Eine revolutionäre und befreiende Wahrheit (4)

Ihr seid teuer erkauft, werdet nicht der Menschen Knechte!  (1. Kor. 7:23)

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Wir dürfen nicht Knechte der Menschen bleiben oder werden,

  • erstens, damit wir nicht unserer persönlichen, himmlischen Berufung untreu werden,
  • zweitens, damit wir Christi Knechte auf Erden zu sein vermögen.

Das Erste ist die Voraussetzung für das Zweite; denn von der rechten Erkenntnis unserer Erwählung und Berufung und deren Gefährdung durch Menschenknechtschaft hängt unser rechter Dienst für Christus ab. Es gibt, soweit ich sehe, drei Kreise göttlicher Erwählung und Berufung, nämlich

erstens einen weitesten Kreis der allgemeinen Erwählung und Berufung der Menschen zur Errettung aus der Sünde und vor dem kommenden Zorn Gottes in den Gerichten über die Sünder;

zweitens einen engeren Kreis der besonderen Erwählung und Berufung der Menschen nach Zeitaltern, Völkern und Volkszugehörigkeit, innerhalb deren Gott nach Seinem Heilsplane die Errettung der Menschen vollzieht. Daß wir nicht vor dreitausend Jahren, sondern jetzt, und nicht in Zentral-Afrika, sondern hier leben, entspricht diesem zweiten Kreis göttlicher Erwählung;

drittens einen allerengsten Kreis der persönlichen Erwählung und Berufung, der eigentlich immer nur ein Punkt ist, nämlich ein menschliches Eigenleben bedeutet. Daß ich bin, wer ich bin, ist ureinzig; und daß ich als solcher von Gott innerhalb der beiden ersten Kreise erwählt und berufen bin, ist ebenso ureinzig.

Was will das aber besagen! Eben davon laßt uns hören.

Es bedeutet für eine gläubige Seele: Kind Gottes, werde das, wofür du, gerade du, erschaffen, erwählt und berufen bist!

Hat dein Leben eine ureinzigartige Bedeutung, dann hat es auch einen ureinzigartigen Wert, der in deiner ureinzigartigen Bestimmung liegt. Diese deine Bestimmung sollst du um jeden Preis erkennen und erreichen. Zu nichts gehört eine feinere, zartere, sorgsame, geistlichere Aufmerksamkeit, als dazu, die Linie in deinem Leben herauszufinden, die Gott vor Grundlegung der Welt für dich abgemessen und abgezirkelt hat, daß sie deine Lebenslinie werde. Mit Furcht und Zittern dein Seelenheil schaffen, heißt da nichts Geringeres als: Herr, laß mich dir in keiner Weise entgleiten! Laß mich ganz werden, wozu ich geboren und wiedergeboren, erwählt und berufen bin!

Welch ein verantwortungsreiches, wachsames Glaubensleben bringt das! Es ist das Ende aller Ich- und Menschenherrschaft. Es ist der Weg durch Selbstverneinung zur Selbstgewinnung.

Hier handelt es sich um unsere Stellung den Menschen gegenüber. Gott will nie unser persönliches Selbst auslöschen, aber die Menschen trachten beinahe durchweg danach. In dem Maße als die Menschen eigenmächtig und selbstherrlich Gott gegenüber bleiben, treten sie auch eigenmächtig und selbstherrlich ihren Mitmenschen gegenüber auf. Je weniger sie sich Gott in Christus beherrschen lassen wollen, desto mehr werden sie ihre Mitmenschen zu beherrschen suchen.

Eben da heißt es: Werdet nicht der Menschen Knechte um eures von Gott geprägten, ureinzigen selbst willen, in dem euch Gott erwählt und berufen hat!

Laßt dieses Selbst nicht durch der Menschen herrschlüsterne Ansprüche verwirrt, verwüstet und seiner göttlichen Bestimmung entzogen werden! Ihr gehört Gott in Christus an, behauptet euch gegen die Herrschsucht selbstherrlicher Menschen! Sieh aber bei der Befolgung dieser Mahnung ja gut zu, daß du nicht etwa nur deine eigene eigenwillige Selbstherrlichkeit gegenüber der Selbstherrlichkeit anderer zu behaupten suchst, wie es so nahe liegt und leider so vielfach geschieht!

Mancher trotzt: Werdet nicht der Menschen Knechte! und ist doch nichts anderes als ein trotziger Ichknecht. Denn es herrscht ebenso sehr Mangel an gottgewolltem Selbstbewußtsein unter den Gläubigen wie andererseits Überfluß an eigenwilligem Selbstbewußtsein.

Auf der einen Seite billige fromme Dutzendware, immer unreif, immer ungeistliche, ungeübt und urteilslos, immer nur unpersönliche Mitläufer und Anhänger, die nie zu sich selber aufgewacht sind, nie eine Sonderprägung Christi werden konnten, die weniger als Schwache im Glauben sind, sondern Verkrüppelte im Glauben durch eigene Trägheit in der Erkenntnis Christi und ihrer hohen göttlichen Berufung. Sind sie nicht immer Knechte der Menschen?

Denn auf der anderen Seite wie viele biblisch äußerlich wohlgeschulte, selbstbewußte Ichlinge, die glückselig sind, wenn sie nur irgendwo und irgendwie sich geltend machen, ein Röllchen spielen, in Selbstklugheit lehren und Selbstherrlichkeit regieren können. Immer sind sie überlegen, immer selbstweise, selbstgerechte Kritiker der anderen, und reden in Hochmut fließend von der Demut und vom ganz nahen Kommen des Herrn.

Sie sind es, die uns weismachen möchten, ihr armseliges Menschliche sei bereits das Göttliche und ihre Sorte Christentum die einzig zukunftsfähige auf Erden und im Himmel. Und zwischen beiden Lagern wie wenige in Christus von sich und Menschen freigewordene Seelen, die nicht mehr in selbstischer Anmaßung sich über andere erheben, aber auch nicht mehr von der Anmaßung anderer sich bedrücken lassen wollen.

O wie erquicken sie doch, wenn man ihnen durch Gottes Gnade begegnet, diese wahrhaft freien, wahrhaft vornehmen Seelen, in deren Gegenwart man vertrauen darf, weil man es ihnen anmerkt, daß sie ohne selbstische Absicht denken, reden und handeln, die gerade, weil sie nicht herrschen wollen, umso gewisser durch Christus im Glauben herrschen (Röm. 5:17), und gerade, weil sie sich nicht menschlich beherrschen lassen wollen, umso freiwilliger und wahrhaftiger in dienender Demut gehen.

Wir wollen uns doch sehr ernstlich fragen, ob wir zu diesen erquickenden Menschen, diesen allein echten Söhnen des Friedens, gehören; denn der Ichmensch sinnt immer auf Krieg.

<— Zu Teil 1                                                                      Fortsetzung HIER —> 

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Fritz Binde, Werdet nicht der Menschen Knechte! – Gotha, Verlag der evangelischen Buchhandlung von P. Ott, 1922)

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