Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 4)

IV. Merkmale der aufkommenden Gemeindebewegung (B)

Georg Walter*  (Fortsetzung von Teil 3)

3. Erfahrung statt Lehre

Viele Vertreter der emergenten Gemeindebewegung werben für mystische Erfahrungen, die nach ihrer Auffassung Einheit in einer Gemeinschaft zu schaffen vermag. Auf Lehre gegründete Aussagen führen lediglich zu Spaltungen und nehmen folglich nur einen untergeordneten Stellenwert ein. Leonard Sweet beispielsweise empfiehlt “eine christliche Lebensweise und Verkündigung, die vom Akronym EPIC [Akronym: Kurzwort aus Anfangsbuchstaben mehrerer Wörter] gekennzeichnet ist: Wir müssten uns auf das Erfahrungsmäßige (E für Experiential), die Beteiligung (P für Participatory), die Bildorientierung (I für Image-driven) und die Verbundenheit untereinander (C für Connected) konzentrieren.”(18) 

In dem Buch Die jungen Wilden – Storys über Jugendkirchen, Emerging Churches und Gemeindegründer, schreibt Mark Reichmann (Kubik-Gemeinschaft Karlsruhe), dass er in seinem Bekanntenkreis Offenheit für den Glauben sowie die Suche nach spirituellen Erfahrungen beobachtete, jedoch zu dem Urteil kommen musste: “Allerdings konnten moderne, auf Wissensvermittlung und Lehre ausgerichtete Gemeinden diesem Hunger nicht begegnen.”(19) Da also die Antwort auf spirituellen Hunger nicht in der Lehre der Bibel besteht, muss eine postmodern-emergente Lösung her. Das Prinzip EPIC wird in der postmodernen Gemeinde wie folgt realisiert: “Es war uns wichtig, Räume auch äußerlich als geistlichen Erlebnisraum zu gestalten und eine Atmosphäre zu schaffen, in der man sich wohl fühlen konnte… [wir] ließen die Rollläden herunter und dimmten die Beleuchtung. Schwarzlicht ließ die langen weißen Stoffvorhänge an den Fenstern blau glimmend leuchten. Ein Overheadprojektor… warf ein Bild an die Wand, das zum Thema des Abends passte.”(20) Der Lobpreis war “multimedial ausgerichtet” und “sprach alle Sinne” an. Gottesdienstbesucher konnten das “Gehörte interaktiv erleben”, “verschiedene Stationen” beispielsweise verhelfen dazu, sich “in den Garten Gottes zu versetzen”; verschiedene Obstsorten können vom Gottesdienstbesucher gegessen werden, während man für ihn betet – ein “Symbol für Segen”. Andere Gottesdienstbesucher wiederum legten sich mit geschlossenen Augen auf den Boden und hörten einfach der Predigt zu. Nach dem Gottesdienst kann man tief bis in die Nacht bei Kaffee oder Bionade zusammensitzen und sich unterhalten.

Manche Gemeinden verwenden Ikonen, über die sie meditieren. Sie verbrennen Weihrauch und zünden Kerzen an. Mit dieser Ausrichtung auf alle Sinne geht eine neue Offenheit für die katholische Mystik einher.

Der Protestant Karl Heim schrieb schon 1925: “.. mystische Rauschzustände kann man gemeinsam haben unter einer Massensuggestion, aber Wahrheitserkenntnisse und Gewissenserfahrungen sind einsame Erlebnisse. Alles, was ich unter der Suggestion eines Menschen glaube und erlebe, das ist gerade kein Erlebnis mit Gott. Wir können nur durch einen klaren geistigen Akt zu Gott kommen, … nicht durch untergeistige Rauschzustände. Alle klaren, geistigen Akte lassen sich im Wort aussprechen und entstehen durchs Wort. Wir finden also Gott nur durch das Wort und ein geistiges Vernehmen des Worts, nicht durch wortlose und wortfremde Unendlichkeitsmystik… Immer, wenn wir die großen Vertreter und Vertreterinnen der katholischen Frömmigkeit betrachten, die den höchsten Gipfel der Ekstase erklommen, stehen wir vor dem letzten Entweder Oder, um das sich der Kampf der Religionen in der ganzen Religionsgeschichte dreht. Entweder der himmlische Rausch, den diese Persönlichkeiten erreicht haben, ist wirklich eine Berührung mit Gott. Oder aber wir können Gott nur in einem einsamen geistigen Akt finden, also in nüchterner Klarheit. Jeder von uns steht vor diesem Entweder Oder und muss sich entweder für die eine oder für die andere Auffassung entscheiden. Davon hängt dann unsere, Stellung zur katholischen und protestantischen Frömmigkeit, ja unsere ganze Weltanschauung ab.”(21)

4. Absage an die Autorität und Irrtumslosigkeit der Schrift

Brian McLaren, einer der populärsten Vertreter der Emerging Church, schreibt in seinem Buch A New Kind of Christian (Eine neue Art von Christ), dass die Bibel nicht länger als irrtumslos und autoritativ betrachtet werden kann. Die Botschaft der postmodernen Kirche muss Bild-orientiert (image-driven) und nicht Schrift-orientiert (Word-driven) sein. Im Vorwort des emergenten Buches The Emerging Church: Vintage Christianity for New Generations von Dan Kimbal schreibt Rick Warren: “Die Suchenden von heute sind hungrig nach Symbolen und Metaphern [Bildern] und Erfahrungen und Geschichten, die die Größe Gottes offenbaren”(22) und fördert damit die Abkehr von der Zentralität des Wortes Gottes. Damit verbunden ist ferner die Absage an traditionelle christliche Werte und Lehren.

Über die Heilige Schrift schreibt Brian McLaren in seinem Buch A New Kind of Christianity: “Die Bibel ist nicht als eine exakte, absolute, autoritative oder höchste Quelle zu betrachten, sondern als ein Buch, das man erfahren kann, und die Erfahrung einer Person kann ebenso gültig sein wie die Erfahrung einer anderen Person. Die Bibel muss mit Erfahrung, Dialog, Gefühle und Zwiesprache in Verbindung gebracht werden, während Gewissheit, Autorität und Lehre mit Blick auf die Schrift gemieden werden müssen! Keine Lehren sind absolut, und Wahrheit oder Lehre darf ausschließlich durch persönliche Erfahrungen, Traditionen, historische Perspektiven betrachtet werden, usw. Die Bibel ist kein Buch, das Antworten vermittelt.”(23)

Dies steht in krassem Widerspruch zum Selbstzeugnis der Schrift:

“Die Summe deines Wortes ist Wahrheit, und jede Bestimmung deiner Gerechtigkeit bleibt ewiglich.” (Ps 119,160)

“Alle Schrift ist von Gott eingegeben und nützlich zur Belehrung, zur Überführung, zur Zurechtweisung, zur Erziehung in der Gerechtigkeit, damit der Mensch Gottes ganz zubereitet sei, zu jedem guten Werk völlig ausgerüstet.” (2Tim 3,16-17)

Wenn der Mensch sich keiner Führung mehr unterwirft, auf die er sich verlassen kann, muss er sich letztlich auf sich selbst verlassen – auf seine Erkenntnisse, seine Eingebungen und seine Gefühle. Dann wird der Mensch nicht mehr von Gott und Gottes Wort geleitet, sondern von menschlichen Prinzipien gelenkt. Ganz gleich wie fromm diese nach außen aussehen mögen, wohin ein solcher Weg führen mag, zeigt der nächste Punkt.

5. Abkehr von traditionellen christlichen Werten und Lehren

Tony Jones, bekannter Autor, Blogger und Sprecher der Emerging Church-Szene, war es, der bei Twitter im Internet die Botschaft versandte: “Gott ist treu. Ja, Sie ist es.” Gott ist also eine Frau – oder zumindest auch eine Frau. Auf seinem Internet-Blog schrieb Tony Jones am 11. Juli 2011 zum Thema Sexualität: “Ich weiß auch, dass ich zum ersten Mal in meinem Leben Christen getroffen habe, die sich in ‘offenen’ Ehen bewegen oder die mehr als eine intime Beziehung pflegen (practicing polyamory) – und meine theologisch/ethische Antwort an sie soll sowohl christlich als auch pragmatisch/realistisch sein.”(24) „Auf jeden Fall glaube ich, dass GLBTQ [Gay Lesbian Bisexual Transgender Queer] ein Leben in Übereinstimmung mit dem biblischen Christentum führen können (zumindest so, wie wir alle es können!) und dass ihre Monogamie von Kirche und Staat anerkannt und gesegnet werden kann und sollte.“(25)

Brian McLaren bezeichnete die Lehre über die Hölle und das Kreuz als “falsche Werbung für Gott” (false advertising for God).(26) Und über die Sintflut als Gottesgericht schreibt McLaren: “… einem Gott Glauben zu schenken, der auf übernatürliche Weise eine internationale Katastrophe herbeiführt, die zu einem Völkermord nie dagewesenen Ausmaßes führt, ist kaum möglich, und noch weniger möglich ist es, einen solchen Gott anzubeten. Wie können Sie ihre Kinder bitten – oder kirchenferne Kollegen oder Nachbarn -, einen Gott anzubeten, der so wenig Kreativität besitzt, der so überreagiert und so äußerst unberechenbar ist, was das Leben angeht?”(27)

Gewiss sind dies extreme Ansichten von Vertretern der emergenten Gemeindebewegung. Dennoch zeigen diese Zitate, zu welchen Schlussfolgerungen das postmoderne Denken von emergenten Vertretern führen kann. Im Grunde handelt es sich nicht nur um eine Abkehr, sondern um den offenen Abfall von Gottes Wort.

<— zum Anfang der Serie                                                       Fortsetzung —>

Siehe die ganze Serie HIER!

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Anmerkungen

* Reposted von: DISTOMOS –  Der englische Begriff Emerging Church wurde dabei weitgehend durch den deutschen Begriff emergente Gemeindebewegung ersetzt, da dies im deutschsprachigen Sprachraum die Bedeutung verständlicher wiedergibt.

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2 Antworten zu Die postmoderne – emergent-kontextuale – Gemeindebewegung – Eine Bewegung, die alles bewegt! (Teil 4)

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