Eine revolutionäre und befreiende Wahrheit (5)

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte!  (1. Kor. 7:23)

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Betrachten wir nun praktisch die Gefährdung unserer hohen Erwählung und Berufung durch die üblichen Formen der Menschenknechtschaft.

Da ist zunächst die allgemeine Menschenfurcht zu nennen. Wie bezeichnend für den gefallenen Menschen, dass er seine Mitgeschöpfe mehr fürchtet als seinen Schöpfer!

Die nie vor Gott gezittert, zittern vor vergänglichen Menschen! Von diesen glauben sie sich abhängig, aber von Gott unabhängig! So suchen sie statt der Gotteshilfe die Menschenhilfe, und lieben die Ehre bei Menschen mehr als die Ehre bei Gott (Joh. 12:43). Wievielte Erweckte kommen nicht zur vollen Bekehrung wegen dieser elenden Menschenfurcht! Statt glückselige Knechte Christi zu werden, bleiben sie erbärmliche Menschenknechte. Und die Männer erweisen sich hier feiger als die Frauen. Es ist gewiß, dass Christus mehr aus feiger, blasser Menschenfurcht als um grober, roher Sündenliebe verleugnet wird.

Im scheinbaren Gegensatz zur blassen Menschenfurcht steht  die  Menschenvergötterung. Und doch ist auch sie nur eine Abart der Menschenfurcht; denn auch sie entstammt der törichten Überschätzung der Menschennatur. Die Ehrfurcht und hingebende Liebe, die zuallererst Gott zukommt, wird dem Geschöpf, dem „Abgott“, dargebracht. In dieser abgöttischen Kreaturenliebe stehen auch noch viele Gläubige. Ihr Fleisch begehrt noch das Fleisch; ihre ungestillte Seele verliert sich noch an die andere Seele. Man liegt gebunden und versklavt in erlaubten und unerlaubten, offenbaren und geheimen Neigungen, die es einem unmöglich machen, Jesus nachzufolgen, Erwählung und Berufung fest zu machen und Christi Knecht zu werden.

– Zu dieser Form der Menschenknechtschaft gehört auch die fromme Abgötterei. Knechte und Mägde Gottes sind ihr Gegenstand. Aus Dankbarkeit ihnen gegenüber wird Verhimmelung, aus Verehrung Vergötterung. Blindlings hängt man unzulänglichen Staubgeborenen an, deren Bild je länger desto mehr das Bild Christi verdrängt, und schwört auf sie, bis man durch Entdeckung ihrer sogenannten Schattenseiten allmählich oder plötzlich enttäuscht wird. Aber welches Unheil birgt solche Menschenknechtschaft ins ich! –

Eine besondere Form dieser Knechtschaft ist sodann die leidige Nachahmungssucht gegenüber dem vergötterten Vorbilde. Man möchte nur noch werden wir der Abgott ist. So ahmt man ihn nach in Sprache, Kleidung, Haltung, Gebärden, Schrift und Dienst, und setzt sich in solcher albernen Menschenknechtschaft ein ganz falsches Ziel, das uns nicht werden läßt, was wir nach Gottes Willen werden sollen. So gesegnet das Studium edler Vorbilder ist, so fluchvoll kann das sklavische Hängenbleiben an ihnen werden. Für wie viele gibt es nur einen annehmbaren Gottesknecht, nur eine vorbildliche Magd des Herrn, und alles andere ist in ihren Augen und in ihrem Munde nichts. Da sie sich so für die wahrhaft Freien halten, sind sie zu bedauerlichen Knechten der Menschenvergötterung geworden. Sie können wohl der Abdruck ihres Abgottes werden, aber niemals ihre eigene persönliche Bestimmung erreichen.

Dieser massenhaft betriebenen, abgöttisch-knechtenden Verehrungssucht steht gegenüber die knechtende Herrschsucht zahlloser Einzelner. Diese Art geht planmäßig darauf aus, sich Menschen überzuordnen, um sie dem eigenen Willen gefügig zu machen. Es gibt eine göttliche Gnadengabe, in der Arbeit für den Herrn gebietend und ordnend ein- und durchzugreifen (1Kor. 12:28), indem Gott neben Aposteln usw. auch „Helfer“ und „Regierer“ in der Gemeinde gesetzt hat, deren göttliche Gnadengabe zur Erfüllung ihrer göttlichen Gnadenaufgabe dienen soll.

Aber wehe, wenn diese Berufenen samt unzähligen Unberufenen sich zum eigenwilligen Herrn in der Gemeinde aufwerfen! Und es wimmelt von solchen fleischlichen Herrschernaturen, großen und kleinen Päpsten, wie man sie nennt. Nicht alle sind von Natur aus herrschsüchtig gewesen. Viele sind es erst geworden durch eben die sklavische Verehrungssucht ihrer Verehrer und Verehrerinnen. Ihre Anhängerschaft hat sie auf den Thron gesetzt. Welch unheilvolle Krönung! Nun kennen diese „Herren“ nur eines: Herrschen!

Und es ist furchtbar unheimlich, wahrzunehmen, wie sie dabei die geistliche Aufsicht über sich selbst verloren haben, indem sie immer blinder ihren Eigenwillen mit Gottes Willen verwechselten. Wehe dem, der nicht ihr Gepräge anerkennt und annimmt! Sie können ihm nie verzeihen. Wehe dem, der bewußt oder unbewußt in ihr Reich eindringt! Ihre geheime oder offene Rachsucht kennt da nur Vernichtung. Und wie viele werden und bleiben solcher Menschen Knechte!

Unser Herr hat einst gesagt: „Ihr wisset, dass die Fürsten der Völker sie unterjochen, und dass die Großen sie vergewaltigen; unter euch aber soll es nicht also sein…“ (Matth. 20:25.26). Und Paulus schrieb damals: “Nicht dass wir Herren seien über euren Glauben, sondern wir sind Gehilfen eurer Freude; denn ihr stehet im Glauben“ (2Kor. 1:24).

Die ganze Kirchengeschichte ist eine einzige Sündengeschichte angesichts dieses Christus- und dieses Apostelwortes; denn sie ist die Geschichte der weltförmigen Herrschsucht im sogenannten Reiche Christi. Unterjochung und Vergewaltigung des Glaubenslebens anderer durch herrschsüchtige Glaubensgenossen ist die schändlichste und verderblichste aller Formen der Menschenknechtschaft. Früher wurde sie mehr im Großen betrieben, jetzt wird sie nicht minder schädlich im Kleinen und Einzelnen ausgeübt. Kleine Päpste legen allenthalben ihre Joche auf. Nur ihre Meinung, Auslegung und Art darf gelten. Nur ihre Glaubensregel wird geduldet. Alles andere wird von ihnen verdächtigt und verketzert. Soweit ihr Einfluß reicht, wird alles planmäßig ihrer allein gültigen Auffassung untertan gemacht und fein oder grob innerlich vergewaltigt.

Mit welchem Ergebnis? Starre, öde Gedankenlosigkeit ringsum, platte oder ängstliche oder auch dummstolze Nachschwatzerei des immer wieder Gehörten, unbrauchbare Stumpfheit oder knechtselig funktionierende Dienstbarkeit oder aufgestachelte, angelehrte Parteilichkeit, jedenfalls aber häßlich und bedauerlich verkrüppeltes Seelenleben, verdorbene Entwicklungen, verfehlte Bestimmungen. Der Greuel menschlicher Verwüstung an der heiligen Stätte eines Menschenherzens. Ich kenne ganze Gemeinschaften, ja ganze Gemeinschaftsgebiete, die von solchen ichstarken Herrschernaturen in geistliche Wüsteneien verwandelt worden sind. Sie sind Knechte eines Menschen geworden.

Sehr oft aber erzeugt Druck Gegendruck, und dann kommt es in solchen versklavten Herden zu Aufständen. Ein Gegenherrscher, den die eigene Herrschlust und der Neid geschult, tritt auf und reißt die Gewonnenen mit sich unter das Banner seiner Lehre und in den Bann seines Wesens. Wieder ein Verderber im Weinberg mehr. So entsteht und blüht das knechtende Rotten- und Sektenwesen.

Für mich ist Sekte alles, was nicht Christus, das Haupt, festhält im gemeinsamen Wachstum (Kol. 2:18-23), sondern sich selbst als Haupt gebärdet. Da muß man sich dann unterscheiden durch Sonderlehren, Sondergebräuche, Sonderheiligkeit, in denen man nach eigener Wahl einhergeht in Demut und Geistlichkeit der Engel, in seinem aufgeblasenen fleischlichen Sinn, in eigenwilligem Gottesdienst. Sektenwesen entsteht immer durch herrschsüchtigen Eigenwillen und verführt zu herrschsüchtigem Eigenwillen; darum ist es gleichbedeutend mit Menschenknechtschaft, möge es im Größten oder im Kleinsten wirksam sein, möge es als breite Hierarchie (Priesterherrschaft) oder als Konventikel (Winkelwesen) regieren.

Wo Menschenwesen herrscht, herrscht Sektenwesen.

<— Zu Teil 1                                                                      Fortsetzung HIER —>  

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Fritz Binde, Werdet nicht der Menschen Knechte! – Gotha, Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott, 1922)

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