zudem die Titel- und Geldherrschaft. Es gibt doch keinen ehrenderen Titel, als den Titel „Bruder“ und „Schwester im Herrn“; ich wenigstens wünsche mir keinen höheren, und bedauere es allemal, wenn Kinder Gottes mich statt „Bruder“ „Herr“ nennen. Ja, ich will lieber mißbräuchlich „Bruder“ als gebräuchlich „Herr“ genannt werden. Wie viel weniger sollte doch bei Christen „Herr“ statt „Bruder“ gelten!

Aber es ist leider umgekehrt. Wer irgendwie innerlich noch ein „Herr“ sein möchte, hört sich auch gerne äußerlich so nennen. Darum ertragen viele den biblischen Titel „Bruder“ ebenso wenig mehr, wie sie sonstige biblische Wahrheiten, die der Selbstherrlichkeit ans Leben gehen, nicht ertragen mögen. Mir graut immer ein wenig vor jedem als gläubig bezeichneten Menschen, den ich nicht freimütig „Bruder“ oder „Schwester“ nennen kann. Da ist immer ein Bann von Menschenknechtschaft. Wie sind wir da Sklaven einer so bezeichnenden Weltsitte geworden.

Wo unterjocht und vergewaltigt wird, da mag der Titel „Herr“ ein beliebter und doch ach, so täuschender Klang sein, aber bei Kindern Gottes soll es nicht also sein; da heißt nur Einer „Herr“; wir alle aber sind Brüder (Joh. 13:13; Matth. 23:7-11). Wie aber, wenn man sich in gläubigen Kreisen gar nicht genug tun kann mit An- und Aufführungen von Titeln, denen gegenüber der Titel „Herr“ beinahe eine nackte Schande ist!

Lest sie nur, die großartigen Unterschriften unter großartigen Aufschriften, die prunkenden Rednerlisten und stolzen Komiteeherrennamen! Lest sie nur, damit ihr sehen lernt, wie Gottes Volk auch nach dieser Seite hin das Apostelwort nötig hat:

„Werdet nicht der Menschen Knechte!“

Und das gilt auch in Bezug auf die Geldherrschaft. Die Jakobus 2:1-9 bezeichnete Sünde geschieht unter uns alle Tage. Wo reiche Brüder infolge ihrer Geldmacht in Gemeinde oder Gemeinschaft herrschen, sind andere Brüder gewöhnlich so gut wie entmündigt. Was der Mann mit dem „güldenen Ring“ und „herrlichem Kleide“ sagt, geschieht. Es ist aber andererseits sehr zu betonen, dass es unter Gläubigen auch eine demokratische Herrschsucht gibt, die nichts mit Christi Geist zu tun hat, sondern dem Zeitgeist entstammt, dessen Züge sie trägt; denn sie pocht auf Menschenrechte, und ihre fleischlichen Waffen heißen: Neid, Begehren nach Besitz, Macht und Genuß, Ichtrotz, Klassentrotz.

Auch da gilt: „Werdet nicht der Menschen Knechte!“

<— Zu Teil 1                                                                      Fortsetzung HIER —>  

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Fritz Binde, Werdet nicht der Menschen Knechte! – Gotha, Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott, 1922)

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