Gegenkultur – Hat uns die Bibel ein genussvolles Leben verheißen?

Alexander Seibel 

Als Saulus zum Pauls wurde, erklärte eine göttliche Stimme: „Ich will dir zeigen, wie er nun sein Leben viel besser genießen kann!“ Steht das tatsächlich so geschrieben? Ich will ihm zeigen, wieviel er leiden muß um meines Namens willen, sagt Gott zu Hananias (Apg. 9,16). Also ziemlich das Gegenteil von dem, was manch einer heute unter Christentum versteht. 

Das Neue Testament durchzieht der Grundtenor des Leids

und gerade das schmeckt der alten Natur nicht, die gerne ihr Fleisch pflegen und genießen möchte.

So ermahnten Paulus und Barnabas die Jünger, im Glauben zu bleiben, und sagten, daß wir durch viel Trübsal müssen in das Reich Gottes eingehen (Apg. 14,22).

An die Thessalonicher schreibt Paulus besorgt: daß niemand wankend werde in diesen Bedrängnissen (Griech. thlipsis, also Trübsal, Anm.). – Denn ihr selbst wißt, daß wir dazu bestimmt sind; denn auch als wir bei euch waren, sagten wir euch vorher, daß wir bedrängt sein würden, wie es auch geschehen ist und ihr wißt (1Thess. 3,3-4).

Seinen treuesten Jünger Timotheus erinnert der Völkerapostel, und alle, die fromm leben wollen in Christus Jesus, müssen Verfolgung leiden (2Tim. 3,12). Auch das klingt nicht nach einem Leben in vollen Zügen und überfließendem Reichtum, wie es uns oft heute vorgegaukelt wird.

Wir haben sogar einen ganzen Brief, der sich mit dem Thema Leid befasst, nämlich den 1. Petrusbrief. Petrus erklärt, wie durch die Anfechtungen und Traurigkeiten der Glaube vertieft und geläutert wird (1Petr. 1,6-7). Also so ziemlich das Gegenteil von einer Spaßgesellschaft und einem Christentum, das die Nachfolge ebenfalls mit Genuss und Spaß verwechselt hat. Christus wird den Gläubigen in Kleinasien als Vorbild in dem, was er gelitten hat, vorgestellt, dass wir nun seinen Fußstapfen nachfolgen sollen (1Petr. 2,21).

Der Hebräerbrief erwähnt sogar von unserem Herrn: So hat er, obwohl er Gottes Sohn war, doch an dem, was er litt, Gehorsam gelernt (Kap. 5,8). Wenn das für den Sohn Gottes galt, wie viel mehr dann für uns. Der Knecht ist bekanntlich nicht größer als sein Herr.

So heißt es weiter bei Petrus: Weil nun Christus im Fleisch gelitten hat, so wappnet euch auch mit demselben Sinn; denn wer im Fleisch gelitten hat, der hat aufgehört mit der Sünde, daß er hinfort die noch übrige Zeit im Fleisch nicht den Begierden der Menschen, sondern dem Willen Gottes lebe (Kap. 4,1-2).

Leid und nicht Genuss oder materielle Segnungen sind das durchgängige Thema in den Briefen der Apostel.

Paulus erklärt sogar: Denn euch ist es gegeben um Christi willen, nicht allein an ihn zu glauben, sondern auch um seinetwillen zu leiden (Phil. 1,29).

Ähnlich ermahnt Petrus in besagtem Brief, ihr Lieben, laßt euch durch die Hitze nicht befremden, die euch widerfährt zu eurer Versuchung, als widerführe euch etwas Seltsames, sondern freut euch, daß ihr mit Christus leidet, damit ihr auch zur Zeit der Offenbarung seiner Herrlichkeit Freude und Wonne haben mögt (Kap. 4,12-13).

Wird so etwas noch in unserer westlichen Wohlstands- und Wohlfühlgesellschaft verkündigt wo man Nachfolge inzwischen „feiert“? Müsste man heute solche Sätze nicht einfach streichen?

Haben wir inzwischen nicht ein Wellness-Evangelium kreiert, das der Seele und dem alten Adam schmeichelt?

Den Korinthern, die ebenfalls in der Gefahr standen, zu herrschen, „Dominion“ auszuüben, schreibt Paulus ungeschminkt ins Stammbuch: Ihr seid schon satt geworden? Ihr seid schon reich geworden? Ihr herrscht ohne uns? Ja, wollte Gott, ihr würdet schon herrschen, damit auch wir mit euch herrschen könnten! Denn ich denke, Gott hat uns Apostel als die Allergeringsten hingestellt, wie zum Tode Verurteilte. Denn wir sind ein Schauspiel geworden der Welt und den Engeln und den Menschen. Wir sind Narren um Christi willen, ihr aber seid klug in Christus; wir schwach, ihr aber stark; ihr herrlich, wir aber verachtet. Bis auf diese Stunde leiden wir Hunger und Durst und Blöße und werden geschlagen und haben keine feste Bleibe und mühen uns ab mit unsrer Hände Arbeit. Man schmäht uns, so segnen wir; man verfolgt uns, so dulden wir’s, man verlästert uns, so reden wir freundlich. Wir sind geworden wie der Abschaum der Menschheit, jedermanns Kehricht, bis heute (1Kor. 4,8-13).

Klingt das nach Genuss, Erfolg, Wohlstand, Wellness usw.? Es ist so ziemlich das Gegenteil von dem, was uns heute von „Erfolgsevangelisten“ vorgegaukelt wird.

Damit dies nicht als eine Leidensdeklaration missverstanden wird, soll erwähnt werden, wie Gott möchte, dass wir ein ruhiges und stilles Leben führen können in aller Frömmigkeit und Ehrbarkeit (1 Tim. 2,2). Im selben Timotheusbrief heißt es auch: Den Reichen in dieser Welt gebiete, daß sie nicht stolz seien, auch nicht hoffen auf den unsicheren Reichtum, sondern auf Gott, der uns alles reichlich darbietet, es zu genießen (1Tim. 6,17).

Wir sind dankbar für allen Frieden und auch Wohlstand, den die Gnade Gottes uns nun in diesem Teil der Welt erstaunlich lange geschenkt hat. Doch daraus ein Evangelium abzuleiten, widerspricht dem Geist des Neuen Testaments, milde gesagt. Auch verheißt uns der Herr ein erfülltes Leben (Joh. 10,10), weil vor allem die Schuld- und Sinnfrage für den Christen geklärt ist. In diesem Gehorsam gegenüber Gott darf der Jünger Jesu auch um Freude, sogar vollkommener Freude wissen (1Joh. 1,4). Doch spielt sich dies in erster Linie auf geistlicher und nicht unbedingt materieller Ebene ab.

Als Paulus seinen von „Freude diktierten“ Brief an die Philipper schreibt und die Gläubigen ermahnt, „sich allezeit zu freuen“ (Kap. 4,4), sitzt er selber als ein Gebundener im Gefängnis.

In seiner Auseinandersetzung mit ebenso vollmundigen wie „vollmächtigen“ triumphalistischen Verkündigern, die Paulus ironisch Superapostel nennt, rühmt er sich seiner Schwachheit, besonders auch deswegen, weil diese ruhmredigen Irrlehrer sich bevorzugt auf ihre großen Kraft und Vollmacht beriefen (2Kor. 12,9). Auch vermittelten sie den Eindruck, erst durch sie sei erst richtig die damalige Welt mit einem „vollmächtigen“ oder „vollen“ Evangelium erreicht worden (2Kor. 10,12-16). Diesen falschen Arbeitern, wie Paulus sie auch nennt, hält er nun die Fülle seiner Leiden entgegen (2Kor. 11,22-33) und belegt so, dass er ein Apostel ist.

Wird so etwas heute noch verkündigt, gerade auch im christlichen Fernsehen? Residierten die Apostel in schönen Häusern und diktierten von dort ihre Briefe? Die tiefsten Einblicke in das Geheimnis der Gnadenzeit, nämlich die Briefe an die Epheser und Kolosser, schriebt Paulus im Gefängnis. In seiner Abschiedsrede in Milet erklärt der Apostel: nur daß der heilige Geist in allen Städten mir bezeugt, daß Fesseln und Bedrängnisse auf mich warten (Apg. 20,23). Klingt ebenfalls nicht nach besonders genussvollen Ereignissen.

Gefängnis, Leid, Schläge, Verachtung, Armut, Verfolgung, Verspottung, Geißelung, Todesgefahr, Trübsal usw., tatsächlich, ein sehr „genussvolles“ Leben.

Selbst als Paulus fleht, wenigstens physisch ein normales Leben führen zu dürfen und ohne diese Behinderung bzw. diesen Pfahl im Fleisch existieren zu können, wird ihm dieses Bitte nicht erfüllt. Sollte man nicht mindestens da versuchen, durch „positives Denken“ oder Visualisierungen dem entgegenzusteuern?

Dieser Mann Gottes konnte noch von sich sagen: als die Armen, aber die doch viele reich machen; als die nichts haben, und doch alles haben (2Kor. 6,10). Es ist zu befürchten, dass von etlichen unserer „Erfolgsprediger“ man leider buchstäblich konstatieren muss: „Die wir reich sind und viele arm machen“.

Dieses ganze Wohlstandsevangelium ist eine Erfüllung von 2Tim. 4,3, wo es heißt, dass die Menschen der letzten Tage Lehrer hofieren werden, die das erzählen, wonach die Ohren jucken. Und wer möchte nicht gerne hören, wie Gott ihn, groß, reich, gesund, bedeutend usw. machen möchte. Es war die Botschaft der Freunde Hiobs, die nicht begreifen konnten, dass Hiob in all diesem Elend war, weil er sich im Willen Gottes befand.

Es ist die Botschaft für eine hedonistische Generation, wie es Paulus ankündigt, dass die sogenannten „Frommen“ der letzten Tage nicht nur sich selber (2Tim. 3,2), sondern auch das Vergnügen lieben werden (Vers 4), wie philhedonos wörtlich übersetzt lautet.

Wolfhard Margies, der ebenso wie Joyce Meyer diese „Dominiontheologie“ vertritt, versteigt sich sogar zu der Behauptung, dass verfolgte Christen deshalb so leiden mussten, weil sie falsch glaubten. Sie (die Christen in der ehemaligen Sovietunion) „…haben durch ihre unbiblischen, dem Willen Jesu zuwider laufenden Leidensprioritäten die Obrigkeit indirekt in die jahrhundertelangen antigöttlichen Herrschaftsformen getrieben. Mit ihrem verkehrten Verständnis haben sie dann schließlich das geerntet, was sie gesät haben.“ (W. Margies, Das Kreuz der Gesegneten, Berlin 1990).

Hat dann Jesus auch eine falschen Glauben angeboten? Der Gemeinde zu Smyrna verkündigt der erhöhte Herr: Fürchte dich nicht vor dem, was du leiden wirst! Siehe, der Teufel wird einige von euch ins Gefängnis werfen, damit ihr versucht werdet, und ihr werdet in Bedrängnis sein zehn Tage. Sei getreu bis an den Tod, so will ich dir die Krone des Lebens geben (Offb. 2,10).

Das ist das pure Gegenteil von dem heutigen Triumphalismus eines Wohlstandesevangeliums.
Es ist ungeheuerlich, was heute alles in der Christenheit geduldet wird und propagiert werden darf. Diese westliche Generation hat aus ihrer Anpassung an den Zeitgeist, ihrem Hedonismus, Gesundheitswahn, ihrer Spaßorientierung, fleischlichen Genusssucht und Selbstliebe buchstäblich ein Evangelium gemacht.

So charakterisiert vielleicht am besten den geistlichen Zustand dieser Prediger und Anhänger des Wohlfühls- und Erfolgsevangeliums die Aussage Jesu Christi an eine wohlhabende und erfolgsverwöhnte Gemeinde, nämlich Laodizea: Du sprichst: Ich bin reich und habe genug und brauche nichts! und weißt nicht, daß du elend und jämmerlich bist, arm, blind und bloß (Offb. 3,17).

Ergänzender Artikel HIER:

Wie man als Christ Schwierigkeiten vermeidet – 9 Regeln

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